Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1907)
- Date
- 1907-07-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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„Doch bestrebt fich das Judentum m der neueren Zeit immer mehr und mehr dm Geist der hl. Schrift zu verwirklichen, nicht aber den Buchstaben .'c." Ja, Herr Verfasser, der „Geist", nicht der böse, tötende Buchstabe manifestiert sich darin, daß in tzer neologen Metropole Ungarns in Pest, unter etwa 8000 steuerzahlenden Mitgliedern der neologen Gemeinde kein p2v ist, welches ratr inrSir hält! daß die etwa h und er tun ddreißigtausen d jüdische Seelen zählende Gemeinde keine mpt2 besitzt, ja, keine einzige verläßliche usc* Fleischbank hatJa, dieser heilige von jeglichem Buchslabendienst desinsizierte Geist hat's weit gebracht! Fahren wir jedoch sort. S. 32 wird der Pantheist Spinoza den Mittelschülern als ein großer jüdischer Philosoph vorgestellt. Wir empfehlen dem Vers, die Lektiire des keineswegs orthodoxen S. D. Luzatto in Bezug aus Spinoza. (Vorrede zunr S. 3>^-. „Die Propheten haben durch ihre Relen und Lehren die göttliche Lehre von innen heraus entwickelt." Der Glaube an die höhere Artung des prophetischst Judentums gegenüber dem früheren, mosaischen, zieht nitnmehr tvie ein roter Faden durch die übrigen Teile der Schrift. Kein Wunder, ist doch dem jüdischen Religionslehrer an einer jüdischen Präparandie Corn i l l s „Jsr. Prophetismus" der Wegtveiser U- S. 43). S. 49: „Die modernen Schattierungen (sic!), (wie orthodoxe, neologe und chaffidischc Richtungen) unterscheiden sich bloß durch unwesentliche Zeremonien und äußerliche Formen von einander, nicht aber durch Lehren." im 14. Kap. des 1. B., wer ein Gebot der Thora Übertritt, gehört zu den Poschee Israel, gehört zu den jüdischen Verbrechern und verdient die in der Thora bestimmte Strafeaber er ist damit noch nicht aus der Bekennerzahl der jüdischen Gotteslehre ausgeschlossen. Dann aber ist er's, wenn er ein Gebot Übertritt, weil eres in Zweifel zieht, daß es ein von Gott gebotenes oder ein von Gott dem Moschet) am Sinai mündlich überliefertes sei. Er gehört dann zu denen, die die Offenbarung überhaupt leugnen. Alle Gebote sind in dieser Beziehung gleich, und von dieser Seite gefaßt, gibt es so viele Glaubeu£artiiel als es Gebote in der Thora gibt." (Hirschs Ges. Schriften, 13. B. S. 493 u. f.) Und weiter wieder: „Und Mendelssohn? -Freilich hat auch Mendelssohn in seinem Jerusalem dargetan, daß das alte Judentum keine symbolischen Bücher, keine Glaubensartikel habe. Aber warum? Weil nach ihm das spezifisch Unterscheidende des Judentums gar nicht in den sogenannten Glaubenswahrheiren liegt, seine ganze Schrift vielmehr daraus hinausgeht, darzutun, daß das Judentum wesentlich „Gesetz" sei, Gesetze aber keine Abkürzung leiden, in ihnen alles fundamental sei, und wir sonnt mit Grund sagen können: uns sind alle Worte der Schrift, alle Gebote und Verbote Gottes fundamental." (Ges. Schrift, w. o. S. 495. Siehe auch Ehatham Soser zu Jore Dea, Reip. 3.-6.) S. 56 schreibt Verfasser: So Herr Dr. Krauß. Merkwürdigerweise vergißt er die obligate Phrase i*wi iSk Wir aber glauben einmal lieber Hirsch: „Toren darum ihr, die ihr meint, oder zu meinen vorgebet, eine Gebetsormel so oder so gefaßt, eine Melodie so oder so gewendet, eine Andachtstunde so oder so programmiert, bilde zwischen uns die Kluft. Nicht der sogenannte Gottesdienst, die Kanzel und die Schule scheiden uns, die Predigt, die Lehre, „das Prinzips, wie ihr es nennt, das das Judentum, von Gott, dem Stifter, zum Beherrscher des ganzen Lebens bestimmt, in einen Feiertagswinkel wirft, und den jüdischen, ihrer göttlichen Bestimmung abgewandten Seelen, mit dem Bewußtsein ihrer Schuld, auch die letzte Hoffnung möglicher Umkehr raubt." (Ges. Schriften, 3. B. S. 508.) Soll es aber ein Reformer sein, dann