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Der Israelit · 1907-08-29 · Heft 35 (29.8.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 35 (29.8.1907)
Date
1907-08-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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■WI'-WP*«» H »MMW» MiJMWi«, M ««^WDWWqWVHWPlMkW»H^WWW SS. August 1S07. Der Jsraeltt. Sette 3. Kr. 35 wir hegen diese Meinung nicht. Es ist uns nicht eingefallen zu glauben, daß man sich in amerikanischen Neformkreisen wieder nach dem Tallith und dem Gottesdienst mit Kopfbedeckung sehne. Wir wiesen nur darauf hin, daß auch in diesen Kreisen einmal eine Ahnung von der Hohlheit ihres bisherigen Treibens zu dämmern anfange. Und dieser Hinweis war ja wohl zutreffend, wenn Dr. Stolz seine Kollegen davor warnte, es sich an wie bisher dem Kampf gegen die Orthoxie, d. h. der Zerstörung alles dessen, was an jüdische Üeberlieferung erinnert, genügen zu lassen. Nun soll die positive Arbeit, der Aufbau beginnen. Aber das Was und Wie macht den Herren zu schaffen. An diesem Punkte offenbart sich immer der Bankerott der Reform. Und daher die Ernüchterung nach dem Rausch, die freilich kein Zeichen von Besserung ist, sondern lediglich den Uebergangszustand darstellt, der aus der Kindlichkeit der Kultusreform aus dem Wege der Bibelkrittk zum völligen Abfall führt. Kidduscb und baipdolob. Bon A. Mannheimer in Dettelbach. Wer die jüdische Volksseele in ihren ttefsten und edelsten Regungen kennen lernen möchte, dem kann man den Rat erteilen, einmal den Juden zu belauschen bei seiner S ab bath fei er. Freilich müßte es ein echter und rechter Jude sein, altmodisch und dem Väterglauben treu bis zur äußersten Gewissenhaftigkeit, nicht angekränkelt vom „Geiste der Neuzeit" und Halbheit. Nur dann schaut er Echtes und Wahres, nur dann ist er sicher nicht Sein mit Schein zu verwechseln. Einen solchen Juden müßte er schauen, wenn die Sabbathbraut einzieht in seine Häuslichkeit, wenn er sie empfängt und begrüßt, wenn er sie bewirtet und Abschied von ihr nimmt, mit andern Worten, wenn er „Kiddusch und Hawdoloh macht." Kiddusch und Hawdoloh sind die beiden Pole des wöchentlichen Ruhetages, in ihnen konzentriert sich gewissermaßen die erhabene Fülle aller Gedanken, die uns am Schabbos beseelen. Es sind Höhepunkte, die einen freien Ausblick ewähren, rückwärts und vorwärts. Es sind elle Spiegel, aus denen sonnenklar die jüdische Volksseele wiederftrahlt und sonnen gleich. Man muß es Israels Altmeistern lassen, sie waren Organisatoren ohne gleichen! Der Himmelsperle Sabbath gaben sie eine Fassung in Kiddusch und Hawdoloh, die dem Wert des Kleinods wirklich gerecht wird. Wohl hat man die jüdische Perle anderweittg nachgeahmt. Allein es blieb nur eine Jmitatton. Ihr Glanz ist kein echter, ihr Licht nur ein erborgtes, und darum auch ihre Fassung ganz anders. Kiddusch und Hawdoloh kennt nur der Jude. Bild und Rahmen stellen ein harmonisches Ganze dar. — Ins Haus führen uns Kiddusch und Hawdoloh, in die Veste jüdischer Glaubenstreue, in die Sphäre geweihten Familienlebens, wieder königliche Sänger es im Psalm 128 geschaut. „Die Mühe deiner Hände wenn du genießest, Heil dir und wohl dir. Dein Weib, wie ein