Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1907)
- Date
- 1907-07-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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§ 69 aber wird die ganze tiefe Meffiasidee, worin für das wahre Judentum wohl auch die Borbreitung der wahren Gotteserkenntnis unter allen Völkern der Erde, aber zugleich die einstige Heimkehr des zerstreuten Israel ins Land der Ämter und das Erscheinen des sehnsuchtsvoll erwarteten Davidsprosses liegt — diese tiefe, auf das na? tu *)Ki III. B. M. 22, 44 sich gründende Idee wird vom Verfasser zu einer Aufklärung der Menschheit verflüchtigt. Bon Heimkehr des zerstreuten Israels nach Palästina und vom IWD rc. kein Wort! Doch wir irren uns, eine Seite vorher, Kap. 68, wird die jüdischnationale Auffaffung der Meffiasidee, die Rückkehr nach Palästina und das Erscheinen des Davidsprößlings als eine abenteuerliche Erwartung geschildert. Das nKT m *)K1 der göttlichen Verheißung ist dem Verfasser ein Ammenmärchen! Dies ist der in der Präparandie zu Pest heimische Geist, der Geist des Abfalls vom wahren Judentume- und dem Eindringen dieses - Geistes — vermittelst der Zöglinge dieser Anstalt — auch in die Schulen der orthodoxen Gemeinden möchte man noch immer keinen Damm entgegensetzen, noch immer nicht mit Entschiedenheit zurufen: K3H n£ "ty' bis hierher und nicht weiter'?! Begreife das, wer's vermag! Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsches Ueich. Berliner Brief. E. B. Berlin, 2. Juli. Man kann nicht eben behaupten, daß die Witterung des diesjährigen Berliner Sommers Ferien stimm ung zu erzeugen geeignet ist. Von der sonnendurchglühten Luft, die sonst in den Straßen der Hauptstadt, mit ihren steinernen Häuserkolossen und ihrem hitzebrütenden Asphaltpflaster, in den Sommermonaten eine fast unerträgliche Atmosphäre schafft und jeden, der es ermöglichen kann, zur Flucht in die Bäder und Sommerfrischen treibt, ist heuer fürwahr nichts zu verspüren, Regen und Sturmwind treiben tagaus tagein ihr Spiel,- kein Tag vergeht ohne ein schweres Gewitter zu bringen,- der Seismograph verzeichnet fast täg ich in näherer oder weiterer Entfernung eine Eruption der unterirdischen Kräftequelleu; kurz, die Natur scheint gleichsam der Gesetze, welche die Menschen ihr oktroyierten, zu spotten und sie zur Einkehr in sich und Selbstbescheidung zu machen, nicht aber jene leichtlebig-fröhliche Stimmung aufkommen zu lassen, welche zum Ferienmachen einladet. Und dennoch herrscht schon heute allerwärts hier die Reisestimmuug, das Ferienverlangen vorniemand will mehr etwas von ernsten Dingen, von wichtigem Beginnen hörenhinaus um jeden Preis aus dem Automobilgestank, dem nervenzerreißenden Lärm, dem Hasten und Treiben Berlins, lautet die Losung, als schlügen nicht Regenschauer an die Fenster und peitschte nicht der Sturmwind durch die endlosen Straßen, sondern als lachte und lockte da draußen eitel Sonnenschein und sommerliche Hitze. Ferienstimmung herrscht denn auch im jüdischen Leben der Hauptstadt. Die Ruhe nach dem Sturm! Zwar, wer versteht heute noch die Sensation und Erregung, welche die Affäre Cohn Tage und Wochen lang zu erwecken vermochte?! Damals hieß es, sie werde die Plattform für die nächsten Wahlen abgebenein Sturm der Entrüstung werde Vorstand und Repräsentanz in den Orkus werfen und an der Spitze der neuen, anderen Männer werde Herr Dr. Cohn in sein Amt wieder einziehen. Es stürmt zwar auch heute da draußen - aber nicht von Entrüstung! Die Herren Rabbiner sogar hielten den Moment für gekommen, ihren Schild vor die Verwaltung der Gemeinde zu stellen und sie mit ihrem Zeugnis zu deckenein ungewohnter Anblick für den gedächtnisbegabten Zuschauer, der sich jener