Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1907)
- Date
- 1907-07-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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c.d.-c». euilleton. Moorrörcde«. 4 ' Erzählung von Babettv Fried in Prag. (Fortsetzung.) Me unter Peitschenhieben zuckte Rosa unter diesen herzlosen Worten zusammen. Am liebsten wäre sie gleich fortgegangen, und hätte sich zu ihrem guten Onkel Dottor geflüchtet. Aber sie harrte aus und trat an der Seite Elses in den großen Borsaal ein, in welchem alle Türen der geräumigen Wohnung mündeten. Was sie da sah, übertraf denn doch alles, was sie nach dem Empfange, der ihr hier geworden, erwartete. Ueber der durch schwere Portieren verdeckten Eingangstüre hing ein altes, aber von Künstlerhand hergestelltes Madonnenbild, unter dem ein Oellämpchen, ein sogenanntes ewiges Licht brannte. Bor der neugierig lauschenden Adele erlaubte sich . Rose keine Bemerkung, aber als die beiden jungen Mädchen allein in Elses Zimmerchen eingetreten waren und sich auf dem Sofa niedergelaffen hatten, war Roses erste Frage: „Herr v. Helmstädten ist also kein Jude 9" „Aber ja, natürlich, gewiß ist er es, das heißt", fuhr sie zögernd fort, nur so lange bis die Taufe vollzogen ist- Herr von Helmstädten will eben den alten Plunder von sich werfen." „Wenn er noch Jude ist, warum.das Madonnenbild?" „Weißt Du, es ist der Dienerschaft wegen, diese hätte ja gar keinen Respekt, wenn sie ahnte, daß ihre Herrschaft dem Judentume angehört." „Und hier, in diesem Hause, dieser Umgebung lebst Du, deren Vater das Amt eines Kultusbeamten bekleidet; Kennen Deine Eltern diese Verhältnisse?" Else begann mit hochtrabenden Worten den Standpunkt^ der Helmftädtifchen Familie zu verteidigen. doch Rose unterbrach sie: «Höre auf mit diesen eingelernten Phrasen, sie stehen niemandem gut an, aber in dem Munde eines jungen Mädchens wirken sie sogar abstoßend." Nach diesen Worten erhob sie sich, um Abschied zu nehmen. „Du willst schon fort, Moosrösel, Du bist ja erst gekommen, bleibe noch ein wenig, ich habe mich, doch so sehr auf Deinen Besuch gefteut, mich geradezu nach einer Aussprache mit Dir gesehnt, und jetzt willft Du mich verlaffen, bevor wir noch ein rechtes Wort gesprochen haben." Jetzt wo sie den spöttischen Blicken der neugierigem Adele nicht ausgesetzt war, spielte sich Else auf die zärtlichste Freundin auf und wurde nicht müde ihr liebes Moosrösel zu herzen und zu küssen. Diese ließ geduldig alles über sich ergehen, wußte sie doch, daß sie einmal und nicht wieder hier geweftn. — Du Moosrösel," plapperte Elfe unmer fort, „Herr und Frau von Helmstädten wären schon längst getauft und auch die kleinen Mädchen, die jetzt in der Schweiz in Pension sintzi aber da ist der Söhn,; der sie daran hindert, weißt Du der, von dem ich Dir einmal W schri^bm^habe. Der will durchaus Jude bltthen und setzt alles daran, hie Mtern von der Kaufe zurMMften - & ist ein ganz prächtiger Mch, MMÄNA fcefwHte* und bescheiden, aber dieser Eigensinn macht ihn bei seinen Eltern verhaßt. Mir hat er anfangs sehr den Hof gemacht, aber seit er mit den Eltern zerfallen ist, traut er sich auch nicht mir gegenüber."