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Der Israelit · 1907-08-01 · Heft 31 (1.8.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 31 (1.8.1907)
Date
1907-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Verfasser der Denkschrift Ü8Ähäüpt ausgeschlossen. Wer nur ein wenig sich mit den halachischen Grundlagen unserer Gebetsordnung beschäftigt hat, weiß, daß eine der wichtigsten der Paralellismus zwischen den Gebeten und den Opfergesetzen ist. Dem badischen Oberrat. gegenüber nun, der das Gebet um die Wiederherstellung des Opferrituals als eine Unwahrheit bezeichnet, sich auf die Halacha zu berufen, wäre mehr als lächerlich. Wir fragen also nur: Ist es Sache einer Behörde ein Gebetbuch zu verfassen, resp. an dem altüberlieferten durch Veränderungen herumzudoktern. Und da lautet die Antwort natürlich nein, und abermals nein! Der Oberrat hat sich diese Antwort nicht gegeben. Er kann sich da auf die vielen Vorgänger berufen, die ebenfalls für die Reformgemeinden Gebetbücher verfaßt haben. Er beweist aber damit nur, daß er eben wie diese Vorgänger noch im stachen Rationalismus des achtzehnten Jahrhunderts steckt. Der Oberrat führt stets das „moderne Empfinden" im Munde. Das „moderne Empfinden" muß immer herhalten, um all die Streichungen zu rechtfertigen. Er selbst ist aber von allem modernen Empfinden verlassen, wie wir das noch unzählige Male werden yervorheben müssen. Denn dies Empfinden hat ein viel zu feines Verständnis für die Bedeutung des historisch Gewordenen, für die Erkenntnis, wie das Gebet ein Produkt der Volksseele ist, als daß es sich mit Gebeten, die vom grünen Tisch aus ausgeklügelt werden, befreunden könnte. Wir lieben es nicht, Männer zu zitieren, die nicht völlig und unbedingt auf unserem Standpunkt stehen. Denn mit einzelnen Zitaten kann man alles beweisen. Aber der Artikel, den Oberrabbiner Dr. Gübemann in Wien 1869 in der Frankl-Grätzschen Monatsschrift anonym erscheinen ließ und zu dem er sich kürzlich nach dem Abdruck in der „Jüd. Presse" bekannt hat,-ist von so glühender Begeisterung erfüllt, spricht mit solch erbitterter Schärfe gegen die Gebetmacher, daß wir den Verfasser im Kampf gegen den Entwurf des badischen Oberrats als einen gewichtigen Mitstreiter anführen dürfen. Güdemanns Aufsatz nun müßte ich eigentlich im Wortlaut wiedergeben, denn in grundlegenden Ausführungen gibt er den oben ausgesprochenen Gedanken wieder, daß Gebete nicht gemacht werden, sondern wie ein Naturprodukt entstehen, daß Alle, die religiöse Erweckung und Neubelebung durch selbstverfaßte Gebetordnungen haben schaffen wollen, im besten Falle betrogene Betrüger waren. Wir begnügen uns mit einigen Stellen: „Können Sie mir nicht ein Paar Stiefel machen?" „Können Sie mir nicht ein Gebet machen?" — Halten Sie diese Zusammenstellung nicht für einen giftigen Spott, es liegt bitterer Ernst darin l Denn auch &a8 ist in der Tat eine Signatur unserer Reformpertode, daß man in ihr Gebete macht, wie man Stiefel macht. — Wie entsteht überhaupt ein gemeinsames Gebet, d. h. wie erhebt sich der Herzenserguß eines Einzelnen zum religiösen Gemeingefühl, zum Ausdruck des religiösen Bedürfnisses einer Gesamtheit? Diese Frage muß sich doch wohl vor allem vorlegen, wer in den Gebetschatz einer