Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-08-08 · Heft 32 (8.8.1907) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 32 (8.8.1907)
Date
1907-08-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449277--63693-2506252
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

LWMMr.^ Der lMraettt. Sette L Nr. .ZÄ Wir wollen nur diese beiden ersten Sätze des Abschnitts 18 der Denkschrift kritisch beleuchten. Es wird sich auch hier zeigen, daß so bestechend und überzeugend dem Unkundigen alles auf den ersten Blick erscheint, einer eingehenden Prüfung die Beweisführung des Oberrats niemals Stand hält. Ich kann nicht Wort für Wort vornehmen. Derartige charakteristische Beispiele müffen und können auch genügen. Also: „Kann ein Vorurteilsloser leugnen, daß auch heute Zeitbedürfnifse vorliegen, die dringend Befriedigung heischen?" Natürlich nicht! Die Synagogen, vor allem freilich die Orgelsynagogen, stehen selbst am Sonnabend leer, das schnelle Herunterhaspeln der Gebete, das späte Kommen und verfrühte Weggehen läßt bei Bielen die Andacht vermissen. Wer ist Schuld? Das alte Gebetbuch, sagt der Oberrat, das den Zeitbedürsniffen, die Befriedigung heischen, nicht entgegenkommt. Das ist eben jene uralte „Methode" der Kurpfuscher, die an den Symptomen Herumkurieren anstatt der Krankheit selbst auf den Leib zu rücken. Freilich, da müßte man eben etwas von dem Wesen der Krankheit verstehen oder den ernsten Willen haben, durch Ausdauer, Energie und. unerschöpfliche Geduld die Kräfte, die in dem Kranken noch schlummern, in den Dienst der Heilung zu stellen. Ohne Bild! Anstatt die Menschen zur Andacht zu erziehen, indem modernen Juden wieder die Begeisterung für seine Lehre, die Achtung vor dem Gesetz, die Wärme des Empfindens, die Glut des Glaubens zu wecken, vermeint man durch eine neue Gebetordnung das verlorene Terrain wiederzugewinnen. Ist doch die Geschichte des badischen Gebetbuches so recht charakteristisch. Bald nachdem die Synode geschaffen worden war, sollten „die Aufgaben der obersten Organe der Landessynagoge auf dem innerkirchlichen Gebiete" in Angriff genommen werden. Im „Verordnungsblatt des Großherzogl. Oberrats der Israeliten" (1897 VII) wird ein Programm entworfen. Und der Weisheit letzter Schluß ist/ wie bei allen „Reformbewegungen", der Ruf nach einem neuen Gebetbuch. Etwas ähnliches — um nur eins zu erwähnen — wie die heutigen Sabbathvereine es versuchen, zu unternehmen: denr Juden sein Gesetz zu erhalten, die Frömmigkeit wiederzubeleben, die dann von selbst wieder zur alten Andacht führen würde, das wird gar nicht versucht. Und dabei war der Oberrat gewarnt. Unter den Gutachten, die er einforoerte und die im Verordnungsblatt zum Teil tlbgedruckt sind, befindet sich auch eins von Herrn Rabbiner Dr. Eschelbacher z.Z.damals in Bruchsal, den keiner für einen Zeloten halten wird, der nicht einmal prinzipieller Gegner der Orgel ist. Das Gutachten dieses kenntnisreichen, wirklich gebildeten Mannes, der — ich darf wohl die Vermutung wagen — sich mit jedem der Herren Rabbiner vom Oberrat messen darf, wird mit polemischen Bemerkungen begleitet *). Denn beim Oberrat stand es von vornherein fest, daß etwas geschehen müsse, und er ging daher an das Gebetbuch nt aliqnid fecisse videatar. Wollte er aber mehr als den Schein, glaubte er wirklich an einen Erfolg, so kann man nur seine Kurzsichtigkeit beklagen. Sicher ist, daß viele von uns — ich schließe da die Gesetzestreuen nicht aus — es oft an der reckten Andacht fehlen zu laffen. Daß, wie die Ausübung vieler anderer Gebote, auch das