Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1907)
- Date
- 1907-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449276--63675-2506233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-."V KschermmKscha«. Der Triumph 9er Reahftoh in Ruglan9. Das „Schwarze Hundert" hat wiederum einen Sieg zu verzeichnen. Der oberste Leiter deS ruffischen Eisenbahnwesens, Bendrich, hat ein Zirkular ergehen laffen, in dem er allen Behörden seinen Tadel ausspricht, die ibre Untergebenen am Eintritt in den „Berbano der echt russischen Leute" verhindert haben. In diesem Zirkulär, das sich dem bekannten Zarentelegramm an den Verband würdig anreiht, heißt es also: „Der Verband der echt ruffischen Leute ist eine vollkommen gesetzliche Körperschaft. Für die großen Dienste, die er dem Reich geleistet hat, verdient diese Institution die Unterstützung der Beerben und Staatsdiener. Ich vertraue darauf, dich diese Mahnung sorgfältig beachtet wird, und Motte, daß diejenigen Beamten, die sich mit den Mgenwärtigen und früheren Erklärungen des Kabinettsrates in Widerspruch setzten, aus dem Dienste entlasten werden würden." Es ist natürlich, daß solche unverhohlene Begünstigung -nrch die Regierung dem Verband sehr zu statten kommt. In demselben Maße aber, wie die Or- Winisation der echt ruffischen Leute erstarkt und E Ausdehnuna gewinnt, schwindet der Mut bei der großen Masse der freiheitlich Gesinnten. Man hält den Kampf gegen die Feinde des Fortschritts für aussichtslos, und ein großer Teil ^Ler Bevölkerung glaubt sich die Mühe des Mählens ersparen zu können. Vielfach stellt nur eln sehr geringer Prozentsatz der Berechtigten den notwendigen Antrag auf Einzeichnung in die Wählerlisten, und die Regierung tut obendrein ihr Möglichstes, die Erfüllung der geltendst Bedingungen durch Chikanen aller Art zu erschweren. Unter diesen Umständen muß auch der Erfolg des von den Juden mit der polnischen Partei geschloffenen Wahlbündnisses sehr in Frage gestellt werden. Alles deutet daraufhin, daß die kommenden Dumawahlen einen Sieg der Reaktion auf der ganzen Linie bringen werden. vom flfterreUhifdien Parlament. Das österreichische Parlament ist nunmehr nach kurzer Session in die Ferien gegangen. Beiu|]v vvtr uwpvi ctit jif KonsMckMm MmMn Wttttte, Me sie sich strder im riesten MMMekNMüs dürMten Mro, sind nicht gefaßt worden. Man muß abwarten, wie sich die Dinge nach der Wiedöreinberufun g, bei der Behandlung der wichtigen Aufgaben der Gesetzgebung, entwickeln werden. Was die jüdischnationale Gruppe anlüngt, so ist nicht zu leugnen, daß es deren vier Mitgliedern an Arbeitsfreudigkeit nicht mangelt. Sie sind schon sämtlich als Redner im Parlament aufgetreten, vor allem aber haben sie einen außerordentlichen Eifer in der Einreichung von Interpellationen und Anträgen betätigt. Sie haben an die Regierung u. a. eine Interpellation über den Fall Hilsner und über oie Ausweisung eines jüdischen Ingenieurs aus Preußen, die wegen feiner Konfession erfolgte, gerichtet und ferner die Anerkennung des Jüdischen als Verkehrssprache neben den Sprachen der anderen Nationalitäten verlangt. Sie können übrigens auch einen Erfolg verzeichnen, da der Ministerpräsident während der letzten Sitzung ihren Obmann über die Stellung des jüdischen Klubs befragt und den Wunsch ausgedrückt hat, mit der Gruppe in Beziehung zu bleiben. Große Bedeutung hat das allerdings nicht,- denn wenn es auch dem Ministerpräsidenten lieb ist, die Unterstützung der vier Abgeordneten zu gewinnen, — warum sollte das nicht so sein? — so ist es doch sicher, daß er diese ja immerhin nur geringfügige Unterstützung nicht durch wichtige Zugeständnisse, die er sonst nicht zu machen geneigt wäre, erkaufen würde. Immerhin darf man die Erklärung des Ministerpräsidenten, er sei kein Feind der Juden und könne als guter Christ keiner sein, angesichts der gegenwärtigen Machtstellung der christlich-sozialen Partei freudig begrüßen. Ein Brief an die