Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1907)
- Date
- 1907-08-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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der Inhalt ihrer Offenbarungen Rat und Stütze sein, wenn wir selbstherrlich eine Auswahl treffen, nur das annehmen, was unserem subjektiven Empfinden entspricht. Ist es doch eine und dieselbe Prophetin, die vom meffianischen Zeitalter und von dem persönlichen Messias spricht.^) Das sind die beiden einzig konsequenten Auffassungen über die Dogmen. Wo soll ich die Verfasser der Denkschrift einreihen? Unter die Gesetzestreuen? Das lehnen sie ab. Unter die Vertreter der religionsgeschichtlichen Anschauung? Aber sie haben ja einen starken u/id innigen Glauben an gewisse Dogmen von Gott, der Unsterblichkeit, dem meffianischen Zeitalter! Am ehesten noch könnte man sie zu den Vorkantianern stellen, zu den Bekennern der nattirlichen Religion, die nur die Dogmen annehmen, die nach ihrer Meinung vernunftgemäß bewiesen werden können. Nun waren ja Wolf und Konsorten sehr ehrenwerte Männer, aber ich würde mich doch anderthalb Jahrhunderte nach ihrem Zeitalter ein wenig in dieser Gesellschaft genieren, vor allem aber wäre ich an Stelle des Oberrats etwas vorfichttg. Man mag die Weltanschauung der Gesetzestreuen verwerft». „Der heutigen Orthodorie" aber den Bvrwurf der Unbildung entgegenschleudern, sie durch unerhörte Unterstellungen zum Gespülte machen, das ist von Männern, die in Krer Weltanschauung selbst auf so schwankendem - Boden stehen, ein starkes Stück. v. Vermeidung unbegründeter Partikularismen. Das jüdische Gebet ist fast ausschließlich .Gemeindegebet. Das kommt auch in unserem Siddur zum Ausdruck. Mit Ausnahme einiger weniger Stücke sind alle Gebete so gehalten, daß nicht der Einzelne,, sondern die Gemeinde in ihrer Gesamtheit als Beter gedacht ist. Daran hat auch das badische Gebetbuch nichts geändert, vermochte es auch nicht, wollte es irgendwie an den alten Siddur anknüpfen. Spricht aber die Gemeinde, ist die Gesamtheit Israels als betend gedacht, dann wird eben das, was die Gesamtaemeinde im Innersten berührt, werden ihr Erleben, ihre Hoffnungen und Wünsche in den Vordergrund treten. Das ist ein großer Vorzug unseres Gebetbuches. Dadurch müffen alleTagesintereffen, alles Vergängliche und Kleinliche, das nur allzuteicht dem Eiuzelgebete anhastet, von vornherein ausscheiden. Bedenkt man nun, wie . unsere Prophetenbücher in immer und immer sich wiederholenden Wendungen von der Erwählung Israels, seiner ragenden Größe unter den Völkern sprechen, wie Israel bald das erstgeborene, bald das Lieblingskind, bald die Geliebte, die Verlobte, die Gattin Gottes ist, dann muß man sich wundern, daß in dem Gemeindegebet diese Gedanken und Bilder nur so wenig Verwendung finden- Unserem Empfinden nach kommt der Stolz und das Bewußtsein des Judentums in *) Mit diesen wenigen und in ihrer Kürze freilich unzureichenden Bemerkungen muß ich mich hier begnügen. Es ist das Gleiche von allen unseren Dogmen zu zeigen, besonders von O'NOtl nVfn- Doch ich müßte zu weit ausholen. /Ein Wort noch über Maimonides: Daß die Derllschrift das beliebte Requisit aus der Rüstkammer der Reform: „Maimonides mit dem Januskopf" wieder hervorholen würde, war vorauszusehen. .Dr. Hoffmann hat in seinem Sendschreiben dies Verfahren gebührend gekennzeichnet. Ich Möchte nur noch folgendes hinzufügen. Daß bei dem Versuche, die Riesenaufgabe zu lösen, die Welt des biblisch-talmudischen Judentum mit den Ergebniffen der griechischen Philosophie in Einklang zu bringen, Dissonanzen unausbleiblich waren, ist klar. Maimonides bleibt aber immer der Jude mit der geschlossenen Weltanschauung. Und wenn der Verfasser des Jab HachaS saka mit dem deS Moreh in Widerspruch gerät, so hat der Erstere den Bortritt. Aus zwei Gründen: Der Jad Hachasa'a ist das umfassendere Werk, es enthält die Halacha und die Philosophie. Und ferner der