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Der Israelit · 1907-07-18 · Heft 29 (18.7.1907) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 29 (18.7.1907)
Date
1907-07-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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gitfiir WWWWMWW Der JsrüettL. IWM. UL »WMj. ■nijut. - Seite 9. /.Sehr einfach! Aber hast Du gesehen, nach welcher Richtung die Flammen trieben, die Funken sprühten, die Rauchwolken flogen?" „Nach Westen über die Memel der Grenze zu." „Dorthin will ich ae<i?" , „Ich verstehe Dich nm-».- „Hast mich sonst immer verstanden, Sorte!" „Aber heute nicht. Laß sehen, was Dil da mit der Kohle gekritzelt hast!" „Schau her!" „Bestand der letzten Zählung," las das Mädchen, „78 Rubel. Kommen hinzu 16 Wochen an 2 Rubel gleich 32 macht zusammen 110 Rubel und reicht für die Reise nach Amerika." „Amerika?" rief Sorel erschrocken. „Und was soll dort geschehen?" „Lies die andere Seite!" Und das Mädchen las. Sie hörte kaum ihre eigne Stimme: „In Amerika, arbeiten, verdienen, sparen, den Eltern aufhelsen und Sorte zum Weibe nehmen." „So stand es in der Flammenschrist," entschuldigte sich Berl. Da wurde das Mädchen über und über blutrot und lief eiligst davon. Er hielt sie nicht zurück. Am Abend aber sah mail Berl bei seinem Meister. Er blieb dort die ganze Nocht und st.ß auf seiilem gewohnten Platze, arbeitete aber nicht, schlief auch nicht, sondern sprach viel mit Koppel und noch mehr mit Sorle. Und als der Morgen graute, ging er iwdjeinmat aus die „Sarde" hinaus. Da lagen sie im ’• unruhigen Schlafe, die Geplagten, teils unter freiem Himmel, teils Nllter einem Leinwanddach. Da regt sich der eine und meint, es sei ein böser Traum, aus dem er sich aufrütteln mußte, der andere schreit im Schlafe „Feuer! Rettet!" Lange lind stumm betrachte Berl das Lager, dann küßte er das jüngste Brüderchen das lächelnd in den Armen der Mutter schlief, berührte allch leist mit dem Munde die Hand der Mutter. In die Tasche des Ueberrockes, mit dem der Vater zugedeckt war, ließ er leise nnb vorsichtig einen Schein geleiten, der ihm im Beutelchen überflüssig schien. Alles leist und unbemerklich. Er wollte daraus keinen zum Danke verpflichten. Vor seinem älteren Bruder Leibele angelangt, ließ er noch extra einen halben Rubel fallen für eine neue Gemoroh, da ihm die alte verbrannt. Und nun (sing er — er hatte bei sich weiter nichts als einen Stab, das Beutelchen und das kohlenbeschriebene Bettbrettchen. So zog er immer weiter, westlich^ der Grenze zu, bis er den Dampfer bestieg, der die Memel stromabwärts nach Tilsit fuhr Tage vergingen, Wochen, Monate. Die Zelten aus der „Sarde" verminderten sich mit jedem Tage. Manche Lücke in der Straßenreihe wurde wieder ausgefüllt. Viele ergriffen den Wanderstab, einige blieben am Bettelstäbe, die meisten aber suchten nach und nach in ihr altes Geleise zu geraten, ihren Handel und ihr Gewerbe wieder auszurichten. Und zwischen halbverbrannten, verlassenen Ruinen sah man Gerüste emporragen, hie und da manch niedlich heimlich Häuschen ausblühen. Zemach hatte ein Kämmerchen gemietet, wo er sich mit der Familie knapp genug einrichtete. Wie ein Wunder war es, daß er am Morgen nach dem Brande — er konnte sich absolut nicht entsinnen, wann und wo er das Geld eingenommen hatte — noch zehn Rubel in der Rocktasche fand. Wenn so einem der Schrecken in die Knochen fährt, sagte er, muß schon halt das Gedächtnis darunter leiden. Einerlei, wenn sich nur mit dem Gelde nur.wieder etwas machen läßt! Und schien.es doch gut anzufangen. Brot gab es wieder jeden