Gesetzes treuen Badens.' Bon Rabbiner Dr. Wohlgemutin Berlin. Sehr geehrter Herr! Sie waren so freundlich mir die „Denkschrift zur Begründung des von dem badischen Oberrate herausgegebenen Gebetbuchentwürfes" zu übersenden mit dem Ersuchen sie zu prüfen. Diese Aufforderung hat mich — ich gestehe *) Nachstehendes Gutachten, das Herr Rabbiner Dr. Wohlgemuth dem „Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden" erstattet hat, wurde uns von dem Vorstand dieses Vereins in freundlicher Weise zur Veröffentlichung überlassen.. D. R. gegen eine SchNst vött 140 Druckseiten, die Zweifellos die größten Gelehrten des Oberrats zu Urhebern hat, so unter der Hand eine Gegenschrift verfassen, die doch in solchem Falle gewöhnlich den doppelten Umfang annehmen muß. Nach der Lektüre der Schrift bin ich beruhigt. Für den Kundigen wäre die Sache in wenigen Worten erledigt. Da aber meine Ausführungen für die Laien bestimmt sein sollen, denen das große Ausmaß von „Gelehrsamkeit" in der Denkschrift imponieren könnte, so muß ich etwas weiter ausholen. Da nun Herr Dr. Hoffmann, wie ich weiß, auf die halachischen, historischen und dogmatischen Erörterungen der Denkschrift in einem Sendschreiben des Näheren eingehen wird,, so werde ich diese Seiten nur nebenbei berühren und mehr vom ästhetischen und pädagogischen Gesichtspunkt das Gebetbuch beleuchten. Wir folgen in unseren Darlegungen dem Gange der Denkschrift. ^Sie zerfällt in drei Teile? I. Prinzipielle Gesichtspunkte. II. Besondere Nachweise und Erläuterungen. III. Anlagen. I. Die prinzipiellen Gesichtspunkte: A. Berechtigung von Aenderungen im Gebetbuche (S. 1—18). In 18 Seiten beweist die Denkschrift mit einer Fülle von Zitaten aus Talmud, Decisoren und den Werken der neueren jüdischen Wiffenschaft die außerordentlich neue These,daß unsere Gebete allmählich entstanden und ^daß bis spät ins Mittelalter hinein noch Aenderungen an den überlieferten Gebeten vorgekommen sind. So niedrig werden die Kenntnisse der Leser eingeschätzt! Wer. auch nur geringe jüdische Vorbildung hat, kennt einen großen Teil der bezüglichen talmudischen Sätze. Zu dem Bär'schen Siddur, der überall in den gesetzestreuen Synagogen ausliegt, wird die Entstehungszeit der betreffenden Gebete, die abweichende Gestaltung, die sie in früherer Zeit hatten, mitgeteilt. Was in aller Welt sollen nun jene wissenschaftlichen Darlegungen? Wenn auch unbeabsichtigt, ist der Erfolg jedenfalls der, daß durch die Fülle der Zitate und dem großen Aufwand von Scheingelehrsamkeit die Aufmerksamkeit von dem eigentlichen Streitpunkt abgelenkt wird: Hat der badische Oberrat das Recht, Aenderungen im Gebetbuch vorzunehmen, d. h. ist eine Behörde an sich befugt, Aenderungen im Gebetbuch vorzunehmen, und zweitens erscheint im besonderen der badische Oberrat als die berufene Instanz für das Unternehmen. Jnbezug auf den ersten Punkt laffen wir nun die halachische Frage völlig bei Seite. Vom Standpunkte der Halacha ist ja eine Disleines Feuilleton. Hit der $urb. Durch die erste jüdische Niederlassung der Schweiz.*) Wie schlaftrunken schaut'der H örnl i auf die kahlen .. arauen Dächer des Tales hinunter. Tie ersten Sonnenstrahlen laffen seinen waldigen Gipfel im hellm Grün erscheinen und werfen auch einige filöerne Streifen auf die noch grauen Rebenreihen des Abhanges. Hohe grüne Päppeln erhek en fich stolz und überragen hoch die Dächer,! jedoch den Gipfel zu erreichen. Auch in der Natur eS Glanz und Armut, Ueverfluß und Lücken, Ab- und Abstufungen ... Unten schlummert eS noch im arauen Nebel, doch hoch oben ist die Sonne bereits erwacht, leuchtet der Wald, Bewegen die Bäume andächtig ihre Kronen, zwitschern die Bögelchen ihr Morgengebet ... Hinauf! hinauf! wo es rauscht und webt und so f imniSvo'l flüstert. Hinauf zum FrühgotteSdtenst im ltchen Tempel, wo die Natur in tausend Stimmen Melodiken oie Herrlichkeit dcs Schöpfers presst. Run liegen all die weiß und grau getünchten