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Der Israelit · 1907-08-29 · Heft 35 (29.8.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 35 (29.8.1907)
Date
1907-08-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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WWW m «o. es. mm a. Der JSrasltt. griffes Judentum" besteht, in der Berrängung des Religiösen aus dem Cent rum in die Peripherie des jüdischen Kulturkreises — das haben wir oft genug und, wie wir glauben, überzeugend genug nachgewiesen. Je mehr diese geistige Tatsache, deren wirkende 5kraft leider allem Wechsel der Politik und der Taktik überlegen ist, durch die wirisch aftlicheKleinarbeitin Palästina verschleiert wird, und je mehr sich in der praktischen Arbeit die Berührungspunkte zwischen zionistischen und nichtzionistischen Organisationen vervielfältigen, desto friedlicher werden sich wohl die Beziehungen der Orthodoxie zum Zionismus gestalten, desto häufiger jedoch wird es auch nötig sein, immer wieder auf die tiefe Kluft hinzuweisen, die den neuen, dem modernen Völkertum nachgebildeten Zionismus von dem Zionismus unserer Väter trennt. Die andere Eventualität, das Hervorkehren der Erziehungs- und Kulturarbeit, würde dagegen ziemlich sicher zur immer schärferen Herausarbeitung der nationalen Grundidee, wie wir sie oben formulierten, führen müssen/ denn man kann etwas rein Formales, wie die Pflege der hebräischen Sprache, nicht auf die Dauer zum Mittelpunkt eines großangelegten Erziehungswerkes machen. v Ob der Misrachi sich über diesen Sachverhalt klar ist, wissen wir nicht. Sein Auftreten auf dem Kongreß entsprach der geringen Zahl seiner Delegierten sowohl als seiner bisherigen Taktik, die ja — gewiß aus redlichstem Pflichtgefühl — auf das Hervorkehren großer prinzipieller Gesichtspunkte überhaupt verzichtet und lediglich das Wohlwollen der leitenden Kreise für die Berücksichtigung religiöser Empfindungen zu gewinnen sucht. Auch dieses Streben verdient, subjektiv genommen, Anerkennung. Aber es war uns bei der Lektüre des Dialoges, in dessen Verfolg Prof. Marburg die Beachtung der religionsgesetzlichen Vorschriften „bei denjenigen Unternehmungen, die religiöse Jntereffen tangieren", zusagte*) dochsrecht weh zumute. Die captatio benevolentiae des Misrachi im Haag ist — nach unscrer unmaßgeblichen Überzeugung— nicht der Weg, auf dem das gesetzestreue Judentum seinen Gegnern imponieren, und das jüdische Volk dem Flammenworte seines Gottes zurückgewonnen werden kann. Der Beschluß des Misrachi, die Gründung einer Mittelschule in Palästina in die Hand zu nehmen, ist prinzipiell mit Befriedigung zu *) Der offizielle Bericht in der Welt" ignoriert merkwürdigerweise diese Zusage völligwir nehmen an, daß hier ein Versehen vorliegt, das wieder gut gemacht werden wird. begrüßen, vorausgesetzt, daß dabei vor allen Dingen mit den für jeoen gesetzestreuen Juden maßgebenden rabbinischen Autoritäten des heiligen Landes Fühlung genommen, und jeder Mißtrauen erweckende fremde Einfluß ausgeschaltet wird. Seit Ludwig August Frankl sind alle in Palästina gegründeten Schulen bisher unmittelbar oder mittelbar Stätten der religiösen Zersetzung geworden. Das muß nicht so sein, und wenn der Misrachi, woran wir zu zweifeln, keinen Anlaß haben, den ernsten Willen hat, ein Werk der min vunb nkv und nichts anderes zu schaffen, dann werden ihm auch die außerhalb seiner Organisation befindlichen religiösen Gesinnungsgenossen bei seinem Vorhaben mit Rat und Tat zweifellos gerne zur Seite stehen. KochmMnöscha«. Me Sreuel von Cafablanca. Der Direktor der Alliance-Schule in Casablanca. der während der Schreckenstage mit einem Teil oer dortigen Gemeinde nach Tanger geflüchtet war, ist jetzt wieder an den Schauplatz der furchtbaren Ereignisse zurückgekehrt und macht über die Zustände in der Stadt genauere Angaben. Daß ganz Casablanca in Trümmern liegt, weiß man bereits aus den mannigfachen Berichten der Tagesblätter. Wie es nach dem Kampf und der Plünderung dort ausgesehen haben mag, davon geben die in der Pariser „Illustration" reproduzierten photographischen Aufnahmen einen Begriff, die uns unter anderem ein Trümmerfeld zeigen, wo jüdische Knaben mit dem Ausdruck des tiefsten Entsetzens in Augen und Mienen schauerlich verstümmelte Leichen auf einen Wagen laden und hinwegtransportieren. Der Direktor der Allianceschule teilt jetzt die Zahl der jüdischen Opfer der Katastrophe mit, wie er sie von der Behörde erfahren hat. Dreißig Juden wurden getötet, etwa 60 verwundet (davon ungefähr 20 sehr schwer), viele Frauen wurden geschändet und über 250 junge Frauen und Kinder von den Arabern hinweggeschleppt. Von den 6000Juden, die die Stadt bewohnten, sind etwa 1000 nach Ceuta, Gibraltar und Tanger geflüchtet. 