religiösen Gemeinschaft umgestaltend oder schöpferisch eingreifen, oder wer einen solchen Eingriff richtig beurteilen will. Mer vermag Einer oiese Frage zu beantworten? Wer es wollte, der müßte auch das Geheimnis lüften können, wie die Sprachen oder Volkslieder entstanden sind, oder er müßte das Rätsel des Vitalismus zu lösen, oder den Schleier *u heben vermögen, der über die bewegenden Mächte der Natur, über Elektrizität und Magnetismus, gebreitet ist. Sie sind eben da — die Sprache, die Volkslieder, das Leben, Elektrizität, Magnetismus und — die Gebete. Wir können eben nur ihre Existenz bestätigen, da sie uns zu diesem Zugeständnis nötigen. Was wir mehr über das Wie und Woher derselben sagen, kann nur dazu dienen, unsere Unwissenheit über diesen Punkt umso heller zu beleuchten. Wir kennen vielleicht — bei Juden wie bei Christen — von einzelnen Gebeten die Namen ihrer Verfasser, oder wir vermögen auch wohl ein geschichtliches Datum anzugeben, das den äußeren Anlaß ihrer Entstehung bildete. Aber sind wir damit in das Innere dieser Erscheinung selbst, in ihren Vitalis^lus, in die Art und Weise, wie die Gebete der gemeinsame Ausdruck des religiösen Bedürfnisses geworden, eingedrungen? . . . Aber was soll man von den Theologen und Halbtheologen der Gegenwart sagen, welche der Reformkitzel und der Ruhm Luthers nicht schlafen läßt? Sie. die , nicht genug Steine werfen können auf die Vergangenheit, wollen sie nicht ietztden Reformrummel wieder auffrischen, der schon vor fünfzig Jahren Fiasko gemacht hat? Sind sie nicht wieder stark drauf und dran Gebetfabrikation zu betreiben? Fangen sie nicht wieder an, eine Schwärmerei für die verblaßte Romantik der „deutschen Lieder" zu heucheln? Wollen sie nicht unserer Zeit einreden, daß ihr eine „Kultusfrage" Schmerzen mache, unserer Zeit, die entschieden eine antireligiöse ist, der Darwin und Buckle glaubwürdigere Propheten als Mose und Jesaias sind, der die Reformbetze jeden religiösen Sinn glücklicherweise so sehr ausgetrieben, daß sie, was Kultus sei, nicht einmal mehr begreift? In der Tat! Wer in einer solchen Zeit, wo alle religiösen Grundlagen erschüttert sind, mit dem Gebetbuche Religion machen zu wollen vorgibt, der muß entweder — ein Schwachkopf oder elender Wicht sein, der nur die Absicht hat, denkfaule stäche Geschlecht zu gängeln und mit dem Pesthauch einer falschen religiösen geisterung den letzten Funken wirklicher giosität auszublasen, oder endlich ein Genußmensch, der den Reformschwindek für LebenSbequemlichkeit ausbeuten will." . . . Der Beginn des Oberrats, ein Gebetbuch zu machen, ist hier gebührend gekennzeichnet. Doch das ist nur ein Mangel des Intellekts. Es gibt eben „gute Menschen und schlechte Musikanten," an denen die moderne Auffassung vom Wesen des Gefühls und besonders des religiösen Gefühls spurlos vorübergegangen ist, und die daher oer Ueberzeugung leben, es müsse alles recht plan und flach gestaltet sein, man könne von einem Gebet, das der künstlerische Ausdruck des tiefsten seelischen Empfindens ist, hier ein Stück svegnehmen, dort eins ansetzen, vor allem aber müsse man es jeden mystischen Schimmers enEeiden. Ich werde auf diesen Punkt später noch näher eingehen. Schlimmer ist das zweite. Angenommen selbst, es könnten