Tag für die Kinder. Und wenn sie, die Mutter, über das gute Kind jammerte, das so plölich verschwunden ist, da schüttelte Zemach das Haupt und sagte resigniert und nicht ohue bitttere Ironie: „Das gute Kind? Ja, es hat nie recht zu uns gehört. Warum soll es uns auch nicht im Unglücke verlassen?" Die Lea dachte wohl anders über ihr Kind und sein goldenes Herz. Abdr sie seufzte nur still und sagte nichts. Da kam eines Tages Kopel, der Schneider, in die Kammer getreten. „S k o tz i l kommt!" begrüßte ihn Lea höflich und rückte ihur den einzigen Stuhl zurecht. Zemach aber sagte nichts, sondern biß sich auf die Lippen und dachte: „Der ist an allem schuld!" „Ich bin so im Vorbeigehen," Hub Kopel etwas verlegen an, indem er ein Längeres Paket sorgfältig auf den Tisch legte, „da dachte ich, will man sehen, wie es Euch geht. Und Reb Zemach," setzte er nach einer Weile hinzu, „was hört Ihr von Euerem Sohn, von Beril?" Da mußte Zemach an sich halten, um nicht grob das Gastrecht zu verletzen. „Der Beril?" sagte er bissig, „glaubte fast, Ihr hört eher etwas von ihm. Wo er ist, könnt Ihr mir vielleicht sagen, der schöne Junge?" „Stuß!" gab der Schneider ruhig lächelnd zurück. „Wo wird' er sein? Wo alle sind und Glück finden, in Amerika. Aber, das sage ich Euch, ein prächtiger Junge, der Beril, ein tüchtiger Arbeiter, hat Kops und Hände, er ist nirgends verloren!" In der Mutter Augen perlten leise Tränen und sie schauten gar nicht unfreundlich, diese Augen nach dem verhaßten Schneider. „Schöner Sohn das, jawohl!" brummte Zemach. stMW „Schön oder nicht schön," fiel Koppel etwas ungeduldig ein. „Ich komme nicht deswegen, ich habe ein Geschäft, Reb Zemach." Koppel, der Schneider, und ein Geschäft? Da wurde Zemach sehr aufmerksam. Und jener fing an: „Euer Schabbosrock, Reb Zemach, ist doch verbrannt. Nun — laßt mich ausreden und unterbrecht mich nicht — hier habe ich einen Rock eingepackt, ist nagelneu, wurde von einem Kunden bestellt und nicht abgeholt. Wird Euch ausgezeichnet passen!" „Ich Hab' jetzt kein Geld für Kleider." „Aber wer spricht denn von Geld, Reb Zemach? Habe ich nicht für Brot? Ihr kauft den Rock, tragt ihn in Gesundheit und zahlt, wenn Ihr Geld habt. Koppel kann warten!" „Ich Hab' kein Geld und mache keine neuen Schulden," beharrte Zemach. „So wollt Ihr also," jammerte der Schneider, „daß ich alles, Arbeit und Auslagen, verliere? Ist kein Mensch hier außer Euch, dem der Rock passen würde?" „Nun, ansehen könnte man es schon für jeden Fall," vermittelte Lea. Aus dem Ansehen wurde aber ein Anprobieren. Er paßte aber auch sogar wunderbar. „Wie gegossen", sagte der Schneider ein über das andere mal. Auch Lea mußte sich über das prachtvolle Kleidungsstück verwundern. „Wie nach Maß gearbeitet", lind der Rock blieb da aus Kredit, auf unbestimmte Terminzahlung. „Habe es mir doch gleich gedacht, daß er in seinem Interesse kommt, der Schneider," meinte Zemach, als jener ging. „Gewiß," gab Lea zu, sie gab alles zu, was ihr Mann sagte, ob sie auch schon über alles so ihre eigene Meinung hatte. „Gewiß war es sein Nutzen. Aber wahr ist, ist wahr, mit dem Schabbosrock, Zemach, darfst Dich sehen lassen!" Nach drei Monaten kam Koppel wieder. „Ich habe noch kein Geld!" rief ihm Zemach entgegen. „Komme nicht wegen dem," erwiderte der Schneider ruhig. „Wüßte auch gar nicht, was ich jetzt mit dem Gelde machen sollte. Aber Hab' wieder ein Geschäft für Euch, Reb Zemach." „Geschäft?" „Ihr wohnt in einer elenden Kammer, Reb Zemach, wo Ihr Euch mit den Kindern kaum bewegen könnt, indes Euer Bauplatz immer mehr verlottert. Die Grundmauern