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Der Israelit · 1907-08-22 · Heft 34 (22.8.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 34 (22.8.1907)
Date
1907-08-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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iJflUftfl! '^-"! '-.!- Der Israelit. ~ ' : ' Seite 3. Nr. 34 -! Regen, Fülle und Mangel sind nichts als die Exekutoren des -.,, großen! himmlischen Richters. Dieses!:! Bewußtsein Hat ' sich der! jüdischen An-! schmiung so tief eingeprägt, daß wo den von ihr Durchdrungenen ein Leid trifft, . er! es als eine! Sühne! filr. die dlirch .ihn-verkannte und verletzte göttliche.Wahrheit ansieht und, er den Blick zu .Gott erhebt, als. zu dem die gekränkte Wahrheit vertretenden'Richter, .in .dessen Schickung er sich willig, mit den Worten fügtnoKD s'2! ^->2 „Segen und - Preis, Du, Richter .der Wahrheit!", Was uns so leicht. Gott vergessen und die scheue Furcht vor seinem Richtertum nur so selten und so schwer in ihrem vollen Ernst zum Bewußtsein kommen läßt,- das liegt in dem Umstände, daß wir uns Gott nur geistig denken und vorstellen,- ihn! aber sinnlich nicht wahrnehmen können/ Wir. können- Gott nicht sehen. Wenn uns daher die Wahrheit / in ' die Seele! geredet wird, daß Gottist und daß er als Richter waltet/- so werden wir zugleich daran erinnert, daß, wenn wir Gott auch nicht, mit den Sinnen währriehmen' können, er doch einen Vertreter auf Erden, ja in jeder Menschenbrust Hat,-' durch den er als kl'21v, -als' Mahner,und Warner uns zu Rede stellt, das .Gewissen. Mau kann diesen' Gott.sherold in jedem Menscheninnern überhören und übertäuben, aber ' leugnen kann man ihn nicht. *?2n im fpo „Sein Wort wird am Ende von allen gehört. Gott also fürchte und/ seine Gebote hüte, denn das macht den ganzen/.Menschen aus. Denn jegliche. Tat bringt Gott vor .Gericht, das über dem Geheimsten waltet,! es sei gut oder böse." (Kohelet, Ende). Es ist.: vielleicht, die leise Flüsterstimme, Vlp np2 nööi, die sich erst volles Gehör verschafft, nienn des großen- Schofars Hall das uns umtosende Weltgetriebe zum Schweigen gebracht wird. - : ■ ----- ■ Die von Menschen geübte nnoin hält keinen Vergleich mit-.der göttlichen aus. Der. von Menschen Zürechtgewiesene kann sein Tun leugnen, entschstldigen, beschönigen, verteidigen und sogar rechtfertigen!, und kann dann vor 'menschlicher Kurzsichtigkeit - schuldlos .. erscheinen. Aber vor Gott, als 2Z)i der alles weiß und alles bezeugt/gibt es keine Ausflucht. - , / 'Das göttliche Recht kennt nur ein einziges richterliches- Beweismittel: Die Aussage, von Zeugen. . Hätte der menschliche Richter selbst die Verübung eines Verbrechens mit eigener! .Augen gesehen, so genügte dieser Umstand -nicht den Verbrecher zu bestrafen, solange sein Verbrechen nicht durch! zwei - Zeugen bezeugt ist. Gottes Gesetz . erkennt. somit der richterlichen Cognition, nicht die Fähigkeit zu das Verbrechen festzustellen und .zugleich auch seine Beurteilung und Verurteilung anszusprechen. . . .. . -! . /. ' Bei Gottes Richteramt fällt diese Beschränkung fort. Weil er der jnv1 ist, dem sich nichts entzieht,.deshalb ist er s'2 und 2Zk Richter und Zeuge in einer Person. Und was wollen auch mensch-! liche. Zeugen gegen diese göttliche Zeugenschaft bedeuten? Menschliche! Zeugen können nur die 'geschehene Tat bezeugen/ der Gedanke die Gesinnung, die Regung des Herzens, diese Keimstätten jeder Tat, .entziehen sich ihrem Bewußtsein. Aber Gott,- der mit der