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Der Israelit · 1907-08-15 · Heft 33 (15.8.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 33 (15.8.1907)
Date
1907-08-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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48. Jahrgang. franhfurf a. M.. 15. üiiauR 1907. 5. kiul 5667. M 33. Der Israelit erscheint - jeden Donnerstag. Avormemeuts r Gewöhnliche ZkrSgaLe Mk. ILO vrerteljährlich, HestauSgab« auf 8. | <n“ vier Ml. S.— vierteljährlich. (AilSland-preife für W Kwöhuliche Ausgabe: Oeüerreich S Kr., RuKand l Bub., England 2 sh., Amerika 60 cts., Mederlande 1,20 fl.) Abonnementallen Postanstalteu, Buchhandlungen, sowie bfapeS bei der HKpedition, HefNWgabe nur direkt. Referate r 30 Mennige ftzr die sech-gespaltene Lolonel-Aeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratnrannahme ^uc durch HaW^Eeiu «.Bögler A-G. •ftt* - PMs><rZ!kaffe Wie« Sl». 79606, ' FralSfurt a: M. und deren Filialen. «ont» bei de« «. Postsparkasse««»! »«»apest Wt9* 184»# M Sontmcr-maskcradc. Auch die jüdische Oeffentlichkeit hat ihre Sauregurkenzeit. Wenn die Reisesaison einsetzt, in den Gemeindestuben und Bereinsbureaus die Herren Sekretäre ohne störende Eingriffe der ehrenamtlich leitenden Justiz-, Geheim- und Kommerzienräte ihres Amtes walten können, und in den Sitzungszimmern gar die Tinte allmählich eintrocknet, die sonst als -Lebenselixir alle Adern des modernen Gemeindejudentums durchströmt, dann wird's auch knapp mit aktuellem Stoff für die Leitartikler der jüdischen Blätter. Es passiert nichts,' mag auch auf Bergeshühen oder am Gestade des Meeres mancher neue Plan zur Rettung des niemals eifrig genug zu rettenden „modernen" Judentums ausgeheckt werden — das nützt dem Zeitungsmenschen nichts, die nur „Fälle", Sensationen, Ereignisse und sonstige greifbare politische Koncreta gebrauchen kann. Was also tun? Der gequälte Redakteur greift zu dem von Dichterschwung besungenen letzten Mrttel des ausgehungerten Tatsachenmenschen und „flüchtet aus der Sinne Schranken in die Freiheit der Gedanken". Diesem vsychologischen Vorgang ist's wohl zuzuschreiben, daß die bewährte Ruferin im Streite für modernes Judentum zu Berlin urplötzlich das dringende Bedürfnis empfindet, wieder einmal die „grundlegendenden Ideen des modernen Judentums den verschiedenen Richtungen gegen- Äer offen*) klwHulegen." 2 Daß der v«schrte HE. Kotige, "der diese offene Klarlegung zu Nutz und Frommen der nach Wahrheit lechzenden Zeitgenoffenschaft unternahm, fich redlich bewußt ist, die Wahrheit gesagt zu haben, wollen wir hier ausdrücklich als unsre aufrichtigste Ueberzeugung feststellen. Wenn das Ergebnis seiner Bemühungen trotzdem für jeden unbefangenen Leser die Empfindung äußersten Widerwillens gegenüber dem Programme des „modernen Judentums" sein muß, so liegt das in der inneren Unwahrhaftigkeit dieses Programms. Der Beweis dafür ist leicht und zwingend aus dem Artikel selbst zu führen, der sich also vernehmen läßt: „In jeder Religion gibt es Orthodoxe und Reformierte, wie es in jchem Staate Konservative und Fortschrittler gibt, gleichviel, ob fie so genannt werden oder nicht. Es ist eine solche Einteilung so natürlich, wie Tag und Nacht natürlich sind. Natürlich und auch zweckdienlich. Orthodoxe und Reformer könnten daher den gegenseitigen Standpunkt ganz , ruhig anerkennen, könnten auch sich gegenseitig bekämpfen, brauchten aber durchaus nicht einander zu verachten und als Todfeinde zu behandeln, wie es leider oft geschieht. “ ist eS Oi Natürlich gibt es Orthodoxe und Orthodoxe, wie es Reformierte und Refcrmterte gibt. Wir haben nichts zu *) Bon uns hervorgehoben. Red. tun mit jmen, die alles über Bord werfen, die wie naseweise Kinder, die etwas munkeln gehört haben, den Storch leugnen. Wir haben natürlich auch nichts zu tun mit denen, die die Grundlagen unserer Religion verleugnen. Aber ebenso natürlich haben wir mit jmen nichts zu schaffen, die fest die Augen schließen, die durchaus nichts sehen wollen und sola ge blind fich stellm, bis ne das Sehen in der Tat fich abgewühnt haben und dann nichts mehr sehen können. Wir habm nichts zu tun mit denen, die alle im Laufe der Jahrhunderte angenommenen Gebräuche, auch wenn fie mittlerweile Mißbräuche geworden find, den wichtigsten Geboten der mosaischen Gesetzgebung gleichstellen, und selbst mit dmm nicht,. die unter keinen Umständen auch hier Unterschiede machen können. Man hört wirklich nicht gleich auf Jude zu sein, wenn man fich nicht mehr am Sabbath, wie es unsere Großvätergetan haben, das Taschentuch um dm Leib wickelt, dm Schirm nicht aufmacht, oder gar, wMn man am Sabbath ein Stück Papier zerreißt, ein Licht anzündet oder aus löscht, (von uns hervorgehoben Red.) einen Brief öffnet, und was solcher- Kapitalverbrechm mehr find. Dabet können wir