Gebet oft leider, leider D'tWK NIXv ist. Wir können noch viel, viel von unseren Brüdern im Osten lernen. Es geht nicht immer so ruhig und geordnet zu wie bei uns, aber da ist Form und Inhalt wirklich eins, da jubelt wirklich das Herz, das Innere bebt, die Seufzer ertönen und es rinnen die Tränen. Daß Viele von uns nicht mehr so beten, wie unsere Glaubensgenossen im Osten, daß sie nicht mehr so wie die Alten beten, das ist zum Teil ja in unserem kühleren Temperament, in unserer Erziehung begründet, zum Teil aber in dem Umstand, daß die Religion, die Frömmigkeit, sagen wir es offen, nicht so tief in uns wurzelt, wie bei unseren Altvorderen. Hier ist der Hebel anzusetzen. Lehre und Leben müffen Zusammenwirken, um die Keime ftommen Empfindens, die in uns allen nach vorhanden sind, zur rechten Entfaltung zu bringen, um das Wort, das wir immer lesen, „Wisse vor wem du stehst", „Ich stelle den Ewigen mir stets vor Augen", das wir aber nicht genügend beherzigen, zur lebendigen Wahrheit zu machen. Die Religionslehrer in Baden, die über mangelnde Andacht auch in gesetzestreuen Synagogen klagen und deren Gutachten der Oberrat im Verordnungsblatt (1898II) mit Behagen abdruckt, sollten einmal versuchen jeden Sabbath in einem kleinen Kreise die entsprechenden Partien aus G'p-ra mm«, rawn ’nytp, rroaVi rain rc. vorzulesen und dgl. regelmäßig fortzusetzen. Der Erfolg würde nicht ausbleiben. *) Bon Wichtigkeit ist es, die folgende Anmerkung in Erinnerung zu bringen: „Religiöse Parteien find innerhalb der Landesshnagoge glücklicherw tse nicht vorhanden. Man kann höchstens von verschiedenen Richtungen sprechen. Wir halten es für sehr wohl möglich, jeder derselben gerecht zu werden. Dadurch wird der religiöse Friede nicht nur nicht gestört, sondern sogar befestigt werden." Das ist inbezug auf den Plan eines neuen Gebetbuches gesagt. Man fieht, was von der Behauptung des Oberrats zu halten ist, „das Werk des Oberrats wäre von Vorneherein nicht für die von den (gesctzestteuen) Gutacktern vertretene religiöse Richtung bestimmt gewesen". (Denkschrift S. 66.) Ich habe hier nicht Vorschläge zu machen, wie die Andacht gehoben werden soll. Das ist jedenfalls sicher, daß sie durch Kürzungen und Streichungen nicht herbergeführt werden kann. Das könnte ich philosophisch, psychologisch und historisch beweisen. Aber ich sehe nicht ein, warum ich mich in Unkosten stürzen soll. Es ist darüber im verflossenen Jahrhundert so Gutes geschrieben worden, daß ich bitten muß, das nachzulesen. Ich erwähne nur den Aufsatz von David Deutsch „Die Reform des jüdischen Gottesdienstes"(Hirsch 's Jeschurun 1861, S. 398—423). Zwei ausführliche Citate möchte ich doch bringen. Das ewe aus dem erwähnten Gutachten Eschelbachers (Verordnungsbl. 1898, III. S. 31): „Das Gebetbuch einer großen, in eine weite Bergangenhett zurückreichenden Glaubensgemeinschaft, das zugleich die wichtigsten Lehren, Anschauungen und Hoffnungen derselben in dem ursprünglichen Wortlaut ihrer Verkündigung enthält, kann.nicht den individuellen Wünschen und Bedürftnffen jedes Einzelnen oder auch nur jeder Z itperiode unmittelbar entsprechen. Es ist einauSgegebener Stoff, in den wir uns erst hineinleben, mit dem wir vertraut werden müffen um die darin ausgedrückten Gedanken und Gefühle auch als unsere zu empfiden und zu den etgenm, unseren persönlichen Bedürfnissen entsprechenden. Gebeten angeregt zu werden. Treffend sagt ein alter jüdischer Weiser: „Ein Gebet ohne Kawonoh ist wie ein Körper ohne Seele." Kawonoh aber, das man gewöhnlich mit „Andacht" übersetzt, ist mehr