Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1907)
- Date
- 1907-07-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Mweüt. I?- % £■- fyi- ~ £ r- I folgen: ,,Du aber kehre zurück dadurch, ^V«tz Dein Gott sich als Dein Richter Dir offen- ^Bart, Liebe und Gerechtigkeit übe und hoffe be- - ständig zu Deinem Gott." Moarme kbrrcdiierrmg. Rabbi Simon ben Gamliel sagte: Die freudvollsten Festtage für Israel waren der fünfzehnte Aw und der Versöhnungstagdenn an viesen Tagen gingen die Töchter Israels in oAtthenen weiten Gewändern hinaus in die; Weinberge und sprachen: „Jüngling, erhebe deine Augen und sieh', wen du dir auswählst. Richte Öein Augenmerk nicht auf Schönheit, achte auf die Familie. „Eitel ist Anmut und nichtig ist . Schönheit: eine gottesfürchtige Frau preist sich /durch sich selbst." Soweit die Mischnah in Taanith IV 8. Wenn wir mit diesen hier ausgesprochenen Prinzipien die Grundsätze vergleichen, die bei modernen Eheschließungen maßgebend sind, dann lernen wir vielleicht die solcherweise in der Mischnah ettvähnten Töchter Israels als Ahnenmütter des jetzigen Geschlechtes verehren. Denn wo überall . nur umterielle Bedingungen maßgebend sind, deren Erfüllung eine Eheschließung als geeignet er- .scheinen lassen, da fehlt der Erziehung jenes geistig-sittliche Element, das ein Geschlecht in Idealen erstarken läßt, das es fähig macht, den ungünstigsten äußeren Verhältnissen zum Trotz einem Hochziel zu leben, das unverwüstlich, weil über allen hiniedigen Anfeindungen erhaben. Ja die Zukunft eines so gearteten Geschlechtes steht überhaupt in Frage. Was der Versuchung der Welt anheimgesallen ist, können außer einzelnen entarteten Zweigen aus edlem Stamm im allgemeinen nur Blätter von Bäumen gewesen sein, die wohl rauschen - mochten und sich in ihrer Zeit bemerkbar machten, die aber gerade darum Fruchtbäume für ihr Volk nicht waren. Wir können von unseren Tagen zurückschließen auf die damalige Zeit. Ebensowenig wie wir uns heute für das Judentum normaler Weise einen Gewinn von einer Ehe versprechen können, die bei Voraussetzungen gestiftet ist, die dem Geist des Judentums widersprechen, so war es auch früher. Was aus solchen Ehen hervorging und hervorgeht, ging und geht dem Judentum verloren, wenn nicht außergewöhnliche Zeitereignisse auch die fernsten Elemente sich auf ihr Judentum besinnen lassen. In fwmmen Familien in Städten achtet man nun viel mehr darauf, daß vor allen anderen Eigenschaften bei der Wahl die eine und erste Bedingung erfüllt ist, daß die Erziehung des „Du hast Recht," sagte Tannenberg. „Also" beherrsche Dich weiter, damit bringst Du auch das Mädel am besten zur Ruhe. Du bist ein tapferer Kerl. Den Kopf nicht verlieren, wer weiß, in 5, 6 Jahren hast Du vielleicht eine Stelle, auf die Du Deine Erna heiraten kannst, - wenn Ihr Euch dann noch mögt." „Die reiche. Bankierstochter ben armen Raw," Bär lächelte trübe. „Ra, besser ist auch, Du reißt Dir die Geschichte radikal aus dem Sinn," meinte der Freund. Es war gut für Markus Bär, daß das Wintersemester große Ansprüche an seine Arbeitskraft stellte, er durfte seinen Gedanken nicht nachhängen, sondern mußte sie in bestimmte Bahnen zwingen. Tannenberg verstand es einzurichten, daß sie möglichst viel zusammen arbeiteten, das gab erhöhte gegenseitige Anregung, und bei dem regelmäßigen täglichen Spaziergange bot die wissenschaftliche Beschäftigung Nnterhaltungsstoff genug. Auf das Thema Erna Löwenberg kamen die Freunde nicht zurück: Tannenberg besaß bei all feiner Derbheit Feinsinn genug, um das Gefühlsleben seines Freundes zu begreifen und zu verstehen, daß jede Berührung dieser zarten An-; HÄegenheit schmerzen würde. Denn daß Markus Hecht mit seinem Verzicht hatte, war chm klar. /Gerade eine so vornehme Natur wie iHär konnte und durfte nicht anders handelndas Mädchen “ I . _ , Ober ob o«ch künftigen Ehegatte», seine bisherige Lebensführung und Lebensanschauung die Gewähr dafür