Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1907)
- Date
- 1907-08-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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WWWWWWWWWWWWWWMMWWWWDWWWWMWWMMWWW 1& airätfi 1907. Der Maeltt. «r . W. Sette S Aber indem unsere Üeberlieferung auf den Tag der Weltschöpsung mit den Worten hinweist: ' n^>nn nvn nr „Dieser Tag ist der Anfang Deines Schaffens," hat sie der Welt ihren Schöpfer, ihren Herrn und Meister, ihren Gott wiederdegeben und das ganze Universum von dem Niveau eines Heundenen Mechanismus in die Höhe eines Gottesreichs gehoben. Kfwn 121. Wäre die Welt wirklich nichts als ein blind funktionierender Schematismus von Naturkräften, so wäre der fehlende, irrende Sterbliche dem Untergang verfallen. Jede Abweichung, jede Auflehnung gegen diese Ordnung hätte den Tod zur Folge. „Fragt man die Wissenschaft nach den Folgen der Sünde, so lautet die Antwort: Die Sünder verfolgt das Unglück. Die Prophetin verkündet: Die sündige Seele muß sterben. Nur der Heilige, gesegnet sei er, besitzt die Macht mit seinem unerbittlichen Recht die unversiegbare Liebe zu paaren und den Sünder durch Teschuwo, durch Rückkehr zur verlassenen Pflicht von den Folgen seiner Sünde zu befreien." (Talmud Jeruschalmi Makkot II. 6.) Wohl ist das Gottesreich dieser Welt auf strenges, unbeugsames Recht und Gesetz gegründet, aber der Richterthron Gottes ist aus Liebe und.Gnade, aus Einsicht und Nachsicht gewoben. Wenn es schon im menschlichen Kreise wahr ist, daß alles begreifen alles verzeihen heißt, wie muß dann die tiefe göttliche Einsicht Bürgschaft für die verzeihende Nachsicht Gottes sein! Diese Gnade ist oie Signatur Gottes, diese verzeihende göttliche Milde ist es, was Gottes Waltung über das starre Naturgesetz erhebt, sie ist der Thron Gottes, der alles andere überragt, der das strenge Recht mildert und es trotzdem nicht trübt. Obwohl für unsere menschliche Auffassung "iDn und niöK sich gegenseitig auszuschließen scheinen, Gottes Allmacht weiß sie zu verbinden, Gott übt nicht das eine auf Kosten des anderen. Es ist dies eines der tiefften Probleme menschlichen Denkens, um dessen Lösung, nach der Lehre unserer Weisen, schon Mofcheh vergeblich gefleht. Unser Pijut stellt beides ION und nvtt, unvermitteltneben einander. Obwohl sich Gotten Thron auf Liebe gründet, waltet er doch auf ihm in Wahrheit. -JKD2 -1ON2 YO'! -NV82 2V'O (Fortsetzung folgt.) €in Brief an die 6<$erze$trenen Boy Dr. Wohlgemuth in Berlin. (Fortsetzung). C. Weglassung der Stellen um Wiederherstellung des Opferrituals und des Davidischen Königthums. ') (S. 20—34). terr Dr. Hoffmann hat in dem erwähnten schreiben sich der undankbaren Mühe unterzogen, auf alle schiefen und widerspruchsvollen Beweisführungen der Denkschrift in den dogmatischen Fragen einzugehen. Ich verweise Sie auf diese gründlichen Auseinandersetzungen. Mir scheint es freilich, als ob es Schade um die kostbare Zeit ist, die auf derartige Widerlegungen verwandt wird. Nicht nur, daß es uralte Dinge sind, die die Denkschrift vorbringt aus der Sünden Maienblüte der Reform und die schon oft genug widerlegt sind. Man muß die ganze Auseinarwerfetzuna hierüber a limine ablehnen. Wer an die Wiedereinführung der Opfer und des Davidischen Königtum nicht glaubt, wer'sie nicht wünscht, dem kann man selbstverständlich nicht zumuten, um dergleichen Dinge zu beten. Aber wie kann ein solcher Mensch nur auf die Idee kommen, unseren alten Siddur zurechtstüden zu wollen! Das kommt mir so vor, wie das *) Hierher gehört auch S. 40—48 der Denkschrift, die ArrslaffungÄver öie Auserstehung der Toten. Bestreben Chamberlains, Bewers und Konsorten, das Christentum und das neue Testament vom Orient und vom alten Testament loszulösen. Jeder christliche Theologe hat für ein