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Der Israelit · 1907-08-08 · Heft 32 (8.8.1907) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 32 (8.8.1907)
Date
1907-08-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 32 des „Fsraelit". v euilleton. Der Enkel. Erzählung von Friedrich Rott. Die Firma L. H. Gotthold gehörte zu den angesehensten des Landes. Der Urgroßvater des gegenwärtigen Inhabers hatte das Geschäft gegründet, hatte mit Wenigem oder bester gesagt mit Nichts angefangen, hatte es aber durch rastlosen Fleiß und durch Sparsamkeit uno vor allem durch strengste Rechtlichkeit und last not least durch dauerndes Glück so weit gebracht, daß er bereits seinen Sühnen ein angesehenes Bankhaus hinterlassen konnte. Seitdem war der Ruf des Hauses gestiegen, wenn auch nicht von Jahr zu Jahr, so doch von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Alle Kriege und alle Krisen hatte das Haus überdauert, ohne je auch nur erschüttert worden zu sein. Das Glück des Hauses L. H. Gotthold war sprichwörtlich geworden, mochten die Würfel fallen wie sie wollten, L. H. Gotthold hatten immer gewonnen. Der Gründer der Firma war ein streng frommer Jude gewesen, eine Viertelstunde vor Beginn des Sabbaths war das Geschäft regelmäßig geschloffen worden und bevor beim Sabbathausgang eine Drei-Sterngruppe am Himmel sich gezeigt, war es nie geöffnet worden. Auch seine beiden Söhne hatten sich streng an die Lehren ihres Vaters gehalten, hatten sich auch nicht die leiseste Abweichung gestattet. Der älteste war kinderlos gestorben, der zweite hatte einen Sohn hinterlaffen, der sich bereits veranlaßt gesehen hatte, dem sog. Beitgeist Konzessionengu machen, indem er auch im Herbst und Winter an den kurzen Freitagen das Geschäft nie vor acht Uhr schließen ließ. Daß sein Sohn und Erbe daraufhin das Geschäft am Sabbath ebenso wie an Wochentagen offen halte, ist nahezu selbstverständlich. Trotzdem bettachtete sich Gotthold als streng frommen Juden, mochte er es auf Reisen mit dem Kaschrus vielleicht auch nicht allzu genau nehmen, sein Haushalt wurde, seiner Behauptung nach, streng koscher geführt, sodaß, wie er sich auszudrücken liebte, selbst der Rabbiner von Jerusalem bei ihm hätte essen können. Er rühmte sich, daß er selbst im Verkehr mit hohen und höchsten Herrschaften seine Nationalität nie verleugnet habe und nie verleugnen werde im Gegensatz zu gar vielen seiner Standesgenoffen, die Millionen dafür geben würden, könnten sie ihre gebogene Nase gegen eine grade vertauschen und ihr kohlschwarzes Haar gegen hellblondes, um nicht als Juden erkannt zu werden, denen überhaupt Assimilation als das Erstrebenswerteste erschien. In geselliger Unterhaltung war sein Lieblingsthema die segensreichen Folgen des Antisemitismus, die sich durch die innigere Bereinigung der Juden untereinandee bekunde, durch die Alliance israelite, namentlich aber durch die Bildung der B'ne B'ris Logen und ganz besonders durch den Zionismus. „Der große Meister bringt alles zum Kreißen, und hat Thoren in seinem Dienst und hat Uebertteter in seinem Dienst." „So war's. von jeher, so ist's auch heute noch. Wajischman Jeschurun wajiwot. Hätten die Antisemiten ihnen nicht auf die Finger geklopft und sie mit Macht zrrrückgedrängt, sie hätten längst vergessen, daß sie Juden sirid und ihre Kinder hätten keine Ahnung davon." Dergleichen Aeußerungen konnte man nicht selten von L. H. Gotthold vernehmen, und trotzdem das offene Geschäft am Sabbath! — Er könne sich nicht helfen, hoffe aber mit Zuversicht, .der liebe Gott werde ihm verzeihen, wozu wäre denn sonst der Versöhnungstag da, an dem er bete und sich kasteie vom Abend rum Abend? 