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Der Israelit · 1907-08-01 · Heft 31 (1.8.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 31 (1.8.1907)
Date
1907-08-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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X 48. Jahrgang. Sranhfurf a. M.. flen 1. fiugufi 1907. 21. Um 8667. M 31. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Abom»essse»ts r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.60 vierteljährlich, HestauSgabe auf Kunstdruckpa-ier Mk. 3.— vierteljährlich. (Au-kmwSpreife Wk die gNtzöhNliche Ausgabe: Oesterreich S Lr., Rußland 1 Rad., England S 8h., Amerika 50 «ts., Mederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt Erwchition, HestauSgabe nur direkt. Inserater SO Pfennige für die sechSgespaltene Kylonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratmaunahme nur durch Haaseusteiu u.Bagl,< «out» bei der P. S. Postsparkaffe Wien fto. 79605, Frankfurt a. M. und deren Filiale». ßkouto bei de» -t. PaftsParAGenaMt Unsere Abonnenten in Oesterreich-Cngarn bitten wir »leb unserer bei der K. K. l»ost- Sparkasse Wien (Cto.-lTo. 79 605) und bei dem K. PeataparkaHsenamt Budapest (Cto.- Io. 18424) errichteten Conti bedienen an wollen Ass „Israelit“, 6. m. b. H. Verlag Das stecht auf Bildung. Es ist ein Stück der sozialen Frage, wie das Recht auf Bildung jedem Einzelnen im Volke gewährleistet werden könne. Dieses Recht selbst wird im modernen Kulturstaat kaum mehr ernstlich bestritten. In der Tat aber werden so viele Opfer verlangt, daß es nur bester situierten Kreisen möglich ist, ihren Kindern eine höhere Bildung zu geben. Wo ein Drang nach Wissen sich bei den in ungünstigeren wirtschaftlichen Verhältnissen Aufwachsenden offenbart, da wird zumeist ein schwerer Lebenskampf gekämpft, bis das Ziel erreicht ist. Die Elemente des Wissens frei dem Volke zur Verfügung gestellt, Bibliotheken zu freier Benützung eröffnet zu haben, ist allerdings ein nicht hoch genug anzuerkennender Kulturfortschritt der heutigen Gesellschaft. Und doch, in Ansehung der dafür von der Thora aufgestellten Grundsätze und gesetzten .Fiele sind . wir /noch recht, recht weit vom Ideal entfernt. Ja wir glauben: wenn man das, was wir heute unter Bildung verstehen, im Prinzip mit dem vergleicht, dessen Verbreitung von der Thora als erstrebenswert bezeichnet wird, so kann man sagen: es ist kaum ein Anfang gemacht/ wahre Bildung das Volk frei genießen zu lassen. Wir verstehen im modernen Leven unter Bildungselementen wissenschaftliche Belehrungen. Darum treffen wir so häufig auf den schroffen Gegensatz zwischen Geistes- und Herzensbildung, besonders in „gebildeten" Kreisen. Da hat vielfach das Herz von dem Geist wenig gelernt. Philosophie, Belletristik, Sprachen und praktische Wissenschaften vermögen den Menschen nicht zu „bilden", wenn die eine Disziplin fehlt, die bei schlichten „ungebildeten" Leuten, besonders wenn sie des Lebens Schattenseiten erfahren haben, manchmal recht vollkommen anzutreffen ist/ mag auch die Einkleidung der Begriffe in technische Ausdrücke fehlen: wir meinen die Moral. Wie hie Thora nach keiner Seite hin ein Lehrhuch, sei es des Geistes, sei es der praktischen Wissenschaften, ist und sein will, so ist sie in den den Willen betreffenden Disziplinen die einzige maßgebende Leitung. Was die Moral und das praktische Recht betrifft, das ist in ihr zusammengefaßt Ob vielleicht die Thora gemeint hat, daß das die einzig-wahren und vor allem bleibenden Bildungswerte seien? Die Weisen drücken sich freilich so aus, daß man das annehmen sollte. Sie sagen, die Welt bestehe auf Recht, Wahrheit und Frieden. Es sind das entschieden moralische Werte. Eben darum sind sie aber auch jedem zugänglich und müssen vor allem einem j^en zugänglich gemacht werden. Und diese Wiffenfchaft will die Tauroh wirklich frei gelehrt wissen. „Wie Ich dieselbe umsonst lehrte, so bist auch du verpflichtet, sie umsonst zu lehren", hat Gott zu Moscheh gesagt. Die Tauroh will nun diese freie Lehre dadurch erreichen und gewährleisten, daß sie das Studium des Gesetzes für das praktische Leben als oberste Pflicht für einen jeden hinstellt; denn nurdie Lehre kann das Leben fördern, nur durch die Beschäftigung mit ihr wird man wissen, wie man sein Leben einzurichten hat. Sie verpflichtet ferner jeden Viter, seine Kinder das