derartiges Unternehmen nur ein spötttsches Lächeln. Das ganze Fundament des neuen ist ja im alten geneben. Die beiden bilden ja ein untrennbares Gewebe, so eng schlingen sich die Fäden von einem zum anderen. Und jüdische Theologen konnten vergessen, wie das ganze Leben des Juden der Zionsgedanke durchzieht, wie das ganze Gebet, d. h. unser Gebet sein Fundament in dem Opfer hat. Selbstverständlich kann man auch beten ohne alle Bezugnahme auf Opfer und auf den Messias. Aber wie kann man dann noch den Siddur als Ausgangspunkt und Grundlage benutzen? Dann kommt eben ein solcher Wechselbalg zu Stande, wie er im badischen Gebetbuch vorliegt. Also auf die dogmatischen Fragen will ich im Einzelnen nicht eingehen. Nur ein charakteristisches Beispiel soll wieder hervorgehoben werden. Es ist so recht bezeichnend für den Hochmut, mit dem die „Liberalen" auf uns herabsehen, für den Stolz, der ihre Brust schwellt, wenn sie sich als Vertreter des „modernen Empfindens" fühlen. Auch hier werden wir zeigen, daß es gerade der Oberrat ist, dem das „moderne Empfinden" abgeht, daß seine Gedankenwelt der Modergeruch des achtzehnten Jahrhunderts umwittert. Die Denkschrift (S. 43 Anm. 1) unterstellt nämlich den Gefetzestreuen — wenn sie sich auch etwas vorsichtig ausdrückt — oder „der heutigen^) Orthodoxie" wie sie sagt: wir fteuten uns darauf, daß wir in den Gewändern, in denen wir begraben würden, wieder auferstehen, dann ein schönes Stück Fisch vom Leviathen kriegen, dazu den Wein Jahrgang 1 nach der Schöpfungsära. Das sind Leckermäuler, die Gesetzestreuen! Was? Und was für krasse Materialisten! Demgegeuüber der Oberrat: der reine Geist und so uneigennützig! Ich brauche Ihnen, sehr geehrter Herr, nicht die bekannten Deutungen jener poetischen Agadas zu wiederholen. Dem Oberrat aber gegenüber, der die „innerkirchlichen Aufgaben" der gesamten badischen Judenheit zu lösen sich unterfing und in dessen Kopf sich die Glanbenswelt der Gefetzestreuen in diesen Zügen malt, dem Oberrat gegenüber möchte ich über die Stellung, die man zu den Dogmen einnehmen kann, folgendes bemerken: Es sind da zwei Auffassungen möglich. Die eine ist die reli gionsgeschichtliche. Sie gibt sich völlig der modernen historisch-naturwissenschaftlichen Weltanschauung gefangen. Wie Kunst und Wissenschaft ist auch die Rüigion für sie eine Funktion der Volksseele, auch die jüd. Religion ist das Produkt einer langen geschichtlichen Entwickelung. Die protestantische Bibelkritik hat ihrer Meinung nach bewiesen, daß auch der Monotheismus sich nicht in seiner Reinheit offenbart, sondern von hervorragenden Männern, den Propheten, Stufe für Stufe aus eigenem Empfinden und individueller Erkenntnis geschaffen wurde. Es ist klar, daß von diesem Standpunkte aus über die Wahrheit der Dogmen überhaupt nicht gestritten werden kann. Die Dogmen sind ja nichts anderes als der Ausdruck der jeweiligen Erkenntnis der Glaubensgemeinschaft und ihrer Führer. Unsere Zeit, die eine jede Stufe in ihrer geschichtlichen Beschränktheit erkennt, steht außer aller Dogmengläubigkeit. Wie könnte für uns verbindlich sein, was frühere Generattonen gedacht und gefunden? Wenn nun doch gewisse religiöse Lehren festgehalten werden, so ist das eigentlich inkonsequent. Sie werden auch nicht als Dogmen übernommen, sondern als Wahrheiten, die aus philosophischen und psychologischen Prinzipien ableitbar find, wenn sie auch schon in alter Zeit bekannt waren. Die zweite ist die religiös-kritische, wenn wir so sagen dürfen. Es ist die Auffassung des gesetzestreuen Judentums. Das Judentum pellt die Dogmen nicht in den Vordergrund, *) Bon der Denkschrift gesperrt gedruckt. es lehrt keine Dogmen, aber diese sind die unabweislichen Voraussetzungen seiner Lehre, die notwendigen Vorbedingungen seiner Existenz. Wie die