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Der Israelit · 1907-08-08 · Heft 32 (8.8.1907) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 32 (8.8.1907)
Date
1907-08-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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8. August 1907. Im letzten Monat. Noch prangt die Natur in sommerlich grünem Gewände, noch trifft der Sonnenstrahl kräftig die Erde und die befiederten Sänger beleben Feld und Wald. Und dennoch fühlt der glaubenstreue Jude in sich den Ernst der Scheidestunde, die Wehmut wie bei einem schwindenden Erdenglücke. Ihn beseelt der Gedanke, daß er mit dem Wechsel der Natur auch bald die Vollendung seines Jahres feiert. Der Monat ist herangenaht, der letzte im Jahre! Rückwärts wendet sich unser Blick im Elulmonat. Vor Jahrtausenden war's, da stand unser Volk selbst vor seinem jähen Ende, kurze Zeit nachdem Gottes Allmacht die egyptische Sklavenfessel gesprengt und uns Freiheit und Gesetz gegeben hatte! Aber der Kreis, dem er sich offenbart hatte, verleugnete ihn. Vierzig Tage, während der Führer sein Volk verlassen hatte, um ihm in den Tafeln des Gesetzes das Unterpfand der vollzogenen Verbindung zwischen Gott und Israel zu bringen, vierzig Tage genügten, um an Gottes Stelle das goldne Abbild eines „Gras fressenden Tieres" zu setzen. Am 7. Siwan, unmittelbar nach der göttlichen Offenbarung am Sinai war Moscheh emporgestiegen, um die beiden Tafeln zu empfangen. Nach 40 Tagen, am 17. Tamus kehrte er zurück und sah sein Volk das goldne Tier- Idol durch Reigen und Tänze feiern. Im heiligen Zorne, in gerechter Entrüstung zerbrach der große Mann die Bundestafeln, verzweifelnd an der Zukunft seines Volkes. Strafende Sühne vollzog er an den Schuldigen und eilte tags darauf, am 18. Tamus, wieder zur Sinaihöhe, um durch seine Fürsprache den verdienten Untergang seines Volkes abzuwenden. Soweit Menschen sehen und urteilen konnten, war die Sendung dieses Volkes und damit auch sein Dasein zu Ende. Sein Beruf, das Gesetz Gottes der Menschheit zu bringen und durch alle Zeiten und Zonen zu tragen, war verfehlt, nachdem er kaum begonnen hatte. Konnte einem Volke, das sich so vergessen und sich so schwer vergangen hatte, Gott sein Teuerstes zum zweiten Male anvertrauen? Vierzig Tage rang daher Moscheh im Gebete vor Gott für sein Volk, vom 18. Tamus bis zum letzten Tage des Awmonats. Als nun auch das Volk die Größe seines Unrechts, die Verleugnung seiner Vergangenheit, den Verlust seiner Zukunft und die Trostlosigkeit der gegenwärtigen Lage in ihrem ganzen Umfang erkannte, als es sich in reuiger Zerknirschung über das Geschehene saftend, trauernd, weinend an Gottes Erbarmen Der JSraeltt. _ wandte, ließ sich Gottes Gnade erbitten, dem Volk zum zweiten Male die Tafeln seines Gesetzes anzuvertrauen. Das war am ersten Elul. Mit der Frühe dieses Morgens stieg Moscheh zum dritten Male zur Sinaihöhe empor und kehrte nach 40 Tagen, am 10. Tischri, wieder zurück mit dem wiedergewährten Unterpfand der Gottesgnade und der tröstlicheu Zusicherung voller Sühne und Verzeihung alles Geschehenen. ,,'Nkibv, Ich habe verziehen!" rief die Stimme aus des Himmels Höhen.