Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1907)
- Date
- 1907-08-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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m wm schrtst eine Todsünde war. Ich kenne keinen von den Mtgliedern des Oberrats und weiß dyher nicht, inwieweit sie den Reformrabbinern «t, die die pentateuchischen Gesetze verletzen, m Uebertretung der Thora als Kapitalverbrechen gilt. Zum mindesten sind sie mit ihren Aenderungen die Wortführer dererdenen die Sabbath-, Speise- und jüdischen Ehegesetze ein überwundener Standpunkt sind. Und diese Männer wagen es, sich als die Erben jener ftommen uno ehrfurchtgebietenden Gestalten zu bezeichnen, denen Lehre und Leben zusammenklang und deren Gebet daher auch der wahre Ausdruck eines harmonischen zu Gott strebenden Gemütes war. Sie mögen von einem ganz Modernen, von Mul tat uli, hören, wie er über diese Herren denkt: „Es leben wenig Juden, die nicht — theologisch gesprochen — zehnmal des Tages müßten weggetan werden vor den Augen des Volkes durch Steinigung ... So lange sich die Israeliten in Dingen, die ihnen angeblich heilig sind, so lau anlasien, kann ich sie nicht jochschätzen." Wir können Achtung empfinden vor Männern — wenn wir ihren Standpunkt auch verwerfen und bedauern — die die schriftliche und münd- . liche Lehre als Produkt des jüdischen Volksgeiftes betrachten, in unsrer gesamten Literatur nur den Niederschlag einer Entwickelung und in der neologen Auffassung den Endpunkt dieser Entwickelung sehen. Sie gehen über die Anschauungen und Erzeugnisse früherer Perioden zur Tagesordnung über, wenn sie nicht den ihrigen entsprechen. Aber wie es die Mitglieder des Oberrats machen, sich einerseits in schneidenden . Widerspruch stellen zu dem, was den Alten heilig war, und dennoch die Alten. als Eideshelser für die zerstörende Tättgkeit zitteren, das ist freilich auch schon dägewesen, in den Anfängen der Reform, bei den berüchtigten Rabbinerversammlungen ■ im vorigen Jahrhundert, bei Holdheim, Geiger ufw. Es ist aber auch heute ebenso zu brandmarken als Unwahrheit, oder um mit Güdemann zu reden, als Schwindel! Aber selbst wenn wir diese prinzipielle Seite unbeachtet lassen? Sehen wir uns doch einmal die Aenderungen an, die der Oberrat da vorgenommen hat, wo es sich nicht um dogmattsche Fragen, wie den Opferkultus und das davidische - Königstum, die Erwählung Israels handelt, wo ihn also nicht das „Streben nach Wahrheit" ru Umformungen zwang. Ich nehme nur zwei Beispiele, eins vom Anfang und eins vom Schluß des Buches. Auf Seite 10 lautet der Segensspruch . rrnre SV X^ n"*a, „Gepriesen feist Du, Ewiger, u. f. w, der die Erde gegründet «uf chre Fundamente", so, dekretiert der Oberrat, ist jetzt Gott zu preisen, statt mit dem alten „der die Erde ausspannt über den Wassern". Wenn die Sache nicht so tief traurig wäre, vor allem um der Gefahr willen, die den Gesetzestreuen in Baden droht, könnte man ob diefts unfreiwilligen Humors herzlich lachen. Gibt es einen lustigeren Schildbürgerstreich? Die biblische, allen vertraute, alte Fassung wird geändert, weil sie mit der Wissenschaft nicht im mnklang steht. Wie viele von den biblischen Wendungen, ja von den poettschen Bildern in der gesamten Weltliteratur wohl stehen bleiben