als nur Verständnis der Gebete und Uebereinstimmung mit ihn n. ES ist die Richtung des Geistes auf Gott und die Neigung des Herzens, fich religiös erbauen zu laffen. Und jenes Wort sagt uns, daß unser eigener Geist, der religiöse Trieb unseres Gemütes den Gebeten, die wir sprechen Inhalt und Kraft verleihen muß. Wo dieser Trieb vorhanden, wessen Geist heimisch ist in dem Gebetbuche seiner Glaubensgemeinschaft, der betet daraus mit wahrer Andacht, auch wenn nicht jeder Satz ihm unmittelbar'klar ist, auf den wirken die ihm verttauten Worte erbauend und anregend zu Gebeten in seiner eigenen Gedankm- und Anschauungsweise, mag nun sein Gesichtskreis ein einfacher, in den gewöhnlichen Geleisen fich bewegender, oder um an eine Bemerkung im Verordnungsblatt Nr. Hl anzuknüpfen, ein durch die Gedanken Schopenhauers und N etzschcs beeinflußter sein. Diese Wirkung hat unser Gebetbuch seit Jahrhunderten bewährt und bewährt fie vielfach noch trotz aller menschlichen Schwächen bei seinem Gebrauche, über die seit jeher geklagt worden ist. Wenn fie bet den zahlreichen Juden, die nur nach längeren Zetträumen das Gotteshaus wieder besuchen, versagt, so liegt das an deren Entftemdung dem Gebetbuche, wie dm Lehren, Anschauungen und Empfindungen ihrer Glaubensgemeinschaft gegenüber. Gefühle, die wir nicht pflegen, erkalten, Gedanken, die wir nicht Wetter bilden, entschwinden uns und stellen fich nicht ein, wenn wtt es gerade wünschen. Jene haben darum in dem Gebetbuche nur einen starren und svrödm Stoff, und die GeisteSrichtung, die ihn beleben könnte, haben fie verlorm." „Diese Kälte und Entfremdung havm auch die bisherigen und Neubearbeitungen des Gebetbuches nicht beseitigen können. Sie beftiedigen nicht nur jetzt nicht mehr, wie der Verfasser des erwähnten Aufsatzes sagt, fie haben im Grunde niemals befriedigt. Sie haben so wenig wie das unveränderte Gebetbuch die der Synagoge Entfremdeten wieder in ihr heimisch zu machen verpanden, fie haben keiner der verschiedenen Richtungen im heutigen Judmtum wahrhaft mtsprochm, haben nicht Einwohner, aus allen Erdteilen, nach dem wilden Kampf um den allmighty Dollar für immer ausruhen. Ich habe den armen Poeten gekannt und einmal bei mir gesehen. Es n ögen zehn Jahre her sein, als an einem Sonntagvormittag ein Mann in meinem Sprechzimmer erschien, schmal und engbrüstig und zeitig gealtert, wie die meisten armen russischen Juden. Ich hatte ihn zuvor einmal in einem jüdischen Theater gesehen und erkannte ihn allmählich wieder. Er wußte lange bevor er mch aufsuchte, daß er ein vom Tod gezeichneter Mann war, wie so viele seiner Berufs^ erlassen, die täglich zwölf, ja sogar sechszehn Stunden an ihrer Nähmaschine fitzen, bis das ominöse Stechen in der Brust fie mahnt, zum Doktor zu gehen, um mehr oder weniger verblümt ihr Todesurteil zu hören — und es weiter gehen zu laffen, wie es Gott gefällt. Nach der Untersuchung empfahl ich ihm alle die kleinen Mittel, die die Armut erlaubt anzuwenden. Ich hatte bis dahin nicht merken laffen, daß ich ihn kannte - erst als er schüchtern eine Dollarnote auf den Tisch legte, bie ich mit den Motten zurückschob: „Mister Rosenfeld, Sie haben diesen Dollar fcton längstabverdient, und mir mit Ihren Gedichten für den zehnfachen Betrag Freude bereitet", da zog ein flüchtiges, hektisches Rot über das ncchdenktltche, magere Gesicht. In seinen traurigen Augen leuchtete es eine Sekunde lang, nie ein stilles, inniges Glück. Er sah mich einige Sekunden fragend an, dann begann er: Ich weiß ja ganz gut, was mir fehlt und Sie, Herr Doktor, können mir auch