Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1907)
- Date
- 1907-07-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Btt. M. Seile f Amn, was noch verderblicher ist, frivole sophistische griffe den Begriff der Ehre verwirren. Der Ehrbegriff allein ist ein schwankendes Fundament, bas den Erschütterungen nicht standhält. Baue das Judentum deiner Kinder auf Liebe zum Judentum auf, mache es zu einem Teil ihres eigenen Selbst, zu einem teuren Gut und Inhalt ihres inneren Wesens, lehre sie als Juden leben, und sie werden ohne oas Judentum nicht leben können. Sie werden dann nicht bloß Juden sein aus Ehre, sondern es wird ihnen eine Ehre sein, Juden zu sein. * * * 8 Das „Ceremonialgefefe". Wie oft hört man die Rede: „Kann man denn nicht auch ein guter Jude sein, ohne das „Ceremoniylgesetz" zu beobachten?" Nun denn, kann man denn nicht auch mit einem Auge, einem Arm, einem Fuß leben und sogar Tüchttges leisten? Wozu pnd nun aber doch deren zwei geschaffen?! * * » 9. Ein öefangbudiners- Ein altes in Schleiz gedrucktes Gesangbuch hat, wie ich einem Citat entnehme, unter anderm fobaend^u Vers: „Wir bitten Gott um Regen und Sonnenschein „In Schleiz und Greiz und Lobenstein. „Könnt's den Nachbarn auch behagen, „So mögen sie's Gott selber sagen." * * 4- 10. Die firmen und Elenden. Welchen Wert haben die Armen und Schwachen, die Notleidenden, die Kranken, die Krüppel, die Idioten u.s.w. für die menschliche Gemeinschaft? Wäre es für die Gesamtheit nicht bester, wenn es nur Gesunde und Starke gäbe? Es ist zunächst ohne weiteres klar, daß diese Frage, wenn sie nicht eine völlig müßige sein soll, überhaupt nur dann eine Berechtigung hat, wenn sie sich nicht auf eine theoretische Menschheit bezieht, die irgendwo existiert, sondern auf die Menschheit, wie sie ist, mit all ihren seelischen und sittlichen Anlagen, Fähigkeiten, Schwächen. Auf den Menschen, wie er nun einmal geartet ist. Und da kann man folgendes antworten: Wie, ein stehendes Gewäffer versumpft, so würde eine Menfchhett verkümmern, in der es keine Schwachen, keine Empfangenden gäbe. Durch ständiges Fließen und Mitteilen bleibt das Master frisch und klar. So werden durch Geben und Empfangen die Menschenseelen vor dem Verderben geschützt. Die Geister der Liebe und des Mitgeftrhls, geweckt und genährt durch die Möglichkeit einer Betätigung an Schwächen und Leidenden, erhalten den inneren. Menschen lebendig. Das Edle und Hohe, das im Menschenherzen lebt, die sittlichen Kräfte würden ersterben, wenn sie kein Arbeitsgebiet, keine Anwendung fänden. Welchen Wert können die Armen und Schwachen, die Notleidenden, die Kranken, die Krüppel, die Idioten u.f.w. für die menschliche Gemeinschaft haben! * * * 11. Das iüdifdie Her?. Mag immerhin am Banme des Judentums die Frucht, die Tat der Gerechtigkeit und Liebe, das Wesentlichste sein! Wurzel pnd Stamm müffen treiben, wenn die Frucht sprießen und reifen soll. Mag immerhin das jüdische Herz die Hauptsache sein! Soll das HeiZ seine Funkttonen erfüllen, dann muß es vom Gesamtorganismus genährt werden. 12. Der Lehrer der Religion. Mm braucht nicht philosophisch zu leben, um Lehrer der Philosophie zu sein. Aber man muß «eligiös leben, um Lehrer der Religion zu sein. * * * 13. Her?enshundig. Welche psychologische Feinheit liegt darin, daß auf das Gebot: „Da sollst den Lohn des Tagelöhners nicht Lei dir behalten bis zum Morgen" (3 B. M 19. 