Bibel nicht das Dasein Gottes lehrt, aber mit dem ersten Schriftvers dies Dasein als gegeben voraussetzt, so ists mit den anderen Dogmen. Man könnte diese mit den Po st u laten Kants vergleichen. Das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit, die Willensfteiheit können nicht bewiesen werden, aber es sind Forderungen, ohne die unser Sein und unser Weltbild nach Kant keinen Sinn haben. In gleicher Weise ist für uns own p min, daß die Thora in dieser Form und mit diesen Gesetzen von Gott dem Volke Jseael offenbart wurde, ein Dogma. Es ist ein Postulat unserer Religion. Das Dasein Israels hat keinen Sinn, seine Fortexistenz hat keinen Wert, wenn seine ganze Bedeutung nur eine geschichtliche ist, wenn seine Aufgabe nur war, der Welt den Monotheismus zu bringen. Wenn es nicht Gott ist, der uns diese Gesetze gegeben, unser Volk für alle Zeit auf sie verpflichtet hat und die Uebertretung vieler, wie des Sabbathgebotes, der Ehegesetze u. a. als Todessünde gekennzeichnet, so hätte es keinen Sinn, daß wir um einer ruhmvollen Vergangenheit willen uns dagegen sträubten in unserer Umgebung aufzugehen. Aber ebenso ist die Offenbarung D'ötfn 70 min für uns ein Postulat noch aus einem anderen Grunde. Welches Kriterium haben wir für die Aufgaben, die uns gestellt sind, für die Gebote, die . wir zu erfüllen haben, wenn wir uns selbst zum Richter aufwerfen über den Inhalt der Offenbarung, wenn das Buch, das die Offenbarung enthält, Menschenwerk ist, nur den Anschauungen und den Bedürfnissen der Zeit entsprechen soll, in der und für die es geschrieben ist? Aehnliches ist für den Glauben an einen persönlichen Messias auszuführen. Dies Dogma ist ebenfalls ein Postulat der jüdischen Religion. Nicht so sehr die. ganz allgemein gehaltene Hoffnung auf ein goldenes Zeitatter, auf eine Vollkommenheit des Menschengeschlechts. Auch ein Bölsche ist der Ueberzeugung, daß die „innere Logik der Natur" diesem Ziele zustrebt. Es können freilich Jahrmillionen darüber vergehen, tote es Jahrmillionen gewährt hat, bis auf unserer Erde der Zustand erreicht war, dessen wir uns in der Gegenwart erfreuen. Jede positive Religion, die nicht auf dem Standpuntt eines verwaschenen Deis-, mus steht, begnügt sich nicht mit der Hoffnung einer von Gott völlig unabhängigen Entwickelung der Menschheit. Und die Bekenner der Mischen Religion im Besonderen leben, wie sie des Glaubens sind, daß Gott es war, der ihre Väter durch Moscheh aus Aegypten geführt, so der unerschütterlichen Hoffnung, daß Gott es sein wird, der durch einen Messias sie selbst dereinst erlösen wird. Sie sind nicht der Meinung, daß der Weg nur über eine natürliche Entwickelung führt und daß eine Etappe auf diesem Wege die Friedenskonferenzen zu Haag find, au? denen die Veranstalter der Pogroms mit dem Vorsitz he- - ehrt werden. Es ist nicht Egoismus, der diesen Wunsch in uns lebendig erhält, hängt doch an unserem Hell das Heil der Menschheit. Es ist nur der Ausdruck der Ueberzeugung, daß Gott über der Natur steht, daß er ein Wunder zu. vollführen und an jedem Tage uns den Erlöser zu senden vermag. Das Judentum nimmt nicht an, daß Gott um eines einzelnen Menschen willen , die Naturordnung durchbricht. Alle Wunder, die uns in der Bibel berichtet werden, find an dem Volke oder um des Volkes willen geschehen, um die gottgesandten Männer in ibver Sendung zu beglaubigen. - Daß Gott auch jederzeit wieder ein Wunder an seinem Volke zu vollführen vermag, diese Ueberzeugung kommt in dem Glauben an den persömichen Messias zum Ausdruck. Aber auch hier: noch in einem anderen Sinn ist für uns dieser Glaube ein Postulats Die Propheten find für uns Gesandte Gottes. Sie haben uns das Schicksal Israels und der Menschheit gekündet. Welche Bedeutung kann in ihren Worten für uns liegen, wie könnte uns 'i 4