Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1907)
- Date
- 1907-07-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Kochmnmöschau. Die JCA«, Die Verwalter der großen Baron Hirsch'schen Stiftung der Jewish Colonisation-Affociation, haben am 7. Juliin Paris ihre Jahresversammlung abgehalten. Der Bericht über die Tätigkeit dieser größten der jüdischen Hilfsiustitutionen im vergangenen Jahre bietet nicht viel Neues.. Daß die JCA sich an den Aktionen, die für die russischen und rumänischen Juden veranstaltet wurden, und bei der Organisation der Auswanderung aus diesen Ländern'eifrig beteiligt hat, ist selbstverständlich. Höchstens wäre die Einrichtung von Informations-Komitees für Emigranten an den wichtigsten russischen Plätzen in dieser Beziehung au erwähnen. Auch über das Hauptwerk der JCA, die Kolonien in Argentinien, ist nichts Ungewöhnliches mitzuteilen. . Die günstige Entwickelung, von der der vorige Jahresbericht Kunde aab, hat tat allgemeinen weiter angehalten. Die Kolonisten haben ihr gutes Auskommen, machen ansehnliche Rückzahlungen und senden beträchtliche Summen in die Heimat. Es ist erfreulich, daß der Bericht auch von der fortschreitenden Entwickelung der Selbstverwaltung in den Kolonien Mitteilung machen kann. Die soziale Selbstständigkeit der einzelnen Ansiedelungen muß das Ziel für die Arbeit der JCA fein; ihr Streben muß in letzter Linie darauf h mauslaufen, sich selbst völlig unnötig zu machen. Auch in den palästinensischen Kolonien der JCA ist nach dem Bericht eine Besserung der Situation zu konstatieren. Nur das Berwaltungsregime des Landes, die Art der Steuererhebung halte dort den Fortschritt der Kolonisation auf. Von den Institutionen, die die JCA zur Hebung der materiellen Lage der Juden in Rußland unterhält,-sind hervorzuheben die Arbeiterwohnunaen in Wilna und Bobruisk, die Weberei in Dubrowna, die 500 Arbeiter beschäftigt, die Schreiner- und die Schuhmacher - Genossenschaften in verschiedenen Städten und vor allem die Darlehenskassen, deren Zahl von 35 auf 59 gestiegen ist. Auch in Galizien wirkt eine Anzahl solcher Kaffen mit gutem Gedechen. Der Bericht schließt mit einem Ueberblick über die Schulen der JCA in Rußland, Galizien, Rumänien und Kleinafien. — Man kann, wenn man die Fülle der Aufgaben, an denen die Jewish Colonisation Association arbeitet, ins Auge faßt, dieser Institution die Anerkennung für all das, was sie im Dienste des jüdischen Volkes schafft, nicht versagen. Dabei halten wir es jedoch für unsere Pflicht, vor allem das eine zu betonen, daß dieses ganze große Werk nur dadurch wahren Wert gewinnt, daß es vom Geist der praktischen Lebensideale des Judentums getragen wird. Nur, wenn die I. C. A. in ihren Kolonien und in ihren Schulen echte Juden erhält und heranbildet, kann Israels Gesamtheit ihr Wirken als ein wahrhaft segensreiches preisen. * Die frage der jitöischen Gleichberechtigung in finnlanö. Solange die russische Bureaukratie die Verwaltung in Finnland in Händen hatte, wurden die Juden dort nicht viel besser als in den übrigen Teilen des Zarenreiches behandelt. Das scheint, seitdem das finnische Volk seine Autonomie zurückerobert hat, anders geworden zu sein. Und jetzt macht sich im Lande eine Bewegung zu Gunsten der-Juden geltend, die erwarten läßt, daß diese ihre Gleichberechtigung in absehbarer eit erwarten dürfen. Der Landtag hat, dieser ewegung nachgebend, vor kurzem eine Kommission zur Prüfung der Frage eingesetzt, deren Bericht nach den Parlamentsserien bekannt gegeben werden wird. Die Sozialdemokraten haben nun eine Resolution im Landtag beantragt, die in äußerst energischer Sprache die Emanzipation der Juden als eine Forderung der Menschlichkeit im Namen der Bevölkerung vertritt. Die sozialdemokratische Partei zählt im Landtag 80 Mitglieder. Da auch die konstitutionellen Demokraten und aller Wahrscheinlichkeit auch die Jungfinnen für den Antrag stimmen werden, so erscheint demselben die Majorität des finnischen Parlaments gesichert. Zur rechtlichen Stellung der Juden in Bayern. Von cand. jur. Isidor Kahn in Bonn. Wir leben im Zeitalter der Organisation. Es giebt wohl kein Gebiet des