glauben wir doch lieber dem Geschichtsschreiber Jost, der in dem Streite des Landesrabbiners Tiktin gegen Geiger — ersterer weigeUe sich bei rabbinischen Handlungen gemeinschaftlich mit letzterem zu wirken — Tiktin Recht gibt und damit die zwischen beiden Parteien gähnende Kluft anerkennt. iGesch. d. Israeliten, 10. B., 3. Abt., S. 172.) S. 52. „Nirgends aber ist gesagt, daß man diese oder jene Wahrheit glauben soll, noch viel weniger aber, daß derjenige, der dies oder jenes nicht glaubt, kein Jude sei." Mit Verlaub, Herr Verfasser. Es wird in neuerer Zrit gar viel Unfug getrieben mit dem Modegötzen der Dogmenlosigkeit des Judentums und auch Sie wollen Ihren Anteil daran haben. Des armen Mendelssohns Jerusalem muß dabei immer den Eideshelfer spielen: Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt. Wie verhält es sich in Wahrheit damit? „Die rabbinischen Autoritäten bekämpften das Aufstellen von jüdischen Glaubensartikeln, nicht weil es im Judentum überhaupt keine Grundsätze gebe, sondern weil im Judentum alles grundsätzlich sei, weil das Judentum nicht 13 und nicht drei Religionsgrundsätze kenne, sondern jedes Gebot und jedes Verbot ein Religionsgrundsatz sei und die Leugnung auch nur eines der 613 Gebote und Verbote außer dem Judentum setze. Wer, sagt Albo, der ja eben die drei Grundwahrheiten der mosaischen Lehre aufstellte wld die 13 Grundlehren des Maimonides lebhaft bekämpfte, — — — wer, sagt Albo „Neben dieser traditionell jüdischen Auffassung stellt sich immer mehr und mehr diejenige Behauptung der wissenschaftlichen Forschung als Wahrheit dar, daß weder Abraham noch das s p ä t e r e I s r a e l — ganz bis zur Zeit der großen Propheten— die Gotte in heir in jenem Sinne, wie wir sie heute auffassen, bekannten, d. h. sie bekannten ihn nicht als einett solchenGott, der Herr der ganzen Welt i st, sondern bloß als nationalen Gott, neben welchem andere Nationen und Völker ihren eigenenGott haben: so hat Moab K'mosch, Aman Milkom usw., diesen gegenüber hat auch Jsrael J.h. .a'Z (Henotheismus), doch mit dem llnterschiede, daß Israel nur diesen einen verehrte und denselben für mächtiger hielt als die Götter der übrigen Nationen- Israels Gott ist bloß ein maximus inter pares (der Größte unter gleichen). ... In derjenigen Reinheit, in welcher wir die Gottesidee aus fassen, wurde sie erst von den Propheten verkündet." Und ein solch blinder Nachbeter der radikalsten Bibelkritik hat die Stirn von einer Gleichheit der - Ideen unter Orthodoxen und Neologen zu reden. Und ein solcher blinder Nachbeter der äußersten Bibelkritik hat Hunderte von Lehrern auch für orthodoxe Gemeinden in Religion unterrichtet! nw hy d'öbt ictr. Ja, staunt ihr Himmel darüber!! Mit brennender Schamröte registrieren wir diese Tatsache. Polemisieren aber wollen wir gegen dieses Hirngespinnst der alles Heilige in den Staub tretenden radikalen Bibelkritik" nicht, denn diese und ähnliche Hypothesen sind bereits oftmals von Fachleuten geprüft und als hohler Wahn bewiesen worden. Wir wollen nur daraus aufmerksam machen, wie der Verfasser mit sich selber in den lächerlichsten Widerspruch gerät. S. 76 schreibt er nämlich, daß ganz Israel die Offenbarung der Zehngebote gehört. Nun aber lautet eines dieser Gebote: „Gedenke des Sabaths rc.,-denn in sechs Tagen hat Gott Himmel und Erde gemacht re." — Wie kann er nun S. 57 behaupten, daß der Begriff Gottes als „Herrn der ganzen Welt" bis zur Zeit der großen Propheten unbekannt gewesen ist! Löse, wer's vermag, diesen Zwiespalt der Natur. S. 79: „Außer den 10 Geboten hat Gott auch noch andere Gesetze und Lehren für Israel gegeben, ^unv zwar nicht auf einmal, sondern zeitweise durch Vermittlung ausgezeichneter genialer Männer . . . diese au§- erwählten Männer find die Propheten." *) Der Verfasser schreibt natürlich den ganzen UVfr Was übrigens bei einer Zusammenstellung mit