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Der Israelit · 1907-08-15 · Heft 33 (15.8.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 33 (15.8.1907)
Date
1907-08-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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^Modernen^^innopunM aus ganz richtigen Wtacke auf die Verbindlichkeit eines biblischen Verbotes, dennoch die Unverfrorenheit hat, im ‘ iden Atemzüge das Märchen von der brüderlichen Ähnlichkeit zwischen Orthodoxie und Reform , uufzutifchen — das ists, was unser beleidigtes Wahrheitsgefühl verletzt und empört. ' Täuschen wir uns doch nickt. Ob die Bibel .mit allen ihren Buchstaben und Sätzen und nun - gar die mündliche Lehre mit allen ihren WO ntPü1? im alten Sinne Gottes Wort -sind oder nicht, ob sich der Schöpfer und Urgrund der Welt in einem noch heute unverfälscht vorliegenden und daher in allen Einzelheiten verbindlichen Dokumente dem Menschenaeiste offenbart hat oder nicht — das ist wahrlich keine philologische Spezialfrage und es ist auch kein formal-theologischeS Problem, das hinter dem sachlichen Inhalte der Glaubensvorstellungen f rückzustehen hätte. Nein — wir rufen die hrlichen in allen Lagern zu Zeugen dafür an, ob nicht mit der Bejahung oder Verneinung jener Frage der ganze Charakter der Weltanschauung sich ändert, ob nicht ein Ja oder Nein an diesem entscheidenden Punkte . giösen Denkens letzten Endes mit unausbleiblicher Energie hinauswirken muß auf alle Ge- Write, die überhaupt religiös bestimmbar find: Mf Empfinden und Wollen, auf Sitte und,Br auch, auf Bo lkskultur und ethisches Ideal? Die „Reform" mag — historisch betrachtet — ursprünglich in der Tat aus ästhetischen und — politischen Gesichtspunkten an der äußeren Gestaltung des Kultus und der religiösen Pflicht- Übung herumgenestelt haben. Solange sie sich darauf beschränkte, hatte sie vielleicht noch ein oiffes Recht auf das unschuldig-naive Ge- >t, mit dem die Allg. Zeitung des Judentums e sommerliche Maskerade zu begehen für gut findet. Allein diese fromme Unschuld ist ja leider längst, längst zur — Maskerade geworden. Heute ist das Wesen des reformierten alias modernen Judentums einfach: die Leugnung des göttlichen Charakters des Pentateuchs, die Leugnung der Offenbarung im alten, überlieferten Sinne. Nur weil auf der anderen Seite auch der Gottesbegriff des Christentums von der Reform abgewiesen, und die Gleichwertigkeit der jüdischen, besser prophetischen, Ethik gegenüber der christlichen verteidigt wird, nur darum tritt dieser durchaus negative Gehalt unsres Reformjudentums nicht mtt so erschreckender Deutlichkeit in die Erscheinung, wie er sich der nur ein wenig ttefer dringenden Erkenntnis ohne weiteres entschleiert. Fragt man uns aber, ob es denn der Mühe Kleines Feuilleton. Lin jüdischer Mitreisender. Es gibt kaum ein bewohntes Land, das Herr- Ar on ^ö'echf, ern geborener Deutscher, auf fernen* RÄfen nocv Irrcht Ifeitnen gßrecnf Qatte. "Bein Beruf — tue Fabri'rcktron don Kühlapparaten Und M'nrr'chtungen zum Aufbewahren von Fleisch — ist die Veranlassung ferner Reisen, und er ist überall von seiner Frau und feinen Kindern begleitet. Seine Kinder sind tz» den verschiedensten Staaten geboren. Die Fanrilie Becht hält unerschütterlich an der Tradition des orthodoxen Judentums fest und hat unter dm schwierigsten Umständen die Speisegesetze und alle tntbeteu religiösen Pflichten aufs minutiöseste beobachtet. Aron Becht besitzt Geschäfte in Kanada, Austra- 'lifttt Aegyprcn, Indien, Südafrika, Neuseeland und Argentinien. In Argentinien hat er sich sünlzehn Monate aufgehalten und während dieser Zeit weite Teile des Landes genau kennen gelernt. Eurem Vertat«: der „Jewish Chronicle" hat er über die Juden in Buenos Arres und in den Kolonien wertvolle Mitteilungen gernacht. Bon dem gegenwärtigen Stand -er Kolonien hegt er keine günstrge Meinugg. Die Nördlichen Ansiedlmrgerr von Santa FS und Entre MvS habe ourch Heuschreckenplage und Dürre und Äne dadurch verursachte schlechte Maisernte stark ge- «ttett