Moreh ist der Führer der Irrenden. Er kommt, wie sich das an vielen SteÄn Nachweisen läßt, den allzusehr aristotelischen Gedankenaangen dieser Leser entgegen. Die Unsterbltchkeitslehre bes Moreh z. B. ist die aristotelische, nach der nur die zum bov? gewordenen geistigen Errungenschaften des Menschen unsterblich wärm. Rach dieser Theorie könnm eigmtlich nur die Philosophen auf die Unsterblichkeit rechnm. Chisdai CrescaS ist inbezug auf diesen Punkt mit ganz besonderer Schärfe Maimonides mtgegengetteten. unserem Siddur noch gar nicht genug aus Geltung. Dasist fteilich auch eine ideale Seite des Siddur. Es ist das Bewußtsein unserer Schuld und der Schuld unserer Väter, das uns Niederdrücken soll und -das uns vor jedem Chauvinismus bewahrt, wie Lazarus das schön in seinem „Treu und frei" ausführt: Alle Völker haben ihre Ahnen mit poetischem Glanz verklärt, das Judentum allein bekennt: i2ni3Ki um« 73# 'l2Kttn: wir und unsere Väter haben gesündigt. Also wir wiederholen: Wäre nicht das Moment des Schuldbewußtfei ns ausschlaggebend, der Stolz und das Selbstbewußtsein Israels müßte noch viel mehr zum Ausdruck kommen. Die Denkschrift stellt es nun so dar, daß die „Partikularismen" auf die Zeiten zurückgehen, in denen noch der polittsche Nationalismus entgegen dem prophetischen Universalismus die Gemüter beherrschte. „Daß unsere unglücklichen Vorfahren, die Jahrhunderte lang an gemeinsamer Unduldsamkeit in dumpfer Ghettoabgeschlossenheit zu leben verurteilt waren, sich nicht angetrieben fühlten, an jenen Parttkularismen etwas zu ändern, ist nur zu begreiflich." . . . „Wir aber, die wir das Glück genießen, m erleuchteter Zeit usw., empfinden lebhaft das Bedürfnis — unbeschadet des stolzen Festhaltens an unserem Jüdischen Standpunkte, da wo es am Patze ist —- allein das humane Gemeingefühl reden zu laffen." So die Denkschrift. Aber das gerade Gegenteil ist der Fall. Unsere Vorfahren bedurften wirklich nicht der Hinweise, daß sie das auserwählte Volk seien. Draußen Mord und Totschlag, blinder Fanatismus, blöder Aberglaube und krasse Unwissenheit. Drinnen im Ghetto Opferfreudigkeit und H'in- §abe, das reinste Familienleben, das Licht der ehre auch die Niedrigsten erleuchtend. Heute aber, wo uns ein Meer von Licht umwogt, wo der Anteil des Juden an den Errungenschaften der Neuzeit nur ein kleiner ist, wo die bahnbrechenden Geister auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft säst immer Nichtjuden sind, heute könnte uns leicht das Bewußtsein schwinden, was denn nun Besonderes an unserer Gemeinschaft sei. Heute kann gar nicht genug dafür geschehen, unser Selbstbewüßtsein zu. heben, unseren Stolz zu stählen. Denn eben dies Selbstbewußtsein ist ja recht eigentlich das Einzige, das besonders in den Kulturländern in Gefahr schwebt. Man kann nicht mehr mit Feuer und Schwert mit Ausnahmegesetzen uns bekämpfen, aber die Wissenschaft und vor allem die christliche Theologie sucht unsere Eigenart, unsere geschichtliche Bedeutung und unsere Zukunfshoffnungen herabzusetzen, und aus kaiserlichem Munde fällt das Wott, es könnte nicht schaden, wenn dem auserwählten Volke der Nimbus geraubt wird. Nun wäscht ja der Oberrat seine Hände in Unschuld. Er habe nur dort die Partikularismbn gestrichen, wo sie nicht hingehören. Die Talmudweisen, die bekanntlich in der Midraschliteratur die Erwählung Israels zum Haupt-, gegenständ ihrer Betrachtungen machen, müssen wieder als Eideshelfer dienen, um die" Streichungen zu rechtfertigen Und die Denkschrift fährt dann fort (S. 54f): „Es ist unwahr, daß der Entwurf ... alles, was jüdisches Selbstbewußtsein ausdrückt, ausgemerzt habe. Gegen ein Buch, in welchem Stellen — allerdings da, wo sie hinpassen — Vorkommen wie S. 14 73K 12n2K, S. 16, 124 und 222 731 123 7m. nttffc „der uns erwählt hat aus allen Völker," S, 204 mm 03 nvw 3py> ynr1?, S. 84 fco mm 1231 Dy, S. 13217133*? 128330 12-p*?