Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1907)
- Date
- 1907-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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9. SS. «dte SL -E- /ärv* uv, ‘-»-y, »%•;,»; schichte des unter den widerwärtigsten Verhält- . . infsen leidenden Judentums. Wer zwingt Sie, gegen die Zuversicht, daß das Judentum aus seiner inneren Idee bestehen werde, Mißtrauen zu haben und ihm zu seinem Schule den Exekutor zu geben? Der Abg. Hirsch wrrd für Danzig bezeugen, daß das Gesetz von 1847 dort gar keine Anwendung findet, daß die Gemeinde sich aus freien Stücken gebildet hat und sehr fest züjammenhält. Auch in Amerika existiert kein Zwang für du Bildung der jüdischen Gemeinden, und nirgends ist der feste Zusammenhang derselben größer, als dort. Ich darf es sagen, welche Entscheidung Sie auch diesem Gesetze geben mögen, ich bin äußerst erfreut und dankbar für die Sympathien, in denen Unterstützer und Gegner des Gesetzes für die Interessen des Judentums sich vereinigen. Es ist dies besonders erfreulich in der heutigen Zeit, in der die ungereimtesten Angriffe gegen die Juden als solche von allen Seiten geschleudert werden. Diesen gegenüber sehe ich m der lebendigen Teilnahme dieses Hanfes, tvel- When Ausdruck <mch diese Teilnahme für diesen weziellen Fall findet, ein Zeugnis, welches die Inden gewiß mit Dank annehmen werden, und das sie unztveifelhaft ermuntern wird; aber ich bitte Sre doch daß Sie die Reihenfolge nicht um- .kehren: bei den Katholiken gestatten Sie, daß ein Teil aus Gewissensbedenken sich absondece und einen Teil des Vermögens an sich nehme; bei den Protestanten gestatten Sie, daß ein Teil sich ab» sondere, aber nicht das Vermögen an sich nehme (Hört, Hört), und nun steigern sie bei den Juden, daß sie sich auch nicht absondern dürfen (Heiterkeit). Bis zu den Protestanten hätte ich meinen mögen, daß die größere Liebe der einzelnen Mitglieder für die eine oder die andere Konfession unwillkürlich sich mit in die Entscheidung eingemischt hat: bei den Juden ist diese Annahme ausgeschlossen. Ich kann von der Mehrheit des Hauses nicht anneymen, daß sie aus großer Liebe zum "Judentum hier Privilegien einsühren will, die für ihr eigenes Bekenntnis versaßt sind. Weshalb ich nickt aus allgemeiner Analogie, sondern im Interesse des Judentums für. diese Gesetze so außerordentlich eintrete, ist, daß ich den Zustand umändern möchte, in welchem sämtliche jüdische Bewohner derselben Gemeinde verpflichtet sind, derselben Gemeinde zuzugehören, gleichviel ob die heftigsten Streitigkeiten in Bezug auf die heiligsten _ Dinge sich daraus entwickeln. Das nenne ich Herabsetzung des idealen Stan.dpunk - te s, wenn man lediglich, um einen gewissen Geldzuschuß zwangsweise zu erhalten, sich nichts daraus macht, ob über die intimsten Gewissensfragen Unreinheit der Gesinnung getragen wird an dre Stelle, wo Reinheit der Gesinnung walten sollte. Diese, glaube ich, wird durch diese Gesetze befördert. Uebrigens wird der praktische Erqolg doch wohl nicht das Auseinanderlauftn sein. Cure Veränderung wird vielleicht Vorgehen: es werden die einzelnen Gemeinden und Personen nich» mehr mit derselben Leichtigkeit zu Reformen sich auswerfen und einen gewissen Gottesdienst den Gemeinden aufzwingen, dem viele Mitglieder nicht beiwohnen wollen." Diese prophetischen Worte sind voll in Erfüllung