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Der Israelit · 1907-07-25 · Heft 30 (25.7.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 30 (25.7.1907)
Date
1907-07-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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©er J-raütt. 25, Jali lBört. Gelte 5. Sb. BO und - gefällt sich damit in einer Stellungnahme, die der Rechtsanschauung jedes billig Denkenden zuwiderläuft und, wie uns bekannt ist, auch von neologer Seite als „unverständlich und den Konflikt geradezu heraufbeschwörend" erachtet wird. Angesichts des Umstandes, daß an der Spitze der Münchener Gemeinde — abgesehen -von einigen Kulturkämpfern, welche die Orthodoxie mit Stumpf und Stiel ausrotten möchten — Persönlichkeiten von unleugbarem Verdienste und gerechter Gesinnung steten, läßt sich dieses an sich unbegreifliche Verhalten der Münchener Verwaltung nur aus den theoretischen Erwägungen heraus verstehen, die seitens des Referenten über das Gesuch der Orthodoxen in der Sitzung vom 20. Juni zum Ausdruck gebracht wurden, und die sich dahin resümieren lassen, daß durch die Zustimmung zu dem fraglichen Gesuche der Einheitscharakter der Gemeinde bedroht sei, daß weiter nach dem Wortlaut des Ediktes von 1813 jedwede bayerische Kultusgemeinde nur eine Synagoge und einen Rabbiner kenne und somit dem Gotteshause - der Orthodoxen der Charakter als „Synagoge" abzusprechen sei, und daß endlich die Abhaltung von orthodoxen Gottesdiensten überhaupt unter die Bestimmungen eines von der Kultusgemeinde im Jahre 1889 erlassenen Statuts falle, das der Kultusgemeinde und dem Rabbinate das Recht gibt, diese Separat- Gottesdienste zu beaufsichtigen, die Gebetsordnung sowie die Wahl der dort anzustellenden Beamten zu genehmigen und die Erlaubnis zur Abhaltung dieses Gottesdienstes jeder Zeit zurückzuziehen. Stellt man sich aus den von dem Referenten eingenommenen Standpunkt, daß wirklich ein derartiges Statut auf den Gottesdienst in der orthodoxen Synagoge in München rechtlich Anwendung finden könne — was Sachkenner auf das entschiedenste bestreiten —, so erwächst für die Münchener und für^die bayerische Orthodoxie erst recht die heilige Verpflichtung, jetzt einmal reinen Tisch zu machen und zum mindesten ihren Gotteshäusern in München und Nürnberg jene Summe von Selbständigkeit und Unabhängigkeit von dem Willen neologer Kultusverwaltungen zu erkämpfen, ohne welche die Lage der jüdischen Orthodoxie in Bayern eine unhaltbare und unwürdige, weil nach der Auffassung der Münchener Kultusverwaltung eine lediglich „geduldete" ist. Hier gibt es nur einai.i-a.iii;. Entweder die Existenzbedingungen des traditionellen Judentums in den bayerischen Großgemeinden und die Möglichkeit, in ihren eigenen orthodoxen Synagogen unabhängig von oer Willkür und dem Aufsichtsrecht neologer Gemeindefaktoren in der von den Vätern überlieferten Weise zu beten und dort von den Rabbinern ihres Vertrauens Worte der Belehrung und Erbauung zu empfangen, sind gesicherte/ dann kann schon jetzt den Uebergriffen der Neologie an der Schwelle der orthodoxen Synagogen Halt geboten werden, oder diese Existenzbedingungen sind durch die bisherige Interpretation längst veralterter Gesetzesparagraphen gefährdet, so müssen sie jetzt erstritten werden, und der wahre Liberalismus in Bayern wird sich hüten, diese Bestrebungen der.Orthodoxen, ihren Gotteshäusern absolut einwandfteien Rechtsboden zu sichern, zu durchkreuzen, sie vielmehr vom Standpunkte des Liberalismus und der Toleranz in jeder Weise unterstützen und fördern. Daß unsere Gesinnung^enoffen für ihre die Rechtsfrage aufrollenden Bestrebungen in der Münchener Gemeindestube keinen Anklang finden -würden, war ihnen — wenn wir recht unterrichtet sind — im voraus klar, und wer zwischen den Zeilen der in Nr. 26 unseres Blattes zum Abdruck gebrachten Eingabe zu lesen vermag, ersieht daraus, daß die Eingabe gleichzeitig auch an eine höhere Instanz adressiert war, an jene Instanz der Gesetzgebung in Bayern, welche es bisher als ihre Aufgabe erachtet hat, „die Grundlagen des auf der Offenbarung ruhenden mosaischen Religionssystems wie solche bei Anerkennung und Aufnahme der Religionsgefellschaft (1813) unbezweifelt seststanden" vor Verkümmerung und Trübung zu schützen und den in § 23 des Ediks niedergelegten Grundsatz der vollkommenen Gewissensfreiheit „unabhängig von dem Widerspruch der Mehrheit der Gemeindemitglieder" sicherzustellen. (Min.