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Der Israelit · 1907-08-22 · Heft 34 (22.8.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 34 (22.8.1907)
Date
1907-08-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DerWräeltt) feiert als die Nachfolgerin der Augsburger Synode, die vor mehr als 30 Jahren ähnliche Beschlüsse wie diese gefaßt hat. Das französische Judentun,, so ruft der deutsche Himmelsstürmer . emphatisch aus, zeige, daß es an der Spitze der Neformbewegung maschiere und dem in anderen . Ländern weit um sich greifenden Rückschritt ein' Gegengewicht bieten wälle. Die " Abschaffung jener veralteten Gesetze durchs die französischen Rabbiner erscheint ihm als „ein Lichtpunkt . in unserer geistig so armen.Zeit." Die Saat, die von Deutschland ansging, keime üt Frankreich.und . Amerika auf zur Frucht des Heils und werde - dem entwickelungsbedürftigen Judentum die ihm notwendige Verjüngung und Neubelebung bringen. Man sollte nun meinen, daß in Frankreich dieses Lob aus dem Münde eines deutschen Gesinnungsgen offen herzlichen Dankesgefühlen begegne. Das ist aber merkwürdigerweise nicht der Fall. Ein nach der Neberzeügung des „Univers" dem Artikel- - schrciber. der Monaüblätler an Gelehrsamkeit nicht nachstehender Herr, erteilt in jenem Blatte dem lobspendenden Kollegen eine entschiedene Absage, obwohl er zum Schluffe die Pariser Beschlüsse über w und n^rpn eifrig verteidigt. Die französischen Rabbiner wollten von einer-Reform nichts, wissensie hätten-nicht die Absicht/ das Judentum HWerälisierenünd zu pro- ' testantisieren. Das ist nun wirklich eine komische Situation: Sie schaffen bä und N'^chn ab und wehren sich dennoch allen Ernstes dagegen, voir den deutschen Reformern als Gesinnungsgenoffen an'gerüfen zu werden!. Man wäre wirklich geneigt zu lachen, weim die Tatsachen nicht eine allzutranrige Sprache führten. Die französischen Rabbinerso versichert der Mitarbeiter des „Univers", -/halten fest an dem positiven und historischen Judentum, um dis Formel Zacharias Frankels, des Hauptes der Breslauer Schule, anfzunehmen." Zacharias Frankel istum die Freundschaft) .die - er da gefunden - - hat, wirklich nicht zu beneiden. Hu; dem ülacbsor für die □'’KUjü dp1 : brn . ritrnp' f]pP runav' ■ 7 n. ' / -7 ♦n»K ' Es ist Wahrheit! . : -ijr jnp N'3wi pn kp jpk '2 12D1 ON1M 3M31 ■ NP3N'P mrtni ■ : manrrn isd nx nnsm ■ _ KIpVp^koi : - w ON1N D“IK *?3 N'l ■ vpn’ Vna 3LM31 plü' npl NVQ717>ipi -7 r prsn'1 o'2k*?Qi -. ptnK’ rnyn Vm pnn dv mn wvti'i . 7“D Mio K3X mps1?- ■pp K*7 P •fP3 Daß Du der Richter bist,, der zur Rede stellende, der Wissende, und der Zeuge, , Du schreibsi, Du unterzeichnest, Du buchst und zählst,' Wirst so denken alles Vergessene ' . Und offnen' das Büch der Erinnerungen, Das sich von selber liest Und in dem jede Menschenhand (selber jede Tat) unterzeichnet, ' Hervor wird dann der Hall des großen Schofer brechen, ‘ ' Dann.hört die leise Flüsterstimme mail sprechen Und die Gottesboten schwanken, ' ''' Schreck erfasset sie und Schwanken, Er ist'nun'da, so rufen sie, der .Tag und sein - -7?' Gericht, ■ -7,: 7 -v- - Der ’ den Himmelsschaaren kündet ihr Gericht, Weil selbst sie nicht schuldfrei spricht Dein prüfend Auge im Gericht. ... Bis dahin