Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1907)
- Date
- 1907-07-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4.. '.cugwiUiV ü'i; j »HF!> i "x tim eirE Monderen Lehrerbildungsanstalt zu veranlassen. Um nun dieser unserer Behauptung mehr Nachdruck zu verleihen und vor allem denjenigen die Augen zu öffnen, die in Bezug auf den Geist, der in genannter Anstalt herrscht, etwa noch im Zweifel sind, wollen wir nunmehr hiermit das Glaubensbekenntnis jener Anstalt genau den Tatsachen entsprechend darstellen. Wir schöpfen dieses Glaubensbekenntnis aus authentischster Quelle: aus der für die „reifere studierende Jugend" verfaßten „systematischen jüdischen Religions- und Morallehre" des langjährigen Religionslehrers an der Präparandie zu Pest, des Herrn Dr. Samuel Krauß, der erst vor Kurzem seine Stelle in Pest mit der eines Docenten am neologen Rabbinerseminar in Wien vertauscht hat. Das Buch ist natürlich in ung. Sprache abgefaßt und führt den Titel: ,Beudszvres zsido vaUäs6s srkölostau — oz erete tanulö — lfjirsay szamä ra irta Dr. Krauß Samuel az orsz. izr. tanitokepzö intezet tacära. — Budapest, 1903." Wir wissen es ganz positiv, daß erwähntes Buch auch beim Religionsunterricht der Prävarandiezöglinge dem Herrn Dr. Krauß als Leitfaden gedient hat, und daß es aych heute noch seinem Nachfolger als Leitfaden dient. Wir bemerken zunächst, daß wir mit diesen Darlegungen keine unmittelbar wiffenschaftlichvolemische Tendenz verfolgen. Wir wollen an die in wortgetreuer Übersetzung zu zitierenden charakteristischen Stellen dieses Buches nicht etwa die Sonde wissenschaftlicher Kritik anlegen. Denn es hat keinen einzigen neuen und noch nicht widerlegten Irrtum aufzuweisen. Es hieße darum in gewiffem Sinne Eulen nach Athen tragen, wenn wir den in dem kaum 139 Seiten umfassenden Büchlein so zahlreich zu Tage tretenden - Gedanken eine eingehendere polemische Behandlung widmen würden, und nur hier und da fanden wir es nötig, die vom Verfasser aufgestellten, oder richtiger nachgebeteten Behauptungen ein wenig vom Licht der wissenschaftlichen Wahrheit bestrahlen zu lassen. Im übrigen genügte es für unseren Zweck, die charakteristischen Stellen der Schrift einfach zu registrieren. S. 9 schreibt Verfaffer: „Der talmudische Einfluß hat die äußere Gestalt des Judentums wesentlich verändert." Eine leise Einleitung zu der später folgenden Einteilung des Judentums in ein mosaisches, prophetisches, talmudisches und rabbinisches. Aber auch schon früher S. 7. „So bedeuten nun wohl die Lehren des Talmudes eine R e u e r u n g*), aber doch nur eine Neuerung im Geiste der Lehre rc." Süße „Geiger"- Klänge von der'Entwickelung des Judentums. S. 12 und 13 stellt Verfasser eine Reihe von Prinzipien auf, von denen man sich inmittender Reformbestrebungen der Gegenwart führen lassen solle. „Wir werden sehen, wie der Ideen gehalt des Judentums erhaben über allem Wechsel der Zeiten dasteht. Was verloren geht, kann nur menschlichen Ursprunges sein, was aber von Gott ist, bleibt für ewig, und ebendie reinliche Scheidung des Wesens von dem Hinzugekommenen, der Wesenheit der Sache von ihrer Schale verleiht uns die Fähigkeit das göttliche Gesetz zu erblicken." „Doch sollen wir uns der Beobachtung der Formen nur dann entziehen, so wir uns nach gewissenhaftem Studium überzeugt haben, daß sie sich mit dem modernen Kulturleben nicht vereinigen lassen, daß sie an d eren. Kultu rströmungen ihr Dasein zu verdanken und andereZiele zu erreichen hatten." Fürwahr ein allerliebster Satz, womit man den ganzen Schulchan-Aruch aus den Angeln heben kann. Freilich schreibt selbst der von unseren Modernen so gerne für sie reklamierte Mendelsohn etwas anders, man vergleiche nur die Stelle: „In der Tat sehe ich nicht, wie diejenigen, die in dem Hause Jakobs geboren sind, sich auf irgend eine gewissenhafte Weise vom Gesetze entledigen können." (Jerusalem. Vergl. Hirsch, Ges. Schriften, 3. B. S. 508 u. f.) Der Herr Verfasser hält es aber lieber mit den selig entschlafenen Synoden. Und dies alles in einem für junge Mittelschüler geschriebenen Lehrbuche, die gierig nach jedem Worte haschen, welches sie von der unbeliebten Last der Thoraesetze emanzipieren will. Das ist ein gewissenafter Führer der ihm anvertrauten Jugend. Verlassen wir die Einleitung des Buches, um zum