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Der Israelit · 1907-08-08 · Heft 32 (8.8.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 32 (8.8.1907)
Date
1907-08-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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m Sette«. Hj. ra ' 1. . )J|| n : | |' LI - cmmnt ihre Gemeinden dauernd für fich zu gewinnen gewußt, sondern find nicht selten Seim Abgang ihrer Urheber gegen andere vertauscht worden." Und ein anderes ^Citat aus Steinthal zur Bibel und Religionsphilosophie Band. I: „Ueber Andacht". (S. 151—165). Die Worte dieses großen Psychologen, der ganz weit auf dem unken Flügel der liberalen stand, mögen sich die Herren vom Oberrat, die da glauben, daß Gebete «durch ihre alltägliche Wiederkehr an Erbauungskraft einbüßen", besonders gesagt sein kaffen. „Alles was dem freien Geist angehört, müssen wir lernen, und was wir gelernt haben, müssen wir, um es nicht zu vergeffm, unausgesetzt Sven. . . . Darum ist der Besuch deS Gotteshaus ratsam. Alle Mittel aber, die bosselte zur Erhebung bietet, werben gar nichts vermögen, um die Gedanken zu Hannen, die auf den äußeren Nutzen, auf Lust m d auf Befriedigung der Eitelkeit zielen,' nichts «trd Dich zur Rechenschaft vor Gott und vor Dt^. fett st bewegen, wenn Du nicht in der Andacht eine gewisse Fertigkeit erreicht hast. Wer alle Jahr einmal andäch tta sein will, wird bald merken, taß er auch das eine Mal nicht andächtig ist, trotz deS guten Willens nicht sein kann. . . „Wer also nicht oft betet, wird es nicht erlernen. Hier aber' droht eine große Gefahr, der die Fromnien leicht unterliegen. Alles, waS geübt, gewohnt, geläufig wirb, verliert feinen anfänglichen Reiz, fein Interesse und Wird gedankenlos abgetan. So ergeht es auch dem häufigen Beten. Man hat endlich daS Gebet auswendig gelernt und eS läuft auswendig ab, als eine R ihr von Stößen der Zunge und Bewegungen der Lippe. Dagegen bietet auch kein Gotteshaus Schutz. Gesang und Orgel rauscht am Ohr vorbei, und daS Äuge schweift ka't über alle heiligen Symbole und Zeichen. Am wenigsten hilft Abwechsemng der Mittel, neu gedichtete Gebete, neu komponierte Gesänge. Man überschätze überhaupt die ästhettsche Gestattung des Gottesdienstes nicht . . . DaS tatsächliche Verhältnis im Allgemeinen ist doch das, baß die Worte, an denen unsere Väter Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch ihre Erbauung gefunden haben, auch über unser Gemüt eine eigene Kraft ausüben. Wir find nicht von heute und von gestern, sondern wir hängen, so körperlich wie gc istig, mit einer langen Vergangenheit zusammen. Die Welt entwickelt sichwir haben gegen unsere Ahnen vor Jahrtausenden in der Erkenntnis große Fortschritte gemacht. WaS ihnen als neue ttefe Wahrheit vorgetragen war, ist uns nun endlich Gott Lob trivial gewordm. Aber hat denn die Wahrheit, well fie ttivial geworben ist, aufgehört, erhabene Wahrheit zu sein? ist fie dadurch, daß fie Gemeingut Aller gewordm ist und auch auS den Lippen des Kindes ertönt, weniger ttef geworden? Gewiß nicht. Wer da glaubt solchm allbekannten Gedanken durch künstliche Wortgebilde eine. neue Gestalt geben zu n Lssen, den nennen wir thörtchtimmer und ewig aber werben wir die alte Wahrheit in ihrer ursprünglichekForm, in'der fie zuerst dem Geist erschien, mit ungeschwächter Andacht hören: da werden wir meinen, den lautgewordenen Gedanken unmittelbar zu empfangen, und die Mahnung der tahmaejchiedenm Väter in ihrer eigenen Stimme zu vernehmen. Darauf beruht der Vorzug der alten Gebete. Heil uns, daß wir die alten Psalmm haben." „Der durch die Geläufigkeit im Beten entstehenden Gefahr ist nur in einer Weise zu begegen, nämlich mit, der Willenskraft, mit dem energischen Willen, andächtig zu fein, erzeugt und gestärtt durch die Ueberzeugung von dem Werte der Andacht für unser ganzes Leben .... De, flftWlßt. .... Was wir im Gebet gelernt haben ist daS: wo wir auch stehen und gehen, find wir vor Gott; was immer wir auch treiben mögen, in unserem geschloffenen Gemach, wie auf offenem Markte, find wir