- Die Erinnerung an jene große nationale Verirrung und die auf Moschehs ergreifende Fürsprache gewährte Verzeihung gibt auch den späten Enkeln noch hoffnungsfrohen Mut, nährt in ihnen die Zuversicht, daß heute wie damals Gottes Langmut ohne Grenzen ist. -□*02 ’od!? mpim vom by dny tjn obiyo 'n icm „Die Liebe des Ewigen bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit den Kindeskindern." (Ps. 103, 17). Wohlan, die Liebe Gottes bleibt, doch auch sie muß erst verdient werden. Uns fehlt der große Moscheh, der gewaltige Führer in allen Fährnissen der Zeit. Als er die Sinaitafelnzu Scherben zerschmetterte, erntete der sonst so Sanft- und Demüttge für diese Zornestat, mit heiligem Gut begangen, göttlichen Beifall und Wohlgefallen! mawznrD „Dank dir, daß du sie zerbrochen Haft!" Die Entschiedenheit, die ohne Schwanken und Wanken, ohne Zögern und Zagen für die göttliche Wahrheit eintritt, sie darf sich des himmlischen Beistandes versichert halten, sie allein trägt in sich die Gewähr, die gerechte Sache zum Siege zu führen. Darin lag eigentlich das Große in Moscheh's Verhalten/ schöner hätte seine gerechte Entrüstung, sein tiefer Seelenschmerz sich gar nicht äußern können, als in dem Zerschmettern der kaum empfangenen Tafen. Darum sollten die Scherben dauernd der Erinnerung erhalten bleiben, tti p-i*o mm^ naen mmS* □TU1D " Die neuen Bundestafeln und die Bruchstücke der alten hob man gemeinsam ans in der heiligen Lade. Beide zugleich bilden das Wahrzeichen der ewigen Dauer des Gottesgesetzes. Und wenn alljährlich die Tage des Wk bei uns einziehen, so mögen wir uns die Stimmung vergegenwärtigen, die unfern Moscheh in jenen verhängnisvollen Tagen beherrschte. Wir suchen den Weg zur Rückkehr. Doch wer vermag ihn so leicht, so schnell zu finden wie der Prophet. Turmhoch scheinen sich die Hindernisse zu häufen, die den steilen Weg verlegen, der aufwärts führt zu Gott. Doch siehe, unsere D'DDn, die Wächter unseres jüdischen Pflichtlebens, haben Nr. 33. Sette 5 * unserer Schwäche Rechnung getragen. Einen H vollen Monat wiesen sie an für Gej samtisrael, einen vollen Monat weih- 3 ten sie in beson derem Maße der wie sie als heiligernste Vorbereitung | zum nahen Rausch-Haschono gedacht ist! -t Und wahrlich, es ist keine zu lange Zeit für f den, der sich seiner jüdischen Lebenspflicht und Y; Lebensaufgabe voll bewußt ist. Wer nicht gej« dankenlos dahinlebt, wird in dieser Maßnahme | unserer Altvordern das herrlichste Dokument ihrer f tiefgründigen Menschenkenntnis und zugleich | ihrer liebenden Fürsorge erblicken. Wie allf umfassend dachten sie sich die rechte mwn, wenn sie uns einen Monat dazu bestimmt! § In einen solchen Zeitraum fallen Aheumond, f Werktage und Sabbathe, kurzum alles, was zur | Vorbereitung auf den i'in DT1, den großen J „Gerichtstag" anregen kann. Das Konti- H nuierliche ist's, was das Wesen der echtl jüdischen ausmachen soll, nicht ein momentanes Aufflackern der befferen Er- Y kenntnis! Dazu dienen uns diese vier Wochen. Oi' n'vW m D-np am jnerm Y „Man mache sich mit den einschlägigen Festes- Y Vorschriften vertraut dreißig Tage vor dem betreffenden Feiertag." Dieser allgemeine Grundsatz muß gewiß seine Beachtung finden angesichts des „sestreichen" Tischri, dem wir entgegengehen. Es Y ist wahrlich nicht damit