gegangen: von all' den Befürchtungen, mit denen gegen das Austritts-Gesetz gekämpft wurde, hat sich wine bewahrheitet; wohl aber sind dem Neuerungseifer Zügel aufgezwungen und ist gerade dadurch der Frieden innerhalb der Gemeinden gesichert worden, für deffctt Zerstörung matt zittern zu müssen glaubte. Hoffen wir, daß in Bayern das Aeußerste vermieden, daß doch, noch eine Beilegung des Zwistes, die Dauer verheißt, gelingen wird! Mer wenn es denn wirklich sein muß, dann wird auch vor diesem, an sich sicherlich unerwünschten, Aeußersten, vor einem friedlich-sch redlichen Austrag nicht Halt gemacht werden dürfen." Wenn dasselbe .qesinnungsgenössische Blatt an einen Artikel der Augsburger Postzeitung über die Revision des Judenedikts von 1813 die Aeußerung knüpft, das Zentrum als die herrschende Partei werde die Revision nicht zugeben, so hat sich diese Befürchtung erfreulicher Weise nicht verwirklicht. Wir verweisen auf einen an anderer Stelle d. Bl. (siehe Korrespondenz München) wiedergegebenen Artikel desselben Blattes, der sehr entschieden für die Wünsche der orthodoxen Juden eintritt. Es hat sich, was wir hofften, bestätigt, daß das Blatt selbst so gut wie die Zentrumspartei sich zu einer unseren Wünschen entgegenkommenden Haltung verstehen würde, sobald sie sich mit der Materie-gründlicher beschäftigt und eingesehen hätten, daß es sich nicht um grunostürzende Aenderungen des Staatskirchenrechts, sondern lediglich um die allernotwendigste Sicherung des überlieferten Judentums gegen die Vergewaltigung durch eine halt- und prinzipienlose Neologie handelt. Die €hefdillefjungmif autlöfenfler Klausel. Die Pariser Rabbiner Weißkopf und Lubetzki setzen den Kampf gegen die ungeheuerliche Verhöhnung des jüdischen Sittengesetzes durch den französischen Rabbinerverband mit Eifer und Entschiedenheit fort. Sie veröffentlichten jüngst neben scharfen Erwiderungen auf die kläglichen Berteidigungsversuche der Führer des Verbandes ein Gutachten zweier hervorragender russischer Autoritäten, der Oberrabbiner von Pinsk und von Wilna, in dem es folgendermaßen heißt: „Wir find erstaunt aus Ihrem Brief zu erfahren, daß die ftanzösischen Rabbiner beschlossen haben, der von den bürgerlichen Gerichten -ausgesprochenen Scheidung durch die Einführung der bedingten Eheschließung religionsgesetzliche Geltung zu verleihen. .... Vielleicht glauben fie aber die bedingte Eheschließung durch irgend eine Stelle unseres heiligen Schrifttums rechtfertigen zu können. Wir erklären daher hiermit ganz entschieden, daß es nach unseren religiösen Kodizes kein Mittel zur Autorisation einer solchen Heirat atebt. Die bürgerliche geschiedene und nicht nach Vorschrift ilWD rnD durch einen Get fteigegebene Ehefrau, ist En** nBW und ihre Kinder sind und bleiben □■HTDD- Hütet euch, ihr französischen Rabbiner, solches zu tun. Weckt nicht den Zorn ganz Israels. Schafft nicht eme Situation, die uns zwingen würde, eine Schranke aufzurichten zum Schutz der Rheinheit und Heiligkeit unserer Raffe gegen das Eindringen von unehelichen Kindern und qvitöD . . .;. Und lhH Verteidiger der rMM M fest M Eurem Posten. Gebt bekannt unsere Gedanken, die die der Thora find. Man wisse, daß die Rabbitter unseres Landes darin einig find, fich unserem Protest anzuschließen, und unseren Glaubensgenoffen in allen Gegenden Kunde geben werden von dem nicht wieder gut zu