reicht die Einleitung unseres Pijüt, die dem Rosch Haschönö der Zukunft gewidmet ist, um dann die ■ später folgende Bedeutung eines jeden' Rosch Haschönö in der Gegenwart zu ermessen. Aber schon in diesem ersten Teil wechseln bedeutungsvoll die Formen der Gegenwart lind der Zukunft. Während unser Pijut alles, was von dem bevorstehendengroßen Tage des Gottesgerichtes handelt- - unter dem Bilde der Zukunft . vorführt, wird diese Darstellung mit dem Worte NbK unterbrochen, um in der Gegenwartfortzufahren : Du b ist der. Richter . . . .. . . Du schreibst, Du unterzeichnest, Du buchst,. Du zählst, und dann mit den' Worten mrptwn 73 ipmi wieder zur zukünftigen Darstellungssorin zurückzükehren. Dieser Wechsel.scheint zu sagen: Wohl gehört der furchtbare Tag des Weltgerichtes erst; der Znkunft an, aber, es ist trotzden,' Wahrheit, daß . schon - heute Gott Richter, Mahner, Wissender und Zeuge ist, der' schon in jeder Gegenwart schreibt, unterzeichnet, bucht und zählt, um — nach dem hier gebrauchten Vergleich mit der irdischen Justiz —' da§ richterliche Verfahren einzuleiten und das - dem menschlicheil Bewußtsein Entschwindende festzuhalten bis zu dem Tag, an dem der Ruf des. großen Schöpfers das göttliche Weltgericht verkünden wird. .. .; Indem es aber nicht heißt: |P nnK p Hdk '131 .sondern KP hnK .'3 n»K, bilden vielleicht diese vier Worte einen abgeschlossenen Gedanken, v;i22. August 1907 zu deill das. Folgende nur die, Ausführung ist. Es ist wahr / daß Du bist! Mag Gott als Richter oder Mahner, als Wissender,' Zeuge, schreiben oder, unterzeichnenbuchen oder zählen, alle diese Wältungsweisen sind nur Konsequenzen der Wahrheit KP'PnK '3 Es gibt einen Gott' Es gibt keine' zweite, tiefer in unser ganzes Leben eingreifende Wahrheit als diese »nb keine, die.'so oft 'vergessen,'' verkannt,. ignoriert. ilnd mit keckem Trotz'' geleugnet wird, ' als ' dieses nöK KP nnKty. Deshalb! steht diese -Weisheit hier ein derSpitze-aller Erw ägungen,'! dien »s! das Furchtbare der Verantwortung - am .Tage des göttlichen Weltgerichts nahe legen wollen. Denn viele kennen diese.Währheit:'nicht, und viele, die sie vielleicht 'in .der Jugend.gehört und? selbst im Leben:: praktisch erfahreil haben, .besitzen/ sie blos als theoretisches Wissen) das nur., im' Kopfe ruht, aber nicht das Herz serfüllt- und noch 'weniger zur Tat hinleitet. Das'ganze Leben mit seinen Sorgen und Zerstreuungen, mit seinen' Känipfen -und Genüssen,-! drängt? die - Wahrheit in'. den . Hintergrund nnd führt. in so hohem Grad dazu gänzlich Gott . zu . vergessen, daß derjenige, der unter allen Sterblichen -der Gottheit ani nächsten stand, mähllt: „Hüte Dich, -. daß ) Du . nicht an Gott, Deinen Gott, vergissest \“' (V.. B. M. VIII, 11).^ ' .-. Das Höchste was von Gott gesagt werdell . kann, was er in der Thora selber vonsich , sagt: Ich bin, der ich bin (II. Bi M. IIt> 14) V. B. M. XXXII, 39.) hat. zum Correlät: KP NNK D u bist! Was anders bestimmte wohl den Pflichttrellen, alleil Reizen'nnd.Locknngeil zu widerstehen und den schmalen, steilen Pfad der Pflicht zu gehen, als) der Gedanke an Gott, der Gedanke an die Stunde der' Verantlvortuilg vor seinem Richterthrone! . Denn weim-Gott Gott ist, so ist er. allch Richter, jp K^K'.