Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1907)
- Date
- 1907-07-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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«erm chm nicht berufene Beobachter rechtzeitig . entgegentreten. Das wird allerdings höchstens von religionsphilosophischer Seite, insbesondere . aus dem Euckenschen Kreise heraus, nicht aber vom Standpunkte des Nervenarztes geschehen können. Des weiteren bringt das erste Heft der neuen Zeitschrift Studien zur biblischen Neligionspsychologie vom Herausgeber Pastor Vorbrodt, sowie eine Abhandlung über „Religiöses Schuldgefühl" vom Oberarzt Dr. Bresler, dem ärztlichen Mitherausgeber des Blattes, die den Versuch macht — allerdings recht oberflächlich — das religiöse Schuldgefühl d. h. das Bewußtsein der Sündigkeit auf — körperliche Zustände zurückzuführen und sich dann zu der folgenden unglaublichen Anmerkung versteigt: Wenn bei der jüdischen Rasse schon in vorgeschicht licher Zeit eine relativ erhebliche Veranlagung zu geistigen und nervösen Erkrankungen vorhanden war, wie sie mr die Gegenwart festzustehen scheint (siebe z. B. Brosius, die Psychosen der Juden, Referat in der Psychiatrisch-neuro logischen Wochenschrift, 1902—1'.i03, Jabrgang 4 S. 386 und Kraepelin, Psychiatrie, 7. Auflage, 1. Bd. S. 106), so wäre der Grund für die außerordentlich starke Entwicklung des religiösen Schuldgefühls gerade bei den alten Juden gefunden, denn es wäre dann wohl zu schließen, daß ein ausgeprägter depre'üv yessimisti'cher Zug im Bolkscharalter der Juden lag. Was soll man zu einer solchen Methode des Schließens sagen! Die „Veranlagung der jüdischen Rasse in vorgeschichtlicher Zeit zu geistigen und nervösen Erkrankungen" steht ungefähr ebenso fest wie der „ausgeprägt depressiv-pessimistische Zug" im jüdischen Volkscharakter und wie die „starke Entwicklung des religiösen Schuldgefühls" bei den Juden! Wenn jemand sowenig Ahnung von den elementarsten Tatsachen der RAigionsgeschichte hat, daß er das christliche Erbsünden-Dogma mit dem damit verknüpften religiösen Schuldgefühl in die jüdische Lehre der Seelenreinheit und der fieudigsten Lebensbejahung hineinreslektiert, dann sollte er doch nicht die Kühnheit besitzen, in religiösen Dingen das Wort zu ergreifen. Bresler hat seine grundsätzlichen Anschauungen gleichzeitig in einer im gleichen Verlag .erschienenen Broschüre unter dem Titel „R e ligionsHygiene" niederlegt. Es ergiebr sich daraus, daß er, fußend aus den Ideen des Schweizers Flournoy, die religiösen Phänomene als rein subjektive Thatsachen des Gefü hlslebens ansieht , und daß er sogar eine Zurück- Wrung dieser Gefühlsthatsachen auf einen im Menschengeist wirksamen unendlichen Geist als transzendente Spekulation ablehnt. Was bleibt also an objektiv wertvollem Bestand von dem ganzen Wüste religiöser Gefühlsschwingungen übrig? Welchen Wert hat die Beschäftigung mit dieser Welt leerer Illusion, die nicht wie die Kunst sich als Illusion giebt, sondern den Schein der Wahrheit vortäuscht? Wir glauben, daß diese Fragen für die ganze Richtung der Bresler-Vorbrodtschen Religionspsychologie vernichtend werden müssen, denn es giwt darauf keine Antwort. Nichtsdestoweniger kann die neue Zeitschrift wr praktisch-pädagogische Zwecke nützliche Arbeit leisten, wenn ihre Leitung nicht den Psychiatern, überlassen, sondern in die Hände eines ernsthaften, religions-philosophisch geschulten Psychologen gelegt wird. — m. Ächerfchait. Leo Modena s Briefe und Schriftstücke, ein Beitrag ur Geschichte der Juden in Italien und zur Geschichte des hebräischen Privatstilcs, zum erstenmal herausgegeben, mit Anmerümgen und Einleitung versehen von Prof. Dr. Ludwig Blau, Budapest 