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Der Israelit · 1907-08-01 · Heft 31 (1.8.1907) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 31 (1.8.1907)
Date
1907-08-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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fahren könne. Darum sollte er den Nachtzug benutzen und von dem Doktor und Rose am Bahnhose erwartet werden, da der Dokter ihn nicht persönlich kannte, und Else noch zu angegriffen war, um sich einer neuerlichen Aufregung aussetzen zu dürfen. Reichmanns erste Frage, als er Nose's ansichtig wurde, war nach seiner Else. „Unbesorgt, Herr Reichmann! Else befindet sich wohl. Sie schläft noch. Sie ist wohl aufgehoben bei dem Freunde meines Vater, Herrn Doktor Grünfeld." Die Herren reichten sich nach der kurzen Vorstellung zur Begrüßung die Hand. Keinerlei Höflichkeitsphrasen wurden bei dieser Gelegenheit gewechselt. Der Moment war ein zu ernster. „Was geht bei Helmstädten vor? Warum hat mein Kind das Haus verlassen?" „Herr Helmstädten ist tot," sagte der Doktor. „Er hat sich getötet," fiel ihm Reichmann ins Wort, „er ist ruiniert und ich mit ihm. Ach, meine Ahnung." „Es wird nicht so schlimm sein, als es im ersten Augenblicke aussieht," tröstete der Doktor. „Es wird nichts so heiß gegessen, wie gekocht. Aus materielle Verluste mußten Sie doch vorbereitet sein, wie jeder, der sich mit Börsenspekulationen abgibtetwas mehr oder weniger spielt dabei keine große Rolle. Da kann nur eines nützen: den Kopf oben behalten. Geld ist nicht alles. Wenn man am Leben bleibt, und seine körperlichen und geistigen Kräfte behält, und seine Ehre rettet, dann bietet das Leben einem strebsamen Manne Gelegenheit genug, das Verlorene wieder einzubringen. Und wenn dies auch nicht in vollem Umfange geschieht, so ist ein glückliches Familienleben und ein ehrenvoller Wirkungskreis ein vollkommener Ersatz für Reichtümer, welche wie die Blume des Feldes heute blühen und gedeihen, morgen aber verwelkt und vernichtet sind." Für Reichmann war eine solche Auffassung neu. Er hatte bisher nur dem Gelderwerbe gelebt, und die Vermehrung seines Reichtums schien ihm das erstrebenswerteste Ziel des Lebens zu sein. Es war daserste Mal, daß er solche Worte anhörte, die er vor kurzem noch verlacht hätte. Sei es aber, daß die Situation, in der er sich befand, ihn gefügig machte, sei es das bei aller Herzlichkeit imponierende Auftreten des ihm bis heute fremden Doktors, welcher sich so freundlich seines Kindes angenommen hatte, er hörte geduldig zu und unterbrach den Doktor auch mit keiner Silbe. Dann aber sagte er traurig: „Ich bin ruiniert. " Mein ganzes Vermögen war in den Händen dieses Mannes, dem ich das vollste Vertrauen entgegenbrachte. Ich war der unkluge Kaufmann, der seine ganze Habe auf ein Schiff lud. Nun bin ich ein armer Schiffbrüchiger." Das Wiedersehen zwischen Vater und Tochter war ein ergreifendes. Elsa hatte sich bereits von dem ersten Schrecken erholt und war im Vereine mit Rosa bemüht, auch den Vater in eine ruhigere Stimmung zu versetzen. Reichmann erbat sich von dem gütigen Doktorsehepaare Gastfreundschaft für Elsa auf so lange, bis er seine geschäftlichen Angelegenheiten geordnet haben würde, dann erst konnte er mit ihr die Hämreise antreten. Da aber nicht viel zu ordnen. Alle Kapitalien, die er behufs nutzbringender Börsenmanipulationen feigem Banquier anvertraut hatte, waren rettungslos verloren. Gleich nach Helmstädtens Beerdigung beglei tete Robert seine Mutter wo sie bei ihren daselbst in deren Geburtsstadt, ebenden gut situierten Geschwistern fteundliche Aufnahme fand. Robert aber begab sich ins Ausland, um eine seinen Fähigkeiten