Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1907)
- Date
- 1907-07-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449275--63665-2506222- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-exorthodöxen Gemeinden der Vereinigten ^Staaten und Kanadas ihre Tagung abgehalten Haben, fand am 2. — 5, Juli die Central-Conferenz der Reformrabb in er dieser Länder in Frankfort (Michigan) statt. Die amerikanische Reform ist so ziemlich das Extremste, was auf diesem Gebiete geleistet worden ist. Umso bemer-- . kenswerter ist der Bericht, den der seitherige Verbandsvräsident Dr. Joseph Stolz der Versammlung erstattet hat. Herr Stolz bläst nämlich einigermaßen zum Rückzug aus der exponierten Stellung, in die man sich im Eifer des Zerstörens vorgewagt hat. Dem wilden Reformtaumel beginnt eben wie anderwärts auch hierzulande in gewissen Kreisen ein böser Katzenjammer zu folgen. Diese Stimmung tönt auch aus dem Bericht des Herrn Dr. Stolz, wiewohl, selbstverständlich, die furchtbare Schuld, die die Reform auf sich geladen hat, darin noch nicht voll zum Bewußtsein gekommen ist. „Wenn", so sagt der Verfasser, „auch nur die entfernteste Möguchkeit sich ergeben sollte, daß unsere Lehren oder unsere Methoden zur Aufsaugung Israels, zum Niedergang oder gar zum „Tod des Judentums" führenkör^nten, so werden wir gewiß beizeiten die Warnungssignale beachten, und den Mahnungen unserer Kritiker die ernsteste Aufmerksamkeit schenken. . Wer so spricht, ist seiner Sache doch wahrlich nicht übermäßig sicher. Dennoch fühlen diese Männer nicht die Verantmortung, die sie durch ihre Bekämpfung des überlieferten Judentums auf ihre Schulter nehmen, und das Reformieren wird trotz allerinnerlichen Unstimmigkeiten fröhlich weiter getrieben. Welche Früchte dieses Treiben gezeitigt hat, dafür legt ein Vorgang, der sich in Louisville vor kurzem zugetragen hat, beredtes Zeugnis ab. Ein Jude und eine Christin traten dort in den Bund - der Ehe. Die religiösen Feierlichkeiten sollten aber dabei nicht fehlen. Da jedoch keine der beiden Konfessionen zurückgesetzt werden durfte, so wurde die Trauung durch einen Pastor und einen Rabbiner zu gleicher Zeit vollzogen. Eine bessere Lösung der'Schwierigkeit hätte gar nicht gefunden werden können. Man darf bei alledem nicht glauben, daß Israel in Amerika verwaist sei. Auch die Gesetzestreuen sind nicht untätig, und in den Massen der aus Osteuropa Eingewanderten hat die Thora immer noch — und hoffentlich wird die Reform dagegen machtlos bleiben — ihre Heimstätte. In diesen Tagen kommen die Mitglieder der orthodoxen Rabbinervereinigung zu ihrem fünften Jahreskonvent zusammen. Der Bereinigung gehören über 80 Rabbiner aus den Vereinigten Staaten und Kanada an. Im Anschluß an die Tagung sollen in Newyork und Umgegend einige Massenmeetings veranstaltet werden. Die Zion iste n haben ihre Jahreszusammenkunft in Tannersville abgehalten. In den Verhandlungen trat besonders eine gegnerische Stimmung gegen die vielfachen Fonds zutage, die jetzt in der zionistischen Bewegung vorhanden .sino. Die Amerikaner betrachten das als Kraftvergeudung und befürchten davon eine allgemeine Verwirrung. — China. Shangai, 21. Juni. Am 8. Juni wurde in der Masonic Hall dahier zum Besten der „Jüdischen Philanthropischen Gesellschaft" ein Konzert veranstaltet, bei dem nicht nur eine große Zahl christlicher Freunde der Gesellschaft als Zuhörer anwesend waren, sondern auch sämtliche mitwirkende Personen bis auf eine