bietet, daß es ihm heiliger Ernst ist, ein jüdisches Haus zu gründen. Ja, man versteht darüber hinaus sehr wohl den Satz der Weisen, der dem Mann vorschreibt, nicht nur die Erwählte selbst zu prüfen, bevor er sich ewig bindet, sondern sich auch deren Brüder anzusehen. Und das wohl aus folgenden Gründen: Einmal wird das Gelingen des Erziehungswerkes des Elternhauses mehr daran zu erkennen fein, ob es im Sturm des Lebens standhält, als daran, ob die Tochter am Küchenherd oder im Boudoir.den angelernten Gewohnheiten nachkommt. Dann aber auch muß man als Mensch an die Möglichkeit denken, daß man, wenn es in Gottes Ratschluß so entschieden sein sollte, die Erziehung nicht selbst leiten kann. In diesem Falle muß man das Vertrauen zur Mutter und deren Familie haben können, daß auch ohne den Vater die Kinder zur Thora geführt und zur Erfüllung ihrer Gebote angeleitet werden. Das aber nicht nur äußerlich, indem sich mit Religiosität auf der einen Seite Materialismus auf der anderen zu nicht einheitlicher Zerfällung der Erkenntnis und der Betätigung verbindendenn zum Wesen wahrer Frömmigkeit gehören vor allem die ersten menschlichen Tugenden der Wahrhaftigkeit und Einfachheit, der Verinnerlichung und treuen Pflichterfüllung. Deren Abwesenheit lassen das Kind die Wertschätzung des Besitzes und der Bequemlichkeit, deren Grenzen die Eltern vielleicht noch kennen, überschätzen und führen schließlich in allmählicher Entwickelung zum Abfall von der Thora. In den Verkehrszentren, in denen sich das öffentliche Leben abspielt, in denen Thora gelernt wird, in denen der große Kampf der Reform gegen die Orthodoxie geführt wird, weiß man sehr genau: es gibt ein Judentum und seine Verleugnung. Heiligung und Entweihung des Schabbos sind die wesentlichen Merkmale für die Anhänger der Bejahung und Verneinung. Eine Verbindung zwischen einem ernsten Jehudi und einer Familie, die den Schabbos entweiht, ist schlechterdings undenkbar. Geschieht sie, so wirst der Entschluß ein Schlaglicht auf die Person. Das alles weiß und empfindet man auf dem Lande gar nicht so Man ist sich nicht klar über die weitgehenden Unterschiede zwischen Gesetzestreue und Untreue. Hält man auch selbst den Schabbos, so empfindet man es gar nicht so schwer, wenn die Kinder den Schabbos entweihen, ja man verzichtet von vorneherein häufig auf den Versuch, dieselben irgendwo in die Lehre zu geben, wo sie am Schabbos von der Arbeit Befreit sind. Man ist über die Schomrei Schabbos- Vereine nicht genügend orientiert. Die Agi- Kind des Reichtums, das jedenfalls gesellschaftlich einst eine große Rolle spielen würde, nicht an diesen Aeußerlichkeiten zuviel Gefallen finden würde, als daß ihre Jugendliebe standhalten könnte, war kaum ein Zweifel. Ein Mensch wie Bär sucht einen idealen Wirkungskreis, wie er in der Großstadt für den jungen frommen Raw gewöhnlich nicht gefunden wird. Und auch der geliebten Frau wegen könnte Bär niemals von seinem reinen Streben abgehen. Manchmal schloß sich auf Markus Wunsch Joseph Basch den Studenten an- Tannenbergs den Jungen sehr anzuziehen. Fortschritte in den fremden sich überhaupt als so lern- Freunde ihm weiteren kaufmännischen Unterricht erteilen ließen. Cohn stand ihnen mit seinem fachmännischen Rat zur Seite, der für alles Gute begeisterte Kaufmann freute sich hier helfen zu können. „Nur den Winter über den Basch aber halten," pflegte er zu sagen, „bei diesem Fleiß hoffe ich ihn im Frühjahr bei uns unterbringen zu können." Diese Zukunftsausficht lockte den jungen Basch natürlich sehr. Das Büro, in dem Cahn eine sehr geachtete Stellung einnahm, war weit und breit bekannt. Es wurde selbstredend streng Schabbos gehalten, und die Chefs genossen den Ruf stets die ersten zu fein, wenn es sich um gemeinnützige Bestrebungen, besonders auf jüdisch-religiösem Gchitzt, hemdelte. ... Sie. nahmen nur fxmmne Inge frische Art schien Er machte gute Sprachen, zeigte begierig, daß die tattonen