ersten Kapitel überzugehen. Daselbst wird nun das Judentum, die sogen, jüdische Religion, ebenso wie alle anderen Religionen, auf das dunkle Traumreich verschwommener Ahnungen des menschlichen Gemütes und auf das Abhängigkeitsgefühl von einer höheren Macht, und wie die Phrasen alle lauten, zurückgeführt, als wäre auch die göttliche Institution des Judentums bloß „Religion" im landläufigen Sinne des Wortes. S. 29 folgt ein heftiger Ausfall gegen die „Buchstabenheiligkeit", worunter — wie es im weiteren klipp und klar ausgesprochen ist — die ganze Auslegungsweise der Tradition, der En-,, verstanden wird. *) Für beit in den Zitaten vorkommcnben Sperrdruck ist der Artikelschreiber verantwortlich. ^Die Buchstabenheiliakeit ist — leider — no^ immer sehr verbreitet im Judentume. Die vernunftgemäße Erklärung wird nämlich bloß den Sinn einer Stelle suchen, hat sie ihn aber einmal gefunden und alS richtig befunden, so wird ste ihn für unabänderlich halten, nicht so aber die buchstäbliche Erklärungsweise, die auf den wahren Sinn der Stelle keine Rücksicht nimmt, diese wird eine bereits feststehende Sache im geschriebenen Worte suchen wollen, und sie wird — bas ist eben das Merkwürdige — willkürlicherweise so lange an dem Buchstaben herumzerre n, bis ste den gewünschten Zusammenhang gefunden. So z. B. die Worte niBr6 □'Ql 'nn# (II* B. M. 23, 2)} dem Zusammenhänge nach bedeuten ste, daß man in gewissen Fällen nicht der Majorität folgen darf, der Talmud aber (§"', erblickt hierin eben umgekehrt den Befehl, daß man nach der Majorität sich zu richten hat, siehe auch Raschi z. St." Diese Stelle verrät die ganze Hochachtung, die der Verfaffer der Tradition zollt, indem er uns weismachen will, daß die traditionelle Auslegungsweise die der einfachen und richtigen geradezu entgegengesetzte sei. Nun, wenn auch im allgemeinen gilt, was schon Hirsch*) in seinem Streite mit Frankel ausgesprochen hat: „Da ist der EDEffi — DIPS und der Enno will und braucht nichts mehr zu sein als Emo, als „Aufsuchung" der nach ausdrücklicher Erklärung des Autors selbst in seinen Text andeutungsweise niedergelegten Hinweisung auf die mündlich gegebenen, näheren und weiteren Bestimmungen (Vgl. Einleitung des zu seinem nVJtfön 8. Absatz, z-VITl' nö "ltwoi n"l. Siehe auch die treffliche Schrift „Zurück zur Bibel" von Dr. L. A. Rosenthal, S. 38 u. 39, — auch Hirsch, tzeschurun, Jahrg. 2, S. 157 und S. 167.) —ich sage, wenn dies auch im allgemeinen gilt, was natürlich nicht der Standpunkt unseres Autors ist, dem ist vielmehr die von der einfachen und „wahren" abweichende traditionelle Auslegungsweise — wie es in unserem Citate ausdrücklich heißt — ein „leider im Judentum noch immer sehr verbreitetes Herumzerren an dem Buchstaben", — so fällt unsere Stelle wie es scheint, dem Verfasser zum Trotze — nicht einmal unter diese Regel, sondern hier liegt der Eni bereits im VVD, wie schon Biur z. St. zeigt, ja noch mehr, hier ist die traditionelle Auslegungsweise, der En-|, der einzig mögliche, sinngemäße tSErfi, wie dies Hirsch z. St. glänzend beweist. Dem Verfasser aber ist die traditionelle Auslegungsweise ein „leider" im Judentum eingebürgertes „willkürliches" Herumzerren an dem Buchstaben, welchem gegenüber der Rationalismus des Christentums glorifiziert wird. Doch weiß sich der Vers. über diesen, ihm vom Talmud angetanen Schmerz zu trösten, indem er seine Ausführungen über den Gegenstand mit dem zufriedenen Satze schließt: *) Jeschurun, VII. Jahrg. S. 364. heUte seine Juden, wo find heute seine jüdischen Hochschulen? Die Grausamkeit mittelalterlicher Herrscher, die mehr noch als kirchlicher Eifer die Geldgier trieb, hat sie hinweggefegt keafroh di-arroh. - Und wie wäre es bei den Unruhen der jüngsten Tage den jüdischen Weinhändlern und Weinproduzenten ergangen, wenn sie noch in Narbonne ansässig wären, wenn Raschi noch in Trohes seine Veiler träte und die Tosaphiften in Corbeil, Falaise oder Trani noch ihre Weinberge bebauten? Man würde sie zwar nicht mehr rudelweise auf die freien Plätze der Städte treiben und sie dort ausräuckern, ihre Häuser und Vermögen in Besitz nehiwend, man würde aber in der Deputiertenkammer fulminante Reden halten, in denen haarscharf bewiesen würde, daß an dem ganzen Elend ausschließlich die jüdischen Geschäftsleute schuld wären nno das