1500 bis 2000 halten sich in der Umgegend auf, haben in Mzab und Zetta ein vorübergehendes Asyl eines Feuilleton. Zwei Kielten. Bon Judäus. I. Soeben war im Bahnhof zu Mülhausen im Elsaß der Personenzug von Straßburg etngelaufen. Unter den Reisenden, die den Zug verließen und sich der Stadt zuwandten, war ein junger 16—17 Jahre alter Hausierer mit seinem Warenkorb an der Seite und noch einem stattlichen Warenbündel auf dem Rücken. Es war sehr heiß und die Last des jungen Mannes war schwer. Er verließ den Menschenstrom, der stch dem Ausgang zuwälzte und ging auf dm Bahnhofsbrunnen zu, schenkte stch einen Becher Master ein, schüttete etwas davon über den Becherrand zu Boden, sprach halblaut die vorgeschriebene Berocho und ließ stch dann den frischen Trunk gut munden. Darauf sprach er die Berocho nach dem Genuste und ging dem Ausgang deS Bahnhofs zu. Dort wurde er von einem Manne erwartet, der ihm schon von Ferne dm Willkommgruß zurtef und ihm dann herzlich die Hand drückte. Es war nach der Aehnlichkeit in oen Gesichtszügen der Vater des jungen Mannes. Er hatte ebenfalls seinen Haustererpacken, aber er hatte ihn bei Seite gestellt, weil er offenbar nicht da war um Geschäfte zu machen, sondern um seinen Sohn zu erwarten. Der Vater mochte einige vierzig Jahre zählen, er batte stark ausgeprägte, wetterfeste Züge, aber seine hohe stattliche Gestalt hatte in den drei Jahren, in welchen er den schweren Haustererpacken trug, eine etwas gebeugte Haltung angenommen. Die Geschichte des Vaters und des Sohnes ist bald erzählt. Sie ist dieselbe, wie sie sich bei den meisten Emigranten aus dem Osten täglich vor unseren Augen wiederholt. Hirsch Lewinski war aus Plotzk in Russisch-Polmer hatte einst bestere Tage gesehen, aber die allgemeine Erwerbslosigkeit und Armut ließen von Tag zu Tag mehr die Aussicht schwinden, zu Hause auch nur das Brot für stch und seine Familie zu erschwingen. Bor drei Jahren, einem Tag nach Simchas Thora, führte er den lang gehegten, aber immer wieder verworfenen Plan aus, die Heimat zu verlasim und in Deutschland sein Glück zu suchen. Ein halbes Jahr lang irrte er hin und her, bis ihn die Geschicke vom äußersten Osten zum äußersten Westen Deutschlands, nach dem Elsaß, trieben. Im Schweiße seines Angesichts suchte er Tag für Tag für seine Frau und fünf Kinder das Nöttge zu erschwingen. Es ging schwer und fiel kärglich aus, aber doch nicht so kärglich, als daß er nicht jeden Monat einige Mark nach Hause schicken konnte. Auf Pestach reiste er alljährlich nach Hause, nur unter dieser Bedingung hatte seine Frau die Einwilligung zur Auswanderung gegeben. Bei diesen Reisen machte der bekümmerte Vater die Wahrnehmung, wie nachteilig aus die Erziehung seiner Kinder der Umstand wirkte, daß sie ohne väterliche Anleitung heranwuchsen. Sie hatten zwar ihren Lehrer, der mit ihnen täglich Thora lemte, aber der Vater fehlte doch an allen Ecken und Enden. Seine Familie zu sich nach Deutschland zu nehmen, dazu konnte er stch nicht entschließen, nach den traurigen Erfahrungen, die er täglich bei denjenigen machen konnte, die diesen Schritt gewagt hatten. Die Kinder wurbm ganz dem Judentum, sogar ihren eigenen Eltem entstemdet, wenn sie die deutsche Lust nur zu atmen anfingen, die Schulen besuchten, die Zeitungen ÜdnüMiü WWWWMWMMWMWMMWWM.WWWMWWWMWWW ______ 29. «W«st 1907 gefunden, oder sind >in alle Winde zerstreut. Üeber das weitere Schicksal dieses Teils der Juden von Casablanca konnte man noch nichts Näheres in Erfahrung bringen. Die jetzt noch dort vorhandenen jüdischen Bewohner