9 Gottholds Familienleben war ein überaus inniges, als ein besonders glückliches konnte man daffelbe jedoch nicht bezeichnen, zu mannigfaches und zu schweres Unglück hatte ihn in seiner Familie getroffen. Doch mit seltener Elastizität hatte er sich aufrecht gehalten. Von seiner ersten Frau hatte er zwei Söhne gehabt, von seiner zweiten hatte er nur ein liebliches Töchterchen. Der älteste Sohn Albert war ein intelligenter junger Mann, jedoch dem eigentlichen Geschäftslebcn wenig geneigt, sein Vater entsprach daher seinem Wunsche und ließ ihn Chemie studieren. Nach Beendigung seiner Studien übernahm er die Leitung einer Fabrik für Chemikalien, die die Firma vor kurzem an sich gebracht hatte. Die Fabrik befand sich in einem kleinen Städtchen, ungefähr eine halbe Tagereise entfernt von der Hauptstadt, in der das Bankhaus sich befand. Die Eltern hofften, daß der längere Aufenthalt in der Kleinstadt, die wenig Gelegenheit zu Extravaganzen bietet, dem leichtlebigen jungen Manne wohltun würde,- und es schien in der Tat, als sollte sich diese Hoffnung verwirklichen. In der ersten Zeit lamentierte er in seinen Briefen zwar beständig über den langweiligen Aufenthalt in Z . . . ., doch allmählich schien ihn sein Lamento selbst zu langweilen, mehr und mehr sprach Befriedigung, die er in seinem Beruf finde, aus seinen Schreiben. Der Vater rieb sich vergnügt die Hände und wünschte sich Glück zu seiner Einsicht, die ihn zurückgehalten hatte, .dem Sohn gegenüber bei der Wahl eines Berufes Ueberredung oder gar Zwang auszuüben. „Das darf man nie", sagte er zu seiner Frau, die eben den Befriedigung athmenden Brief ihres Erstgeborenen mit inniger Freude nochmals durchlas. „Jeder muß sich selbst ausleben, wozu Einer Neigung hat, dem muß er sich widmen. Die Menschen sind verschieden und müssen ihren verschiedenen Neigungen und Anlagen Rechnung tragen, sonst werden sie nie Bedeutendes leisten. Wäre ich damals Dir gefolgt und hätte darauf bestanden, daß er hier bleiben und in unser hiesiges Geschäft eintreten müsse — wer weiß, was daraus entstanden wäre, während so —" „Es ist wahr," sagte sie, ihm anerkennend zunickend „der Erfolg hat es gezeigt, Du bist gescheiter als ich." „Und trotzdem — mit Theodor — das will mir nicht in den Kopf." „Aber ich bitte Dich, Kind, was kommst Du mir immer mit Theodor?' — Es kommt mir doch wahrhaftig nicht in den Sinn, ihn zu der Heirat zwingen zu wollen." „Das habe ich auch nicht gesagt, aber Du hast ihm zugestimmt, daß es vernünftig wäre, die Neigung des extravaganten Mädchens wenn auch nicht zu erwidern, so doch zu benutzen, um durch sie zu ihrem kolossalen Besitztume zu gelangen." „Das ist richttg, das habe ich gesagt und ich wiederhole es. In unserm Kreise hört man doch selten von einer Neigungspartte, Bernunftehen sind die glücklichsten." „Das-mag ja sein, wenn wirkliche Vernunft zweien Menschen sagt, daß sie zueinander paffen und miteinader glücklich werden, so werden sie es vermutlich auch. Aber hier ist doch von wirklicher Vernunft keine Rede. Das wilde übermütige Mädchen hat sich in unseren