Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1907)
- Date
- 1907-07-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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3. Jahrgang M 7. üdiecher Volheframd Monats-Veilage zm „Zrraelit" Verantwortliche Redaktion s Rabbiner Df. ß. (Zlolf in Köln. doppelter Crost. „Tröstet, tröstet, mein Volk, denn Doppeltes hat es empfangen durch seine Sünden." Es ist der Leben gestaltende Gegensatz des Leidens und der Erhebung daraus, der als größtes Trostwort von dem Propheten uns zugesprochen wird. Denn eins ersehen wir deutlich über dem Dornenpfad unserer Goluthwanderung gütig walten: unsere unverlierbare Bestimmung. Wem nicht nur glückliche Stunden schlagen, wer noch Hiobsposten empfängt und in Hiobs Leiden sich windet, der hat keinen Grund, das Vertrauen u seiner Zukunft zu verlieren. Nur bei dem och nichts mehr zu bessern ist, hört das Geschick auf, seine Kraft des Wirkens zu versuchen. Wer leidet, darf sich freuen: er hat das Bewußtsein sich befferungswürdig erhalten zu haben. Und stärker wie zuvor wächst aus jedem Schmerz der Mensch empor. So auch das Volk. Doch weit klarer als im Einzelleben tritt der Wert des Duldens im Gesamtleben zu tage. Der Einzelne kann verzagen, kann unter des Druckes Schwere ohnmächtig, tot zusammenbrechen. Die jüdische Volksgesamtheit stirbt nie. Steht sie doch da als der Vollbringer eines ewigen Willens. Sie ist das Gottesvolk, der Sendbote Gottes an die Menschheit, Träger und Bringer des Gottes- Wortes an sie. Auf dem eigenen Boden hätte Israel seine Aufgabe zu betätigen gehabt, hätte einen Staat bilden und erhalten sollen, in dem das Recht und die Wahrheit seinen höchsten Triumph feiern sollten, einen Staat, der den Mut gezeigt hätte, andere Prinzipien zur Richtschnur seines Handelns zu nehmen, als die Großmächte, die ihn umgaben. Nicht hätte der Frevler dem Pflichttreuen Kronen der Auszeichnung zu vergeben gehabt. Ueberall, in Personen und Dingen, gebührte der Pflichttreue, der Wahrhaftigkeit, dem Ernst, der Vorrang. Nirgends sollte die Lüge, sollte der äußere Vorzug zur Herrschaft gelangen. Die Sittenreinheit sollte die unantastbare Grundlage des ganzen Gebäudes bilden, den Fruchtboden für die Saaten der Erkenntnis und des Edelmutes. Auf diesem von Unkraut freien Ackerboden sollten die schönsten Pflanzungen des Volksglückes gedeihen, Wohlstand und Frieden. Die im ewigen Kampf der Habsucht und Ehrsucht sich befehdende Welt würde mit Bewunderung auf dieses selige Ländchen geschaut haben, wäre geströmt zu diesem Born des Lebens, hätte getrunken ihre Wasser und wäre genesen, „durch den Anschluß an dieses Volk hätte auch sie Heilung gefunden." Israel begriff es aber , nicht, hatte den Mut des Vertrauens nicht, die Geduld nicht, die Erfüllung seines Vertrauens abzuwarten. Verstand es nicht, daß sein Gedeihen auf ganz anderen Bedingungen gegründet ist — im Einzelnen und in der Gesamtheit — als die Welt sie kennt, die es verlaßen hatte, deren Verirrung es am eigenen Leibe in ihren schmerzlichen Folgen gefühtt. — Da ging es seines Landes verlustig, verlor es seinen Staat, aber nicht seine Bestimmung- Sein Dasein, seine Lehre, bedeutet die Verkündigung Gottes auf Erden. Der Gott, der Israel dazu erkoren, auf daß die Welt zum zweiten Male und dann für immer seinen Namen kennen lerne, läßt sein Ziel von Geschlechtern, die es verkennen, nicht durchkreuzen. Die Menschengeschlechter, die ihren Willen vor Seinem nicht beugen, sie müssen fallen. Die Aufgabe bleibt bestehen, zu ihrer Lösung wird ein anderes Geschlecht bestellt. Das neue lernt durch die Erfahrung des alten, und neues Leben erblüht auf den Ruinen. Volk und Volksausgabe erheben sich stets reiner, erkennbarer; Volk und Erfüllung der Pflicht werden stets treuer, geläuterter. Das ist das Doppelte, das Israel empfängt durch seine Sünden. Greifen Feinde unser Leben an, so wird die Bruderliebe erweckt, wird der Opfermut erhöht, wird die Menschlichkeit erzeugt. Richten Gegner ihre Waffen gegen unsere geistigen Güter, alsobald greifen wir zu den bestaubten Folianten, lesen sie, studieren sie und suchen im geistigen Waffenarsenal die Schwerter, den Schlag zu parieren und lernen von neuem und lernen stets ttefer den Geist und das Wesen unserer Quellenschriften kennen. Will man uns die Erfüllung unserer