entsprechende Stellung zu suchen, da die. geschäftlichen Verhältniffe in Oesterreich nach dem Börsenkrach so traurig waren, daß jeder Industrielle sowie die Kaufmannschaft das Personal auf die Hälfte reduzieren mußte, anstatt neues autzunehmen. Auf Jahre hinaus hatte der Börsenkrach und seine Folgen Harchel und Gewerbe lahm gelegt- und selbst die Weltausstellung, in welche man große Hoffnungen gesetzt hatte, konnte dem unerbittlich fortschreitenden Verderben keinen Einhalt tun. Katastrophen, wie die im Helmstädtischen Hause waren keine Seltenheit. Ueber den Zusammenbruch eines tonangebenden Welthauses wurde zur Tagesordnung geschritten. Kaum, dass die Zeitungen eine kurze Notiz darüber brachten, welche in den Worten gipfelte: „Wie gewonnen, so zerronnen." Dasselbe sagte man auch zu Hause über die Verluste Reichmanns, von dem es sich nun herausstellte, daß er sein großes Vermögen weder seiner kommerziellen Tüchtigkeit, noch seinem Fleiße verdankte, sondern einzig und allein dem Börsenspielen. Nach mehrtägigem erfolglosen Bemühen, aus dem Zusammenbruche des Hauses Helmstädten etwas von seinem Guthaben zu retten, oder wenigstens einige Aussicht auf Entschädigung für die Zukunft zu erlangen, reiste Reichmann mit seinem Kinde ab, um daheim ein neues Leben voll Arbeit und Sorge zu beginnen. Rosa war in Wien bei den alten Leuten zurückgeblleben. Sie hatten es sich bei Rosas Eltern erbeten, sie bei sich behalten zu dürfen, da ihnen Rosas Gesellschaft unentbehrlich geworden sei. Des Ingenieurs Urlaub war bald nach diesen Ereignissen zu Ende gewesen und er hatte sich wieder ganz seinem verantwortungsvollen Berufe gewidmet, nicht aber, bevor er eine günstige Gelegenheit benützt hätte, um sich gegen Rosa zu erklären, und ihr Jawort zu erlangen. Rosa hatte von den Sehenswürdigkeiten Wiens und der Weltausstellung mehr als genug gesehen. Die Vorgänge, deren Zeugin sie gewesen, hatten einen unauslöschlichen Eindruck auf das Mädchen gemacht. Sie verlangte jetzt nichts anderes als eine bestimmte Beschäftigung zugewiesen zu erhalten. Vormittags, währer'N. des Doktors Ordinationsstunde und während r seine ärztlichen Besuche machte, half sie ihrer .nftigen Schwiegermutter bei den häuslichen Arbeiten, nachmittags las sie dem Doktor die P ckung vor, half ihm auch bei seinen schriftlichv.t Arbeiten, die er jetzt, nach wochenlanger Unterbrechung, die ihm die Pflicht der Gastfreundschaft gegen Rosa aufzwang, mit allem Eifer wieder aufnahm. Jetzt erst fühlte sich Rosa, wie zu Hause bei ihren Eltern. Doch fiel ein Schatten auf ihr junges Liebes- und Lebensglück. Trotz seiner Tüchtigkeit und seinem ernsten Wollen gelang es noch immer Robert Helmstädten nicht,' eine Stelle zu bekommen, die ihm die Werbung um Elsa ermöglichte. Die verzagten Briefe Roberts, die verzweifelnden Elsas veranlaßten Rosa, sich an ihren Verlobten mit der Bitte zu wenden, doch in seinem Bekanntenkreise dahin zu wirken, daß der strebsame junge Mann einen seinen Fähigkeiten entsprechenden Posten in einem Bankinstitute erlange. Es war die erste Bitte, welche Rosa aussprach; was war natürlicher, als daß Arthur alle Hebel in Bewegung setzte, um ihren Wunsch zu erfüllen. Und es gelang ihm auch. Kurz nachdem Robert eine feste Anstellung in Hamburg erhalten hatte, welche ihm die Gründung eines bescheidenen Hausstandes ermöglichte, schrieb er an seinen Freund unter, anderem folgendes: „Auch ich stehe an der Schwelle des ersehnten Glückes, indem ich heute von meiner ersten und innigen Liebe, Elsa Reichmann, das Jawort erhalten habe. Ich fühle die Kraft in mir, ein Mädchen ohne Mitgift heiraten, und ihr ein zufriedenes, behagliches Leben verschaffen zu können. Ich habe an dem lieben Kinde so viel gut zu machen, daß ein ganzes Leben voll Glück und Liebe eben nur knapp di^zu ausreicht. Die Schuld das Vaters muß ich sühnen durch Liebe und Treue." Rosa war überglücklich, als ihr Arthur diesen Brief zu lesen gab. War es ja das traurige Schicksal ihrer Freunde, das sie ihres eigenen Glückt nicht vollkommen ftoh werden ließ. Der harte Schlag, der die Familie Reichmann ■pv,;» BT' ■■ - . ' sL,- .'