Seele, die er jedem Menschenkörper eingehaucht, wie mit einem Gotteslicht in die. verborgensten Falten des. Innern . hineinleuchtet, wie . liegt. vor ihm. jede Tat, ' jedes Wort,. jede. Regung in erschreckender Klarheit zur richterlichen Verurteilung offen dal '22 nm tnp 't>*r6 ’DD '2 pnv '21 Rabbi Jochanan weinte, als er an das Wort kam: „Ich werde hintreten gegen euch vor Gericht und werde ein sofort bereitstehender Zeuge sein, gegen die Zauberer, Ehebrecher, Meineidigen und welche den Lohn des Arbeiters, der Witwe und Waise vorenthalten, das Recht des Fremdlings, beugen und mich nicht fürchten, spricht der Gott Zebaot." (Maleachi III, 5.)—Gibt es für einen Knecht, den sein Herr vor Gericht stellt und gegen den er selber als Zeuge, sofort bereit steht, eine Rettung? (Talmud Chagiga Fol. 4). ..... Alle Vergleiche, die wir aus unserem richterlichen Verfahren für das Erfassen des Gottesgerichts .anwenden, reichen nicht hin an das, was hier veranschaulicht werden soll.. Diese Unzulänglichkeit dürfte in der Reihenfolge angedeutet sein, die hier, eingehalten! wird. Während in unserer richterlichen Praxis zunächst die Zeugenaussage erfolgt und dann der Richter spricht, wird hier Gott , zuerst als Richter und erst dann als der alles wissende Zeuge aufgeführt. Diese vollständige Umkehrung des ganzen Vorgangs ist wie nichts sonst geeignet, uns zu sagen, daß alle diese Vergleiche eben nur Vergleiche sind, welche lediglich das Aeußere des Verglichenen treffen, ' den eigentlichen Kern der Sache aber nicht berühren. Aber wenn es etwas gibt, das uns im Hinblick auf den furchtbaren' Tag, an dem Gott sein Weltengericht hält, [mit ernster Scheu zu erfüllen geeignet ist. so ist. es die Unergründlichkeit dieses einzig dastehenden Vorgangs. Diese über alles menschliche Denken erhabene Hoheit des einstigen Gottesgerichts ist der mächtigste Sporn zu heiliger Pflichttreue. np2S2" ünp: unnpn!m\ 222,122 's 'n 712^1 Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß wemi Gott hier als ' NIIM 12D, 2N1N, 2N12 veranschaulicht wird, es sich, um eben solche Vergleiche har>del.t....M...sind.. Aeußerungen, Tätig- . Anblick,-den.ich je.im.Leben hatte. -Neben dem- Schreibtisch des Arztes steht, eine Holzmulde, in der ein Knabe vonungefährneun Jahren. ganz zusammengekauert im Sterben liegt. - Neben diesem ebenso seltsamen.wie gräßlichen Sterbebett hockt. der.Vater . des Kindes, ein Jemener . Jude - von - etwä 35 Jahren. Vater und.Kind find von - graüenerrcgendem.SchmuhI-undMngeziefer/bedeckt. : Wir-! sind! starr vor-Entsetzen. D er. Doktor ermannt sich zuerst, und.horcht -nach dem Herzschlage!. . „Schnell, Schwester, vielleicht^kann man noch etwas tim." - ÄLir reinigen und bettest das!Kind mit aller Vorsicht, so gut es. gehen will. — Nutzlose Mühe! — Noch einmal schlägt es - die. großen, süßen!, dunklen Kinderaugen! auf. Dann schließen sich die müdest Sterne für immer!-'Mir - ist so elend, baß ich. mich setzen'muß, und um nicht laut zu .schluchzen, presse ich! das Taschentuch in den Mund. Nachdem, ich mich etwas erholt habe, ..frage ich den.Arzt voll! Empörung!/.wie..:Eltern ihr.-Kind!so ^können zu Gründe/ gehen.' lassen.. Das!, Gesicht, des/Doktors zeigt . cin/mübesMÜältes! Lächelst/-, Es... ist das Lächeln eines Menschen,!-der fast. -zwei. Dezennien .in Jerusalem ge- . arbeitet' und.,aüs/M astgel/an * dem elenden Mammon doch nur;verhältnismäßig.wenig schaffest kann.,Und der Doktor . erk.