^K s'K > Deshalb ist jp die erste Konsequenz die. sich aus dem NNK '3 nbK ‘ KP. ergibt. . In dem.Begriff Gott liegt die Garantie > einer Eigenschaft als Richter. Freud und Leid, Wähl und- Weh, Glück und Unglück sind-nichts als frei und schuldig sprechende Urteile, die Gott als Richter der Welt über jeden Einzelnen verhängt. - Selbst die Verurteilungen und Freisprechungen der irdischen-Justiz werden nicht nur im Namen, sondern auch-in Vertretung Gottes < gefällt.. „Gott steht in dem Gottes-, kollegiunl, in der Mitte der Richter, ist er es, der Gericht hält." (Ps. 82 V. 17 Das -Rechtsbewußtsein, nach welchem der . irdische- Richter Recht spricht^ ist ihm'von Gott geworden- ' er steht im Dienste.der.richteuden,. göttlichen .Wal- - tung.. Himmel und Erde,! Sonnenscheill und Kleines Emilleton. Poliklinik in Jerusalem. .' . Von Schwester Jenny Stiebe! in Jerusalem. Märchenverträumt liegt der Garten' im Nachmittagsonnenschein. — Ein leiser Lufthaüch streicht durch die ■ Eukalypws und Pfefferbäume. ' Wie tvohltuend /kühl!. ' Man wird fast an europäische Sominernachmittäge erinnert. Ich trete hinaus auf die Freitreppe. Da kommen sie in Scharen den kiesbestreuten Gartenweg entlang, die Annen und Aennsten unseres. Volkes. Jede Altersstufe . ist vertreten. Die Arzneislasche in der Hand schreiten sie daher.-' Mit den resignierten Zügen, - denen man ansteht, daß. sie das 7frohe Lachen nicht kennen---Sie kommen-um Hilfe zu verlangen.- -Sie grüßen'mich alle, obwohl.mich' nur einzelne kennen. Die Bedauernswerien .knixen vor jedem, der beffer gekleidet geht/ Sie lernen.es jä von ber -. Wiege an, für ein Stückchen hartes -Brod - untertänig sein! . x Ich kehre ins Innere des; Hauses. zurück und meine Augen gleiten über das grenzenlose Menschenelend, über den tiefen Jammer, die ergreifende Tragi', die das Warte-' zimmer f unserer Poliklinik - erfüllt. Nun. gehtes an die Arbeit. Ja, ^arbeiten ist gut, wenn das Gemüt froh ist . und 'heiter, aber.'hier.arbeiten — „Schwester, ich brauche . sterile Instrumente/- dreimal muß mirs der Doktor sagen, , ehe ich begrip n habewas ich eigentlich soll. -,Ja so7 — - sage ich mechanisch.-T- Dabei muß-tch denkenmorgen/oders -. ubermorgen' wird dort das arnie alte. Weiblein, das oben- - drein halb verhungert ist,'am-änderen Fingerden Umlauf- . .haben und ein:paar Wochen später ist vielleicht schon ihr ganzes Blut vergiftet,' da man doch nicht in der'Lage-ist, ihr reines Trinkwaffer und gekochte Speisen zu verab-, reichen. Gekochte Speisen? sehe ich die erstaunten Augen meiner europäischen -Glaubensgenossen ftagen. . -Ja, Ihr seid genau so. unwissend wie ich es war, bevor ich den. heiligen Boden unserer Väter betreten hatte. Die armen Juden in Jerusalem haben oft tagelang kein gekochtes Essen. Sie leben' von Brod, Zwiebeln, Knoblauch' und - Tomaten. ' : Ein gekochtes Reifgericht ist für sie ein Festessen. Und glaubt nicht, daß unsere Glaubensgenossen in der heiligen Stadt, in der teuren Heimat, schlecht, dumm und arbeitsscheu sind. Mein, es. ist nicht wahr,'was euch gewisse Leute-zuweilen vorschwatzcn.; Diese Menschen wollen 7 um; jeden Preis; in Jerusalem leben, - sie lieben die alte -schmerzensreiche' Mutter Jeruscholajim mit der ganzen- Kraft ihrer Seele. Darum bleiben sie hier, ertragen sie Hunger und Sorge und unsagbare Pein. Aber ich schweife ab,, geehrter'Leser, und dusolltest doch noch etwas über die Poliklinik-Sprechstunden des Schaare-Zedek-Höspitals' in Jerusalem hören. - Die Frau mit. dem kranken-Finger ist. nun 7 äbgefertigt/ . Sie 7 geht aber dennoch nicht. 