sich aus den Kreisen der christlichen Bevölkerung rekrutierten. Ein Beweis für das vortreffliche Verhältnis, das hier zwischen den beiden Konfessionen herrscht. Das Konzert hat einen Ueberschuß von etwa 600. Dollar gebracht. — Der Vorsteher der hiesigen jüdischen Schule, Herr Abraham, hat den Munizipalrat vor einiger Zeit um. Gewährung eines jährlichen Zuschusses von 2000 Tales ersucht. Der Sekretär des Municipalrats hat Nun Herrn Abraham mitgeteilt, daß die geforderte Summe die anderen Anstalten gewährten Zuschüsse im Verhältnis weit übersteige, der Rat habe jedoch unter Berücksichtigung der die jüdische Schule besuchenden Kinderzahl 500 Tales in das Budget für 1908 eingestellt. Gemischtes. _ Berlin, 18. Juli. Herrn James Simon, der bekannte Vorsitzende des Htlfsvereins der deutschen Juden, wurde dieser Tage von der Berliner Akademie oer Wissenschaften am Jabrestage ihres Stifters Leibnitz die goldene Leibniz-Medaille verliehen. Es ist dies eine neue, erst im verflossenen Jahre gestiftete Auszeichnung, die nach dem Willen des Kaisers Wilhelm von der Akademie zur Ehrung besonderer Verdienste um die Förderung wissenschaftlicher Aufgaben vergeben werden soll. James Simon hat sich um die künstlerischen und wissenschaftlichen Sammlungen Berlins in hervorragender Weise verdient gemacht. Er gehört zu den Gründern der Deutschen Orientgesellschast, die mit so großem Erfolge Ausgrabungen in Borderasten und Egypten betreibt. Herr Simon bat ferner seine berühmte Renaisiancesammlung dem Kaiser Friedrich-Museum geschenkt, wo ste ein besonderes Kabinett einnimmt. Die Sammlung enthält neben wertvollen Gemälden herrliche italienische Bronzen, Majolikas und Möbel. Herr Simon, der auch humanitäre Bestrebungen in freigebigster Weise fördert, hat bis jetzt alle ihm zugedachten Auszeichnungen abgelehnt, eine ausgenommen : das Bild des Kaisers mit dessen eigenhändiger Unterschrift und einem Handschreiben, in dem es hieß: „Wenn der Empfänger auch alle sonstigen Ehrungen von der Hand weist, für das t eifolgende Bild wird er gewiß noch ein Plätzchen in einem seiner Zimmer finden." Aus Württemberg, 23. Juli. In Freudenstadt, dem bekannten Luftkurort im württembergischen Schwarzwald, ist am Anfang dieses Monats von Herrn A. Kulb von Stuttgart eine unter zuverlässtger Aussicht , stehende rituelle Pension eröffnet worden. Die Pension j des Herrn Kulb befindet sich in der Bille Germania und untersteht dem Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser in Hamburg. Tyezyn, 19. Juli. Das Städtchen Blazowa, ein fast durchwegs von Juden bewohnter Ort, siel einer verheerenden Feuersbrunst zum Opfer, die in kurzer Zeit das Städtchen den Erdboden gleichmachte, einen einzigen Trümmerhaufen zurück lassend. Neben einigen christlichen Familien wurden 200 jüdische Famlien ihres Heims und ihrer Habe beraubt und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als im Freien zu kampieren und von der Mildtätigkeit guter Menschen zu leben. In diesen furchtbaren Stunden der Not und Verzweiflung lernten die Blazower Juden die Hochherzigkeit und den Edelmut des hochwürdigen Kanonikus Pater Kwiatkowski kennen und schätzen, der seine ganze große Wohnung in der Pfarrei — dem einzigen Gebäude, das der Wut der Elemente enrrissen werden konnte — den armen Abgebrannten zur Verfügung stellte und, seiner kostbaren Wohnungseinrichtung nicht achtend, die Eltern der zahlreichen Kinder ersuchte, ihre Kinder nicht zu schelten, wenn ste sich