^ „Nun", erwiderte Moosrösel, „ich verstehe nicht, wie Du es in einem solchen Haus aushalten kannst, —" „Ra, Du, mit Deinen veralteten Grundsätzen", fiel ihr Else ins Wort. „Stille, kein Wort über dies Thema," rief Rose entrüstet aus. „Die Grundsätze die Du veraltet nennst, find ein heiliges Vermächtnis unseres Volkes, das uns davor bewahrt, zerstreut, wie wir leben, im Gewühle der Völkerschaften unterzugehen. Jetzt aber gestatte, daß ich mich entferne. Ich bin nicht in der Lage, eine Diskussion über diesen ernsten Gegenstand einzugehen - hier ist meine Adresse,' solltest Du etwas von mir benötigen — spotte nicht, es kann schon Vorkommen, — so komme nur ungeniert zu mir, bei uns gibts. keine Adele, sondern Du wirft von meinen Gastfreunden herzlich empfangen werden." Als Rose das Helmstädttsche HauS verlaffen hatte, atmete sie wie von einer schweren Last befreit, tief auf. Was war aus ihrer Freundin geworden? Wie konnte sie in einer Familie leben, die auf dem Sprunge stand, den angestammten Glauben abzulegen, und sich jetzt schon vor der Dienerschaft als Nichtjuden aufspielte. Jetzt erst dankte sie es ihrem fteundlichen Geschicke, das sie selbst in das echt jüdische Haus des Doktors geführt hatte, wo sie dieselben Grundsätze, nach denen ihre Eltern in dem klÄnen böhmischen Gebirgsstädtchen lebten, hier in der Haupt- und Residenzstadt vertreten fand. Rose holte den Doktor aus dem Kaffeehause ab, welcher sich nicht wenig wunderte, daß ihr Besuch ein so kurzer gewesenmehr noch wunderte er sich darüber, daß die sonst lebhafte Rose jetzt ganz einsilbig geworden sei. Der Doktor befragte sie teilnamsvoll über den Grund ihrer augenscheinlichen Betroffenheit, erhielt aber ausweichende Antworten. Da drang er nicht Mehr in sie. Es war nicht gewöhnliche Neugierde, wenn er so gerne gewußt hätte, was seinen Liebling bei diesen Parvenüs widerfahren sei, sondern die innigste Teilnahme. Indessen war er solch nn Menschenkenner, daß er sich sagte, daß . Rose ihm selber später alles haarklein erzählen würoe, wenn er ihr nämlich Zeit lasse, ihre Gedanken zu orden und das Wichtige vom Unwesentlichen zu sondern, erfteres ihren Freunden zu erzählen,' letzteres aber nicht zu erwähnen. Denn das sinnige Mädchen war ebenso allem unnützen Geschwätze abhold, wie sie andererseits wiederum vollständiges Vertrauen in Herrn und Frau Grünfeld fetzte und ihnen nichts Wichtiges verschwieg. Als der Doktor mit Rose nach Hause kam, erschien seine Frau selber um zu öffnen. Ein Blick auf das gütige Antlitz der Matrone belehrte den alten Herrn, daß diese fteudig erregt sei. Erbrauchte nicht eE nach dem Grund dieser Erregung zu fragen, oenn sie empfing die Angekommenen mit den Worten: „Wir haben einen Gast, Kinder, ratet ein-, mal wen? „Doch nicht Arthur?" rief der Doktor aus. „Erraten, Väterchen, Arthur ist es. Er hat Urlaub genommen unter dem Vorwände, die Weltausstellung, die er im März im unfertigen Zustande gesehen^ jetzt in ihrer Vollendung gründlich kennen lernen zu wollen, eigentlich aber, um wieder eine kurze Zeit bei uns alten Leuten weilen zu können. Der gute Junge!" Wo ist er, ist er zu Hause?" ftug der Dottor. „Er hat jeP einen notwendigen Geschäftsweg gkWacht, ttmynt aber bald wieder/ wie er ver- . Ae Mrchricht von der unerwarteten Heimkunft des jungen Haussohnes hatte Roses Verstimmung nur vermehrt. Sie kam sich jetzt in diesem kleinen Familienkreise so überflüssig vor, daß sie ernstlich daran dachte, heimzureisen. Was sollte sie noch hier. Jetzt