ftuchttragender Weinstock im Innern deines Hauses, deine Kinder gleich Oelbaumsprößlingen rings um deinen Tisch." Das ist dieSzeneri e, in der der Akt des Kiddusch und der Hawdoloh spielt. Unsere Kraft in der Vergangenheit, unsere Hoffnung für die Zukunft, unsere Aufgabe für die Gegenwart wurzelt in Israels reinem Familienleben. Nur dort, wo Vater, Mutter und Kinder in gleichem Leben und Streben sich einigen, hat Kiddusch und Hawdoloh Sinn und Bedeutung. Zu einem Herold der hehrsten Gedanken machen Kiddusch und Hawdoloh den jüdischen Mann im eigensten Kreise. Zeitweise hat man dem Juden seine Bethäuser zerstört, seine Lehrhäuser verbrannt, seine Ruhestätten verwüstet. So lange noch in Israels Häusern Eltern und Kinder zusammenstehen, um den Lehren von Kiddusch und Hawdoloh zu lauschen, so lange braucht uns nicht bange zu sein um die Zukunft. Es sind Fanfarentöne, die uns ermuttgend rufen zum Kampf gegen Aberglaube und Fanatismus, gegen Verführung und Unwahrheit, gegen alles Gemeine und Niedrige.- Wie ein Stück Poesie inmitten der rauhen Wirklichkeit dieser Welt mutet uns der Kidduschakt am Freitagabend an. Sorgfältig sind alle Vorbereitungen getroffen, wie es sich einem geliebten Gaste gegenüber wohl geziemt. In seinem Dienste mühten sich Aller Hände. Selbst die größten Meister Israels rechneten sichs zur Ehre, die gewöhnlichsten Arbeiten zu verrichten zur Vorbereitung auf den Sabbath. nnöEn mitf, Licht und Freude wird der Sabbath bringen! In dieser frohen Erwartung regen sich schon am Freitag die Hände, scheuern die Wohnung, bereiten das Mahl, sorgen für gedeckte Tafel und festliche Kleidung. Betrübnis und Traurigkeit sollen schwinden im Frieden des Sabbathlichtes. Bereits im Gotteshause hat man die Himmelsbraut gegrüßt mit der N1N 7D^-Hymne. Nun sind die Bewohner des Hauses im hellerleuchteten Raume versammelt. Der Hausvater liest das Hohelied vom „wackren Weibe" — ntPK, so ganz dem Geist der Stunde entsprechend. Ein Zuschuß seelischer Kraft, die iTTTP nDtttt, wie sich der Mische Bolksmund ausdrückt, scheint sich bei allen eingestellt zu haben, man merkt's an den leuchtenden Blicken. Segnend breiten die Eltern ihre Hände auf der Kinder Haupt- Wünsche der innigsten Liebe steigen zum Himmel empor. Das sind die Vorbereitungen zum eigentlichen Kiddus ch. Und nun tritt man zusammen zur festlichen Tafelrunde. Bedeutungsvolle Symbole einigen sie. — Zwei Brote zunächst, zwischen Decken verhüllt, erinnern an die Mannaspen de in der Wüste, vom Himmelstau befeuchtet. O, die Wundergüte Gottes ließ auch in der „Völkerwüste" das Manna nicht fehlen, es fällt noch heute für alle Hütten Israels! Verzage nicht im schweren Kampf der Werktaasarbeit, lerne auf Gott vertrauen, und Du findest am Freitag — doppeltes Brot! Und noch ein anderes. Die Mische Frau soll „Challo" nehmen am na» 2Np! An dem Tage wurde ja Chawa aus Adams Fleisch und Bein geschaffen, die „Challo der Welt." Gibt es wohl eine sinnigere Wertschätzung als diesen Vergleich der Frau mit einer heiligen Hebe? Kann man da ernstlich noch von einer untergeordneten Stellung des jüdischen Weibes — nach orientalischer Anschauung — faseln? — Doch auch Lichter zündet die jüdische Frau an, wenn der Sabbath