mir kindlicher Rücksichtslosigkeit in der schönen Wohnung breitmachten. Rührend und erhebend zugleich war es, wie der greise Priester sich um die Armen bemühte und ihnen helfend.und trostspendend zur Seite stand. Auch des F ü r st e n R a d z i w i l l, dem Besitzers von Tyezyn, sei gedacht, der sich persönlich an die Spitze der Löschaktion stellte und die anstrengendsten Arbeiten verrichtete, um das Unglück nicht noch größer werden zu lassen. Fürst Radziwill beteiligte sich auch in hervorragendster und munifizentester Weise an der Hilfsaktion für die armen O.fer der Katastrophe. Mohilew, 18. Juli. Im Flecken S m o l j a n y (Kreis Orscha) entstand am 30. Juni ein Feuerschaden infolge von Brandstiftung. Niedergebrannt find 5 Synagogen, die Talmud Thora, 114 Juden gehörige und 15 Ehriiien gehörige Häuser, 70 Buden nnd die Monopolbude, wobei ein Teil des Branntweins und des Geldes verbrannte. Eine junge Jüdin ist in den Flammen umgekommen. Einer der Brandstifter ist verhaftet worden. Uercin$wc$en. Frankfurt a. M., 18. Juli. Vor Kurzem veranstaltete die Ortsgruppe Rödelheim des Verbandes der Sabbathfreunde eine Versammlung, in der ein Mitglied der Frankfurter Ortsgruppe über die Bedeutung des Sabbath mit dem Erfolge sprach, daß nicht nur mehrere Anwesende den Vorsatz die NIW-Pflicht nicht mehr durch die Uebertretung des Verbots des Tragens zu verletzen kundgaben, sondern auch ein Schiur Kizzur Schulchan- Aruch für die Bereinsmitglieder eingerichtet wurde. — Dasselbe Mitglied des Frankfurter Vereins veranlaßte am ICK Juli in Westhofen i. E. die Gründung einer Ortsgruppe des B. d. S., der sofort 29 Mitglieder deitraten. In den Vorstand wurden gewählt Herr Rabbiner Dr. Marx als 1. Vorsitzender, terr Lehrer Krohn als 2. Vorsitzender, Herr Kantor aufmann als Schriftführer, Herr Moritz Debr« als Kassrer und Herr Jules Cahn aV 2. Schriftführer. Auch in Westhofen wurde beschlossen, einen Schiur Kizzur Schulchan-Aruch einzurichten. Herr Dr. Marx, der die Versammlung ernberufen und sich sehr um das Zustandekommen der Ortsgruppe bemüht hatte, erklärte sich bereit hie Leitung des Schiur zu übernehmen. > , j Nürnberg, 14. Juli. Heute hielten im Beth; 3 Hamedrasch der hiesigen Addaß-Jisroel die Lehrer-Fort- "3 btldungskurse Nürnberg, Ansbach und Neustadt a. d. Atsch % eine Tagung ab, an der sich auch deren Leiter die Herren f Dr. Kohn-Ansbach, Dr. Weinberg-Sulzbürg und Dr. Warschafskh-Fürth beteiligten. Den Vorsitz führte Herr? Rabbiner Dr. Weinberg-Sulzbürg. Die drei Kurse zählen Z mehr als 30 Mitglieder aus den Kreisen Mittelftanken, Oberftanken, Oberpfalz und Niederbahern. Die Be- A ratungsgegenstände boten großes Interesse und umfaßt«! ' ausschließlich interne Angelegenheiten des Standes rmd I Berufes und Vorberatungen für die am 23. ds. Mts. in A Aschaffenburg stattfindende Generalversammlung des jüd. Lehrervereins in Bayern, zu der die Herren Ellinger- -J Fürth und Oppenheimer-Sulzvürg namens der drei Fort- . “ btldungskurse delegiert wurden. Prag, 15. Juli. Am 30. Juni fand unter Bor- * sitz des Vizepräsidenten des Kuratoriums, Herrn Ma- 3 gistratsrat Dr. Stein, die 1. ordentliche Generalversammlung des Vereins zur Gründung eines. 