« Kin “pm v'yiri.7 p 12*773,71, S. 354 *?3Q 12mm .INtt 73 □'öyn, S. 198 und 380 umKi mm 123 -3 wvyn f?3ö nt2Hp kann nur böser Wille solchen Vorwurf erheben." Gemach! Wie konnten nur die Verfasser der Denkschrift so unvorsichtig sein, in diesem Falle ein heftiges Wort zu brauchen. Dachten sie nicht daran, daß ihre innerste Gesinnung sich in der dem Texte - beigegebenen „Uebersetzung" verrät, in der sie an den Wortlaut nicht so gebunden waren. Dem Leser der obigen von der Denkschrift gegebenen Proben wird es aufgefallen sein, daß nur an einer einzigen Stelle bei im D-oyn 732 123 die Uebersetzung beigegeben ist: „der uns erwählt hat aus allen Völkern." *) In der Tat an den anderen Stellen ist die Uebersetzung tendenziös gestaltet. Heißt z. B. “723 3py> my 7*^33 wirklich „der in deinem Dienste der Erste sein wollte"?- Oder ist es keine „Milderung", wenn D-yinn p 127-73.71 wiedergegeben wird: „und uns dem Irrwahn entrissen"? Oder 1231 ptr*?i oy *?33 mm „der du uns die Bestimmung gabst, dir zu dienen und wahre Gotteserkenntnis unter den Völkern zu verbreiten"? (Fortsetzung folgt.) LDfQ. orrespondenzen und W^achrichten. Detttsitzes Kelch. Karlsruhe, 8. Aug. Die unerhörten Angriffe, die die mit dem Schein der Wissenschaftlichkeit auftretende oberrätliche Denkschrift auf unsere «72pK macht, haben es den Herren Rabbiner Hoffmann-Randegg, Löwen stein -Mosbach, Schleßinger -Bretten, Spitz-Gailingen und U nna -Münnheim als ihre Gewissenspflicht erscheinen lassen, trotz der gefährlichen Folgen, die es für sie als „Beamte der Landessynagoge" haben könnte, folgende Kundgebung an den Großherzoglichen Oberrat der Israeliten zu richten: „Diü in den Voroemerkungen zu dem Gebetbuchentwurs des Großh. Oberrates und in der Denkschrift zur Begründung des Entwurfs ausgesprochenen Grundsätze und Anschauungen veranlassen uns zu folgender Erklärung: 1. Das durch ein nahezu tausendjähriges Alter ehrwürdige Gebetbuch, das überall sich eingebürgert hat, wo Juden in einem Gotteshause 'ttrfjj. zusammenfinden unb wo jüdische Kinder für jüdisches Leben erzogen unb unterrichtet werden, gilt uns als ein Heiligtum, das nicht nach der jeweiligen Zeitströmung umgestaltct werden darf. Wenn in der Denkschrift aus die zahlreichen' Verschiedenheiten in den Riten der Gemeinden hingewiesen wird, so ist dem entgcgenzuhalten, daß es sich bei den betreffenden Veränderungen niemals um Prinzivielle Umgestaltungen handelte, und daß man niemals ein Gebet aus dem Grunde wegließ oder umformte, weil man einen darin zum Ausdruck gebrachten Glaubensartikel - des Judentums nicht mehr anerkannte oder umdcutcte. . , 2. Die tit Unserem Gebetbuche enthaltenen Gebete, haben unseren Ahnen und uns bis aus den heutigen Dag zur Lobpreisung Gottes und zum Ausdruck der innigsten Gefühle gedient; wir müssen es bestreiten, daß sie den Empfindungen moderner Menschen nichr entsprechen und daß durch ihre Beibehaltung der Grundsatz der Wahrhaftigkeit vor Gott verletzt werde. Sre bilden ein Band der Gemeinsamkeit für die Bekenner des einzigen Gottes in allen Weltteilen: ihre Umgestaltung würde zwischen den Juden Badens und den übrigen Glaubensgenossen eine Scheidewand aufrichten. Sie würde aber auch in unserem Vaterlande selbst endlose Zwistigkeiten in -den Gemeinden zur Folge haben; denn die Anhänger des alten Gebetbuchs *) Die Uebersetzung der 771517 kl 33 lautet übrigens an den drei erwähnten Stellen folgendermaßen: S. 17: „Uns aber, 0 Ewiger,' hast Du. auserwählt aus affen Völkern, die Träger Deiner Offenbarung zu sein/-' und S. 125 und 323: „Daß Du vor allen Böllern uns gewü dtgt hast. Deine heilige Lehre zu empfangen." Man sieht, selbst an dieser Stelle ist der innerste Sinn deS hebräischen Textes noch um eine Nüance „gemildert". Daß Israel das Bott der Religion ist, wie die Griechen daß der Kunst unb die Römer daS des Rechts/ hat auch die extreme Reform nie bestritten, das ist ja eine geschichtliche Tatsache, die auch unsere Gegner nicht wegdisputieren können. ,