versinken, die noch brauchbaren Balken und Bretter werden gestohlen. Jammerschade!" (Schluß folgt.) V inderecke Sabbafh Chafaun. Trübselig saß Isaak in der Synagoge neben dem Vater, scheinbar aufmerksam blickte er in sein Chumesch, doch seine Gedanken waren nicht in der Synagoge. Isaak hatte einen Kummer, einen großen, schweren Kummer, der ihn umsomehr bedrückte, als er ihn niemanden m tteilen durfte, weil es die Kameradenpflicht verbot: Er hatte vorhin seinen Freund Heinrich auf einer Lüge ertappt, nicht auf einer kleinen Ausrede oder Umgehung der Wahrheit, sondern auf einer wirklichen, richtigen Lüge. Er nahm sich vor, ihn zur Rede zu stellen, ihm vorzuhalten, was er getan! Aber ihm noch ein so guter Freund sein, wie früher, das konnte er nichtvielleicht war es auch garnicht seine erste Lüge! Und selbst wenn es die erste Lüge war, war nicht eine , schon schlimm genug? Manches Berschen fiel ihm ein, das die Schwere der Lüge vergegenwärtigte, vor allem das Berschen, daß eine Lüge stets sieben andere nach sich ziehen muß, um die erste zu beschönigen! Hatte der Vater nicht schon oft zu ihm gesagt, daß er ihm alles vergeben könne, nur nicht eine Lüge! Eine Lüge bedeutete für ihn das größte Unrecht! „Isaak, paß' ans!" Der Vater stieß ihn an, denn die Verlesung der Haftauroh hatte begonnen und er sah noch immer unbeweglich nach dem Almemor hin, ohne die Haftauroh aufzuschlagen. Beschämt nahm er das Buch zur Hand und bemühte sich aufmerksam zuzuhören! Doch seine Gedanken erwiesen sich stärker als sein Wille, wieder eilten sie von Jesaias Mahuwort hinweg zu dem Schulfreunde. Aergerlich legte der Vater dem Knaben die Hand auf die Schulter: „so gieb doch acht!" Isaak blickte in sein Buch, der folgende Satz fesselte ihn: „Wenn auch eure Sünden wie Karmoisin sind, wie Schnee sollen sie werden, wen:. sie auch rot sind wie die Purpurschnecke, wie Wolle sollen sie werden." Deutlich erinirerte er sich der Erklärung, die der Vater ihm gegeben: Sind eure Sünden dem Karmoisin gleich, das künstlich gefärbt ist, sind eure Sünden solche, die ihr einmal begangen, sodaß sie nicht in euer innerstes Wesen eingedrungen und zur üblen Gewohnheit geworden sind, so könnt ihr euch ihrer entledigen, als seien sie nie gewesen, rind ihr werdet rein sein, wie frischer Schnee. Sind aber die Sünden und schlechten Gedanken bereits in euer innerstes Wesen gedrungen, sodaß sie zu euch gehören, wie die rote Farbe zu der Purpurschnecke — wenn ihr nur von diesen Sünden taffen wollt, so könnt ihr von ihnen befreit werden und rein werden — wie Wolle. Mehrmals las Isaak diesen Satz, er atmete auf! Wenn Heini nur wollte, so könnte diese Lüge heute seine letzte gewesen sein, er könnte von heute ab so gerade und offen sein, als sei nie ein unwahres Wort über seine Lippen gekömmen! Und dann — war Heini denn verlogen? Nein! Keineswegs, sein Unrecht glich dem Rot des Karmoisin, und er konnte leicht davon befreit werden — wenn er nur wollte. Und dafür, daß er wollte, daß er heute den Vorsatz faßte nicht mehr zu lügen, dafür wollte er schon sorgen! Wie gut und barmherzig Gott doch war, daß er so den Menschen von seinen Sünden befreien wollte! Als er heute nach einer ernsten Unterhaltung mit Heini, lange nach seinem Vater nach Hause kam, fuhr dieser ihn scharf an: „Du bist aber heute in der Synagoge strafbar unaufmerksam gewesen!" — „Ja Vater," nickte der Angeredete unsicher, und mit etwas festerer Stimme setzte er hinzu: „Es war ja nur beute, daß ich nicht ausmerkte, nächstes Mal will ich sicher sehr aufmerksam sein"'

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