Endresultat wäre ein Gesetz, durch das man auf trockenem Wege erreicht hätte, was man im dreizehnten Jahrhundert aitf blutigem Wege zu machen noch so täppisch war. In Narbonne, roiZTti oder Hauptstadt des Departements Aude, hatten sich bereits im fünften Jahrhundert Juden angesiedelt. Sie lebten dort in vollkommener Freundschaft mit ihren christlichen Nachbarn, obgleich im Jahre 589 das Konzil von Narbonne ihnen bei Strafe von sechs Unzen Gold untersagte, bei ihren Beerdigungen Psalmen zu rezitieren. Im. Jahre 673 beteiligten sich die Narbonner Juden an einem Aufstand des Hilderich von Nimes und des Herzogs Paul gegen König Wamba. Der König siegte und die Juden wurden aus der Stadt vertrieben. Im Jahre 786 beschwerte sich Papst Stephan III. bei dem Erzbischof Aribert über die den Juden gewährten Privilegien, u. A. über ihr Recht des eigenen Grundbesitzes und ihr Jusainmenleben mit Anders¬ I gläubigen in demselben Hause. Auch das Beschäftigen von Christen in Juden gehörigen Feldern und > Weinbergen war ihm nicht genehm. Der Sage nach schenkte bereits Karl der Große den Narbonner Juden ein Drittel der Stadt. Auf Verlangen dieses Kaisers soll .Harun al Raschid einen gelehrten Juden ans Babylon namens Machir dorthin entsandt haben, dem viel Vorrecht verliehen und der zum Haupt der GenEinde ernannt worden sei. Im 12. Jahrhundert soll die Gemeinde 2000 jüdische Seelen besessen haben, aber Benjamin von Tudela fand 1165, daß nur noch 300 Juden dort wohnten, die übrigen waren nach anderen französischen Städten ausgewandert. Schon im Jahre 1236 war das Leben der Narbonner Glaubensgenossen in großer Gefahr infolge eines Streites zwischen einem Juden und einem Christen, und hätte nicht der Gouverneur der Stadt, Don Emerich, die Juden beschützt, sie wären schon damals das Opfer ihrer Verfolger geworden. Meir ben Jsaac, einer der Bedrängten richtete damals den Purim von Narbonne ein. Der Erzbischof von Narbonne schirmte 1241 die Juden so liebevoll, daß das Kapitel ihm die Begünstigung der Juden auf Kosten der Christen zum Borlvurf machte. Im Jahre 1245 ließ sich Meir ben Simon in eine öffentliche Religionsdisputation vor dem Erzbischof Wilhelm de la Broa und den angesehenen Juden von Narbonne und Carpestang ein. Er verteidigte seine Glaubensgenossen und wies hin auf ihre Treue für die christlichen Herrscher und ihre Loyalität in dem Kampfe gegen die Sarazenen. 1276 wurden vom Erzbischof die gesetzlichen Bestimmungen für die Juden in Uebereinstimmung mit dem Grafen zu deren Gunsten geregelt. 1284 wurden diese Satzungen durch besondere Vorrechte für die Juden erweitert. Als Philipp der Schöne sie. 1306 austrieb und ihr Vermögen" konfiszierte, zwangen der Erzbischof und der Graf den König, ihnen einen Teil des beschlagnahmten Gutes herauszugeben. — Die Juden unterlagen der Gerichtsbarkeit des Erzbischofs Und des Grasen, jeder von diesen hatte sein eigenes Judenviertel. Im Jahre 1218 überließen Vicomte Aimery und seine Gattin Marguerite von Montmorency den Juden die Gebiete der sogenannten „Grandes Juiveries", die die jüdischen öffentlichen Einrichtungen wie Armenhaus, Bad, Bäckerei u. s. w. enthielten, gegen Ersatz einer jährlichen Vergütung von zehn Sous Narbonner Währung. Mit dieser Wgabe behielt er sich das Recht eines „Königs der Juden" vor. Selbstgewahlte jüdische Konsuln, die unter der Stadtgemeinde standen, hatten die Aufsicht über das Judenviertel. Im 12. Jahrhundert war Narbonne einer der Hauptsitze der jüdischen Wissenschaft, die Schüler und Großen von Narbonne werden häufig in unseren rabbinischen Schriften erwähnt. Nach Wraham ibn Daud von Toledo nahmen die „Großen von Narbonne" eine Stellung ein wie die Exilarchen von Babylon. In Bezug auf talmudische Entscheidungen besaßen sie die höchste Autorität und ihren Aussprüchen folgte man willig in der gesamten Diaspora. Aus der großen Zahl der Weisen vyn Narbonne neunen wir nur Machir, Nasi Levi, Meschulam ben Nathan, Meschulam ben Kalonymos ben Todros, Nathan von Babylon, Jacob Gaon, Moscheh ha- Darschan, di Familie Kimchi, Benvenisti, Joseph Narbom. — Das war alles einmal vor langen Zeiten. Heute wohnen keine Juden mehr in Narbonne wohl aber zeigt man den Fremden im Narbonner Museum die Grabsteine der jüdischen Märtyrer, die zur Heiligung des göttlichen Namens ihr Leben ließen.