1905. Es ist eine verdienstvolle Arbeit, welcher sich Prof. Blau in der Herausgabe der Briefe Leon Modena'S unterzogen hat. Kann die Veröffentlichung einer hebräiscken Briefsammlung, wie sie die vorliegende ist, bei dem vollständigen Mangel auf diesem Gebiete, als eine Bereicherung des hebräischen Literaturschatzes bezeichnet werden, so ist dies umsomehr hier der Fall, wo es sich um die Korrespondenz einer so problematischen Natur, wie Leon Modena's, bandelt. Der Inhalt mancher Briefe ist auch wirklich von Bedeutung, so derjenige, aus welchem; der Herausgeber eine, die vielumstrittene Person Leo's betreffende Hauptfrage zu beantworten sucht. In dem Kap. „Leo's Stellung z :m Talmud" (85 - 95) behandelt Blau den alten Streit, ob die antitraditionelle Schrift ^p ^p und die Fragen im pD don Leo stammen und dessen Ansichten über Talmud und Tradition enthalten. Geiger und mit ihm Leon's neuester Biograph Libowitz (Leon Modena, New-'Iork 1901) stellen ihn als Negierer der Tradition hin, der die Widerlegungen der beiden genannten Schriften nur pro forma und, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen, verfaßt habe. Anders jedoch Blau, der aus Grund eines in der Briefsammlung enthaltenen Schreibens des Rabbinats von Benedig (der Schreiber ist Leo) an die Hamburger Sepharöimgemeinde den Beweis führt, daß die im ,1^1 pc zitierten zweiflerischen Fragen wirklich von dort ergangen sind und daß hier von einer fingierten Person «wie Geiger meint) keine Rede sein könne. Ebenso könnten die int 73D Vlp enthaltenen Ideen keinesfalls Leo's Meinung wiedergeben. Er habe vielmehr, so meint Blau, die in jener Zeit nicht seltenen Angriffe gegen die Tradition <s. hierüber ren im Anhang mi geteilten Bann der Ge meinde von Venedig gegen' die Leugner der Tradition v. I. 1618) zum Teil ausgezeichnet, zum Teil vorhandene Aufzeichnungen ausgenommen, um sie nachher in seiner Gegenschrift zu widerlegen. Der Herausgeber bietet eine kurze Inhaltsübersicht der 214, im Musivstile, der in jener Zeit in hoher Blüte stand, gehaltenen Schriftstücke (S. 25—57). In seinen Anmerkungen weist er nur die Entlehnungen aus dem Talmud nach, während er die aus der Bibel und aus der Liturgie als bekannt voraussetzt. Die vorliegende Sammlung soll nicht etwa die gesamte Korrespondenz Leon's darstellen, da sie aus einem Zeitraum von 30 (1608—1639) Jahren kein einziges Schreiben aufweist. Wahrscheinlich ist, daß wir es hier nur mit einem kleinen Bruchteil seiner Briefe zu tun haben. Die Originalschriststücke befinden sich im British Museum unter Orients! 5395 — 96. Frankl. Th« Reform Movement in Judaism von David Philipson, New-York, the Macmillan Company; London, Macmillan & Co., 1907. In Deutschland gibt es seil langer Zeit keine Werk«', welche den Entwickelungsgang der religiösen Neuerung im Judentum behandeln. Wie sich die Gegner der Propheten verloren und Freunde des bestehenden Judentums wurden, wie die Hellenisten sich in gesetzestrene Verfechter der Thora, die Sadduzäer sich in Ueberlieferungsgläubige, di? Karäer sich zum größten Teil in Rabbanilen verwandelten, so sind auch die stürmenden Umwandler des Juden: ums in der Neuzeit durch eine Fülle betäuben der Zciterscheinungen ernüchtert worden und verkünden nicht mehr sie e? bewußt das Borwalten ihrer Sache. Nachdem sie im Leben leider vielfach gesiegt hatten, mußten sie vor den Folgen ihres Ruhmeslaufes selbst stutzig werden. Treten sie heutzutage an einer Stelle mit grundsätzlicher Entschiedenheit auf, so jubelt man ihnen nicht mehr unbedingt zu; vielmehr haben sie ihre Meinung dann einer Gegnerschaft zu beweisen. Wenn wir in Deutschland heute auch weniger als je Veranlassung haben, über eine Kräftigung