war der Sohn heimaekommen, die Alten brauchten keine andere Zerstreuung mehr, sie würde von ihnen kaum vermißt werden. Im Gegenteil, die Gegenwart der Fremden würde störend im trauten Zusammensein von Eltern und Sohn wirken. Und ohnedies bewohnte sie ja das ZimMer, das immer für ihn bereit stand. Das wollte sie natürlich gleich räumen. So wie nach jeder Ausfahrt, zog sie sich auch dieses mal in ihr Zimmer zurück, um oen Sträßenanzug mit einen bequemen Hauskleide zu vertauschen, und sich Gesicht und Hände vom Staube zu reinigen. Auch jetzt tat sie das, aber wie geistesabwesend, rein mechanisch. Dann machte sie sich daran, die Vorbereitungen zu ihrem Umzuge zu bewerkstelligen. Sie patte alle in den Schränken befindlichen Effetten in ihren Reisekoffer und band alle ihre auf dem Schreibtische befindlichen Bücher und Schriften in ein Packet zusammen, das sie auf diesen Koffer legte. Nun war sie zum Uebersiedeln fertig, denn das stand fest bei ihr, daß sie das Zimmer seinem rechtmäßigen Besitzer räumen, und, bis sie abreiste, irgendwo im Hause und wäre es auch im Dienstbotenzimmer, Unterkommen würde. Dann setzte sie sich an ihr Lieblingsplätzchen, dem jetzt leerstehenden Schreibtische und hing ihren Gedanken nach. Sie hatte so glückliche, so ftöhliche Tage in diesem kleinen Stübchen verlebt, und nun, da sie es verlaffen sollte, ftüher als beschlossen war, kam sie sich so elend, so verlaffen vor. Der schöne Traum war nun ausgeträumt, und das Erwachen führte sie wieder in die alltägliche Eintönigkeit des Landlebens zurück, in den ihr so verhaßten Killeklatsch, dem sie hier nicht begegnete. Das machte sie sehr traurig. Sie konnte sich der Tränen nicht enthalten, die ihr das Mitleid mit sich selbst erpreßte. Das Gesicht mit beiden Händen verdeckend weinte und schluchzte sie, daß es zum Erbarmen war. So vertieft in ihrem Schmerze bemerkte sie nicht, daß ohne vorhergegangenes Anpochen sich die Türe öffnete, und ein fremder Herr ins Zimmer trat. Erst sein lautes: „Pardon, Fräulein!" ließ sie aufblicken. „Verzeihen Sie, Fräulein, daß ich so ohne weiteres hier eingedrungen bin. Ich glaubte, das Zimmer wäre leer, und gewohnheitsmäßig ging ich hinein. Sie find natürlich Fräulein Hauser, der werte Gast meiner Eltern, und gestatten Sie, baß auch ich mich Ihnen in aller Form vorstelle. Mein Name ist Arthur Grünfeld." „Der Sohrr des Hauses? Es ist mir sehr lieb Sie kennen zu lernen, und finde ich es sehr natürlich, daß Sie in Ihr Zimmer kommen, das ich in der Zeit Ihrer Abwesenheit benützt habedoch werde ich es noch heute räumen. Sie sehen da meine Siebensachen zusammengepackt, und ich erwarte nur, daß mir Ihre Mama den Platz anweise, wo ich sie für heute unterbringen kann. Morgen mache ich Ihnen vollends Platz, indem ich heimfahre." „Was höre ich, liebes Fräulein! Sollte ich Sie durch meine Ankunft vertrieben haben? Das lag gewiß nicht in meiner Absicht. Ich habe mich kindlich darauf gefteut, das Moosröschen kennen zu lernen, von dem mir Mama in jedem Briefe so viel Liebes und Schönes schrieb, und jetzt wollen Sie fort." „Muß ich nicht?" „Müssen? Davon ist keine Rede. Fragen sie mich lieber ob Sie dürfen, und darauf antworte ich entschieden: „Nein!" Denn sonst gehie auch ich fort, und Papa und Mama bkewen ganz allein und verlassen zurück." „Aber ich muß Ihnen doch Ihr ZdwMr