gesetzestreuer Verbände vergessen vielfach an das Land, und ihre Organisationen erstrecken sich zumeist nur auf die Städte. Gesetzestreue Zeitungen werden nicht gelesen, denn die „Jüdischkeit" auf dem Lande benutzt sich durchschnittlich nach den Opfern, die sie fordert. So erfaßt man auch gar nicht die Bedeutung des Fehltrittes, wenn man die Zkinder Ehen schließen läßt, in denen die Schabbosheiligung gefährdet oder gar verhöhnt ist. Der Kampf ums Leben ist allerdings auf dem Lande viel härter und zwar darum, weil die Konkurrenz wegen der geringer» Bevölkerungsziffer eine viel persönlichere ist, als in der Stadt. Man wird dadurch viel materieller. Im Hause der Eltern haben die Kinder das Geschäft offen und im „koschern Haushalt" und höchstens noch im „Schulengeyen" besteht die Religiosität des Schwiegersohnes. Die Erfüllung der Ehegesetze ist oft mit so großen Schwierigkeiten verbunden, daß man sich ohne weiteres darüber hinwegsetzt. Der Mann verlangt es nicht, weiß selbst nichts davon, und die Tragweite dieser so wichtigen Gesetze ist zu wenig allgemein bekannt. Es ist seither zuviel darüber getuschelt, statt gesprochen worden. Fort mit der Prüderie! Dem Reinen ist alles rein. Eine Pflichtenlehre verträgt keine Geheimnistuerei. Die Ausführung muß züchtig sein, die Belehrung muß offen und deutlich erfolgen. Die Fehler des vorigen Geschlechtes haben wir zu tragen. Well das der Werdegang in der Geschichte ist, darum haben wir zu Gunsten unserer Nachfolger Fehler zu vermeiden. Wir haben uns Mühe zu geben, unseren Kindern Häuser zu bauen, von denen wir einen Segen für das überlieferte Judentum mit Fug und Recht erwarten dürfen. Die Töchter Israels, von denen die Mischnah erzählt, erschienen in geliehenen Gewändern. Auch die reichen Töchter. Die Armen sollten nicht beschämt werden, darum trug keine ein eigenes Kleid. Nicht Besitz, nicht Anmut, nicht Schönheit sollte ausschlaggebend sein. Das alles ist vergänglich, haftet nur dem äußern Menschen an, stellt nicht sein eigentliches Kapital dar. Alles Aeußere kann im Nu vernichtet sein, jeder innere Wert überlebt uns. Selbst die reiche Tochter rief dem Jüngling, der seinen Blick zu ihr erhob, entgegen, verwechsele das Sollen mit dem Haben nicht. Die ihr Sollen, die ihre Pflichten kennt, gegen Gott und Menschen, die allein verdient den Preis der Ehe, nur sie ist würdig und fähig mit zu arbeiten „am Bau der Ewigkeit." Aber auch nur der Jüngling hat Anspruch auf die Hand einer Tochter Jisroels, der sein Auge auf die Familie richtet. „Jichuß" ist ein Wort, das in wahrhaft ftommen Familien bei der Eheschließung obenan steht. Die Abstammung vom Leute auf und hatten ein wachsames Auge besonders auf die Lehrlinge. In gute Stellen ließen sie nur die vorrücken, die außer geschäftlicher Tüchtigkeit tadellos in ihrer Lebensführung als Juden waren. Sie verstanden es ihren Angestellten zu beweisen, wie nicht, obgleich, sondern weil sie Juden wären, weil sie weit und breit bekannt wareu, jede religiöse Vorschrift zu halten, auch das Vertrauen der Kundschaft so groß war. Es ist ja das gleiche göttliche Gebot, das Ehrlichkeit im Handel und Wandel und die Einhaltung religiöser Vorschriften verlangte. Die Angestellten wußten, daß jede verdiente Summe nicht nur genau verzeichnet wurde, sondern auch, daß die Chefs der richtigen Einteilung dieses Maßers gar manche freie Stunde schenkten. Die ganze Art dieser Geschäftsführung konnte nicht ohne Eindruck auf ein junges Gemüt bleiben, und wenn auch außerhalb des Büros genug schädliche Einflüsse der Großstadt an die jungen Leute herantraten, so wurden sie doch meist paralysiert durch die reine sittliche Atmosphäre, in her sie sich den größten Teil des Tages befanden. Es war eine Seltenheit, daß Angestellte dieses Geschäftes moralisch oder religiös verkamen, und so wußten unsere Freunde auch Joseph Basch in Sicherheit, wenn er diese Anstellung erhielt. (Fortsetzung folgt.) ■j **. 4ii