des jüdisch-religiösen Geistes zu jubeln, so müssen mir uns jedenfalls sagen, daß die Sehnsucht nach einer entschiedenen Betonung des Thorageistes in weiten Kreisen stärker geworden ist. Unbewußt streben heute alle Parteien mehr oder weniger nach rechts, oft zum Kumn er eifriger Wortführer. Wie steht es aber in England und Amerika? David Philipson bietet uns hier ein Werk über die Refvrmb.wegung im Judei tum. Es stammt aus Kreisen englischer Zunge und ist in englischer Sprache abgefaßt. Ausgehend von ihren ersten Anfängen bis auf Joseph Friedländer, greift dieDarstellur g dann auf ein zweites Geschlecht über, das auch Samson Raphael Hirsch in sich hat (allerdings als Gegner). Dann folgt die Geiger- Tiktinsache, dann der zweite Hamburger Tempelstreit, die Reform in England, der Frankfurter Verein der Reformfreunde. Nun traten die Rabbinerversammlungen in Sicht, darauf die Reform: emeinde in Berlin, der Breslauer Reformverein, die Reform in Ungarn, die Synoden in Leipzig und Augsburg. Daran schließt sich die Reform in den Vereinigten Staaten, um mit der neuesten Entwickeln g in Eurcpa abzuschließen. Ich muß gestehen, daß die Darstellung eine Fülle von Erinnerungen in mir wachgerusen und den Vergleich zwischen einst und jetzt, den ich oben gezogen, veranlaßt hat. Der Verfaffer steht auf den: Standpunkt der weitgehendsten Neuerungen, er sieht in ihnen das alleinige Heil. Doch ist seine Darstellung noch immer einigermaßen gerecht in der Verteilung von Licht und Schatten. Er kann die Bedeutsamkeit einer Gestalt, wie die Samson Raphael Hirschs, nicht herab'rücken, ja, er bemüht sich, ihr gerecht zu werden. Die Schilderung ist möglichst klar und schmucklos, führt uns in eine Fülle von Einzelheiten hinein, eine Unmasse von Versammlungen, Synagogenveranstaltungen und gottesdienstlichen Versuchen, mit allem Für und Wider wird uns vorgeführt; die Synoden treten in aller Breite vor unser Auge. Und wir werden wieder an das erinnert, was wir schon fast vergessen haben: daß jene Zeit die Streichung eines Satzes in einem Gebet für den größten Fortschritt und für die heilsamste Fortbewegung des Judentums angesehen hat, daß man in demselben Augenblicke seine ganze Geisteskraft an glänzende Aeußerlichkeiten verschwendete, in welchem man den Strenggläubigen vorwarf, daß sie an Aeußerlichkeiten hingen. Als tiefe und schöpferische Offenbarung betrachtet man dies in unserer Mitte nicht mehr. Aber gerade die Darstellung Philipsons zeigt uns, was wir damals noch beseffen und was in Folge dieser das Judentum entleerenden Bewegung uns im Leben verloren gegangen ist. Vielfach hat sich Gleichgültigkeit, wie nicht anders möglich, an Stelle des einstigen Kampfesmutes gesetzt. Und noch eins erfüllt uns mit Wehmut: Jene Braunschweiger, Leipziger und Augsburger waren Kinder einer Zeit, die noch Jeschiwoth blühen sah, und so verstanden sie doch Vieles, ja, wie klein sie auch ihren Lehrern gegenüber gewesen sein mögen — die Nachgeborenen dürfen zu ihnen noch immer emporblicken. Leider ist mit der Ausübung auch der Gei st geschwunden, und Thora, Mikra und Talmud wie die verwandten Fächer sind verwaiste Gegenstände geworden. Hoffen wir, daß es auch darin anders werde. Das Buch zeigt uns auch, daß die Kämpfe zwischen dem Alten und dem Neuen mit frischer Kraft in Frankreich, Amerika und England entbrannt sind. Die Neuerung machte, nachdem sie in Deutschland begonnen — und auf Deutschland wird auch immer als Ausgangspunkt hingewiesen —, die Reise um die W?lt, wirkt dort mit der Kraft schöpferischer Gedanken, ohne schöpferisch zu sein. So belehrt uns Verfasser, ohne es zu wollen, über unsere Pflichten, und ein solches Buch richtet gen g Mahnungen an uns, die