irreil zwischen den Trümmerstätten umher, keiner weiß, was er beginnen soll. -r- * * ümeriftanifdie Reform. Wir haben vor kurzem über die in Frankfort (Michigan) ftattgehabte Versammlung des amerikanischen Reformrabbinerverbands berichtet und uns dabei näher mit dem Expose des Vorsitzenden Dr. Stolz befaßt, das uns durch seinen relativ gemäßigten Ton und seine elegische Grundstimmung aufgefallen war. Wir hatten in Anknüpfung an gewisse Aeußerungen des Dr. Stolz die Bemerkung gemacht, daß auch hier wie anderwärts manchen Kreisen der Neologie es vor ihrer Herrlichkeit bange zu werden und sie nach allem Sturm und Drang der vergangenen Jahrzehnte einen gelinden Katzenjammer zu empfinden begännen. Diese unsere Auffassung will aber der in Cincinnati erscheinende extrem - reformerische „American Jsraelite" nicht gelten lassen. Es entspreche mehr unsren Wünschen als den tatsächlichen Verhältnissen, wenn wir in Dr. Stolz' Worten ein Rückzugssignal erkännten. „Dr. Stolz", so meint das Blatt, „sagte, die Reform sei nur eine Interpretation des Judentums, nicht sein Ziel. Vor sechzig Jahren sei die bloße Opposition gegen die obskure Orthodoxie ein Verdienst gewesenjetzt sei die Zeit des Kämpfens vorbei." „Der „Israelit" braucht nichts zu fürchten. Niemand denÄ daran, diese Anschauungen, die von seinem Standpunkt Hochverrat sind, aufzugeben. Niemand wünscht den Tallith wieder einzuführen oder das Bedecken des Hauptes während des Gottesdienstes zu verlangen. Niemand will Samson Hirsch's Ansicht über den Pentateuch und seine rabbinischen Erläuterungen acceptieren. Nicht einmal die aus dem jüdisch-theologischen Seminar hervorgegangenen Rabbiner beginnen ihre Laufbahn mit der Ueberzeugung, daß ihre Hauptaufgabe in der Ueberwachung der Fleischer, Milch- und Kolonialwarenhändler bestehe. Die meisten von ihnen amtieren in Gemeinden, die Reformgebetbücher haben . . ." Dr. Stolz habe nur die Notwendigkeit aufbauender Arbeit betonen und davor warnen wollen, daß man die Angriffe auf die Orthodorie als zur Erhaltung des Judentums hinreichend betrachte. Nun, wir begreifen es, daß der „American Jsraelite" sich mit Händen und Füßen gegen die Meinung wehrt, als wolle die amerikanische Reform den Rückzug antreten. Aber er kann beruhigt sein, lasen, die Zerstreuungen und Vergnügungen der anderen mitmachteneiner solchen Gefahr wollte Lewinski seine Kinder nicht aussetzen. Sein höchster Lebenswunsch war daher, durch Fleiß und Sparsamkeit so diel zu verdienen, daß er mit einer kleinen Gramme zu Hause in Russisch- Polen leben und die Seinen ernähren könne. Davon war Lewinski aber noch wett entfernt, da er alle Kräfte anspornen mußte um nur monatlich einige Mark nach Hause schicken zu könneneinen Sparpfennig zurückzulegen war fürs erste ganz ausgeschlossen. Als er nun bei feinem jüngsten Besuche zu Hause fand, daß sein ältester Sohn Jo6l, der jetzt 16 Jahre alt war, der väterlichen Weisung besonders bedurfte, nahm er ihn mit nach Deutschland. In den ersten Wochen half der Sohn dem Vater den schweren Packen tragen und lernte dabei die Art und Weise des Verkehrs, der ihm ganz stemd war. Abends nach vollbrachtem Tageswerk und morgens vor Beginn desselben saßen Vater und Sohn zusammen und lernten Thora, oft auch mitten im Tage, wenn sie chrem Geschäft aus irgend einem Grunde nicht nachgehen konnten, besonders aber am SchabvoS, -er ganz dem Studium gewidmet war. Seit einigm Tagen hatte der Vater gefunden, daß sein Sohn jetzt allein hausieren könne. Vater und Sohn trennten sich daher tagsüber und besuchten verschiedene Ortschaften, aber der Abend führte sie wieder zusammen. Sie besuchten dann getrennt ober gemeinschaftlich noch in der Stadt die Restaurattonen, Btergärten und ähnliche Orte um ihre Waren zu verkaufen und langten oft spät am Abend in ihrer bescheidenen vier Treppen hoch gelegenen Wohnung an. Es war das vterteMal, daß Joel allein hausieren gegangen war. Sein Vater war in der Stabt geblieben und hatte den Sohn von seiner Reise am Bahnhof erwartet, als wir sie eben dort trafen. — Es war vielleicht noch eine halbe Stunde vor Nacht, die Dämme-

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