.iiiv —" ■ 1 w—TM-- betroffen, hatte auf Elsas Gemüt einen merkwürdigen Einfluß ausgeübt. Sie hatte einsehen gelernt, daß äußerer Glanz nicht zum wahren Glücke führte, daß all der oberflächliche .Prunk flüchtig ist und nur der Seelenfrieden,' durch Ernst und Arbeit gefördert, ein wahres Glück bedeutet. So geklärt und innerlich gefestigt trat Elsa, ein Jahr später als der Ingenieur Grünfeld mit seiner Rosa, an der Seite Roberts unter den Trauhimmel, in der altertümlichen Synagoge ihrer Heimatsgemeinde. Rabbiner Haüser vollzog die Trauung. Es war an einem Neumondtage, und da knüpfteer in seiner Traurede an den sinnigen Text aus dem Hallelgebete an: „Ich danke Dir, Gott, daß Du mich gebeugt und meine Rettung geworden bist." Der Ingenieur Grünfeld war mit seiner Frau aus weiter Ferne gekommen, den Freudentag der Freunde mitzufeiern. Vor der Trauung überreichte der glückliche Bräutigam seiner Braut den üblichen Blumenstrauß aus Myrthen und Orangenblüten, der jungen Frau seines Freundes aber gab er ein schön gebundenes Sträußchen aus duftenden, taubenetzten Mopsrosen. Eine sinnige Anspielung auf den Namen, den man ihr in ihrer Kindheit beigelegt hatte. »•& inderecke. Scbttlkameradeii. In der Klaffe herrschte allgemeine Unaufmerksamkeit. Doktor Paulsen hatte eben dem vierten Schüler zur Ordnung gerufen und den nächsten, der seine Frage nicht wiederholen könne, das Stellen in den Winkel angedroht — eine Strafe, der die Schüler der Quarta eigentlich schon entwachsen waren. Es war allerdings warm, und an dem ersten Tage nach den großen Ferien mochte es den Knaben wohl schwer fallen dem Unterricht zu folgen, aber diese Unaufmerksamkeit war doch zu schlimm. Da trat der Pedell ein: „Moses Stern soll sogleich zum Herrn Direktor kommen", meldete er mit einem verständnisvollen Blick auf den Genannten. Dieser erhob sich und sah den Lehrer fragend an. „Geh nur!" antwortete er auf dis stumme Frage und Moses verließ seinen Platz, den Kopf halb trotzig, halb verlegen zurückgeworfen. Doktor Paulsen sah, daß es sich um. ein Strafgericht handelte. „Nimm Dich zusammen, daß Du nicht heftig wirst, Du weißt, das kann Herr Direktor nicht leiden", mahnte er gutmüttg, und Moses nickte. Eine nervöse Spannung lag auf der Klaffe, als der.kleine Missetäter gegangen war, der Lehrer war so gütig der allgemeinen Erregung Rechnung zu tragen und nicht mehr über die Unaufmerksamkeit zu schelten. Moses mußte sich etwas ziemlich Ernstes geleistet haben, denn selbst Hans Bergen, der Primus, Moses erklärter Rivale, war ganz blaß vor Erregung und vermoche nicht seine Gedanken zu konzentrieren. Daß Hans Erregung einen tteferen Grund als den, der bloßen Tellnahme an dem Kameraden hatte, konnte Dr. Paulsen nicht wissen. Vergeblich suchte der sonst so schneidige PrimuS gleichgültig dreinzuschauen! „Bah, was ging ihn die ganze Geschichte überhaupt an? Moses war ja im Unrecht und damit basta! Und selbst wenn dieser ihn hereinlegen sollte, gab's noch immer Ausreden genug!" Dann aber fiel Hans wieder ein, daß ihn die ganze Geschichte sehr viel anging, und daß Moses ihn notwendig „hereinlegen" mußte, wenn er dem Direktor den Sachverhalt wahrheitsgemäß erzählte. Noch mehr/

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