auch heute von Einzelnen derartige Aenderungen vorgenommen werben, es könnten Gebete „gemacht" werden, erscheint der badische Oberrat als die berufene Instanz derartiges zu beginnen? Dürste er sich selbst als diese berufene Instanz betrachten? Er tut es und begründet dies Tun mit den Worten : „Und nur ganz derselbe Geist ist es — (der ursprüngliche freigeborene und darum befreiende Geist des jüdischen Gebets, der offenbar den Talmud über die große Synode, die Gaonim über den Talmud, die abendlänoischen Gemeinden Über die Gaonim hinausführt,) — der, nachdem er lange geruht, in den vielfachen, auf eine teilweise Umgestaltung des überlieferten Gebetbuches abzieley den Bestrebungen der neueren Zeit zu neuer Betätigung erwacht ist. Er nimmt nur den alten Weg lebendiger, den Zeitbedürfniffen Rechnung tragender Entwickelung wieder auf, nachdem er in den wissenschaftlich unfruchtbarsten Jahrhunderten des spä teren Mittelalters ganz vernachlässigt worden war." (S. 18). Nicht wahr? Das klingt! Aber welches Maß von wissenschaftlicher Unwahrhastigkeit, ich finde Ml müderes Wort, liegt darin, wenn die Mitglieder des Oberrats sich mit den Männern auf eine Stufe stellen, oie zur Zeit des Talmuds, der Gaonim und des früheren Mittelalters au der Entwicklung der Gebetsordnung beteiligt waren. Das waren Männer, die mit Gut und Blut für die Erfüllung der Gebote Gottes eingetreten sind, denen die schriftliche und mündliche Lehre ein unverrückbares Gesetz war, die sich eins fühlten mit der Gesamtheit, denen der Verstoß gegen einepentateuchische Vordieses frische milde Grün ihn mit, Hoffnung und Freude erfüllt... Dort ein winziges Hügelchen-Doch, wende dein Auge ab, baß dein Valerherz nicht bricht. Dieses Häufchen Erde, wie es im Sonnenschein grün, rot und blau schimmert, es ist ein Kindesiächein, so hell und so rein — Engelgesang. ES lachte noch mit offenem Mündchen und erstauntem Gefichtchm in seinem winzigm Särgletn, es lacht nun im Synnmglanz durch die bunten, roten und blmren Biümelein, die von goldigen Käftrchm umsummt und abgeküßt werdm. Auf dem kleinen, senkrechten Gedenkbretrchm steht eine Amsel, schlägt mit dm Mügeln und fingt, so hold, so süß, so . weich und traurig. Ich möchte näher gehen und horchen, daS liebe Geschöpf kosend anS Herz brücken . . . Doch, so zutraulich und ich mich auch nähere, die Amsel schrickt zurück, ' und fliegt im hohen Bogen davon -- lten und Historischen liegt immer etwaS Behendes und versöhnendes. Da hat die Zeit glleS alles vernarbtalles mtt einer Gloria des '» umgeben. Hier rechts abseits unter diesen eben , ren Gräbern, verwitterten unlHerlichen Steinen, Ist kein Leid mehr begraben. Da ruht die große Lehrmetstertndie Geschichte der Vergangenheit, die nicht mit Bauer und WehMur, sonde.n mtt großer Achtung und Bewunderung MS erfüllt . . . - Da liegen fie, die Generatio m, an einander gebettet. Wind und Weiter haben manches steinerne Denkmal der Liebe ' ~ “ ‘ - pyramidalen Marmorsäulen drüben auf der * Die Zeit wird einmal auch die Pracht aber auch das Leid wirb sich in eisten historischen mauflösm. SüeS ßießt — — — die Rahbkrergruppe. Mn Gaon und ein Philanthrop" entziffere ich mit Mühe, „Rafael. Sohn des Abraham gestorben am 25. Jjar 573" (1809). „Heute — klagt ein