-Entschl. vom 29. VI. 63.) Den bayerischen Orthodoxen ist nunmehr ihr Weg klar vorgezeichnet/ sie dürfen bei ihrem weiteren Vorgehen der Sympathien nicht nur aller orthodoxen Kreise Deutschlands, sondern auch jener Parteien, die für die Freiheit in Glaubenssachen eintreten, unbedingt sicher sein. Denn wer auch immer die Entwicklung des Judentums während der letzten 50 Jahre mit vorurteilsfteiem Auge verfolgt hat, dürfte sich zu der Ueberzeugung durchgerungen haben, daß es unmöglich ist, mit 94 Jahre alten Gesetzesparagraphen die nun einmal bestehenden Gegensätze zwischen der orthodoxen und neologen Judenheit aus der Welt zu schaffen. Nur wenn sie unabhängig voneinander, in paritätischer Gleichberechtigung nebeneinander bestehen, werden Orthodoxie und Neologie, unbeirrt von Zank und Hader, sich auf den manigfaltigsten Gebieten sozialer, ethischer und charitativer Bestrebungen zu gemeinsamem segensreichen Wirken nnd Schaffen die Hand reichen können. Das war der große Gedanke, dem Samson Raphael Hirsch und Israel Hildesheimer in Preußen den Weg geebnet haben und dem jetzt auch in Bayern endlich eine Gaffe gebrochen werden muß. Die in einem politischen Blatte jüngst vorgeschlagene radikale Lösung der bayerischen Schwierigkeiten durch "eine völlige Trennung von „Kirche und Staat", das heißt also die fteie Regelung der jüdischen Gemeind everhältniffe auf Grund des Vereinsrechts, halten wir im Pr inzipe zwar für unbedingt richtig, denn ein Judentum, das nur durch die Macht des Staates bestehen kann, verdient nicht zu leben. Trotzdem ist dieser Vorschlag durchaus indiskutabel, well er den besonderen, in langer Entwickelung gewordenen Verhältniffen der bayerischen Juden^it nicht gerecht wird und vor allem, weil er im bayerischen Landtage keinerlei Aussicht auf Verwirklichung hätte. Dagegen würde ein Austrlltsgesetz nach preußischem Muster nicht nur der Forderung des elementarsten Gerechtigkeitsgefühles entsprechen, sondern auch gemeindepolitisch die segensreichsten Folgen haben. Die Stellung, der Rabbiner vor allem, deren Rechte unter aMn Umständen aufrechterhalten werden müffen, würde durch ein solches Gesetz nach unserer Ueberzeugung in keiner Weise beeinträchtigt, sondern gestärkt werden. ' Wir behalten uns vor, gerade auf diesen Punkt noch eingehend zurückzukommen. Das frantfflfdie Attentat auf die Ghegefeße. Es kommt sehr selten vor, daß die französischen Rabbiper die Welt etwas von sich hören lassen, und wenn es vorkommt, so kann man sicher sein, daß kein Heil daraus erblüht. Das hat sich auch jetzt wieder gezeigt, da sie beschlossen, die „Ehe mit auflösender Klausel" einzuführen. So lautet nämlich der Titel, unter welchem die Rabbiner ans ihrer letzten Jahreskonferenz entschieden haben, daß jüdische Ehen in Zukunft nicht mehr durch getrennt werden müffen, sondern vermöge einer bei der Trauung eingegangenen Bedingung nach einer gerichtlichen Scheidung ganz von selbst zu bestehen aufhören. Wir haben jüngst schon Gelegenheit -gehabt zu sehen, daß die jüdische Oeffentlichkeit auch in Frankreich dieses Attentat auf das Sittenaesetz der Thora und die Reinheit der jüdischen Famllie, diese von Rabbinern begangene Verhöhnung unserer heiligsten Güter nicht ohne Widerspruch geschehen lassen will. Der Führer des RabbinerverbandesGrand-Rabbin Lehmann macht darum in den jüdischen Blättern zu wiederaber Wohl als internationale Kohlen- und Wasierstatton für alle Handelsschiffe und Bergnügungsdampfer der astatischen Linien. Ich ging mit einem Herrn, den ich auf dem Schiffe kennen gelernt hatte, den vier Meilen weiten Weg vom Hafen nach der Stadt. Dieser Weg durchschneider intiesm Schluchten und Tunnels mehrere Gebirgszüge, ist zum Teil durch Felsen gesprengt, und geht in Schlangenwindungen bergauf, bergab wie ein richtiger Bergpaß. Je höher wir kamen, um so wunderbarer wurde der Ausblick auf Hafen, Meer und Gebirge. Alle 20 m weiter austvärts hatte man ein anderes grandioses Bild. Eben gingen wir durch eine schöne Schlucht und in breitem Felekessel wurde schon die Stadt Aden fichtvar, da saust ein verhältnismäßig kleiner Felsstein, der fich wobl abgebröckelt, von der Höhe nieder und fallt just auf das Haupt des neben mir gehenden Unglücklichen. Zwei Tage Pflegte ich den Bewußtlosen, am dritten Tage gab er, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, den Geist auf. Wiewohl dies nun ein Vorgang ist, der fich ebensogut in jeder Großstadt jeden Tag ab-- spielen kann und also durchaus nichts Charakteristisches an sich har, konnte ich ihn doch nicht unerwähnt kaffen, weil er gar zu gewaltig auf mich, den Zuschauer, wirkte. Ich habe oft genug mein Leben in die Schanze schlagen müffen und oft genug dem Tode ins Antlitz geschaut, selten wirkte jedoch ein Ereignis so nachhaltig auf mein Gemüt wie dieses, worauf man fich weder vorbereiten, noch worauf man gefaßt sein konnte. Unwillkürlich denkt man: hätte mich der Stein nicht ebensogut treffen können? Man erkennt, wie wir Menschen in jedem Momente vom Schutz des Himmels abhängen: „In Bereitschaft fein ist alles." U den großartigsten Bauwerken der Welt zähle ich die sSaenanntenTankS, rtefige Wasserbehälter, die. Schlucht Mir Ansammlung des teraffenförmig hintereinander liegen. An den schiefen Felsenwänden ringsum finden fich dachrinnmartiae Kanäle, die, wenn es regnet, alles Waffer in die Tanks führen. In Aden gibt es seltm Regen, wenn es jedoch regnet, so hat man es gleich mit Wolkenbrüchen zu tun und die Tanks füllen fich schnell und versorgen auf Monate die Stadt mit Wafstr. Sind die Tanks leer, so b. helfen fich die Bewohner mit destilliertem Waffer, welches in einer großartigen Anstalt im Hafen aus Seewaffer hergestcllt wird. Wenn wir ein Glas ftisches Brunnenwaffer trinken/ so denken wir wohl kaum daran, daß es viele Gegenden gibt, in denm diese Gottesgabe zu den Telikateffen gehört. Erst wenn man eine Zeitlang gutes Waffer entbehrt hat und dann in eine Gegend kommt, wo es solches gibt, weiß man diesen Genuß richtig zu würdigen. So sagt ja auch p: „Wie viele schwere Arbeiten mußte der erste Mensch verrichten, bis er Brot essen konnte, er mußte Pflügen, säen, ernten, Garben binden, dreschen, wehen, reitern, mahlen, beuteln, kneten, backen und dann erst konnte er Brot genießen, ich hingegen finde jeden Morgen alles schon für mjch getan und das Brot zum Genüsse bereit. Wie viele schwere Arbeiten hat der erste Mensch verrichten müffen, bis er ein Kleid zur Bedeckung des Körpers batte, er mußte scheren, die Wolle waschen, walken, spinnen und weben, bann erst hatte er Stoff zu einem Kleide, und ich finde beiul Erwachen alles dieses für mich getan." Jedesmal wenn wir einen Seaensspruch über eine Speise sagen, sollten wir unS das Ünlustgefühl vergegenwärtigen, baS wir empfänden, wenn die Speise entbehren müffen. Wir empfinden dann um so mehr die Freude deS Genusses und unser S.genSfpruch ist dann ein wahrer inniger Dank an dm gütigen Spender. Wir sollten nicht Auch und taub bas Även genießen und glauben, alles müsse so sein, wie eS ist, sondern foffjte11 die Genüsse, die der Himmel unS schenkt, mit ösn Bewußtsein ihres Wertes zu kostm lernen. Dann werdm wir bessere Gottesdimer sein als eS sonst der Fall wäre und wahrlich auch mehr Freude am Leben haben. (Fortsetzung folgt.) 6eb«ttsttg'8eaastire«. (Schluß.) Was hat der Kalender mit dem Rambam zu tun? Welch' halbwegs vernünftigen Grund hätten diejenigen, die ttn Laufe der Jahrhunderte seinen lichtm Spurm folgtm, auch haben können, mehr oder wmiger tntmfiv mit ihm fich deshalb zu beschäftigen, mit größerer oder geringerer Verehrung deshalb zu ihm aufolicken, weil fett seinem Tode 600 oder 599 Jahre verstrichen warm? Erst settbem große jüdische Bolkskreise dem Rambam, und der von ihm systematisierten talmudischen Wissmschast fern und ftemd geamüberstehen, erst sektdem der Rambam für fie und fie fiir ihn völlig abgestorbm find, sticht man ihn durch solche Festlichkeitm neu zu beleben. Ob mtt Erfolg und mit welchem, das kann jeder bmrtellm, der eine solche Festfeier einmal mttgemacht hat. Ich war bei einer solchen Rambam-Gedenkfeier Zeug, eines oerartigen Wiederbelebungsversuchs. Es war' ijn Verein für Geschichte und Literatur in einer groß« jüb. Gemeinde. Der Rabbiner hielt dm Festvorttag vor einer?großen Zuhörerschaft. 8r sprach mit viel warmer Beredtamkett über — Maimontdes. Ueber dm Rambam zu sprechen, das hätte für die modernen, geblldetm Ohren seines Publikums zu jüdisch geklungen. Ich trete diesem Publikum nicht zu nahe, wenn ich behaupte, dich dev bei weitem grüßte Teil den Mmbam rmd selbst den Maimonides nicht einmal dem Ramm nach kannte. Svens . *33

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