öffentlichen oder privaten Lebens, auf dem nicht ein Zusammenschluß von Interessengruppen sich vollzogen hat odernoch täglich vollzieht. Die Organisation kann basieren einmal auf wirtschaftlicher, materieller Grundlage oder aber auf ideeller, kultureller Gemeinsamkeit Auf beide Gebiete sichert sich die oberste Centralisation, der Staat, den gebührenden Einfluß; er duldet keinen Staat im Staate. So sehr dem Staate auch das absolute Recht des obersten Befehls zuerkannt werden mußso giebt es doch Gebiete, auf die seine Normen — oft unbeabsichtigt — den unheilvollsten Einfluß ausüben können. Es ist dies das Gebiet der geistigen Interessen. Am deutlichsten zeigt sich dies in kirchenrechtlicher Beziehung. Gerade auf religiösem Gebiete, wo jeder Zwang den Wert der Weltanschauung herabmindern muß, hätte es der Staat als nobile officium zu betrachten, den Anschauungen der religiösen Richtungen freiesten Spielraum zu gewähren. Der moderne Staat tut dies denn auch vielfach und erkennt dies Prinzip in Form positiver Gesetze an. Desto unverständlicher ist es nun, wenn gerade aus den Kreisen derjenigen, die der fteien Entwickelung der ideellen Interessen stets das Wort reden, immer wieder der Versuch gemacht wird, die übrige Menschheit einer Norm zu unterwerfen. Gerade aus den Reihen des jüdischen Liberalismus heraus wird seit Jahr und Tag das Bestreben immer deutlicher, die Judenheit in eine ihm gefällige Zwangsjacke zu stecken. Man bedenke: Der Liberalismus, dessen Grundprinzip doch gerade die fteie Entfaltung der Individualität ist! Müßte nicht gerade der Liberalismus ein gegenteiliges Bestreben zeigen! Müßte nicht gerade der Liberalismus alles dransetzen, der freien Betätigung der einzelnen Weltanschauung die größtmögliche Garantie zu gewähren! Nicht bloß den Kirchenrechtler muß es stutzig machen, wenn er sieht, daß im Gegensatz zu den christlichen Religionsgemeinschaften, wo die liberale Bewegung ihren Hauptzweck darin erblickt, von der staatlichen Vormundschaft frei zu werden, gerade im jüdischen Lager das entgegengesetzte Streben von der Hochburg des Liberalismus aus geltend gemacht wird. In der Tat wissen wir leider nur zu gut, was unter.der Maske dieser Orgamsationsbestrebungen für Tendenzen stecken. Ist aber der freiwillige Zusammenschluß aller Gleichgesinnten das Ideal, so könnte derartigen Bestrebungen als wirksamstes Gegengewicht nur die einheitliche Organisation aller Gesetzestreuen auf die Dauer stano halten. Wie wir dies bei unfern Gegnern sehen, müßten sich auch bei uns alle gesetzestreuen Gemeinden, Corporationen und Vereine in weit ausgeprägterem Maße wie bisher. zusammenschließen. Denn mag man uns in den Motiven jener Gesetzesentwürfe, die in den letzten Jahren uns in Preußen nach badischem Vorbilde beglücken sollten — man arbeitet ja noch heute an ihrer Verwirklichung — noch so sehr die Freiheit des Gewissens garantieren: Quid quid id est, timeo Danaos et dona ferentes! Schreiber dieser. Zeilen wurde zu diesen Betrachtungen unwillkürlich gedrängt durch die eines Feuilleton. Sednmtag-Sedanlten. In wenigen Tagen ist wieder einmal mein Geburtstag oder richtiger der Tag, an dem die Sonne unter demselben Zeichen der Ekliptik steht, wie an dem Tage, an dem ich vor so und so vielen Jahren geboren wurde. Denn einen Geburtstag hat jeder nur ein einziges mal in seinem Leben und wenn man Betrchtungen über seinen bevorstehenden Geburtstag nieberschreiben will, könnte man es nur als Embryo tun, was im Interesse der ganzen Auffassung und Darstellung vielleicht auch viel wünschenswerter wäre. Wenn nach den Weisen (Talmud Nidda Srol. 30b.) dieser Zustand der glückseligste des Sganzen Menschenlebens ist, so bekämen die darin angestellten Geburtstagsreflexionen wohl einen viel rofigeren, reren Anstrich als die hier folgmdm. Dam ist es die in welcher der Ungeborene die ganze Thora kennt mud, Nidda usw.) und gewiß auch snst manches weiß, was dem Geborenen eine ewige Unbegreiflichkeit bleibt. Dazu gehören für mich z. B. die Aufmerksamkeiten, Glückwünsche und Angebinde, kurz das ganze Aufheben^ das unsere Zeit mit den Geburtstagsfeiern macht. Sie werden heutzutage ganz