machenden Werk der Zerstörung, bas man vorbereitet ..... In demselben Sinne äußert sich ein gleichfalls von den beiden genannten Pariser Rabbinern veröffentlichtes Gutachten des Londoner Rabbi n a t s. Eine merkwürdige Auslastung, die von einem französischen „Talmudisten" herrührt, findet man im „Univers. Jsraölite". Der Verfasser gesteht ehrlicher Weise ein, daß sich der Beschluß des Rabbinerverbands nicht mit dem überlieferten Religionsgesetz in Einklang bringen lasse. Er hält aber die Rabbiner für befugt, eine dem Ueberlieferten widersprechende Neuerung zu treffen. Gleichzeitig wünscht der Artikelschreiver, damit das junge Paar nicht schon bei der Trauung vor den Gedanken einer Scheidung gestellt werde, eine Abänderung der geplanten Klausel. An Stelle der in die Kethuba einzüfügenden Formel, die für den Fall einer bürgerlichen Ehetrennung den Get für unnötig erklärt, schlägt er die einfache Verordnung vor, daß, wo aus einem nicht vom Willen der Frau abhängenden Grund, diese keinen Get erhalten kann, die Ehe annulliert sei. Eine solche Verordnung würde, so erklärt oer Verfasser, auch den bisher in die Ehe eingetretenen Frauen zu Gute kommen können. Das ist furchtbar, aber konsequent und ehrlich und nicht frivoler, als das Vorgehen des Rabbinerverbands. Möchte doch oie öffentliche Meinung der gesamten Judenheit diesem entsetzlichen Treiben endlich Einhalt gebieten! Ein Brief an die 6c$etze$treuen Badens. Bon Dr. Wohlgemutin Berlin. (Fortsetzung). B. Kürzungen und Verteilungen. „Kann aber ein Vorurteilsloser leugnen, daß auch heute Zeitbedürsniffe vorliegen, die dringend Befriedigung heischen? Kann er in Abrede stellen, daß — um zunächst das Aeußere zu berühren — die unendlichen Häufungen in gewissen Gebetstücken des überkommenen Siddur dem Geschmack und dem Verständnis unserer Zeit widerstreben, daß zumal eine ganze Reihe von Gebeten bei aller Schönheit und Gediegenheit durch ihre Länge und alltägliche Wiederkehr an Erbauungskraft einbüßen und daher nur zur Förderung der Andacht gekürzt bezw. auf mehrere Tage verteilt werden?" leines euilleton. Eines jüdischen Dichters Leidensweg. Eine Reminiseenz an Morris Rosenfeld von Dr. Arthnr Kahn. Sein LebenSgang, ein Leidensweg, so tragisch und entbehrungsvoll, wie er nur dem jüdischen Dichter beschieden ist, sein Schmerzenslager, das ich lange vorausgeahnt, seine Krankheit voller Not, sein Ende in Armut, werden stets ein dunkler Fleck für die amerikanische Judenheit bleiben. Warum hielt er auch nicht seine Hand ausgestreckt? Warum ging feine Gattin nicht in eines der vielen Wohltätiaket sbüros und bat dort einen der Herren, die sich um das stille und laute Elend kümmern, um Brot, um Kohlen, um Arznei und Geld? Warum stellte fich der darbende Mann nicht auf die Straße, mit einem kleinen Schildchen: „Unheilbar krank" auf der. Brust? Neines war nicht nötig. Denn ganz Newyork, bas ganze jüdische, das arme und das reiche Newhork, alle die woylvermögenden, die reichen GlaubenSgenoffen, alle die Leute, die gierig nach Popularität Haschen, um zu den «Prominenten" gezählt zu werden, die eS fich ein Stück Geld kosten laßen, um in den Mund des Publikums zu kommm, alle diejenigen die partout zu den Gebtlbeten «zählt werden möchten, ja, fie alle wußten, daß der Dichter des jüdischen Proletarierelends selbst einer der ärmsten Proletarier, und, was ihn noch tausendmal