würden, wenn man mit dieser flachen, rationalistischen Schablone an sie herantreten würde. Wir betrachten jede Aenderung aus einem solchen Grunde als eine Thorheit, über die man höchstens lachen, aber nicht böse sein kann. Aber wenn schon geändert wurde, warum nicht nö'Sa TpK nVin „läßt die Erde schweben über dem Nichts" — da hätten wir doch gleich den Kopernikus in einem grandiosen Bilde. Aber vielleicht ist der Oberrat vorsorglich. Er meint vielleicht, daß sein Gebetbuch noch bestehen wird, selbst wenn das Kopernikanische System überwunden ist, und deshalb wählt er einen Ausdruck, der allezeit unanfechtbar ist. Denn also läßt er sich vernehmen S. 45: „Die Aenderung von TpKn yp*n hat darin seinen Grund, daß ihre Ausdrucksweise offenbar in der wissenschaftlich überwundenen Anschauung wurzelt, wonach die Erde als eine Scheibe auf dem Wasser ruht, wogegen der gleichfalls biblische Ausdruck TpK “IDS rvwDö Sy denselben Gedanken in einer allezeit unanfechtbaren Weise wiedergibt." Nur schade, daß dieses Zitat aus Ps. 104, V. 5, das dott an Ort und Stelle durchaus klar ist, well die Worte iyi oViy öion Sn folgen, als Halbvers nicht so durchsichtig ist, daß man sich gleich etwas ganz Konkretes darunter denken kann. Dort ist von der Festigkeit, der Unerschütterlichkeit der Erde die Rede. Aber der Oberrat ist ja ein solcher Feind jeder Mystik, daß ihm jedes Bild, das irgend ttef ist und ausgeschöpft werden muß, ein Greuel ist. Und da komme ich zu dem zweiten Schildbürgerstreich, den wir geißeln wollen, zu der Stelle am Ende des Buches, in der naaSn naia* Sie lautet beim Oberrat: pn okuc Sa vs m-oi rvpnp tro noKoa uw* io« naaSSi 0Tpsr>. n« ubv «Stf onS ina jen anno n"«n jö:mdidj;S m«sn nioy annnntr D'ttHrv Man wird uns nicht einreden wollen, daß der Oberrat hier gekürzt hat, weil er in „unserer ruhelosen, hastenden, vom Daseinskämpfe mehr denn je bewegten Zeit behufs Wiederherstellung oder Aufrechthaltung der Andacht eine stärkere, dadurch den Kern. schärfer hervorhebende Zusammenfassung mancher Gebete anstrebt" (S. 20). Die gesetzestreuen JnKm Badens, denn die allein pflegen doch an ruaS'tP’Hp zu denken, werden wohl noch Zeit haben, auch die Worte mtpyS D'notth DW nc« ’inSyStf no« Sjns onp zu beten. Also er hat geändert, er wollte die -ruaSn roi2 nicht bloß von ihren mystischen Anhängseln befreien (S. 86), sondern auch die mystischen Bestandteile aus dem Segensspruch selbst entfernen. *) Es verträgt sich nämlich nicht mit der heutigen Wissenschaft, daß die Himmelskörper „froh und freudig vollziehen den Willen ihres Schöpfers." Denn sie sind bekanntlich teils Feuerkörper, teils erkaltete Kugeln, jedenfalls seelenlose Massen. Hat der Oberrat vielleicht einmal etwas von Fechner gehört? Sicher, denn dieser hat der Philosophie eine naturwissenschaftliche Basis gegeben, er ist der Begründer der Psychophysik, und der Oberrat ist doch Naturwissenschaftlich gebildet. Dieser Fechner war aber zu gleicher Zeit auch ein großer Poet, und davon hat der Oberrat sicher nichts gehört, jedenfalls hat er seine Poesieen nicht gelesen. Es giebt nämlich auch poetische Prosa, und in dieser hat Fechner neben anderen kleinen Schriften ein dreibändiges Werk Zendavesta gedichtet. Da entrollt sich vor uns in dithyrambischem Schwünge