7 Bon'. 7 vier bis sechs nachdrängenden" Personen wird sie zurück»' geschoben, weiß sich aber trotz' der schmerzenden- Hand . wieter in die 7 NähL7-des,-Arztes ^u bringen. - „Lieber Herr!Dokwr'" —. und .nun kommt eme Fülle von Klagen — -,gnädige Frau' Schwester" (die Leute geizen nicht mit Titeln). Sie hat Wohl bemerkt) daß ich - ihr mitleidig zuhöre. Der Doktor-- aver?hat.:.weiter-- kelne^Zeit-für sie, er muß unausgesetzt untersuchen und Rezepte ver-, schreiben. . Währenddessen haben sich. die.Aermsten um mich.geschart,' ich.habe ein paar Franken.in der Tasche, - die fange ich an zu verteilen. - Ich bin' entsetzt darüber, - wie mir 'die Frauen,'' da 7ich;- die Hände nicht, hergebe,- .Schürze,und'Kleid.7.küssen^'Äberwenn''ich-gerecht,und - -ehrlich sein soll,' so muß'ich sagen'— ste haben Hunger. Und Hunger - tut -jabckanntlich'.weh i - Jch/'gehe'wieder nach' dem Warte'räüm, 'ümM7sehen)-s'Wieöiel Zlrbeit unser . noch harrt. Da fesselt ein eigenai tiges -Bild! meine Aufmerksamkeit. Auf der - letzten Bank,- hart in in die Ecke gedrückt, sitzen ein Greis .-undein Jüngling. Es sind -zwei schöne Gestalten. Die sephardischen Juden sind über-- haupt. ein schöner- Menschenschlag,' aber über diese -Beiden ist 'eine 'ganze Fülle-von'Poesie äusgegossen.' Es ist'ge-' - wiß selbstverständlich, -daß'sich - ein Sohn um den - kranken Vater . bemüht, aber hier wirkt . es - doppelt 7 wohltuend. Der Sohn - hat - dem alten. leidenden Mann gehol fen, > sich beqüem hinzusetzen, und -schlägt' die träumerischen'Augen bittend zu mir - auf. Ich verstehegleich fühle' ich 'den /Puls:/ Fieber! -No--umbürässa*)* Moment- Signor Medico komnit -bald." -Ein'-Neigendes dunklen Locken- Hauptes - dientmir als --Beweis,-- 7 daß . er mein 'Sprach- ' gemengsel' verstanden.' -Da -werde, ich schon wieder .nach dem' Sprechzimnrer gerufen.-'Eineffchwerkränke Frau muß ausgenommen und - in. die - Krankenäbtcilung g.-schafft .weroen/sJch trage ste.mit -Hilfe" des Wärters die Treppe 7 empor- Ach,.. wie / ist 7 die Frau bleich und schwach.- Wie - sie mit' geschlossenen Aügen-äüf:der- Bahre liegt,gleicht siä-!meh'r einer Toten--als ' einer Lebenden- -Mitganz - leiser schwächer' Stimme stagt sie mich,- ob sie vald^ gesund: werden .würde-7 -sie müsse -fürsünfckleine^Kinoer- . arbeiten. „Harrtaus,f antwortete ich/ ,,wir'werden.Euch gut Pflegen, dansi chird-Euch-bäld geringer*), w'erden.und bald seid. Jhr - dann 'gänz gesund und könnnt für Eurc ' Kinderarbeiten. Matt sinken -ihre Lider herab, 'ste hnt die letzten-Worte'käum: verständen.'/Arme! Frau./ .-Jedoch ich muß weiter, meine Zeit ist so knapp bemessen.. Als - ich -nacheiner - halben .Stunde —, der Doktor. hatte in- ^zwischen .alleine weiter gearbeitet ■— die Poliklinik-Räume -wieder betrete, bietet' sich meinen7 Augen derentsetzlichste . *) Es macht mchtS. .. . . . *-°°) Jargon: besser. , . - .• , AM

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