ärmer machte, ein totkranker Mensch war. Sie alle wußten, daß der kranke jüdische Poet tagein, tagaus mit sinkenden Kräften und zunehmendem Husten in die dumpfe Arbeitsstätte wantte, um mit den abgezehrten Händen die Nähmaschine zu bewegen. Sie alle wußten eS; und dennoch starb er im tiefften Elend, wie er gelebt hatte. Ein armer jüdischer Dichter, der nicht wollte, daß der Klingelbeutel der mit lauter Zettungsreklame improvistrten Wohltätigkeit den Leuten, die sonst nicht so leicht geben, vors Gesicht gehalten werde. Das so immens reiche Newhork, das in seinen fashtonablen Seebädern, die ihm, dem armen Schneider mit dem Götterfunken in der schmerzenden Brust, unerreichbar waren, in Long-Branch?, in Rockaway-Beach, in Atlantic- Cilh oder Saratoga, Hunderttausende verpraßt und verfielt, wo die reichen jüdischen Damen für Millionen Diamanten un sich herumttagen, wo eine Hundertdollarnote nicht mitzählt, dieses reiche Newhork, das ganze reiche Amerika, hatte keinen Cent übrig, keine lumpigen Tausend Dollars, über die man in guten Kreisen kaum länger als eine Minute spricht, kein Aufhebens macht, mit denen aber deS stechen Dichters letzte Levenstage hätten aufgehrllt werden können. Und so starb der arme jüdt che Poet unter tausend Martern und von der Schwindsucht ausgemergelten Körpers und mit der Angst im Herzen um die Zukmtst der hilflosen Frau in seiner mehr als ärmlichen Wohnung in dem Rtesenghetto Newhorks, wohin der Fuß des Reichen fich nie verirrt. - ' Wie schrieb doch gleich Goethe an Eckermann? „Ein deutscher Schriftsteller — ein deutscher Märtyrer." Was hätte der weise Weimaraner erst gesagt wen" er das Los eines jüdischen Dichters und Schriftstellers gekannt hätte! Und Du, armer Morris Rosenfeld, warst noch nicht einmal ein deutscher, ach, nur ein jüdischer Schriftsteller, nein, noch viel ttauriger, ein jüdischer Dichter! Welch ein Schicksal! Daß Dich Dein finsteres Los nach Amerika verschlug, war schon Dein Verhängnis, denn Amerika und gar Newhork, rst kein Land der Ideale) was hat denn dort ein Poet zu suchen, der nichts weiter mit an seine Gestade gebracht hat, als sein volles Dichterherz. sein Seherauge aber kein Geld? Ich habe nun allerdings nicht an seinem Sterbelager gestanden, als er seinen letzten Seufzer in der engen, finstern Stube in dem für die Armut gebauten „Tennementhaus" aushauchte. Aber ick kann mir lebtaft vorstellen, wie er hinüberging, in das unbekannte Reich der Schatten, wohin ihm sein „Jünglach" voranging, dem er ficher gern, der Sehnsucht voll, folgte. Ich weiß ja, wie bereitwillig bann die Leute auS der Nachbarschaft herbei geeilt kommen, fich um das Bett des Sterbenden stellen und in großer El griffenheit Schma Israel rufe«, vis der Verscheidende nicht mehr atmet, und darauf schluchzend boruch Dajan Emmes spo chen. Und so ist er sicherlich auch von dannen gezogen. Und die Zeitungen haben d nn ein „Extra" ausgegeben, und die Zeitungshuben schrieen an allen Stationen, an allen Straßenecken „Extra I Morris Ro enfeld, der Ghettodichter gestorben!" Sie werben viele Blätter verkauft und an des Dichters Tob noch Geld verdient haben. Als man aber den toten Dichter zu Grabe brachte, da haben fich gewiß viele Tausende hinter dem Sarge angereiht, bis weit, wett hinter Brooklyn, wo die metlenwetten jüdischen L-ichmfewche SiS zur Famaica-Bah fich ausdehnen und die Tausende Macher