Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1907)
- Date
- 1907-08-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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erstattet, bei einem seiner. Bekannten vor kurzem über den Mangel an Einigkeit unter den Eltern der jüdischen Schüler beklagt: „Was soll ich denken?" fragte der Schulmann: „Sie verlangen, daß man ihrem Sohne die rituelle Beköstigung in der Schule ermögliche. Ein großer Teil der jüdischen Knaben nimmt an den allgemeinen Mahlzeiten teil. Ihr Sohn bleibt an Feiertagen zu Hause/ andere fehlen an keinem Tag im Jahre. Ihr Sohn will nicht einmal an den sportlichen Veranstaltungen am Sabbath teilnehmen, andere tun dies unbedenklich und ihre Erfolge als Preisgekrönte werden in der jüdischen Presse mit Stolz verzeichnet. Es wäre mir lieb, wenn mir ein Jude authentische Auskunft geben könnte, was ein Christ von diesen Dingen halten soll." Rumänien. Äukarest, 31. Juli. Der rumänischeHandelsminifter hat vor einiger Zeit an alle Jnduftriegesellschaften und Etablissements eine Aufforderung ergehen lassen, daß nicht nur von den Arbeitern, sondern auch vom Verwaltungspersonal zwei Drittel Rumänen sein sollten. Gegen diesen Befehl wurde von interessierter Seite eingewenbet, daß in dem betreffenden Gesetze nur von den Arbeitern die Rede sei. Die Regierung hat daher, um die im Dienste der rumänischen Industrie stehenden zahlreichen Fremden (das heißt nach Lage des rumänischen Rechts vor allem die Juden) zu beseitigen,, eine entsprechende Gesetzesänderung beschlossen. Wie die offiziöse „Jndöpendance Roumaine" ankündigt, wird in der Novelle ausdrücklich die erwähnte Bestimmung auf die Gesamtheit des technischen, Berwaltungs- und Arbeitspersonals erstreckt werden. Um sich dieser Bestimmung anzupassen, wird den Fabriken, w.'lche künftig die Begünstigungen des Jndustriegesetzes erlangen werden, eine fünfjährige Frist gewährt werden. Den Industriellen, die sich bereits dieser Begünstigungen erfreuen, wird eine einjährige Frist gewährt. Canada. Montreal, 22. Juli. Der soeben erschienene Bericht der kanadischen Regierung über die Einwanderung von Ende Juni 1905 bis Ende Juni 1906 ergibt die Gesamtzahl von 189064 Immigranten gegen 146266 im vorhergehenden Jahre. Die Einwanderung nach Kanada ist, wie aus dieser Feststellung hervorgeht, im Verhältnis zur alten Bevölkerung doppelt so groß wie in den Vereinigten Staaten,' sie beträgt dort 29 Pro Mille, hier 13 Pro Mille. Nach den Italienern und den Engländern stellen die Juden die größte Zahl von Immigranten, nämlich 7127, um 588 weniger als im Vorjahr. Davon sind Russen 6056. Dem Beruf nach waren von den männlichen jüdischen Einwanderern Landwirte 267, Arbeiter 489, Handwerker 1870, Händler u. dergl. 183 und Bergleute 5. Der Bericht des Einwanderungsbeamten für Westkanada klagt darüber, daß sich dort nur wenige Juden ständig auf dem Land angesiedelt hättendie meisten bleiben in den Städten oder ziehen als Hausierer umher. Im Distrikt Wapella indessen gäbe es sehr tüchtige jüdische Farmer, die je 75—250 Acres bewirtschaften. Der Inspektor für den Distrikt Lipton teilt mit, daß die jüdische Ansiedlung im Osten und Nordosten 40,000—50,000 Bushels Getreide im Berichtsjahr auf den Markt gebracht habe. Danach werden in diesem Distrikt 