eine wunderbar tiefe Gedankenwelt. Dieser seltsame Mensch, dieser Naturforscher, der die Empfindungen gemessen und die ästhetischen Urteile durch Experimente zu begründen suchte, glaubt nämlich mit glühender Ueberzeugung, - man denke — daß die Himmelskörper beseelte Wesen sind. Nun will ich jene erhabene Dichtung nicht dadurch in den Staub ziehen, daß ich ihren Inhalt hier tun des Oberrats willen vorführe. Ich betone nur, daß selbst ein so klarer und jeder Mystik abholder Philosoph wie P a u l s e n, die Gedankengänge Fechners nicht ohne Weiteres ablehnt. Ja, die Darstellung Fechners gehört zu den packendsten Partieen seines philosophischen Kollegs. . Nun, diese ganze Weltanschauung Fechners ist zusammengedrängt in die Worte o:ip 7121 mtpyS D'notsn dw* Schon als Kind, erinnere ich mich, wallte eine ganze Fülle von Gedanken und Gefühlen in mir bei diesen Worten auf, und dieser Eindruck hat sich mit den Jahren nur vertteft. Aber der Oberrat dekretiert: das ist mystisch, er raubt dem Segensspruch die ergreifendste Stelle und nimmt ihm so die Seele. *) Auf S. 80 des Gebetbuchs heißt es aber trotzdem . ajv nsn now d w Dcoan dw on«jo dtibw Der Oberrat pflegt solche Wide» spräche, wie wir noch sehen werden, damit zu erklären, daß es genügt, wenn B. die Erwählung Israels an einer Stelle erwähnt ist, e kann dann an anderen Stellen fehlen. Wir find neugierig, wie er an dieser Stelle — rPTOI pnP sein wird. Iv - Die liebenswürdigen Hauseltern führen mich in ein E" H sauberes Zimmer, wo die Oftwand von einer etn- Lade Mt ihrem heiligen Inhalte ausgefüllt ist. c nur aus einem weiß und rot blinkenden Leuchter etn winziges Oelflämmchen. Das Gotteshaus der Anstalt. Am Borbeterpultchen blinken zwei einfache Messtn leuchter. Ein Insasse hat aus dem wenigen, das er no> aus dem Schiffbruch der Zetten gerettet, diese gestiftet. Aürf dem Tische steht ein zierlicher Kelch aus Kunstglas, ein anderer der alten Hausgenossen hat mit diesem Ktdduschserviee sein Dankopfer gebracht. Die Thorarolle fmit einem massiven silbernen Deuter geschmückt, tefen hat der kleine lustige Alte gespendet, der nach einem Leben voll Mühe uno Enttäuschung hier in den sicheren Hofen eingekehrt ist und las wenige, was er noch besaß, nicht besser anzulegen wußte . .. Und zweimal wöchentlich wirb die neue prächtige Thora, die ein reiches Brüderpaar in London geschenkt, aufgerollt und unter Anweisung des silbernen Deuters daraus gelesen. Wie stolz deutet er auch nach der Stelle in: «Und ihr sollt nehmen von jedem Manne, dessen gespendet hat." «Und dieses sollt ihr nehmen: old, Silber, auch Erz, Wolle ufw." Ober: „Und die Seele, die etn Opfer vor Gott bringt, kann es schon mit einem Haufen Mehl geschehen lassen . . " Und täglich zittert und leuchtet das Flämmchen der »ewigen Lampe" so traulich und so hell. ES sst das Lichtlein, der heilige Funke im jüdischen Herzen, der zur hellen Flamme auflobert und von allen Winden und Stürmen, anstatt ausgelöscht, immer mehr avgefacht wird . . . ES ist der winzige Keim, der Unter der Erde Mt und ttelvt und auS Gräbern üppige, blühende Bäume erstehen läßt ... - . Ein Lichtpunkt zitterte und schwirrte mir vor. den Augen, als ich auf dem schmalen Talpfad links der Surb ./Wwer heimwärts ging. Die volle Mittagssonne