1 jüdischen Museums in Prag statt. Den Geschäfts- und Kassabericht erstattete Schriftführer % Lieben. Daraus ist das stetig wachsende Zn- 1 teresfe für die Bereinsbestreoungen erfichtttch. A Mehrere Korporationen haben ihre Sympathien. $ für den Verein durch Subventionen, zum Aus- J trag des Herrn k. R. Gottlieb .Bondy im Betrage I von 500 Kronen, der Sttftungsbeitrag des Herrn 3 k. R. Moritz Arndt im Bettage von 200 Kronen. Der Verein will im September sein Museum eröffnen. | Personalien. ] Frankfurt a. M., 24. Juli. Am Ausgang des J Tischo b'Aw starb hier der ftühere Lehrer an der j Realschule der Jsrael-Religionsgesellschaft Herr M a - 1 thias Apelt. Wem, der diesen guten Mann ge- | könnt, käme nicht mit dieser wehmutsvollen Kunde ’A die Vorstellung von der schlichten Art seines Wesens, *1 das sich bei aller Bescheidenheit, die ihn zierte, doch 'i so markant Jedem einprägte! Zahllos mögen wohl | diejenigen sein, die in dem Augenblick, da ihnen dieses A Blatt zu Gesicht kommt, sich zurückversetzt fühlen in J die traute Kindheit, deren treuer Führer und hin- A gebungsvoller Lehrer Herr Apelt gewesen ist! — In? Moislingen bei Lübeck sehen wir ihn im Jahre 1856 A als 20jährigen jungen Mann zum ersten Male als 4 Lehrer unter Rabbiner Adler, dem späteren Führer. ‘J der Lübecker Gemeinde wirten; sehen ihn mit diesem i nach Lübeck übersiedeln. Alsdann war er in Wein- 1 heim am Plato'schen Institut tättg, wo er init dem J Heimgegangenen Justizrat Dr. Naftali Hirsch, damals gleichfalls Lehrer in Weinheim, eine enge, das Leben hindurch dauernde Freundschaft schloß. Mit Dr. Plato h zog er nach Karlsruhe, nachher wirkte er an der Talmud-Thora-Schule in Hamburg unter Oberrabbiner Jj Sterns Leitung, bis er, dem Rufe Samson ‘.4 Raphael Hirsch's folgend 1868 an die Realschule derJsr. Religionsgesellschaft über- D ging, von der er sich erst, durch zunehmendes Alter | gezwungen, und zu seinem ttessten Leidwesen vor etwa J 3 Jahren in den Ruhestand zurückzog. Wenn wir .1 noch erwähnen, daß der Heimgegangene als Sohn 1 des Lehrers Hirsch Apelt am 9. Mai 1836 in Gröbz-g » (Anhalt) geboren wurde, erst das Seminar zu Halj berstadt besuchte und zu Füßen eines Mannes wie 1 Dr. Israel Hildesheimer ^"7 als einer seiner eifrigsten - Schüler „lernend" saß, dann haben wir wohl den ' v äußeren Rahmen dieses reichgesegneten Lebens ge- ) zeichnet, nicht aber in seiner Tiefe es erschöpft. In 77^ Kürze möchtet wir nur daraus Hinweisen, wie viel uns über seine Persönlichkeit schon die Namen der Männer - zu sagen vermögen, zu denen Appe.t sich hingezogen * fühlte, um unter ihnen zu schaffen! Fest im Juden- , i tum, dem gesetzestreuen stehenohat er vieles ep-;.i lebt, vieles geschaut: Die Reform am Werk, den Zeit- | geist das alte unverbrüchliche Gesetz bedrohend, aber 1 auch die Kämpfer für Gott und sein ewige Thora. : bei der Arbeit in mutigem Kampf, in der euren Hand das abwehrende Schwert, in der anderen die aufbauende ~ Kelle! Mitzubauen an der Auftichtung des alten H Gesetzes-Heiligtums, das war seine Freude, sein Lebens- 3 glück und sein Lebensberuf. Apelt war nicht der Mann, A der allzuviel sprach, aber was er sprach, strömte aus A seinem Innern und sobald er sprach, wußte ein A Jeder, auch seine Schüler, daß ihn bei aller seiner - Milde heiliger Ernst um die Sache beseelte, und st» kam es, daß seine Worte tiefen Eindruck auf dre 3 Schüler machten. Wie man ihm einst in Hamburg, als er hierher berufen ward, schrieb: „wir lassen Sie .• 'z nicht eher gehen, bis wir müssen", so reißt auch 7,^ bei uns sein Weggang nun eine schmerzende Lücke, - j und allen seinen Schülern besonders ist es wehe zrt Mut, ihn, der es so gut mrt ihnen stets gemeint, | nunmehr aus dem hieniedigen Dasein geschwunden 7I