vor dem Herrn aller Geister, der Herz und Nieren prüft. Das Gotteshaus und das Gebet oietet nur die Vorbereitung für den Gottesdienst im Leben." Ich könnte noch mehr Citate bringen. Aber bedarf es noch wirklich des Beweises, daß die, die nur allwöchentlich beten, nicht andächtiger beim Gebete sind, als die, die täglich das Gotteshaus aufsuchen? Daß die, die wenig beten, durchaus nicht mit größerer Inbrunst beten als die, die den alten Siddur benutzen. Es ist wirklich unnötig, wenn man sich in das Wesen der Andacht vertieft und weiß, daß der, der ein besonders inniges Verhältnis zu seinem Gotte hat, möglichst lange im Gotteshause weilt, es ist unnötig, sage ich, bei diesem Punkte zu verweilen. Ab?r vor Allem: es ist ja gar nicht wahr, daß die Kürzungen und Streichungen zur Förderung der Andacht vorgenommen wurden. Wir reden hier von den Gebeten am Sabbath und Wochentag, denn diese hat die Denkschrift bei ihren Ausführungen nur im Auge. Die Kürzungen sind vor Allem aus dogmatischen Gründen und Gründen des oberrätlichen Geschmacks vorgenommen, um den Parlikularismus nicht so zu betonen oder nicht an die Heimsuchung der Aegypter zu erinnern, um die Weherufe über die Not Israels zu unterdrücken oder die Bitte um Vergeltung auszumerzen. Man vergleiche all die Stellen, wo Streichungen vorgenommen wurden. Der Rotstift hat zufälligerweise fast überall gerade solche Stellen getroffen, die einem modernen an die Pastoralen Missionsklänge gewöhnten Ohr kantig, schroff und hart klingen. Was sonst noch gestrichen wurde, ist verhältnismäßig so wenig, daß es sich darum wirklich nicht verlohnte, die große Aktion in die Wege zu leiten. Soviel Zeit wird dadurch nicht gewonnen daß, die Theorie des Oberrats selbst angenommen, die Andacht dadurch .entsprechend erhöht werden könnte. Nach den Proben, die wir von dem oberrätlichen Geschmack aus dem Kapitel der Aenderungen gegeben, kann man sich auch ein Bild davon machen, welcher Geist in den Streichungen und Kürzungen waltet. Nur ein Beispiel, aber es wird genügen. Dr. Kaatz hat in seinen wertvollen Artikeln „Der badische Oberrat und sein Gebetbuch" (Jüdische Presse 1906 Nr. 46—48) in wahrhaft ergreifender Weise geschildert, welches Attentat der badische Oberrat an dem Tal-Gebet begangen: „Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie der Oberrat „trunken vor Nüchternheit" seine Hand ausstreckte und den Dichter „verbesserte", indem er das ihm anstößige Wort „Stadt" in Dafür vergeh' ich vor meiner Zeit, Dafür verbrauch' ich mein Leben, Was können mtr für einen Dank Die armen Leute geben? Sie können nicht anders mich lohizen,^— Ich bin ein Trän n-Millionär Nnd oeweme die Millionen . . . E l u l - M e l o d i e n. Der Schofar-Bläser stößt ins Horn, Die klagenden Töne hallen. ES Ivelrt am Feld das letzte Gras, Dte letztest Blätter fallen. Die frierende Erde steht nackt lind kahl. Irr streichen herbstliche Schauer. Im sterbenden Wald der Bogel ruft Zu den ersten Gebeten der Trauer. Ern süßes, wehes Abschiedslied Entrrngt sich der zitternden Kehle. Das greift ans Herz, das greift ans Herz Und zerrt und zerrt an der Seele. Der Sturmwind heult. Es rauscht der Wald, Auffährt er aus seinen Träumen: Der Tag des großen Gerichtes naht Den Bäumchen und den Baumen. Menschen, ihr Bäume im Weltenwald, Bört Ihr ihn brausen und wettern? b alt, ob jung, ob früh, ob spät, — Der Sturni wird euch alle zerschmettern. Der Sommer gestorben. Verwelkt und verdorben. Die Blümlein blau und rot. Was Leben sprühte, Zn Schönheit blühte. Liegt eingeschlummert und tot. - In Sturm und Wetter Wirbeln die Blätter, Sein Sterbegebet sagt der Wald. Es bebt in den Zweigen, — Dann Stille und Schweigen-- Auch das heiligste Lied ist verhallt. Hoch oben kreisen Tie Vögel. Sie reisen Und wenden zum Meer ihren Blick. „Wohin denn zieht ihr. Wie weit entflieht ihr, Ihr Lieben wann kehrt ihr zurück?" Da klingen hernieder Wehmütige Lieder: „Wir wissen, das Wandern muß sein! Uebers Meer, Übers Meer! Doch die Mederkehr Ist Gottes Wille allein."