keine neue Lunge einfetzen, aber weil Mister Rosenblum mir keine Ruhe ließ, meine Frau auch nicht, bin ich zu Ihnen gekommen." Ich unterhielt mich noch eine Wette mit ihm und forderte Hn auf, jederzeit wenn er ärztticher Hilfe bedürfe, ruhig bet mir anzuklopfm. Er kam nicht Meter. Dmm sich ich ihn einmal«« einem frühen Hervft- ' m «Mr ö# den Häusern lag, gesenkten Hauptes mit flüchtigen Schritten über die Straße gehen. Das war so ein Frühmorgenbtld, das für einen Dichter des menschlichen Elends das passendste Pendant gab. Scharen von Menschen, die wieder zur Arbeir eilen und eher verschlafen als ausgeruht aussehen, mit dem ängstlichen Gestchtsausdruck, der so häufig auf den Zügen in Fabriken arbeitender Menschen zu lesen ist, die fürchten zu spät zu kommen und schon auf der Straße mit der Arbeit beschäftigt zu sein scheinen. Auch Rosenfeld schien von dieser Angst befallen. Vielleicht dachte er an sein „Jünglach", von dem er so traurig spricht, daß er es nur im Schlafe sehe. Wenn er morgens ftüh das Haus verlassen muß. um auf die Arbeit zu gehen, dann schläft noch sein Kind, und er kann nicht mit ihm sprechrn. Und wenn er des Nachts spät nach Hause kommt, dann ist fein Jünglach schon wieder in den Schlaf gesunken und sein Baterherz sehnt fich vergebens, mit seinem Kinde ^u plaudern, zu spielen und zu scherzen. Vielleicht vettachtete sein Dichterauge die Tausende zarter Mädchengestalten, die an ihm flüchtigen Schrittes vorübereilten, wie das Mädchen in seinem Gedichte spricht: „Jach muß verdienen gaihn". Und er selber mußte verdienen gehen, so sehr auch die Schwindsucht ihm die Brust zerwühlte, und wie er dichtete: Mein Herz is schwach, ich krächz ün hust, ES hebt fich kaum mein kranke Brust Ich fühl kein Kraft, es iS verwendt (verbraucht) Der Eisen (Pläitetsen) fallt mer vun die Häno.... Doch nicht die Krankheit fetzte feinem Leben so zu, wie der furchtbare Schlag, dm das Geschick ihm noch vor seinem Ende aufbewahrt hatte, ehe eS dieses schwache Leben ganz zerbrach. Gel« einziges Jünglach, an dem er mit der mtt&en Kraft einer unverbraucht« Liebe hing, seine sttlle Hoffnung und der wärmste Sonnenstrahl seines Lebens, starb, kaum elf Jahre alt, an der Diphterie. Da dichtete er nicht mehr, er legte stumm die Feder hin und legte fich auf das hoffnungslose Krankenlager, an das die hohle Rot, die graue Sorge nun fich niederließm, bis endlich der große Erlöser die kranke Dichterbrust von dem schwerm Alpdruck des Lebens befreite. Run werden fich die Neunmalweisen niedersetzen und fich die Frage vorlegm, ob der Mann ein Dichter war oder nichtwerdm entscheiden, ob der tote Mortts Rosenfeld, deffen Gedichte hunderttausmden jüdischm Proletariern in Fletsch und Blut übergegangen find, mehr gewesen ist, als nur ein armer jüdischer in einer Fabrik arbeitender Schneider. Doch die Herren Kritiker mögen nur ruhig krttrfierm, dem jüdischm russischen Proletariat in dm amerikanischen Großstädtm werden fie seinen Dichter, der sein Leid verstanden hat wie nur je einer, niemals raubm könnm. Wir geben hier drei Proben der Kunst des vor einigen Tagen verstorbenen Dichters, von denen die beiden ersten von Berthold Feiwel, das dritte von Max Viola aus dem Jargon übertragen wurde. Mein Lied. O glaubr, kein goldenes Instrument Stimmt mettre Kehle zum Singen. < O glaubt, kein Wink von oben laßt Meiner Leier Saiten erklingen. Doch der Sklave, der seufzt, um» der Sklave, der stöhnt. Der weckt in mir die Lieder, Änd flammend erwacht in mir ein Saug Für meine atmen Brüder.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.