ärt/niir/daß . zum: Leiten' .eines .Krankenhauses/ebenso t ivimzuin.Kriegführest Geld/.Held! und Geld gehöre.! Den ärmest/Jemester Juden läßt nur seine. grestzenlose! Armut: so!,schlecht .erscheinen. In' Wirklichkeit.!'ist auch! er eist, guter! Vater, dessen - Herz /-äst. dem/Kinde hängt/!. '..',!'! Wäs/nstr! der pielerfahrene .Arzt' gesagt hat,' leuchtet mir vollkommen ein. /Aber woher die Dttitel nehmen,' um! mehr!tun zu löstnen?./^ —. 777...-, .-:/!/-:!,'! .!.! /-! - Nun Md! die, Letzten gegangen: Mft/weichen Flügeln! hat sichdie Nächt herabgesenkt.': Silbernes, weißes' Licht, überflutet den Garrcn . und die ganze.'Umgebung. Ein! tiefer-wonniger.Friede ist. über die Erde gebreitet. Nur die Menschen tragen ihr Weh, und nur., darum ist cs so groß, .weil die einen nicht '. genügend mitfühlen mit den änderest. Die Natur ist. doch so vo'lkommen, warum.ist es der Mensch, der nach 'Zickes. Ebenbilde geschaffene, nicht, auch?. ' Der, ganze., vergangene' Tag mit all seinen Schmerzen und seinem'Elend zieht noch einmal an meinem geistigen Auge vorüber'. Ein langer trauriger Zug, viele blaffe! Gestalten mit anklagenier Miene , sehe ich vor mir, meist Herz krampst sich zusammen in.tiefer, tiefer Qual. Wenn...ihr wollt, ihr Brüder und Schwestern drüben in fernem Land, wenn ihr wollt, ' kann geholfen werden ... Die „Neue Würzburger Zeitung," das entschieden liberale Organ' Nordbayerns, bringt in ihrer Nr. 213 eine bemerkenswerte. Auslassung über d en Prozeß d es- Rechtsanwalts Hau,- der mit einem Dithyrambus aus das äl tjü dis che Gerichtsverfa h r e n schließt. -Der Verfasser findet die Rechtsanschauungen,im , al tenJu d äa" mustergültig, sodaß sogar sie Gegenwart etwas daraus lernen könnte. Die trefflichen Ausführustgen erregen unser Interesse aber auch aus dem /Grunde, weit man in den., jüngsten Dezennien Anklagen und: Beschuldigungen schwerster Art auf Grund von Jnd i z ien gegen Juden - erhoben hät. .Wir erinnern nur anden Hilsnerprozeß, der immer noch seiner gerechtest Abwicklung- -harrt.- Auch dort, wie in so vielen anderen -Fällen,- hat man.- lediglich Indizienbeweise für das Urteil'.maßgebenö sein lassen. - Die ' Polemik, welche sich an. den'! „Fäll Hau" - knüpft, nimmt der — allem Anschein nach rechtsgelehrte — Verfasser als ein vorzügliches Zeichen'hin,! daß' der „Sinn für Gerechtigkeit sich in äufsteigender Linie"- befindet,' daß die Vorgänge den keiten und Veranstaltungen, die im menschlichen Kreise dazu dienen etwas Geschehenes zu fixiere» und es so vor Vergessenheit schützen. „Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen." Aber getroster und gesicherter ruht das, was von unserem Tun und . Lassen in Gottes Wissen .haftet, als das, was mit . ihren schwachen Behelfen Menschen fiir ihr Bewußtsein festzuhalten vermögen. Alle diese Vergleiche, und Bilder sind Konzessionen an die beschränkte menschliche Fähigkeit Göttliches zu erfassen und. in Worte zu kleiden. Der Gedankenlosigkeit gegenüber, der eine geschehene Tat, ein gesprochenes Wort, eine aufwallende Erregung eben geschehen, ver- - gangen und entschwunden sind, wird uns hier die ergreifende Wahrheit, nahe gelegt: Für unser Bewußtsein mag die Tat vergessen, das Wort verflogen, die Erregung verrauscht sein, Gott hat sie notiert, er legt unseren Lebensäußerungeil solche Bedeutung bei, daß er sie aufzeichnet imd niederschreibt um sie damit der Vergessenheit zu entreißen, für den Tag des Gerichts und die Stunde der Verantwortung. Aber wie das Medergeschriebene erst durch die Ilnterschrift seine