Zeiten erinnert, da ein Repräsentant der Berliner Gemeinde es aussprechen durfte, man habe die Rabbiner mit einer heiklen Frage nicht belästigt, um sie nicht zu kompromittieren. Fuit, ivit, praeterit! Die Schnelllebigkeit unserer Zeit und, in diesem Falle, die wiederkehrende, vernünftige Ueberlegung haben über die Aufstachelung der Masseninstinkte, wie sie die Affäre Cohn sah, den Sieg davongetragen, der hochgesteigerten Erregung ist eine um so empfindlichere Erschlaffung gefolgt, heute herrscht in der Berliner Gemeinde Ferienstimmung. Das hat auch der „Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums" verkannt, der sich mit einer Denkschrift, welche seine hier bereits mitgeteilten Forderungen begründen soll, an Vorstand und Repräsentanz der hiesigen jüdischen Gemeinde gewendet hat. Die Denkschrift enthält sicherlich eine ganze Reihe beachtenswerter und richtiger Gedanken, deren Berechtigung auch nur vom Standpunkt der allerelementarsten Ansätze einer ausgleichenden Gerechtigkeit aus nicht erst bewiesen zu werden braucht. Wir wollen mit den Herren wegen ihrer optimistischen Weltauffassung darum auch nicht rechten, welche trotz aller Erfahrungen, die sie zu machen in der Lage waren, immer noch hoffen zu dürfen glauben, der Tag werde anbrechen, wo in der Berliner Gemeindestube die Orthodoxie als vollwertiger, gleichberechtigter Faktor im Gemeindeleben werde Anerkennung finden. Aber es war unter allen Umständen ein taktischer Fehler, daß sie mit dieser Denkschrift jetzt herauskommen, wo Uebermüdung und Abspannung das ganze öffentliche Leben niederdrückt, wo nach all dem Geschrei und Gezänk der letztveraangenen Monate und Wochen der Wunsch nach Ruhe und Ungestörtheit allmächtig ist und der angeborenen philisterhaften Trägheitsneigung der Berliner „konservativen" Masten die Jahreszeit mit ihren Gewohnheiten zu Hilfe kommt. War die Denkschrift zur Einleitung der Agitation für die im Herbst stattfindenden Repräsentantenwahlen gedacht, so ist der „Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums" diesmal entschieden zu früh gekommen. Allein, in der Denkschrift findet sich auch, wie bereits hier mitgeteilt, ein Passus, der so deutlich seine Spitze gegen die Adaß Jisroel-Gemeinde kehrt, daß auch wir „Ausgetretenen" ein Recht und die Pflicht haben, von der Herren dafür Rechenschaft zu fordern. Die bezügliche Stelle lautet: „Wenn wir auch das von anderer Seite gegebene Beispiel einer Trennung von der Gemeinde aus prinzipiellen Gründen ablehnen, indem wir der Ansicht sind, daß dasjenige, was das gemeinsame Blut, eine vieltausendjährige Geschichte und Leiden ohne Gleichen zusammengeschweißt, einer verschieden gearteten Auffassung von durch die Zeit und ihre Ströhmungen geborenen und von ihnen auch jedenfalls wieder zu überwindenden Problemen nicht zum Opfer gebracht werden solle, so wäre denn auch von unserem Standpunkte aus die um die Preisgabe des Heiligsten, das wir unser nennen, erkaufte Zusammengehörigkeit als zu teuer bezahlt zu betrachten." Daß dieser Passus, wenigstens in seinem ersten Satze, eine abfällige Beurteilung unserer Gemeinde bedeutet, braucht wohl nicht erst dargetan zu werden. Die Herren, die es mir s. Zt. so übel vermerkten, daß ich bei Gründung ihres Vereins ihn in gewissem Sinne als einen Kampfverein gegen dieÄdaß Jisroel charakterisierte, werden jetzt nicht umhin können, mir das damals angetane Unrecht abzubitten. Jndeffen, nicht darauf kommt es an, sondern auf eine Beurteilung ihres obigen Bekenntnisses. Liest man dasselbe im Ganzen, so wird man den Eindruck nicht los, als habe man es hier mit Politikern vom Schlage jener österreichischen Liberalen zu tun, die Bismarck so treffend als die „Herbstzeitlose" bezeichnet