getan, sich sein „Billet H zum Gottesdienst" für die „Herbstfeiertage" zu Y beschaffen. Der letzte Monat des jüdischen Y Kalenderjahres verlangt eine Vorbereitung in f echtjüdischer Art, die sich auf Tage, Stunden f und Wochen erstreckt und den ganzen Pflichten- ' kreis berührt. Daran sollten wir eigentlich das Y ganze Jahr hindurch gewöhnt sein. Der wahreJudeist Y stets en vedette! Vorbereitet zu sein, ist sein Y Lebensprinzip. Mit jedem neugeschenkten Tage D huldigt er diesem Grundsatz. „Stehe früh auf", Y mahnen die Weisen, „schon eine halbe Stunde vor dem Rufe zum Gotteshaus treffe deine Vor- Y bereitungen, damit du ungestört und rechtzeitig ft dich dem Gebete widmen kannst." (Schulchan Y Aruch, Orach Chaim.) Der Jude hat seinen Y nnt? my, seinen v"' my, seinen 2"iy, er § rüstet sich und richtet sich zu allem. Nicht funvermittelt und unvorbereitet geht er an die *■ Hebung der Pflicht. Bon den früheren O'N'ON erzählt die Mischna, daß sie eine Stunde auf die Sammlung des Geistes verwendeteten, bevor sie mit dem Gebete begannen. (Berachot, 3. Perek.) Ehe wir ]'V'£n legen, vor dem Umhüllen mit dem n'V&, beim Genießen des Bitterkrautes, der Mazzo am Sedertisch, vor dem Nehmen des Feststraußes am Hüttenfefle und bei vielen anderen Pflichtübungen, überall spricht der Jude Ein Lappen und ein Trappen, ein Wettern, ein Geschrei, Ein Drehen und ein Springen, und eine Raserei, Und jeder Söldner hebet laut schreiend seine Hand Und schwört: Du bist gestorben ehrlich für Lein Land. Und k ald wird's wieder stille, kein Ruf, kein Tönen mehr. Verschwunden ist das ganze erwachte Militär; Nur aus der Festung stehet der jüdische Soldat Und jedes seiner Worte ist glühende Granat': O, Rußlano, das mich grausam .von Weib und Kinde schied. Ich. srarb für deine Ehre rn meiner Jugendblüt'; Warum verjagst du jetzo mein elend Weib und Kind? Ich schicke tiefen schweren Fluch dir durch den Wind. Und kaum verhall'n die Flüche des Klägers voller Pein, Trägt ihn der Sturm nun wieder ins kalte Grab hinein. Und Nacht für Nacht, stets immer, zu ganz derselben Zeit Sich dort dieselbe Szene in wildem Grau'n erneut: Des Söldners tiefe Flüche erheben sich, o Schreck, Sie mehren sich und mehren, und fliegen dann hinweg. Sie flieh'n auf Sturmes Flügeln mit stetig wilder Hast Nach Gatschina und breiten sich dort auf den Palast. Beobachtungen u. Betrachtungen anf einer Uleltreise. Bon Dr. M. A. (Fortsetzung.) Seltenes Zusammer treffe«. ES war in C. Ich hatte eine Einladung zum Abendessen beim Konsul nicht rcfufieren können, weil dies der Sache, der ich diente, leicht geschadet hätte. Um iüüttliiitt jedoch die Ablehnung der Speisen nicht allzu auffällig zu machen, pflegte ich bei solchen Gelegenheiten mich vorher an den Koch mit de. Bitte zu wenden, mir nur Tee rc. zu bereiten, da der Magen nicht ganz in Ordnung sei. Als ich nun auch hier so verfuhr, erstaunte ich nicht wenig, als der Koch mir sagen ließ, zufällig habe vor einer halben Stunde eine für heute abend eingeladene Dame mit derselben Bitte sich an ihn gewandt. Ich war natürlich begierig, jene Dame kennen zu lernen. Jntereffant war, wie die Dame ihrerseits neugierig zu nlir herüberblickte, als sie mich dieselben Dinge effen sah, die ihre