Giebelhäuschen unter mir. Auch , die stolzen schlanken »em find weit überholt. Zwischen den Rebstöcken Mt fich der schmale Weg, immer weiter, immer aufwärts bis zum grünen waldigen Saume, von dem wie *) Das erste Asylrecht fanden die Juden gegen Anfang tef eine leuchtende Perlenschnur die frische Quelle herabrieselt. Unwillkürlich n endet man bas Gestcht, um ihren Lauf zu verfolgen. Und da liegt das ganze Tal, über dem jetzt die Sonne aufgeht, ein Haufen schwarzer, grauer, grüner Punkte, umspüll nnd umrauscht von dem filbernaren Wasser der SurV. „Das Jammertal!" bemerke mein Begleiter, ein Städter, verächtlich und überlegen, „O nein," entaeanete ich, „Jammer ist dort, wo man auf Zinnen und Türme hinabfieht. Jammer wohnt hinter Palästen und hohen Mauern. Jammer steigt mit den rauchenden Schornsteinen der Fabriken zum Himmel hinauf. Jammer und Elend wohnen in jenen Mietskasernen vor Licht und Lust verborgen. Hier in den kleinen Häuschen mit den winzigen grünen Läden, hier in der Luft, die von Mist und ftischem Heu geschwängert ist, hier ist jener Jammer unbekannt. ftvtn glänzendes, rauschendes Glück, aber auch kein Elend. Es find lauter gesunde Menschenkinder, die fich im Schoße der Mutter Natur wohl und ficher fühlen . . ." Und unten rauscht der Bach so anmutig und zutraulich, so frisch und heimelig. Nichts was ihn trübt, seinen ruhigen Lauf hemmt. Noch hat die menschliche Hand ihm nicht weh getan, noch versuchten es menschliche Kunst und Anmaßung nicht ihm Kraft zu entziehen. Rein und selbstbewußt ziehen seine Wogen, in denen die Forellen so ficher und munter auf und untertauchen. Weiß er es doch, daß er eS ist, der der ganzen Talschaft Namen und Charakter gibt ... So rauschte die SurV auch damals vor vier Jahrhunderten, als klewe Scharen Verfolgter über den Rhein kamen, in dem fie ihre Füße, die im Blute ihrer Väter und Brüder gewatet, wuschen und nun weiter gegen tic Grafschaft Baben zogen. Drüben auf dem Lohnfhügel machten fie HM und lauschten. Waren es Schritte der Verfolger? Rem, das ruhige Flüstern eines BacheS, der gar zutraulich lächelnd und einladend winkte: .,Hier, müder Wanderer, lege dein Haupt nieder und ruhe aus. Hier in meinem Tal lebt ein fttscher freier Stamm, der den Wert der Menschenrechte, die er fich seber erkämpft, kennt und fie keinem anoeren vorenthaltm mag." Und nun stiegen fie dm Berg zur Rechten und Linken hinunter un i bevölkerten die beiden Dörfer des freundlichen SurbtaleS. Ost trübte fich auch der glatte Spiegel des Flusses. Sein freundliches Rauschen verwandelte fich in leises Murren, das bald immer lauter und drohender wurde... Aengstlich horchte wieder der Wanderer von seiner ersten Ruhe auf. . . Doch fanden .sich immer unter dm Lenkern des Staatsschiffes Männer, die eS verstanden, Oel auf die brausenden Wogen zu gießen ... Die Leidenschaften warm weit weggeschwemmt: der wahre Charakter mit setnm natürlichen Merkmalen: Ruhe und Gerechtigkeit, drang durch ... Und dann rauschte der Bach feierlich und andächtig, die Juden brachtm die Heiligtümer, die irdischen Ueberreste ihrer Väter, von der kleinm Rhetninsel über die Surb hinüber. So wie MoseS einst die Gebeine JofepbS mit fich nahm, um fie der lieben Erbe, wo sein Volk Ruhe und Frieden fand, zu übergebm. Dort ist der geweihte Hügel, der umgeben von struppigm Stauden und Heckm in den nahezu zwei Jahrhunderten fich zu einer großm Stabt der Gräber entwickelt hat. Mit Wehmut und Stolz erfüllt uns der Anblick. Me da alles grünt, knospet und treibt. „Und fie sprossen hervor aus dieser Stadt wie das GraS deS Feldes," ... Hier noch ein ziemlich frisches Grab, ganz bedeckt von schlank n Grashalmen und gelben Heubllwien. Ich kenne et* SÄhrift, die ich selber gezeichnet, konnte dm MM, den ich mit zu Grave getr gen. Bor Jahresfrist hätte erts in den T * m deS Aargauischen SurbtaleS rügen und LeN-nan» die auch bis zur Emanzipation einzigen jüdischen Gemeinden der Schweiz waren.