Theodor vergafft, weil er ein schöner Junge ist. Er aber will sie heiraten trotz ihres unweiblichen herausfordernden Wesens, ohne Neigung und ohne Achtung, einzig und allein um ihres Geldes willen. Wo steckt da Vernunft? Ich bin überzeugt, sie gefällt ihm nicht." „Das hat er gesagt?" „Ausdrücklich gesagt hat er es nicht, aber aus der ganzen Art und Weise, wie er über sie spricht geht es deutlich hervor." „Nun ja, daß er in sie verliebt ist, das glaube ich auch nicht, aber daß sie ihm nicht gefallen sollte —" „Sage mir, würde sie Dir gefallen, wenn sie nicht des alten Schröder einziges Kind wäre?" Gdtthold zuckte die Achseln. „Daß ich grade sie mir zur Schwiegertochter ausgesucht hätte, wenn sie des Gemeindedieners Tochter wäre, das will ich auch nicht behaupten, aber sie ist doch nun einmal des alten Schröder Tochter uno wird ihren Mann zu einem der reichsten Großgrundbesitzer des Landes machen — Du solltest das nicht gar zu gering anschlagen." Sie atmete schwer auf. „Wenn Du es uns nicht zu hoch in Anschlag bringst." „Na, meinethalben, wenn Du so sehr dagegen bist und glaubst, daß ich ihn davon abbringen könnte — ich will's versuchen." Er drückte an den Schellen knöpf, wenige Minuten darauf ttat der Bediente in kerzengrader Haltung in das Zimmer. „Ist mein Sohn zu Hause?" „Ich glaube, der junge gnädige Herr sind in seinem Zimmer." „Sagen Sie meinem Sohne, ich ließe ihn bitten, sich herüber zu bemühen." Der Diener öffnete die Thür um sich zu entfernen, in demselben Augenblick ttat ihm der Sohn des Hauses entgegen. „Grüß' Dich Gott, Theodor!" rief ihm der Vater zu, „eben wollte ich Dich zu uns bitten lassen, leg beaux esprits se rencontrent." „Heißt - auf Deutsch, wenn man den Esel nennt, kommt er gerennt," entgegnete Theodor lachend, indem er den Eltern die Hand reichte und sich dann zu ihnen setzte. „Aber was hat denn unser liebes Mamachen? — Diese sorgenvolle Miene —" „Ist die Folge ihrer Sorge um ihr vielgeliebtes Baby," fiel der Vater lächelnd ein, „im Ernst, Theodor, die Mama macht sich deinetwegen schwere Sorgen." „Meinetwegen machst Du Dir Sorgen, Mamachen? Nm's Himmelswillen, was ist denn vorgefallen? oder was habe ich verbrochen?" „Gar nichts hast Du verbrochen" sagte die Mutter fteundlich, indem sie ihrem Liebling die ftischen Wangen streichelte „und vorgefallen ist auch Gottlob noch nichts unangenehmes. Meine Sorge gilt nur der Zukunft, weil Du gestern ernstlich daran zu denken schienst, bei nächster Gelegenheit Malwine Schröder um ihre Hand zu bitten und —" „Verzeihe daß ich Dich unterbreche, liebe Mama, aber die erwähnte Gelegenheit hat sich bereits gefunden-ich kam eben um euch mittu-, teilen, daß wir, Malwine und ich, einig miteinander geworden find und um euren Seaen bitten." „Wa—wa—was?" stammelte Frau Gotthold, indem aschfarbene Bläffe chr Antlitz überzog. „Liebes gutes Mamachen, ich bitte Dich um alles in der Welt, mache doch kein solch verstörtes Gesicht, wenn Dein Sohn sich Dir als gjlüEicher Bräutigam vorstellt." „Gieb Dich d'rein, Alte!" sagte Gotthoid freudig indem er einen Arm um seine Frau legte und sie leicht an sich zog „wir haben einen Bräutigam vor uns, da heißt es fröhlich sein. Und überhaupt dem fait accompli gegenüber muß man alles in rosigem Lichte scheu." Er schüttelte dem Sohne die Hand, umarmte und küßte ihn.

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