Nahrung bildeten. Eine Unterhaltung zwischen uns beiden kam an jenem Abend nicht zustcinde. Erst viel später wollte es der Zufall, daß ich die Dame, Madame S. aus Bombay, in ihrem Heim aufsuchen durfte. Es war eine überaus gebildete Frau, die selbst im Talmud recht belesen war und die in der Tat aus denselben Gründen wie ich zu jener Ausrede Zuflucht genommen hatte. _ Ei« Suckothfest in der Wüste. Ein Auftrag berief mich wieder nach nördlicheren Gegenden. Die ernsten Feiertage nahten und ich st Hute mich darnach, dieselben unter Glaubens genoffen zuzubringen, was auch geschah. Da erhielt ich ein Telegramm, das mich an einen Ort berief, wohin mein Weg durch die Wüste führte. Nun tvar ich zwar in Besitz eines Vertrages, daß ich meine Feiertage halten dürfe, war c lso im verbrieften Recht ev. bis über Suckoth hinuus an Olt und Stelle zu bleiben. Meine Mission drängte jedoch sehr und ich konnte, wenn ich mich sofort auf die Reise begab, vielleicht noch vor Suckoth am Zielpunkte eintr essen. Heute würde ich mich wohl kaum noch einmal auf silche Wagnisse einlaffen, in jugendlichem Uebermut begeht man jedoch zuweilen einen unklugen Streich. Uebrigens führte ich Lulav und Ethrog und alte Hadassim schon seit 14 Tagen mit, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Die Sache ging schief. Durch mehrfachen unfreiwilligen Aufenthalt war ich um einen ganzen Tag zu spät und so dazu verurteilt, mit meinen Untergebenen in einem Dorfe am Rande der Wüste über Suckoth zu weilen. Mit Absicht nenne ich keine Namen, denn sie tun nichts zur Sache, und ich betrachte es hier lediglich als meme Aufgabe, die Eindrücke und Empfindungen wiederzugeben, die ich an diesem für mich so eigenartigen Suckothfeste hatte. Anfangs erschrack ich heftig bei dem Gedanken, fern von jedem jüdischen Milieu in der Wüste mein Suckothfest feiern zu müffen, allmählich jedoch wurde mir dieser Gedanke immer vertrauter. Haben nicht auch, sagte ich mir, unsere Väter in der Wüste in Suckoth gewohnt? Schließlich fand ich die Sache einerseits durch ihre Neuheit und andererseits durch den Umstand, daß ich mich in der gleichen Lage wie unsere Väter in der Wüste befand, sogar ganz intereffant. Uebrigens war nicht lange Zeit, sich Stimmungen hinzugeben. Ich suchte mir einen recht idyllisä en Platz aus und baute dort meine roiD/ so gut es ging. Dies war leichter als man sich wohl vorstellen möchte, denn wer jene Gegenden bereist, führt ohnehin für sich und fein Gefolge Zelte mit sich. Ich versichere, daß ich nie in meinem Leben ein schöneres Suckothfest erlebt, als dazumal. Eine Lampe oder ein Wachslicht durste ich nicht anbringen, denn es würde die gefürchteten Stechmücken angezvgen haben. Statt dessen hatte ich im Laub der roiD an BO Käfer untergebracht, die unter dem Namen ismpM8 splendidula wegen ihres phosfhorartigen Leuchtens bekannt sind. Der Abend nahte, das Fest begann. Am Himmel stand der Mond und das Heer der Sterne und auch diese verbreiteten 'milden Schimmer in der Suckoh. Es war einem zu Mute, als ob der Himmel mit seinen Millionen Augen in die Suckoh hineinschaue. h&L* “i* ~ ' T’ 'i ^»~nTi• ■ i ’ ■ '•*i •*** 'AaL.- . , K ’-—i7-"'- - ii -|<r l*ii~

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