Tat und den Gedanken des Judentums lebendig zu erhallen. Es wäre lehrreich, wenn wir dagegenden Versuch machen würden die Wirksamkeit eines Bär Bamberger, Samson Raphael Hirsch, Lehmann und Israel Hildesheimer in ihrem Einfluß aus das Judentum darzustellen — das wäre Versuch gegen Versuch, und Hcwiß ein lohn nder. Es würde sich Herausstellen, daß diese Männer nicht allein für die Befestigung des Herkommens und der Ueberlieferung, sondern auch für die Stellung des Judentums nach außen hin durch ihre Befruchtung auch des wissenschaftlichen Geistes gewirkt hätten. Wir würden uns freuen, wenn diese Anregung zu solch einer Arbeit führen könnte. Die vorliegende Darstellung würde, vorsichtig benutzt und umsichtig ergänzt, dabei, trotzdem der Verfasser den entgegengesetzten Standpunkt bewahrt, von Nutzen sein können. Preuß. S targard. Rabbiner Dr. L. A. Rosenrhal. by n pbn nimn -npD uy nmin idd H'wtoijiüömdd 3"iwn vwd mein Selbstverlag des Verfassers: Scham uel Ge - w ü r tz, Schächter. Nagy-Märton, Com. Sopron (Ungarn). E. Das Buch enthält nichts Neues und das ist sein großer Vorzug. Es sammelt die Entscheidungen der ältesten und jüngsten E'pDIB in alphabetisch geordneter Form und gibt sich al eine Art Einleitung zu niEnü'u als Handbuch für talmudisch gebildete Schächter. Aber es wird auch von Rabbinern durch seine reichen Quellennachweise mit großem Vorteil benutzt werden können. Der Verfasser hat es verstanden, die reichen sruchrbaren Blüten aus dem weitverzweigten talmidischen Schrifttum zusammenzutragen und sie systematisch in ansprechender Weise verarbeitet, seinen Berufsgenossen vorzulegen. Das treffliche Buch ist von hervorragenden ungarischen Rabbinern in sehr warm gehaltenen Aprobationen so nachdrücklich empfohlen, daß jede weitere Empfehlung überflüssig erscheint. Zu beanstanden ist höchstens die alphabetiiche Form, die in der hier gebotenen Weise die Uebersichtlichkeit eher erschwert als fördert. j Es würde z. B. niemand darauf verfallen, die Frage: ''iMn □Dipoia arai joinm ppin Duc»: »b dk unter dem Buchstaben n zu suchen. — Doch das ist nur ein äußerer formaler Mangel, der durch die Gelehrsamkeit, Belesenheit und Gediegenheit des ganzen Buches mehr als ausgewogen wird _ Haeckels Monismus und seine Freunde Ein freies Wort für freie Wiffenschaft, von I. R e i n k e Professor an der Universität Kiel. Leipzig 1907, Verlag Johann Ambrosius Barth. Preis Mk. 0,50. Der „Israelit" hat die Bedeutung der Reinke'schen Herrenhausrede seiner Zeit an anderer Stelle bereits ausführlich gewürdigt. Der jetzt vorliegende stenographische Abdruck dieser Rede beweist einerseits deutlich, tas; Reinke tatsächlich nicht im entferntesten daran gedacht hat, äußere Mittel der Staatsgewalt gegen Haeckel anzurufen, sondern lediglich die gute Gelegenheit benutzen wollte, aus der Tatsache der monistischen Propaganda ein Argument für die von ihm gewünschte Einführung biologischen Unterrichtes an den höheren Schulen zu erbringen. Auf der anderen Seite aber zeigt es sich, daß gerade die etwas gewaltsame Verbindung zwischen Monistenbund und biologischenr Unterrichte naturgemäß den Verdacht erweckte, als sollte ein Einschreiten des Kultusministers gegen die monistischen Bestrebungen erwirkt werden. — Wertvoll ist die vorliegende Broschüre durch den straff zusammengefaßten Nachweis von der völligen Unwissenschaftlichkeit der Haeckelschen Lehre und durch den Abdruck der berühmten Birchowschen Rede bei der Natur forsch erdesammlung des Jahres 1877. Was Virchom damals über den aussichtslosen Versuch. wissenschaftliche Hypothesen zu Dogmen umzuprägen, ausführte, hat heute gegenüber dem. monistischen Unfug in der Tat wiederum die aktuellste Bedeutung.