naht. Das gehört mit zu ihren heiligsten, ureigensten Pflichten. Nur im Verhinderungsfälle tritt der Mann für sie ein. Einst — so bemerken die Weisen — hat die Frau das Licht der Welt ausgelöscht durch die erste Sünde im Paradies. Drum zünde sie beim Sabbatheingang Lichter an. Treffliches Wort! Was wäre unser Volk im Laufe der Jahrtausende geworden ohne die Lichtträger im Innern des Hauses? Der frommen Frauen halber erlöste man unsere Voreltern aus Egypten,- so meint der Talmud. So lange Sarah lebte, war Segen im Teige, Licht im Zelte, und eine göttliche Schutzwolke darüber. Das sind kernjüdische Gedanken beim Anblick der Sabbath lichterihnen verleiht die jüdische Mutter in ergreifenden Worten Ausdruck in der „nmn beim Lichtentzünden", die ihren Höhepunkt erreicht in dem Herzenswunsch, Kinder zu besitzen, die Leuchten der Thora werden in Israel! Lichtsaat — im lichten Zelte. Da erhebt der Hausvater den Pokal voll Weines, um laut zu künden, was jeder Anwesende still empfindet. Erinnerung an's Schöpfungswerk ist der Sabbath, niryD7 "DT nwa, eine Huldigung dem Herrn des All! 'di r6nn dv D. Allen jüdischen Fest- und Feiertagen stellt ihn die rung. war noch nicht hereingebrochen. .Die erste Frage des Vaters beim Anblick seines Sohnechwar, ob er schon Mincho gebetet habe. Dieser aber steckte schon so tief in seinem Geschäft, daß er auf die Frage seines Vaters antwortete: „Bier Mark 45 Pfennige." Das war sein heutiger: Erlös, resp. Reingewinn. Das war eine halbe Mark mehr als gestern und 85 Pfennige mehr als vorgestern. Born diesem Erfolg und der Freude, ihn seinem Vater Mitteilen zu können, war der junge Mensch so erfüllt, daß er für alles andere in dem Augenblick kein Ohr und keinen Sinn hatte. „Vier Mark 45 Pfennige," sagte der Vater, „das ist schön. Aber wegen Mincho habe ich gesragt." „O, das habe ich ganz überhört, nein, ich habe noch nicht Mincho gebetet, aber es ist ja noch Zeit genug," entgegnete der Sohn. „Gewiß, lasse Deinen Packen hier bei mir stehen und gehe Du in den Wartesaal IH. Klaffe, dort kannst Du beten und brauchst Dich nicht zu beeilen. Ich bin von der Hitze und dem Tragen heute besonders müde und fteue mich, wenn ich hier ein paar Minuten länger fitzen kann, ViS Du zu Ende gebetet hast." Joel ging wieder zum Brunnen, wusch sich die Hände vor dem Gebete und ging dann in den Wartesaal. Als er dann nach beendigtem Gebete wieder zu seinem Vater kam, stand dieser schon zum Aufbruch bereit. „Jetzt gehm wir," sagte der Vater, „in unser Witts- Haus, in dem wir wohnen, lassen die schweren Sachen dort zurück und besuchen mit den kleineren Galanteriewaren noch einige Wirtshäuserspäter wie elf wollen wir heute nicht nach Hause kommen." „Du weißt doch," sagte im Fortgehen Joe zu seinem Vater, „daß morgen christlicher Feiertag ist, wo wir so wie so nichts verdienen kennen. Wir könnten deshalb vielleicht heute etwas länger arbeiten und uns morgen dafür einmal ttchtig ausschlafen." „Das letztere geht nicht," eMgegnete der Vater, „denn wenn wir morgen nicht über Land gehen, so wollen wir zum Morgengebet die Synagoge besuchen." Während fie so in Unterhaltung begttffen weiter gingen, kamen fie an einem Hause vorbei, das ein glänzendes Schild