- Der jü d is ch e. S o ld a t. Ganz nahe ists bet Plewna, bloS hundertfünfztg Schritt, Da liegt ein Grab im Felde, das nie ein Mensch betritt. Der Ort ist still und einsam, verlassen und allein. Kein Kranz,' ist dort zu sehen und auch kein Marmorstetn. _ '_: 8. August 1907 „Glaubensgemeinschaft" umwandelte und die zweite Strophe als völlig unbrauchbar amputterte." Mir ging es ähnlich, als ich die Hoschanah nvin 'aN vltt in dem Gebetbuch sah. Mir blutete nicht das Herz, es war mehr ein Empfinden starren Entsetzens, das mich übermannte, und die bittere Frage kam mir über die Lippen: Sind das noch Glaubensgenoffen, sind das noch Männer unseres Blutes, die es über sich gewinnen können, dies ergreifendste aller Bittgebete zu beschneiden und zu zerstückeln. „Die tote Sprache Zions ist nach David Kaufmann in diesen Gebeten aufgelebt unter den Schmerzen ihrer Kinder, Innigkeit und Wohllaut, Süßigkeit und Inbrunst bezaubern darin die Kenner, wo aus soviel Armut soviel Reichtum, aus soviel Jammer soviel Schönheit erblüht ist." Und gerade jetzt konnte es der Oberrat über sich gewinnen, wo wir selbst eines der tränenreichsten Kapitel der jüdischen Geschichte schaudernd miterlebt. Der Oberrat hat beschnitten. Seine Fassung lautet: mioi n^na nona ma ‘noin 'an din nTm "jViy nayiD "p*>y nainnn 'inrh nnon D'ttHp jtre .Tino rvris mjno .-ray -pn'1? w yttnn □'aNlc "joera D^oian apy n*?np Na Min -pty craion* In der Uebersetzung ist dann alles „gemildert". Die eigentliche Fassung ist zu lang und könnte die Andacht stören, nicht wahr? oder sie verletzt das moderne Empfinden? Man urteile selber! Ich gebe die Hoschanah in ganz anspruchsloser Uebertraaung, wie ich sie einmal gelegentlich in eine Sukkothbettachtung in der Jüd. Presse eingeflochten: „Hilf dem Volke, das unerschütterlich bleibt, wie eine Mauer, das nicht wankt und nicht weicht und Strahlen aussendet wie die leuchtende Sonne, ob es auch im Elend ist und verstoßen. Es blüht, wie die Palme, mag auch der Mörder durch seine Mitte schreiten und die Opfer zur Schlachtbank führen. Und ob auch seine Umgebung Israel höhnend kränkt, es hält Dich umfangen und läßt nicht von Dir. Gern trägt es Deirl Joch, ward ihm doch das Heil als einziges Volk den Einzigen zu bekennen! Ihm wird der Druck des Elends zur Schule der Gottesfurcht. Mag man die Wange ihm raufen, den Schlägen es preisgeben, gern trägt es die Last, sie kommt ja von Dir! Das arme, von Stürmen umbrauste Volk, einst ward es von Moscheh erlöst, nun ist zur Märtyrerschaar geworden die Jakobsgemeinde. Weil Du sie mit deinem Namen gezeichnet, rufen sie um Hilfe, wett sie an Dich gelehnt, deine Verkörperung hier aus Erden sind, rufen sie: Zu Hilfe Gott lim Deinetwillen!" (Fortsetzung folgt.) Es wächst darauf teilt Gräschen, kein Blümchen uttb kein Blatt, Dort ruht ein Held, ein toter, ein jüdischer Soldat, Ein jüdischer Soldat, gefallen da im Krieg, Wo Rußland hat gefeiert wohl seinen größten Sieg. Uitb tiefe, tote Stille herrscht dorten rundherum; All Ding ist eingeschlafen, ist ruhig, still und stumm. Doch wenn es von der Turmuhr schlägt fernher Mitternacht, Ein starker wilder Nordsturm zur gleichen Zeit erwacht. Und es begmnt zu wettern, es stürmet und es schreckt, Es lärmet und es poltert gewalt iglich und weckt, Und von dem Sturme spaltet sich auf die stumme Erd' — Der Held steht auf vom Grabe mitseinem blanken Schwert. Er stellt fick auf die Festung mit einem wilden Mut, Und von der Stund im Herzen ergießet sich sein Blut: Es fließt fern Blut, das reine, die Herzenswuno ist groß, Er hebt fein Schwert, sein scharfes, und donnert schrecklich los: „Steht auf, ihr Kriegskamraden, kommt, zum Gericht erwacht. Gebt Zeugnis, Hab' genug tteu gekämpft ich in der Schlacht? Saat, bin für Rußlands Ehre ich nicht und Rußlands Reich Gefallen aus dem Felde mit allen Helden gleich?" Und wre fein Wort erklinget, erwacht wie Flammenheer Wehklagen viel wie Flugsand am. wetten stillen Meer; Das ganze Kriegervolk stößt sich in wildem Drang, Bon nahe und von ferne kommt her der schwere Gang.

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