sportsmäßig betrievm und drphen wie jede andere Epidemie täglich größere Kreise zu ergreifen. Das Rätsel erscheint mir um so unlösbarer, je mehr ich sehe, wie meine Umgebung es als etwas ganz Selbstverständliches hinnimmt und einen, der ihm verständnislos oder gar kritisch gegenübersteht, Europens übertünchte Höflichkeit geradezu abzusprechen geneigt ist. 11 In meiner Kindheit war mir das alles erklärlicher und ich schließe daraus, daß es mir vor derselben vielleicht vollkommen begreiflich war. Kinder' möchten um alles in der Welt größer und älter werden. Sie freuen fich daher mit jedem zurückgelegten und jedem neu begonnenen Lebensjahr, das sie diesem ersehnten Ziele näher bringt. Für fie hat die Geburtstagsfeier einen Sinn und daher eine Berechtigung. Ist man aber erst so weit, daß man zwar gerne alt, aber nicht älter werden möchte, hat man erst das Bewußtsein, daß man mit jedem zurückgelegten Lebensjahr eines weniger zu leben hat, so braucht man wahrlich kein Pessimist zu fein, sondern je inniger man an der süßen Gewohnheit des Daseins-^mit unzähligen Fäden hängt, um so unabweisbarer drängt fich einem die Frage auf: HW IT DD NN!2Vb »Was soll hier die Freude.?" Wmn ich vor irgend einer Zeiterschetnung stehe und fie auf ihren wahren Wert prüfen und einschätzen möchte, so lege ich in erster Reihe den Maßstab unseres heiligen Schrifttums an fie und frage mich, wie es fich zu ihr stellt. Da finde ich in der ganzen Thora viele Geschlechter und Geburten, aber nicht einen Geburtstag verzeichnet, mit einer einzigen Ausnahme, und diese findet fich bet keinem unserer Gottesmänner, sondern beim König von -Aegypten I (1. B. M. 40. 20.) Wo uns von unseren großen führenden Geistern die Tage ihrer Geburt bekannt find, verdanken wir diese Kenntnis der Ueberlieferung, die Thora nimmt keine Notiz davon. Im Talmud ist mir nur die einzige Geburtstagsfeier bekannt, die Rab Joseph an seinem 60. Geburtstage fü. die Gelehrten seiner Umgebung veranstaltete. Wer aber an dieser Stelle (Talmud, Mord Katan Fol. 28) fich nach der Begründung für diese Veranstaltung umsteht, wird sofort finden, baß fie mit unseren Geburtstagsfestlichkeiten nichts gemein hat. Geht man die durch die Jahrtausende fich hinziehenden Rethen unserer Geistessürsten und ihre uns htnterlaffenen reichen ltterarischen Schätze bis hart an die Schwelle der Gegenwart durch, so wirb man vergebens nach einer Geburtstagsfeier in dem Sinne suchen, wie sie heutzutage im Schwünge ist. Die zwei einzigen Fälle, in welchen ich bet zeitgenössischen jüdischen Gelehrten den Geburtstag in ihren Schriften erwähnt stWe, haben mit der Art und Weise unserer Geburtstagsfeier so wenig zu tun, ja find von ihr so völlig verschieben, daß fie nicht einmal als Ausnahme gelten können, welche die Regel bestätigen. Bon dem vor 35 Jahren verstorbenen Preßburger Rabbiner A. S. B. Schreiber y'jfl besitzen wir eine von der Hand seines Sohnes geschriebene Biographie, die dem posthumen minfi by 1D)D üDD 'd als Einleitung vorangeht. In dem Passus, der von dem Aufenthalt des D"D byD in Budapest zur Zeit des Kongresses und von dem regen Verkehr zwischen ihm und' den Kongreßmit- Sliebem handelt, findet fich folgende Stelle, die in freier lebertragung also lautet: „Am 1. Adar, dem Geburtstag unseres Vaters, trug derselbe seinem Diener auf, den ganzen Tag niemand vorzulassen. Er hatte von Jugend auf die Gewohnheit, an diesem Tag irgend einen Traktat des Talmud zu beendigen. Alle Beucher wurden infolgedessen abgewtesen. Da kam auch ein hervorragender Rabbiner, einer seiner Schüler, der. unserer Familie auch verwandtschaftlich nahe stand, und verlangte vorgelassen zu werden. Man teilte ihm dm Wunsch des Meisters mit, der dem Schüler aber so unglaublich schien, daß er fich'darüber hinwegsetzen zu dürfen glaubte und trotz aller Abweisung eintrat. Wie erstaunte er aber, als er dm Lehrer auf-?gelöst in Tränen traf. Auf die Frage nach der Ursache eines Weinens erhielt er folgmdm Bescheid: „Heute, trmer Schüler, ist der Tag, an dem ich geboren wurde, ich werde heute 54 Jahre alt und halte Abrechnung mit mir über alles, was ich in den bisherigen Jahren getan