nebenanstehender Stein — „verdüsterte sich unser Himmel und hüllte sich in Trauerwolkm, um zu bekunden, daß ein Großer und Fürst im Reiche der Thora gefallen ist. Ein Lenker Israels, eine Löwe an Größe und Stärke des Geistes, Landrabbiner Abraham Jsak, Sohn des Jakob Samuel re. Starb 24. Ellul 578." Bet einem Elchanan bleibt mein Blick wie gefesselt hasten. Er war kein Rabbiner, aber Pietät und Dankbarkeit suchten für ihn dm schvnstm Ehrenplatz heraus. „Er hat" — erzählen die winzigm verwischten Buchstaben — »mit Todesverachtung unter eigener Lebensgefahr großes Unglück von seinm Glaubensgenoffen in bedm Gemeinden abgewendet." Wann? wie wo? DaS Grab ist verschwiegen und die Schrift ist kurz und kaum leserlich. Unsere Ahnen liebten eS nicht von fich viel redm zu machen. Die Geschichte ihrer Leiben ausführlich zu beschreiben, dafür würöm auch ihre Kraft und Zeit nicht auSgereicht haben. Eins dieser Rabbineraräber hat die Natur mit einem vlühmdm Denkmal versehen. Ein Baum, ein blühender üppiger Apfelbaum hat fich aus dem Grabe herausgewachsen, Stein und Inschrift ersetzend. Ein blühender Baum, der in Gräbern wurzelt, ist der?' tumS. . . Und er blühte und Gräbcrn Kraft und Wachstum Tale... Die Kinder find hinaus, haben Meere durchfahren. Länder durchstreift. Doch war etwas von dm guten Keimen, die ... ~“ Baum deSJudmgedteh, der Baum, der aus nn schöpft, auch hier in unserem deS AltersafhlS. im Sonnmfchein glänzt und uns mtleerer schimmert. Wie Flammmschrist leuchtet un gegen: „Und die jüdische Trme, fie fft doch kein Wahn". Eine breite steinerne Treppe führt uns den Hügel hinauf. Wie bat doch die jüdische Liebe diese Einöde in ein Eden verwandelt. Aus der Erde wachsen die Blumm und blühen die Rosen. Auf verbreiten, sonnigen Veranda fitzen in bequemen Rohrsesseln zurückgelehnt ine Alten imd träumen. Hier die Gefilde, wo fie ihre Jugend verlmt, ihr Leben verträumt. Siebmzig und noch mehr Mat» sahen fie fie im frischen Grüne neu auferstehm und dann wieder fich in weißes Leichentuch hüllen, um barm wieder von neuem zum blühenden Lebm aufzuwachen. Und dort das Feld der Toten! Bald, bald wirb auch fie, dft längst reife Aehre, unter der Hand deS unerbittlichen Schnitters fallen. Der Winter wird kommm und dmm — ein neuer Frühling, ein neuer Sommer?! Wie die alte, graue Erde im Blumenschmucke vlW und prangt! Wie die Sonne so eigen die fahlen, runzeligen Gefichter der Bewohner dieses lieben Hauses heleuchtet! „Wie ist es, Jamre?" «Gut, gut! Schön Wetter!" lächelte der Senior des SantonS, vergnügt De Hände reibend. Ec ist unverwüstlicher Optimist Mb freut fich schon zum fiebenundneunziasten Mal mtt dem warme» Sommer, den duftenden Blumm Md dem schimmernden Sonnmfchein. ... „Und Peffele, wie gehtS immer?" „Nicht gut! Wr nie mehr gut" — stotterte die atte Peffele. ES ist alte BegrübungSformel, die fie fett 50 oder 60 Jahren jedem sagte. Sie kann nicht mehr anders. Reue Redewendungm kann fie auf ihre alten Tage nicht me^r lernen. Aber der sichere Schritt, die braune GefichtSstrrb?, W leuchtende, lachende Auge, die schnarrende MsttBett ihrer Stimme, das alles redet eine andere Sprache und anderm Bericht vom Stande der hier im der Liebe gepflegt und erhalten

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