hat. Man hört förmlich die Bitte an die Repräsentanten daraus heraus, um Gotteswillen nur ja und ja nicht in einen Topf mit den Gipsstraßenmännern geworfen zu werden. „Wir sind brave und artige Kinder, die trotz aller Backenstreiche und Nackenschläge die väterliche Huld des Vorstandes nicht missen mögenwir drohen Euch nicht mit verruchten Austrittsgedanken nnd -gelüsten, denn wir haben Prinzipien, mit denen wir stehen und fallen, und eine Geschichtsauffassung, die Berge zu versetzen vermagwir erwarten von Eurer Gerechtigkeitsliebe, daß sie unseren gewiß bescheidenen Forderungen nun endlich gerecht wird" — und nun kommt das Merkwürdige — „sonst treten wir am Ende vielleicht schließlich doch noch einmal aus." Meine Herren, sind Ihre Prinzipien so stark, ist Ihre Geschichtsauffassung so zwingend, daß Sie darum „das von anderer Seite gegebene Beispiel einer Trennung" ablehnenei, so verleugnen Sie Ihre Prinzipien und Ihre Geschichtsauffassung ja schon dadurch, daß Sie mit dem Austrittsgedanken auch nur bedingungsweise — spielen. Aber wie? Daß in die Berliner Gemeinde die Reform ihren Einzug hielt, daß Männer wie Geiger, Aub usw. die Sitze des altehrwürdigen Berliner Rabbinats einnahmen, alle die ungeheuerlichen Ausschreitungen der Neologie in den sechziger nnd siebenziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, das alles vermochte Ihre Prinzipien nicht zu erschüttern, das alles konnte Sie nicht bewegen, den Männerit, die blutenden Herzens sich von der ererbten Gemeinschaft loslösten, treue Kampfgenossenschaft zu halten. Aber heute, da dank der Adaß Jisroel auch „drüben" ein Wandel zum Besseren sich anbahnt, heute halten Sie es für angebracht, Ihre Drohungen anzubringen und unt des lieben Friedens wiÜen von der Adaß Jisroel eine Meile abzurücken! Von allem anderem abzusehen: Meine Herren, Ihre Logik kann uns wahrliäi nicht imponieren! Wer aus einer jüdischen Gemeinde Preußens austritt, erklärt an Gerichtsstelle auf Mannes Wort, daß religiöse Bedenken, d. h. prinzipielle Bedenken schwerster Art seinen Entschluß ihm gebieterisch vorschreiben. Es ist daher eine Unterstellung allerschlimmster Art, wenn die Denkschrift unterstreicht, daß prinzipielle Gründe die Gegner des Austritts leiten, für die Prinzipien der Austretenden aber kein Wort, auch nur der Konzession zu finden weiß! Es ist weiter eine völlige Verkennung der geschichtlichen Tatsachen, wenn man die auf sta atspolizeiliche Rücksichten sich aufbauende Verfassung der jüdischen Gemeinden Preußens mit der ideellen, auf die historische Entwickelung basierten nSSs identifiziert und mit Hülfe dieses Trugschlusses den Austrittsgemeinden das Stigma der L o s l ö s u n g v o n Israels Vergangenheit anzuheften sich erkühnt! Es ist unwahr, daß die Trennung die Folge „verschieden gearteter Auffassungen u.s. w." war, es sei denn, daß man die mn '"ipy zu den von der Zeit und ihren Strömungen geborenen Problemen rechnet, was bisher nur in neologen Kreisen Mode war. Und ob es die Herren hören mögen oder nicht — die Wahrheit soll darum doch immer und immer ihre Stimme erheben und ertönen lassen: Wenn es heute überhaupt noch eine „konservative" Partei in der auptstadt giebt, wenn hier wie anderwärts den rthodoxen Concessionen gemacht wurden, die man vor 30 Jahren unter blutigsten Hohnesäußerungen ihnen abschlug, wenn die Berliner Gemeinde einen konservativen Rabbiner, eine Schechitah, eine Mikwah u. s. w. besitzt, so verdankt sie diese . Errungenschaften" nicht der Politik der „Herbstzeitlosen", sondern lediglich und allein dem Imperativ des Gesetzes vom 23. Juni 1876, verdankt sie es lediglich und allein' der Existenz der Adaß Jisroel. Das erkennen „liberale" Männer auch unum-