uns ganz jjut die Motive vorzu gewissen laßt haben. Pietät oder um kein Aergernis zu geben, trotz besserer Erkenntnis, fich diese , Anordnungen fügt, so ist dagegen auch nichts zu sagen. Wohl aber ist auf das entschiedenste zu protestieren dagegen, oäß verlangt wird, alles müffe heutzutage noch aufrecht erhalten werben, auch was als morsch und baufällig erkannt worden ist. Vielleicht sogar versündigen fich »m gerade am Judentum und schadm ihm, die mit acht alles bis zum letzten Tüpfelchen austecht erhalten wollen, was fich vor der heutigen allgemeinen rkenntnis durchaus nicht mehr austecht erhalten läßt, wie diejenigen sündigen und schadm, die ein anfälliges Haus um jeden Preis in feinem baufälligen Zustande zu erhalten bemüht find.! Die Orthodoxen sinh besorgt, ,daß, wenn-man eines «md daS cürvere mir voü den vorsorglichen Rabbinm um Die Lehre errichtetm Forts, wie wir. „Geder" übersetzen wollen, schleift, bald alles verloren sei. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Wie oft werdm nicht selbst von dm Kriegsverwaltungen Bastionen, ->ußenforts, Wälle als nicht mehr zweckdienlich und schon darum schädlich iaufqegeben? In wie vielen deutschen Städten haben inicht düstere Mauern und Wälle breiten Straß n und ^freundlichen Promenaden Platz gemacht? Die Festungen ifind hier und da darum doch gebliebm, und wo das nicht ,der Fall ist, erfreuen fich doch die Städte des besten Gedeihens, ohne daß darum daS Vaterland Schadm gelitten ihae.. Im Gegenteil. Die Städte konntm fich bester mt- 'talten, und die bestehen gebliebene Festung kann infolge per größerm Konzentration der Kräfte nur um so beffer verteidigt werden." , Wenn man diese großväterlichen Ergüsse liest, mit denen hier in geradezu beleidigenoer Oberstächlichkeit der Ernst religiöser Fragestellungen auf das Niveau eines Berliner Salongesprächs herabgestimmt werden soll, dann weiß man wirklich nicht, ob ein befreiendes Lachen oder die Träne um unseren religiösen Verfall die gebührende Antwort bildet. Lachen möchte man über die offensichtliche Naivität, die bei dev Aufzählung der angeblich im Laufe der Jahrhunderte „angenommenen Gebräuche" das „mosaische" LichtanMnden am Sabbath in aller Seelenruhe aus tzer,M0- Iti & falschen Gesetzgebung" ausscheidet und zu den „Gedorim" rechnet, lachen über die geschmacklose Ueberhebung, die sich — man denke! — sogar vorstellen kann, daß gewisse Gebote und Verbot, gewisse,,Gebräuche und Verordnungen" früher einmal berechtigte Motive gchabt hätten — allein der Geist, der aus diesem ganzen Bekenntnis einer schönen Reformseele spricht, der ist wahrlich zu jammervoll, zu unwahr und — politisch zu gefährlich, als daß man darauf mit einem bloßen Lächeln reagieren dürfte. Gewiß gibt es kein gewaltigeres Ringen als das der modernen Menschheit nach einem geistigen Lebensinhalt, nach einem Prinzip, das bem rastlos dahiujagenden Kulturprozeß Ziel und Zweck, dem zwischen Himmel und Eroe schwebenden Menschengemüte Halt und Befriedigung zu geben vermag. Der Menschheit dieses Prinzrp nicht nur einmal überbracht zu haben, sondern^ — auf Leben und Tod — es zu verwahren zur* immer tieferen Erkenntnis im Gange der Jochrtausende — das ist der welthistorische Anspruch des jüdischen Volkes, des Volkes der Thora. Man kann diesen Anspruch leugnen, kann Bibel und Sinai - Überlieferung als das all- . mählich gewordene und allmählich veraltende Erzeugnis orientalischen Volksgeistes ihrer göttlichen Majestät berauben und dem Belieben menschlicher Kritik preisgeben — das ist, nach jüdischer Anschauung, ehr Verbrechen zwar an iJudenvolk urcki Menschheit, aber es ist ein Ber brechen, das doch, wenn es mit logischer Klarheit begangen und in seinen Konsequenzen zu Ende gedacht wird, zum wenigsten einer gewissen ästhettschen Größe nicht entbehrt. Der ehrlichen, radikalen Leugnung gegenüber, die die Brücken hinter sich aboricht und mit Mannesmut ohne den erborgten Schimmer eines verlorenen Paradieses, in das brandende Meer der selbstherrlichen Menschenkultur hinaussteuert, der ehrlichen, radikalen Leugnung gegenüber senken wir den Degen mit dem Respekte, den jede ehrliche Ueberzeugung, auch die irrige, beanspruchen darf. Was aber soll man zu Männern sagen, die uerst über den furchtbaren Ernst des Kampfes Weltanschammgen nach der Weise alter er Weiber wimmern, die Gegensätze zwischen Orthodoxen und ^Reformierten" durch die abgebrauchtesten Floskeln als belanglos voitzutäuschen suchen und hinterdrein doch nicht umhin können, kurzerhand das Gotteswort selbst, die „schriftliche^ mosaische Lehre zum wechselnden, veränderlichen Volksbrauch zu degradieren! Nicht daß sie das „Lichtanzünden am Sabbath" aufs Korn nimmt, verübeln wir der Zeitung des modernen allgemeinen Judentums, sondern daß fie trotz dieser vom

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