Die einzige blühende Kolonie sei Maurrew. Herr Becht berichtet, daß die Kolonisten der I. C. A., lohnt, den Sommernachtsträumen der fromm^ Neologie zu liebe die trocknenden Tintenfässer mtt frischem Naß zu füllen, ob es nicht besser wäre dieses ganze Spiel religiöser Unwahrhaftigkeit dem sicheren Geschicke aller Halbbeit zu überlassen, so müssen wir auf die politische Gefahr Hinweisen, die in diesem systematischen Frommtun der Neologie noch immer geborgen liegt. Der Rosinsche Entwurf zwar ist tot und sicherlich wird sobald nicht ein ebenso stolzer Bau religiöser Zwangseinrichtungen auf dem morscken Grunde der angeblichen „Bekenntniseinheit des Preußischen Judentums" sich erheben. Aber noch ist nickt aller Tage Abend. Je mehr die Reform ihre „Rechtgläubigkeit" versichert, desto mehr heißt es fiir die Orthodoxie auf der Hut sein gegen neueFormen derzwangsweisenGesamtorganijatton. Wenn sich ein ausgesprochen orthodoxer Rabbiner mit emem ausgesprochen neologen — sicherlich in der vortrefflichsten Absicht — zur Abfassung einer pädagogisch brauchbaren „Apologetik des Judentums" zusammentut, wie nahe liegt dann für den Fernstehenden der verhängnisvolle Glaube, es gäbe in der Tat einen ehrlichen Religionsunterricht, der sowohl der bibelkritischen Reform wie dem überlieferungstreuen alten Judentum Genüge tun könne! Eins ist sicher: auch der Reform wächst ein junges Geschlecht heran, das der Halbheit satt und überdrüssig ist. Wenn diese Schar erst in die Arena des politischen Kampfes eingetreten sein wird, dann ists aus mit der grünen Berliner Maskerade. Auf den Trümmern der konfessionellen Reform wird sich die nationale erheben, die, logisch besser fundiert als die entschlafene Kultusreform, uns früher oder später neue schwere Kämpfe bringen muß. Möge diese neue Zeit uns gerüstet finden und gewappnet. Kochenrvnöschan. Der 3ioniftenhongref? im Baag. Der achte Zionistenkongreß hat gestern im Haag seinen Anfang genommen. Daß gerade der Ort, an dem die Friedenskonferenz gegenwärtig ihre Sitzungen abhält, gewählt wurde, ist kein Zufall. Man will den versammelten Vertretern der Mächte ins Gedächtnis rufen, daß zu den wenn ftcfo eine Gelegenheit Mietet, ihr Anwesen verkaufen und in Buenos Aires ein Geschäft anfangen. Das Landleben sage ihnen nicht zu. Becht rühmt die Schönheit des Landes und den vorurteilslosen, vom . nWEH nicht berührten Sinn der eingeborenen Bewohner. Viele derselben haben jüdisches Blut rn ihren Adern, da sie Nachkommen spanischer Marannen sind. Der Präsident der Republik rühmt sich dieser jüdischen Abkunst. Obwohl die Kolonisten also durch die ursprüngliche Landbevölkerung nicht nn geringsten mit Feindseligkeiten behelligt werden, streben sie doch, toenn sie sich etwas Geld gemacht haben, nach der Hauptstadt. Im vergangenen Monat sind 1500 Juden nach Rußland zurückgewarldert. Bon diesen hat aber nur ern kleiner Teil in den Kolonien gelebt. Da die Ernte mit der Hand geschnitten wird, bedarf es dazu zahlreicher Arbeitskräfte, und es treffen zur Erntezeit 250,000 Personen aus allen Teilen der Welt ein. Die Juden werden zu dieser Zeit vielfach von einem durch den Blütenstaub, der in der Luft umherfliegt, verursachten Halsleiden befallen und müssen sich dann in die Spitäler von Buenos Aires ausnehmen lassen. Es kommt nicht fetten vor, daß während dessen ihre Familien in der Hauptstadt verkommen. Die Baron Hirfch'schen Kolonien bezeichnet Becht bei alledem als imtcoll, insofern sie fünf bis sechs Tausend Juden den Lebensunterhalt gewähren. In Buenos Aires wohnen etwa 20,000 Juden. Davon fiitb etwa 500 in französischen und deutschen Geschäftshäusern tätig, ferner gibt es einige reiche spanische Juden. Wie es um die religiösen Verhältnisse der Hanptgemeinde bestelle ist, lehrt die Mitteilung Bechts, daß der Gründer ihres Tempels, der auch als ihr Rabbiner fungierte, eine Katholikin zur Frau hat; feine Kinder sind natttrltch ebenfalls Katholiken. Das gleiche gitt vom Borsteher. Die ersten Mischen Einwanderer, internationalen Problemen, mit