6000 —8000 Acres von Juden bebaut. Der Medizinalbeamte stellt fest, daß von 186 145 Einwanderer 284 auf Grund der Untersuchung zurückgewiesen wurden. Von 7091 Juden, die man untersuchte, betraf das 29 oder einen unter 245bei den Italienern stellte sich das Verhältnis wie eins zu 185, bei den nichtjüdischen Russen wie eins zu 88. Uermlscbtes. ” Berlin, 4. August. Die Bibliothek des ver^ siorbenen Professor ^reudenthal in Breslau ist m den Besitz des Leipziger Buchhändlers Alfred Lorenz abergangen. Die Sammlung ist von hohem Wertste enthält eine große Zahl von Werken über jüdische Religtonsphilosophie, Kabbalah und verwandte Gegenstände. Berlin, 30. Juli. Der frühere Regterungspräfident von Bromberg und Mitglied des Reichstags von 1898—1906, Herr von T i e d e m a n n, der hier dieser Tage verstorben ist, hat sich durch seinen großen Gerechtigkeitssinn ein Anrecht auf einen Nachruf auch an dieser Stelle erworben. Tiedemann ist bekanntlich mit dem terrn von HanseMann und dem Landesökonomierat ennemann Begründer des Ostmarkenvereins (daher I HKT-Verein genannt) geweseDer Verein ist später in den Ruf gekommen, nicht blos ge .en die Polen vorzugehen, sondern auch den Juden gegenüber sich unfreundlich zu stellen. Da ist es das Verdienst von Tiedemann gewesen, noch in der Zeit, als er in Bromberg Präsident war, mit aller Schärfe gegen das Eindringen des Antisemitismus Front gemacht zu haben. Bon ihm stammt das geflügelte Wort: „Der Antisemitismus ist der Todfeind des Deutschtums in den Ostmarken". Er war sich offenbar darüber klar und hatte sich die Erfahrung in seiner Verwaltungs-Praxis erworben, daß der Jude in der Ostmark im Kampfe gegen das Polentum in den Städten vielfach das Zünglein an der Wage bildet und wenn er nicht selbst von den Deutschen angegriffen wird, treu zum Deutschtum hält, daß man also das Deutschtum begräbt, wenn man gegen die Juden vorgeht, auch daß überall da, wo man die Existenz der Juden untergräbt und sie zur Auswanderung > ach Berlin oder anderswohin zwingt, der Pole sich sofort festsetzt, sobald der Jude sein Geschäft verläßt. Da >er Herr von Tiedemann mit eiserner K nsequenz sich öffentlich mit der ganzen Autorität seiner Persönlichkeit dem Antisemitismus entgegenstemmte. Riederehnheim, 1 August. Mehrere hundert Aktenstücke, Register und dgl. wurden von hier durch Vermittlung des Herrn Rabbiner Dr. A. Bloch in Oberehnheim an die Gesellschaft für die Geschichte der Israeliten in Elfaß-Lothringen abgeschickt. Es handelt sich dabei um die Archivalien des alten Bech Din, zu denen noch viele andere Urkunden hinzugekommen sind. Eine vorläufige Untersuchung hat schon jetzt überaus wichtige und in- .tereffante Schriftstücke zu Tage gefördert. Worms, 3. August. Die große DeutscheTurnerschaft, der mehr als 800000 deutsche Turner angehören, hielt in den letzten Tagen des JuU ihren Turntag, der alle vier Jahre stattfiadet, in Worms ab. Der oretse Vorsitzende Dr. Ferd. Götz, der wegen seiner unparteiischen Haltung sich schon mancherlei Anfeindungen hat gefallen taffen müffen, erstattete dabei einen Bericht über die letzten Jahre. Ec legte auch die Tendenz der Deutschen Turnerschaft völlig klar,indem er betonte: „Parteigeist im politischen und religiösenSinnefandkeinen Boden in unserer Bereinigung, und so vollzog sich