Pflichten wehren, wie ein Mann erheben wir uns, um das Bollwerk unserer Lebensfeste uns zu erhalten. Der Wille und das Verständnis erstarken für den Inhalt unseres Daseins. Und was im Kampfe wir errungen, wofür Israel sein Blut zum Opfer gebracht, das hat es für allezeit sich und seiner Zukunft gewonnen. So wollen wir das Goluth begreifen, wollen das Trostwort eines jeden Propheten nach seiner Strafrede verstehen. Wollen der Väter Sünde sühnen, wollen die besondere Aufgabe begreifen, die uns ward, wollen Hoseas Feuilleton. Maasser. (Fortsetzung.) Die Universitätsferien gingen zu Ende. Bär freute sich auf die Rückkehr Tannenbergs, der ihm gerade in den letzten Wochen sehr gefehlt hatte. Ae häufiger er mit Erna zusammenkam, um so klarer wurde ihm, daß der Verkehr mit dem jungen Mädchen in Bahnen gekommen war, die verhängnisvoll werden konnten. So unbefangen er der Schülerin gegenüber zu treten bemüht war, so wenig konnte er sich selbst verleugnen, daß seine Teilnahme für sie mehr, als die des Lehrers für die aufmerksame Schülerin war. Das fühlte er weniger noch während des Unterrichtes als in der übrigen Zeit. Wie oft unterbrach er die Arbeit, um im Freien seine Gedanken zu sammeln, die aus den gelehrten Buchstaben einen ganz ungelehrten dunklen Mädchenkopf bildeten. Und daß Erna mehr an ihm hing, als an einem noch so sympathischen Lehrer, das war ihm längst kein Zweifel mehr. Tannenberg, der ruhige Freund, wird ihm einen Rat wissen. Endlich kam dieser vollgepackt mit Grüßen und allerlei greif- und eßbaren Freundschaftszeichen seiner Mutter für Markus. Sie waren noch nicht lange in der Wohnung, als Tannenberg den Kollegen bei der Schulter faßte und ihm ttef in die Augen sah. „Nanu, was ist denn los, I wir sehen ja so interessant blaß aus! Wo brennt's denn? Hoffentlich doch nicht hier?" er wies lachend auf das Herz des vor ihm Stehenden. Markus wurde rot. „Also es stimmt," fuhr der andere fort, „natürlich Frl. Erna, nicht wahr? Na schlechten Geschmack hast Du hoffentlich nicht." : „Höre doch einen Augenblick mal zu," bat Bär, „ich möchte gern ein ernstes Wort mit Dir reden,' Du sollst mir raten." „O weh. Verliebten raten, nun, das ist ein schlechtes Geschäft/ aber ich bin ganz Ohr, lege . los." Tannenberg setzte sich in Positur und machte ein würdiges Gesicht. Aber beim Zuhören nahmen seine Züge allmählich wieder den treuen Freundesausdruck an, den Markus an ihm gewöhnt war. In einfachen Worten erzählte dieser, wie Erna' nach der Rückkehr aus dem Bade gewesen sei, und wie sehr sich ihr ganzes Gebühren geändert habe. „Du weißt, ich bin kein eitler Fratz, der einem Backfisch den Kopf verdrehen will, aber ich fühle es, daß sie mich gern hat und sich bemüht, meine Gedanken zu erraten und mich zu erfreuen. Ich fühle das, weil ich sie selbst so lieb habe," setzte er leise und ttef errötend hinzu. Tannenberg wurde ernst. „Und nun, Bär?"ß „Da möchte ich Deinen^Rat hören; ich weiß, daß jede Stunde, die wir zusammen verbringen, die Gefabr mit sich führt, daß wir über unsere Gefühle sprechen, denn auch Erna scheint sich klar Hu sein, und das darf doch nicht sein!" „Bär, Du bist ein durch, und durch anständiger Kerl," rief Tannenberg auffpringend und dem Freund die Hand drückend. „Ein Dutzend andere, weißt Du, was die täten? Dem reichen Fräulein eine Liebeserklärung, einen Heiratsantrag machen, und so das Kind an sich fesseln/ das dann später bei Papa Bankier die Einwilligung ertrotzen würde, ehe es sich selbst klar über sein Tun ist. Heute wüßte das Mädel viel, was es täte, und später wäre es zu stolz zurückzutreten, wenn es einsieht, daß es in seiner Jugenddummheit im Impulse etwas Thörichtes getan hat." „Diese Erwägung ist es ja, die mich zur Ruhe zwingt. Erna ist viel zu jung, um einen solchen Schritt zu tun, und es ist unjüdisch, sich zu binden, ehe oer Charakter gereift ist, nur auf Jugendneigung hin. Welche Einflüsse können Ernas Entwicklung noch beeinflussen!" Markus seufzte tief. „Und die Stunden aufgeben?" fragte Tannenberg. „Das geht aus vielen Gründen nicht. Ernas religiöse Entwicklung könnte durch einen anderen Lehrer, der ihre Eigenart nicht kennt, einen nachhalttgen Schaden haben, besonders, wenn ich ohne triftigen Grund nicht mehr komme, und ich kann doch nicht von hier fortgehen, ohne meine Studien zu unterbrechen."