K'mosch rc. erlaubt sein mag! Nun, jüdisch ist diese Auffaffung nicht, sie steht in schärfstem Gegensätze zur jüdischen Auffassung, wie sie auf Grund der Talmudstelle in nnye "cn ttnn1? wp toaa '2 — von Maimonides in obenerwähnter Einleitung zu seinem Mischnahkommentare Abs. 6 u. f. aufs präziseste dargestellt wird. Der Verfasser leugnet die eherne Grundlage des Judentums, daß nämlich sämtliche miSD uns durch niPö überbracht worden sind. S. 95: „-— D^vir, die aber immer mehr und mehr aus unseren Gebetbüchern verdrängt irerten. - Gegenüber allem Obigen ist diese Stelle nur ein Kinderspaß. S. 98: „Der Sab bath ist wahrscheinlich den alten vorderasiatischen Kulturvölkern (Assnrern und Babploniern) entlehnt worden." Wie konnten Sie dann, Herr Doktor, oben S. 76 schreibeil, daß ganz Israel die Offenbarung der Zehngebote vernommen, ist doch das unter denselben sich befindende Sabbathgebot den Assyrern und Babyloniern entlehnt worden? Ist das nicht '-nnx 'mn? Was Den Kern der Sache betrifft, so scheint der getreue Schildknappe Friedr. Delitzsch' keine Ahnung voll der ganzen, des Berliner Proseffors Babel- und Bibel-Träume bekämpfenden jüdischen und nichtjüdischen Literatllr zu haben, sonst hätte er sich gescheut, eine solche dienamp, die göttliche Heiligkeit der Sabbathinftitution verunglimpfende Behauptung so seelenruhig in einer für Mittelschüler verfaßten Schrift in die Welt hinauszuposnunen. Es sei ihm darum das Studium der über die Babelfrage erwachsenen jüdischen und ni chtjüdischerl Literatur bestens empfohlen. Da der Herr Verfasser fich zur letzteren mehr hingezogen fühlt, so machen wir ihn in Bezug auf den Sabbath auf die Ausführungen des christlichen Proseffors Ed. König in Bonn aufmerksam, der in seinem Aufsatz : „Schlaglichter aus den Babel- und Bibel- Streit" — unter anderem Folgendes schreibt: „Zu dieser Gruppe von Differenzen gesellt sich natürlicherweise noch die Verschiedenheit, daß die Hebräer die Woche von sieben Tagen hatten, während „sich die siebentägige Woche in dieser Form für Babylonien bis jetzt wenigstens nicht Nachweisen läßt," sondern man die „eine Einheit von fünf Tagen an Stelle der siebentägigen Woche hatte." (Der Beweis des Glaubens, 1905, 1. Heft, S. 14.) Traurig genug, daß man einen ch ristlichen Gelehrten gegen die rav nv,np:8eugming eines jüdischen Religionslehrers an einer jüdischen Lehrerbildungsanstalt ausspielen muß! Traurig, aber lehrreich! S. 99: „Die Feste D’nyiD waren anfänglich mir den Feidarbeiten im Zusammenhang, — — — später erst wurden sie mit Israels Geschichte in Zusammenhang gebracht." — S. 102: „Am Chanukah zünden wir Lichter an zur Erinnerung daran, taß der Glaube der wahren Religion die heidnische Finsternis zerstreut har." — Von dem eigentlichen .-1112kl D2 keine Sterbenssilbe! S. 106: , Zu den verboten!n Eheschließungen gehört auch die Verehelichung mit Andersgläubigen, doch sind die Meinungen hierüber sehr verschieden, auch i st die Frage sehr verwickelt." D. h. mit anderen Worten, du jüdischer Jüngling, der du die Religion Israels aus meinem Buche kennen lernst, sei ohne Sorge: wenn du dich auch in ein nichtjüdische§ Mädchen vergaffst und es zum Weibe begehrstf ift's auch kein so großes Unglück! Es gab doch das „Sanhedrin" zu Paris, eine Synode zu Braunschweig rc. Dies, und einzig und allein dies muß der Jüngling aus diesen Zeilen herauslesen. S. 139 folgt die Krönung des Ganzen mit folgendem Bekenntnis. „Alle unsere Gebete, die sich auf die Rückkehr nach Palästina beziehen, drücken bloß die Bitte aus, daß Israel seinem Wunsche gemäß seine Mission unter den Völkern ausüben könne zur Beglückung der Völker, wie wir das beim Messiasgedanken gesthen (69 §). In dieser Bitte ist nur der Gedanke ausgesprochen, daß es auch eine höhere moralische Gemeinschaft gibt als Volk und Vaterland, ein höheres Reich, nämlich die Gesamrmenschheit."