darum auch die Ausscheidung des größten Teiles der früher mit uns vereinigt gewesenen österreichischen Turner wegen ihrer antisemitischen Forderungen, die mit unserem Standpunkt unverträglich waren, in friedlicher Weise. Und die Trennung der aus diesen Gründen Ausgeschiedenen in zwei sich gegenwärtig bekämpfende Lager (untrr z rei sich bekämpfenden Führern) ist wohl der be:e Beweis für die Gesundheit des Standpunktes unserer Deutschen Turnerschaft." vrrelnzvesea. Wie«, 31. Juli. Der Verein „M a ch s i k e hadath" dahier veröffentlicht nachstehenden Aufruf. „Am 21. d. M. hat die offizielle Eröffnung eines Emigrationsbureaus unter dem Namen „Hilfskomitee für jüdische Auswand e r e r, Jnsormationsbureau des Vereines „Machstke hadath" stattgefunden. Die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Gründung eines solchen Bureaus ist evident In Wien allein war bisher keine solche Institution vorhanden, wiewohl der größte Teil der jüdischen Ausw mderqr, infolge der in Deutschland jetzt herrschenden strengen Gesetze gegen Emigranten, ihre Reiseroute über Wien nimmt. Hunderte dieser Heimat losen und halbverhungerten Armen sehen wir in den Straßen Wiens ratum hilflos umherirren. en erschütterndes Bild menschlichen Elends. Es ist statistisch bewiesen, daß der größte Teil der Emigranten ausgebeutet wird. Unter«?g 8 werden sie infolge ihrer Unerfahrenheit die Opfer von Betrügern, so daß sie oft im größten Elend aus der Reise Zurückbleiben müffen. — Ja, wir können viele Fälle anführen, wo sogar hier in Wien selbst Emigranten in die Hände von gewissen betrügerischen Agenten gerieten und v m ihnen um ihr Letztes gebracht wurden. Diesen Zuständen soll durch die Tätigkeit des Bureaus, wie es jetzt vom Verein „Machstke ycOath" gegründet worden ist, abgeholfen werden. Das Bureau erteilt die verschiedensten Auskünfte und Ratschläge in allen Fällen, die sich auf Emigrationsangelegenheiten beziehendie Emigranten steh m jetzt vom Tage ihrer Ankunft in Wien bis zu ihrer Abreise unter dem Schutze des Bureaus, welches sie, wenngleich einstweilen nicht mit Geld, so doch sonst mit Rat und Tat unterstützen wird. — Auf der Nordbahn in Wien wird bei jedem einlaufenden Zug ein durch sein Abzeichen leicht kennbarer Bureaubeamter sich befinden, der die Aufgabe hat, die Emigranten bei ihrer Ankunft in Wien zu empfangen, ihnen vorerst billige Quartiere anzuweisen und sie vor betrügerischen Agenten zu warnen. Die Emigranten erhalten vom Bureau Aufklärung über die eventuell zu nehmende Reiseroute sowie auch Hilfeleistung b.'i der Anschaffung von ReisebilletS und bei ihrer Abr iss von Wien. Sie werden vom Verein unentgeltlich verköstigt. Indem wir an das Herz und das Mitgefühl der Glaubensgenossen für unsere unglücklichen heimatlosen Brüder appeMeren, bitten wir, uns in unserem großen, segenspendenden Werke je nach Vermögen durch Spenden zu unterstützen! Jede Gabe wird von uns mit größtem Dank empfangen und in der Presse veröffentlicht werden. Ein jeder Spendende macht sich um die Erhaltung dieser in Wien einzigen und in ihrer Art wichtigsten Institution verdient. Spenden sind an folgende Adresse einzusenden: Wien II Obere Augartenstraße 40, Verein „Machstke hadath". perronallen. Jerusalem, 26. Juli. Tiefe Trauer ist über die Juden des heiligen Landes hereingebrochen. Ein , R. Jizchak Blaser, ist dahingegangen. Er war der hervorragendste Schüler von R. Israel Salant y'gf, würdig seines großen Meisters. Wir werden sein Leben und Wirken demnächst eingehender zu würdigen versuchen. PD"0^ pnx "IDT- Hagenvach (Oberfrk), 4. August. Nach längerem schwerem Leiden starb Sonntag, den 28. Juli, im Alter von 74 Jahren die durch aufrichtige Frömmigkeit ungroße Wohltätigkeit ausgezeichnete Witwe Babette Hermann in Wannbach. Die zahlreiche Beteiligung bei der Beerdigung legte schönes Zeugnis ab von der Hochachtung und Verehrung, deren sich die Verstorbene in ihrem Leben zu erfreuen hatte. Am Grabe wurde Herr Rabbiner Dr. G o i t e i n - Burgkundstadt in ergreifender Rede de« Vorzügen und Verdiensten der Verewigten gerecht. n"D23n- Loudon, 2. August. Auf der am letzten Sonntag stattaehabten Versammlung des Vorstandes der Federation of Synagogues wurde Lord Sway thltna, der Vorsitzende der Federation, wiederum zu der ihm vom König verliehenen Würde aufs herzlichste beglückwünscht. Der hochgeschätzte Mann verlas in dieser Bersamlung folgenden Brief, den er an den Sekretär der Federation gerichtet hat und der seine trefflichen Eigenschaften im glänzendsten Lichte erscheinen läßt: „Zum Gedächtnis der mir zu teil gewordenen Ehrung beabsichtige ich die Wahl eines Oberrabbiners für die Federation. Derselbe soll ein Mann von bekannter und bewährter GesetzeStreue, etwa 40 Jahre alt, theologisch gelehrt, ein guter Redner, ein Mann von besten Umgangsformen und würdig sein, eine hervorragende Stellung unter den Rabbinern einzunehmen. Er wird an allen im Sinne unserer Verwaltung gelegenen orthodoxen Bestrebungen teilnehmen. Wenn er sein Amt niederiegt, so soll sein Nachfolger von mir und nach mir von meinem ältesten Sohn, dem Hon. Louis Samuel Montagu, und nach ihm von den dazu bestellten Personen ernannt werden. Wenn solch ein Lord Swahthling. Mann gefunden wird, der meine Billigung findet, so bin ich bereit, vier Beauftragten fünf Tausend Pfund (200000 Mk.) zu seiner Besoldung während eines Jahrzehnts zu übergeben." Lord Swaythling machte zu diesem hochherzigen Anerbieten einige erklärende Bemerkungen. Die Federation bestehe jetzt aus 43 Gemeinden, und cs sei wünschenswert, ihnen in einem Ob.rrabbiner eine die Kräfte der Gesamtheit zenttalisterende Spitze zu geben. Dieser Mann solle durch seine Borttäge die Massen an- . ziehen und so bedeutend als Gelehrter sein, daß seine Autorität von nienlandem bestritten werden könne. Dazu werde er sich in hohem Maße der Wohlfahrt der arbeitenden Klaffen zu widmen haben. Der Oberrabbiner der Federation werde mit den bestehenden Autoritäten, dem Chief Rabbi und der spanischen und portugiesischen Synagoge einträchtig zusammenarbeiten. „Das höchste Ziel meines Lebens," io schloß Lord Swaythling seine Ansprache, „ist beizutragen zur Bewahrung des orthodoxen Judentum, damit wir imstande seien, unseren Kindern das reinerhaltene Gesetz, das ruhmvolle Erbe unserer Väter, zu üoerg ben und so-unsere Religion und ihre Uebung fortdaure für alle Zeiten.' Prag, 2. Aug. Wie die „Sclbstwrhr" nt ttciCt, ist am vergangenen Mittwoch der zionistische Abgeordnete Dozent Dr. Mahler in S t. M o r i tz vom Groß- Herzog von Baden in Privataudienz empfangen worden. Die Audienz währte über rine Stunde.