WÄr sich dir Friedenskonferenz beschäftigt, auch die Judennot, in den osteuropäischen Ländern vor allem, gehört, und will ihnen ferner^ zeigen, daß der Zionismus nicht die Phantasie einiger Schwärmer ist, sondern einer Bewegung, die vermöge der Zahl ihrer Anhänger und ihrer organisatorischen Mittel berechtigten Anspruch auf die Beachtung der Polittker bat. Letztere Absicht dürfte wohl erreicht weroen, denn die zionistische Zentralleitung hat alle Bemühungen gemacht, um den Kongreß zu einer eindrucksvollen und bedeutenden Revue zu gestalten. Allerdings kam in der zionistischen Presse allseitig der Wille zum Ausdruck, einen „Arbettskongreß" abzuhalten und die Reden über den zionistischen Gedanken im allgemeinen auf ein Mindestmaß einzuschränken. Dieses' Bestreben, das sich übrigens als Reaktion gegen die Form der früheren Kongresse schon vor zwei Jahren in Basel geltend gemacht hat, wird denn wohl auch auf den Verlauf der Verhandlungen von Einfluß sein. Was die aktuellen Fragen der Bewegung, mit denen sich die Versammlung zu befassen haben wird, anlangt, so ist anzunehmen, daß der Streit zwischen Territorialismus und Palästinazionismus keine Gewitterstürme mehr bringen wird. Die Territorialiften haben in der zionistischen Partei keinen Boden mehr, und höchstens in einem schwachen Wetterleuchten als Nackwirkung vom vorigen Kongreß wird der Kampf oer Gegensätze zum Ausdruck kommen. Unter dem Druck des Territorialismusstreits ist jedoch nach dem 7. Kongreß in weiten zionistischen Kreisen eine starke Tendenz auf prakttfche Gegenwartsarbeit in Palästina zum Durchbruch gekommen, und diese Tendenz wird auch die Verhandlungen im Haag in vorwiegender Weise beherrschen. Auf dem Gebiete der politisch-diplomatischen Arbeit hat. seit Herzl's Tode die Frage der Organisation der Parteileitung den Zionisten zu schaffen gemacht. Auch diese Frage .wird nach den zionistischen Preffestimmen auf 'dem Kongreß eingehend erörtert werden und vielleicht zu organisatorischen Aenderungen führen. Für die Beratungen, zu denen etwa 400 Mitglieder erwartet wurden, ist eine ganze Woche in Aussicht genommen. Wir werden darüber des Näheren berichten. * * * Eine Schlappe der Alliance Israölife Qnioerfelie. Die türkische Regierung hat die Wahl R- Jakob Meirs, des ehemaligen Kandidaten für den Posten des Jerusalemer Chachambaschi, zum Rabbiner von Salonichi nicht bestättgt. Der Generalinspektor von Mazedonien Hilmi die sich in Buenos Aires niederließen, machen der .dortigen Judenheit durch das verruchte Gewerbe, das sie betreiben, viel Schande. Es ist deshalb gut, daß die später Angefiedelten jede Gemeinschaft mit ihnen meiden. Die portugiesischen Juden sind die einzigen Bewohner, die eine besondere ständige Begräbnisstätte haben. Es gibt mehr als zwanzig Betstuben in Buenos Aires mrt ebensoviel Magidim und Schächtern. Dabei sind aber alle jüdischen Läden am Sabbath geöffnet, sogar die der den Rabbinern unterstehenden Fleischer. Die Bureaus der I. C. A. weroen am Sabbath Nachmittag um zwei Uhr geschloi.sen. Becht hat während fernes Aufenthalts rn Buenos Aires die Gründung einer Schechitah-Kommission zustande gebracht, die auch für die Beobachtung des Sabbath eintritt. — Trotz der. nicht sehr günstigen Eindrücke, die Becht von den argentinischen Kolonien mitaebracht hat, zweifelt er nicht an oer Brauchbarkeit der Juden zum Ackerbau. Er führte ein Beispiel aus Otago in Neuseeland an, wo ein von einer Bank unternommenes Arrsiedlungswerk in die Brüche ging, obwohl die Ansiedler von jeher Landwirte gewesen waren. Dann kamen aber einige Nachzügler, die ganz selbständig an die Arbeit gingen; diese hatten Erfolg und heute ist OtagS eines der herrlichsten Kleinodien in der britischen Krone. Ans solchen Beispielen müsse für jede jüdische Kolonisation gelernt werden. Daß es den Juden an den nötigen Fähigkeiten nicht gebricht, hat Becht im Namaqualcmd gesehen, wo ehemalige jüdische Hausierer sich zu großen Farmbesitzern emporgearbeitet haben.

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