trug, mit der Aufschrift: Manfred Sulzer & Sohn, Bankgeschäft. Das Haus hatte nach der Rückseite eine Veranda, die in ein kleines Gärtchen führte. Auf dieser Veranda saßen ein älterer Herr und eine Frau mit einem jungen Manne von vielleicht dreißig Jahren, und waren eiftig mit ihrem Abendbrot beschäftigt. Die Gartentüre stand halb offen und Hirsch Lewinski sagt e zu seinem Sohne: „Gehen wir einmal zu dieser Herrschaft und bieten wir ihr unsere Waren an, mehr als abgewiesen zu werden kann uns ja nicht paffieren." Hirsch Lewinski stieg die breite niedttge Treppe hinauf. die in die Bercmöa führte. Aber kaum hatte er den Mund geöffnet, um seine Waren anzubteten, als ein Hagel von Schimpfwörter» über sein em Haupte ntederfuhr: „DaS Polackenpack l Hat man denn vor dem Abends auch keine Ruhe! Wie die fich Nachts in die Häuser schleichen, wenn keiner an etwas Böses denkt, wahrhaftig man sollte zur Polizei schicken." Das war der Willkommgruß des alten Herrn Sulzer. — Seine würdige Ehehälfte fügte noch hinzu, daß man nicht einmal mehr ruhig zu» Nncht effen könne, und der Sohn sprach etwas von 3-langet an Anstand und Blldung in seinen Schnurrbatt hinauf, so daß den zwei armen Hausierern nur noch t,aS Wort Bildung in den Ohren nachklang. Diese hatten nach diesem Empfang selbstverständlich nichts besseres zu tun, crlS schleunigst den Rückzug anzutretensie war ^n froh, als fie den Gatten hinter fich hatten und wieder auf der Straße waren. „Sind das Juden?" ftagte Jokl seinen Vater. „Gewiß find das Juden," antwottete dieser, „daS kann man ihnen übrigens leicht ansehen und anhören. Sie erfreuen fich hier eines großen Ansehens und gelten sogar als wohltättge Menschen. Du stehst mich groß an, weil Du nicht viel von Woyltättgkeit bet dem Mnpfana gemerkt hast, den wir da gehabt haben. Aber fie find immer die ersten, wenn für einm wohltättgen Zweck gesammelt wird und der Name der Geber dann in die Zeitung kommt, oder wenigstens auf einer Liste mit einer mehrstelligen Zahl prangt. Aber daß fie uns nichts abkaufen, daS wußte ich so sicher als ich weiß, daß morgen Krias Hatora ist, auch daß fie uns roh abweisen, habe ich vorausgesetzt, wenn auch nicht ganz so roh, als es in Wirklichkeit war. Der Zweck unseres Besuches war nur, daß Du auch diesen Schlag Juden einmal kennen lernst, wie ich'ihn jetzt schon länger als drei Jahre kenne." „Was haben die Lerne eigentlich für ein Geschäft?" ftagte Joel im Weitergehen. „Eigentlich", erwidette der Vater, „haben fie gar keines. Bor ihrem Haus steht zwar angeschrieben, daß fie ein Bankgeschäft hätten. Das mag früher auch einmal so gewesen sein, aber heute ist der alte Sulzer so reich, daß er es nicht mehr nöttg hat. Er besucht jeden Tag eine halbe Stunde lang die Börse, kauft und verkauft etwas an Papieren und verdient da mehr als er braucht." „Die Börse sagst Du?" unterbrach JoA seinen Vater, „lehrtest Du mich nicht, baß man die ledernen Geldtaschen Börse nennt, die wir hier in unserem Korb zu verkaufen haben? In diese kann er doch nicht gehen, waS heißt daS: er geht in die Börse?" „Es gibt hier ein großes Haus, in welchem die Bankiers der Stadt und Umgebung jeden Tag zusammen-

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