warf zoldene Streifen auf die grünen Hügel und grauen Wassers kelsen und schaute auf den klaren Spiegel des hinab, wie mit Scheinwerfern die lustig auf- und untertauchenden Forellen bedeckend. Bon den hohen Pappeln herunter fingt Md trillert eS in tausend Tönen, die sich harmonisch mit dem besttickenden Rauschen des Baches verbinden. Eine berauschende Melodie zum Texte der zitternden Lichtpuntte .... S. (Die jüdische« Schüler au de« höhere« Schulen Prenftens.) DaS 23. Heft des Zentralblattes für die gesammte Unterrichtsverwaltung in Preußen macht über die Konfession der Zöglinge der preußischen höheren Lehranstalten slattstische Mitteilungen aus dem Schuljahr 1905/06. Danach waren im Sommersemester 1905 in Preußen an den Real- Pro- Realpro- Ober- Real- Gymgymgym- ' gymrealschulen nafien nassen nassen nassen schulen evgl. Schül. 61574 2258 23275 £683 19073 31552 kath. „ 33793 2222 4196 897 3 728 4 986 dissid „ 133 3 85 12 129 192 isr. „ 6 662 198 2 222 113 1 267 2 262 Die Borschüler find hierbei nicht berückficktigt. Bon der Gesamtzahl der Schüler find 140415 (68,99 Proz.) evangelisch, 49822 (24,48 Proz4 katholisch, 554 (0,24 Proz.) diffidentifch, 12725 (6,45 Proz.) israelitisch. Teilt man die Schüler in solche der humanistischen Md realistischen Anstalten, so ergeben fich folgende Ziffern: Humanistische Schulen Realistische Schulen Evangelische 59,74 Proz. 79,22 Proz. Katholiken 33,71 ,, 14,29 „ Dissidenten 0,13 ,, 0,42 Juden 6,42 „ 6,06 ,, Nimmt man dazu den Bevölkerungsprozentsatz von 1905 — in derselben Reihenfolge — 62,59 Proz., 35)80 Proz., 0,51 Proz., 1,10 Proz., so ergibt fich, daß die Juden etwa 6 mal mehr Schüler zur Gefamt'chülerzahl der höheren Lehranstalten stellen, als ihrem Anteil an der BevvlkerungSziffer entsprechen würde. (Bom Postwese« i« Jerusalem.) Bekanntlich hat in Jerusalem und in Jaffa fast jede auswärttge Regierung ihr eigenes Postamt, das alle Korrespondenzen ihres Landes zu befördern hat. Außer der türkischen Lokalpost giebt eS etn deutsches, österreichisches,' franzöfifches und österreichisches.-Postamt. Die türkische Post hat in dem jüdischen Stadtviertel in Jerusalem eine besondere Postfiliale, die am Sabbath und an allen Öen Feiertagen geschloffen bleibt, und deren Letter ein ensgenoffe, Herr E. Honig, ist. Das Postfiegel der genannten Filiale lautet: »Poste Ottomane au Quartier Israeüte ö Jerusalem“, und auf den Zettelchen, die eingeschriebenen Sendungen aüfgeklebt werden, ist das Wort dS&YT in hebräischen Lettern gedruckt. Da die Postämter in Jerusalem meist mit jüdischem Publikum zu tun haben, so beschäftigen sse fast alle jüdische Beamte Mb auch der Direktor des russischen Postamtes ist ein Jude, Herr A. Svlomiack. Die „Poste Ottomane“ hat das besondere Privilegium, alle Postsendungen mit der Eisenbahn nach Jaffa schicken zu dürfen, die europäischen Postämter haben nicht dieses Recht Mb expedieren alltäglich nach Jaffa mtt Wagen, die von bewaffneten Gendarmen eskortiert werden. Bon dort wird die Post mit den Dämpfern nach Europa versandt. Die aus Europa kommende Post trifft, weM keine Quarantaine über diaus Egypten anfahrenden Dampfer verhärmt ist, Mele mäßig dreimal wöchentlich ein, und zwar Montags, Mtt-. wochs und Samstags. '. - .. . . i ■ ... .... « „z.i-i