13) unmittelbar folgt: „Du sollst einem Tauben nicht fluchen." (3 B. M. 19.14.) Es blickt der herzenskundige Gott in die Seele des Arbeiters hinein, der seinen Tagelohn, welchen er erwartet und notwendig braucht, nicht erhält. Er sieht den Ingrimm darin aüfsteigen, welcher sich aus Furcht. Arbeit und Brot zu verlieren, nicht offen, sondern heimlich Luft macht. Und er warnt: „Du sollst einem Tauben nicht fluchen." Man achte überhaupt auf die innere Verknüpfung der Einzelgebote dieses Kapitels. 14. Bishia. Der fromme König Hiskia betete in seiner Krankheit: „O Herr, denke doch daran, wie rch vor dir in Treue und mit ganzem Herzen gewandelt bin und das dir Wohlgefällige getan habe." (2 Kön. 30. 3,. . . Jes. 38. 3.) Ist ein solches Gebet nicht Selbstgerechtigkeit? Die Worte Hiskias müffen in rechter Weise verstanden werden, nämlich: Gott möge nicht besten gedenken, was er schlimmes getan, sondern dessen, was er gutes getan. Er möge der bösen Stunden vergessen und der guten gedenken. Darauf scheinen auch die unmittelbar folgenden Worte hinzuweisen: „Und Hiskia wxinte bitterlich." Er weinte, weil er sich um seiner Sünden willen der Etlichen Gnade unwürdig fühlte. (Mt dieser Auffassung steht die talmuoische Stelle Berachoth 10 b nicht in Widerspruch.) * 4- * 15 Israel. Israel ist getauft — mit den Wassern der Tränen. * * * 16 Der Sieg über die Seinde. Im Abendgebet (nnöK) rufen wir Gott an, „der uns die Höhen unserer Feinde ersteigen läßt." (5 B. M. 34. 29) Löher stehen als seine Feinde, höher als die Verleumdungen und Angriffe seiner Hasser, das ist ein wahrhaft göttlicher Sieg. (Wird fortgesetzt.) UVCl orrespondenzen und Nachrichten. Derrtsrhes KeUh. Berlin, 18. Juli. Dem Hilfsverein der Deutschen Juden sind von angesehener christlicher Seite aus Rumänien, von einem Pfarrer, zwei Briefe zur Verfügung gestellt worden, die zur Beurteilung der dorttgen Lage von Bedeutung sind. Erklärlicherweise kann weder der Briefschreiber, noch der Ott in Rumänien, aus dem die Bttefe datiert find, mitgeteilt werden. Der erste Bttef stammt aus den Tagen der letzten rumänischen Pogrome. Dabei ist zu bemerken, daß der Bttefschreiber sich in aufopferndster Weife dafür eingesetzt hatte, die Juden an dem Ott, an dem er sich selbst aufhält, vor Vergewalttgungen zu schützen. 'Die beiden Bttefe lauten: 13. IV. 07. ...... Die Stadt hat heute ttrca 18—20,000 Seelen. Die Katholiken, oder wie sie hier heißen, die Ungarn, sind Borstädter und zählen in runder Summe 700 Männer. Juden sind hier ca. 3000 Seelen. Die Kaufläden find alle in oen Händen der Juden. Da war etwas zu holen. Meine erste Sorge war es, meine Bauern &u beruhigen, ihnen klar zu machen, daß ich eine Teilnahme an der Revolution absolut mißbillige. Am 11. März sagte ich ihnen in der ' ,Hetzt ist die Zeit gekommen, daß Ihr beweisen sollt, daß Ihr wahre Katholiken seid. Beweist auch, daß meine Predigten, die ich 9 Jahre lang gehalten habe, nicht umsonst gewesen sind. Ewige Schande über meine Pfarrgemeinde, wenn ein einziger sich unterstehen sollte, zu revoltieren. Sie gehorchten. Circa 8—10 Dörfer in der Umgegend waren in Hellem Aufruhr, von meinen Katholiken hat nicht ein Einziger teilgenommen. ........ Waren die Katholiken losgegangen, die Stadt wäre heute eine - Ruine. Die katholischen Bauern sind sehr kräftige, wild aussehende Kerle, vor denen sich die ganze Stadt fürchtete. Die anderen schismatischen Dörfer warteten nur darauf, daß die Katholiken ansängen, um dann gemeinschaftlich über die Stadt und besonders über die Juden herzufallen. ..Als ich am 12. März durch die Stadt fuhr, hatten alle Christenhäuser Kreuze und Bilder an die Fenster genebt, damit sie kenntlich seien. Doch Gott sei Dank, Alkes ging gut vorüber .." 