Gesetz zu lehren. Wie will dadurch nur Kundige eiziehen und mchßt das Gesetz zu einem wahren Volkseigentum! Sie weiß das Aequivalent für das Recht auf Bildung durch die Pflicht zur Bildung zu schaffen. Sie kann die wirklich bildende Wissenschaft, die die Bildung des g an z e n Menschen in sich schließt, das Wissen von Recht und Sitte, ohne Unkosten zu veranlassen, dadurch dem Volk gewähren, daß sie wie auch in anderen Dingen die Familie zum GaÄwten für die Ausführung einsetzt. Das ist ein Ausweg, den die heutige Gesellschaft noch nicht gefunden hat. Warum wir heute noch nicht so weit find, das ist in zwei Dingen begründet. Einmal liegt nur dem von Gott gegebenen Gesetze das Seelenleben des Menschen klar vor Augen. Nur Gott, der Schöpfer des Menschen, vermag des Menschen Herz und Nieren zu prüfen. Er kennt den Menschen und was ihm not tut. Er schaut die Beweggründe der Handlungen und heilt den Grund der Krankheit, anstatt ihre Symptome zu behandeln. Dann aber ist das praktische Gesetz der Lauroh eine natürliche unmittelbare Folge der von ihr gewollten Lebensanschauüng. Der moderne Staat will mit einer Maschine verglichen werden/ deren Räder alle in einander greifen müssen infolge eines Druckes von außen. /Der leitende Staatsmann drückt auf einen Knopf und sämtliche angeschloffenen Vorrichtungen, die durch die elektrische Batterie des Staates gespeist werden, müssen funktionieren. Daß Menschen aber keine elektrischen Drähte find, gefühllos und willenlos, das vergißt dM moderne Staat. Darum kann sein Wirken nicht von innen heraus den Menschen zu einem willigen und mitarbeitenden Mitglied seines Gefamwereins erziehen. Er kennt nur eiue-n k Willen, den eigenen Willen der öffentlichen und nichtöffentlichen Leitung, und die Durchführung ) dieses Willens will er durch Zwang uno Gewatt erreichen. — Nicht ehrliche Gegner macht er M durch Verleihung von Würden zu gefügMM Werkzeug. Ehrlich Denkende, die in der Leftutw „! entgegengesetztes, selbständiges Urteil zur G«- tung bringen wollen, zwingt er der MsMM zu weichen, und gehen sie nicht willig,, so braucht^ er Gewalt. Das jüdische Gemeinwesen, im . Geiste der Tauroh geleitet, sieht eine große Iw- * mitte vor sich, keine Freunde und keine Feinde! -k Sie sind ihm von selbst freudig helftnde Glieder -k des großen Haushaltes. Es will - sie erziehen.! Es will sie von innen heraus für die treue j Mitarbeit gewinnen. Es bedarf der Polizei nichts! An deren Stelle tritt eben die Erziehung, das i Haus und die Schule, die moralische Bildung.! R. Jehudah, der Verfasser der Mischnah, sandte ' einst R. Assi und R. Ami aus, um in deck jüdischen Gemeinden nach dem Rechten zu sehen. Da kamen sie in eine Stadt und verlangten die! Hüter der Stadt, zu sprechen. Man stelltet; ihnen die Verwalter der materiellen Interessen r der Stadt vor. Sie aber sprachen: Sino das die ■“ Hüter der Stadt? Das find ihre Zerstörer- ' Und das Stadtvolk fragte: Wer sind denn die <- Hüter der Stadt? Hie antworteten: Das | sind die Lehrer der schriftlichen und die Lchrer £ der mündlichen Lehre, die bei Tag und Nacht! sich mühen, der Tauroh. Sinn zu erforschen und-."-^ ihn Gesetze zur Richtschnür für das Leben M -i empfehlen. Denn „wenn Gott nicht eine Stadt erbaut, mühen sich die Bauleute vergebens." Wir sehen, den Satz „Recht auf Bildung" -'A erkennen unsere Weisen in erhöhtem Maße an,'! sie setzen statt „Recht" nur „Pflicht' ein. Das Wort „Bildung" aber umgrenzen sie näher. Sie meinen, vor allem sei es nötig, die moralische ' Bildung zum Gemeingut der Nation zu machen. Als Mittel dazu wählen sie die Wissen-; schaft, die nicht nur gelernt, sondern geübt, nicht nur gekannt, sondern auch anerkannt | werden muß. Als Organ der freien Verbreitung . erkannte die Tauroh in erster Linie die Familie, in weiterem Sinne ist es jeder Jude, dessen Wissen seine Fähigkeit zum Lehren erweist. Jeder Wissende ist nicht erst, wie heute, auf Grund eines offiziellen Ausweises berechtigt, sondern jeder Wissende ist ohne Weiteres verpflichtet, - Wissen zu verbreiten. Es gibt keinen Lehrstand .« und daher auch keine Lehrkosten im idealen . Wtaatsverband der Tauroh. Nehmen und Geben Äeichen sich aus wie Rechte und Pflichten und ’i erziehen ein Volk auf Grund der Pflicht zur 4 Bildung, die das Recht auf BÜdung in sich J schließt. W.

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