verbindliche Bedeuttmg erlangt, so liegt eine ganze Welt zwischen der Schrift und der Unterschrift. Ganz so wie es weiterhin, in unserem Pijut heißt 2122 Di'21 - p2N2' NäVN . L'8->,2, ponn' daß am Rosch-Häschono eingeschrieben und am Jom Kippur das Geschriebene besiegelt und bestätigt wird, in den Tagen dazwischen aber es durch reuige Rückkehr zu Gott und seinem Gesetz auch in unserer Hand liegt, den - Fluch der bösen Tat zu hemmen und in Segen umzuwandeln, dieselbe Möglichkeit liegt in j der Sttmde fiir jede Tat, selbst wenn sie schon niedergeschrieben ward, solange sie noch nicht endgiltig unterzeichnet ist. Jede Tat! wird aber nicht nur einzeln verzeichnet, sondern gebucht. ' Es hat jeder von uns sein Konto bei Gott, das eine gewisse Höhe nicht überschreiten darf, wenn einst die Bilanz zwischen unserem sittlichen Soll . und Haben gezogen werden soll. Dafür zählt, würdigt und schätzt Gott jede Menschentar ein. ' Wir mögen immerhin leichtfertig mit unserem Tun, Sprechen und Denken spielend tändeln, für Gott ist die Menschentat, das Menschenworr, der Menschengedanke ein p»2tf 222, das er mit peinlicher Genauigkeit bucht und zählt lnld das deshalb nie *?B2, niemals in Vergessenheit dahinschwinden wird, Gott denkt, wenn mach kurzsichtige Menschen vergesseir/ das geöffnete Schuldbuch, mit unseren erdrückenden Passiven, welchen nur so winzige Akttvposten gegenüber stehen, liest sich dann von selber und zeigt ohne jeden Hinweis die erdrückende Riesenschuld, die der große. Weltengläubiger.. von uns zu fordern Anfäng eines Kampfes gegen' das „Indizium" bedeutest -Doch geben wir ihm selbst das Wort. „Wie ein Warnungszeichen, wie eine Mahnung zur äußersten - Borficht beim Aufbau eines Prozesses auf Indizien liegt der Prozeß- Hau hiMer uns!— Mau fragt nicht mit Unrecht, woher mit einem Male-die Polemik von Psychologen. sowohl als auch Kriminalisten um einen cte jure abgeurteilten Mörder kommt, nachdem zu öfteren Malen vorher Verbrecher auf Grund weit schwächerer Indizien verurteilt wurden und diese Urteile auch vollstreckt wurden. Jst's^ vielleicht darin zu suchen, däß mit dem Fortschritte der Soziologie, der Menschenrechte, heMe bas Menschenleben höher bewertet wird, oder vielleicht darin, daß das fennnistische Element im tchteu Akt des Dramas erscheinend, das Utteik, vielmehr tie . Kritik desselben , etwas crmeitert hat? — — Jedenfalls ist es a priori als vorzügliches Zeichen dafür, zu deuten, daß der Sinn für Gerechtigkeit sich in. auflteigender Linie befindet, daß diese Vorgänge den Anfang eines Kampfes - gegen das Indizium, gegen aus Indizien geschöpfte Utteile darstcllen, denen man mit demselben Rechte zu G u n st e n des Angeklagtcn die Sphäre der unbegrenzten Möglichkeiten, gegenüberstellen kanul .Wie-gut hierauf arwcn - bar sagt doch der Dichter: Seltsam klingt des Dichters Lied, doppelt seltsam-was geschieht! Alle Justizmorde, die seit einem Jahrhunderr bekannt wurden und denen man die Bezeichnung „Justizirrtums als Mäntelchen umzuhänsien suchte, sind natürlich auf Indizienbeweise zurückzusuhren, und das bekannte Morr Machiavellis: „bringt mir eine geschriebene Zeile irgendeines Menschen, und ich bringe ihn. an den Galgen," birgt gewiß in sich. die schärfste-, Berurteilung so manchen Utteils auf Indizien. Mcht zu allen Zeiten lebt ein Jean Jacques Rousseau, /der sein Leben lang und endlich mit vollem Erfolg sür di,-, allerdings nachträgliche :Iai! f I r t

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