22. VI. 07. ......... Wenn ich in den schweren Tagen der letzten rumänischen Bauernrevolution meine eigene katholische Gemeinde vor Raub und Mord bewahren konnte, so geschah dieses einerseits auf Grund des freundschaftlichen Verhältnisses, in dem ich zu den angesehensten Mitgliedern der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde stehe, andererseits aber auf Grund ernRs bewunderungswürdigen Gehorsams, mit dem meine katholischen Bauern sich mir fügten. Es waren aber Tage des Schreckens, die ich nie vergessen werde. Katholiken und Juden leiden beide unter der Ungerechtigkeit der rumänischen Wirtschaft. Rumänien steht tatsächlich auf einem Vulkan, der eines Tages Schrecken verbreiten wird....... ,M Dem Geistlichen, der sich in so würdiger Weise der Juden angenommen, gebühtt aufrichtiger Dank sür seine edle Haltung. Cöln, 22. Juli. In der Sitzung vom 4. d. Mts. beschäftigten sich die Stadtverordneten wiederholt mit der Petition von 28 hiesigen jüdischen Firmen, die um eine Ausnahmebestimmung dahingehend bittet, daß es denjenigen Geschäften, die am Sabbath geschlossen halten, erlaubt sei, ihre jüdischen Angestellten am Sonntage drei Stunden lang arbeiten zu lassen. Die Versammlung hat dieser Petion nicht stattgegeben. Sie trat v elmehr dem Beschluß der Rechtskommission bei, die sich auf den Standpunkt gestellt hatte, daß eine derartige Ausnahmebestimmung mit der Gewerbeordnung nicht in Einklang zu bringen sei. Die verschiedenen Redner bedauerten, diese Rechtsauffassung hegen zu müffen; sie hielten es für unbillig, daß die Geschäftsinhaber so zur Beobachtung eines doppelten Ruhetages gezwungen würden. Justizrat Kausen von der Zentrumsfraktion sprach die Ansicht aus, es müsse ganz allgemein, von Reichswegen, eine Bestimmung getroffen werden, daß derjenige, der an einem anderen Tag feiert, am Sonntag nicht zu feiern braucht. Der Stadtverordnete Tttmborn erklärte: „Wenn ich einer Eingabe gern Folge geben möchte, dann ist es die Eingabe israelitischer Mitbürger zum Schutze der Sabbatsruhe. Ich kann sagen es ist geradezu fatal, daß die Gesetzgebung uns hindert, eine Rücksicht walten zu lassen, wie sie hier erbeten wird." Kitzin gen, 23. Juli. Wie bereits im Jahre 1903 dem ^Israelit" bettchtet wurde, hat seiner Zeit der Magistrat das hier bestehende Ottsstatut, wonach an den Sonntagen in den Engrosaeschästen 5 Stunden und zwar von 11—4 Uhr in den Komptoiren gearbeitet werden durfte, aufgehoben und vollständige Sonntagsruhe in den Engrosaeschästen einzuführen beschlossen. Auf die Beschwerde der davon bettoffenen Firmen hob jedoch der Magistrat diesen Beschluß wieder auf. Es herrschte nun einige Jahre Ruhe in dieser Angelegenheit, bis vor wenigen Monaten zwei hiesige Vereine kaufmännischer Angestellten, von welchen der eine leider zum größten Teile jüdische Komptoristen zu seinen Mtgliedern zählt, die Sache aufs Neue aufgttffen und wiederholte Eingaben, an Stadtmagisttat und Regierung behufs Einführung der vollständigen Sonntagsruhe in den Engros-Geschästen ttchteten. Der- Magistrat veranlaßte nun eine Umfrage bei den Firmeninhabern, deren Antwotten jedoch, je nach dem Standpunkte, den sie verttaten, sehr verschieden