Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1907)
- Date
- 1907-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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lifriMef mIUm hi tUm 48. JafirflaHfl. Sranhfurf a. M., den 18. 3uH 1907. 8. nm 5667. ilM. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. WBvuue«e»tS r Gewöhnliche Ausgabe Ml. ILO vrerteljLhrlich» HestauSgabe auf Kunydruckpavier Mk. 3.— vierteüLhrlich.^MuSlmldSpreise für bie SÜvöhrÜiche Ausgabe: De^erreich 3 Lr.» RuUand 1 Rub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements Bei allen Postanstalten, Buchhandlungen» sowie hirekt bei ber. LrpÄik^ HtM^gtche Mrr dMkt. Inserate: SO Pfennige für. die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnsevatenannghme nur dmch. Haafenstern ». Vogler fei l« K. M MWD«Me SSHeti sr«. 78665. Frankfurt o. M. und derM Filialen. ^W«to bei de« K.' OestsfenttaffenckMt lBttdelpeft Sr». I8ISI Wieder setzen wir W^Äeinend zu Erde nieder. AchtzehnhurMjEI^E ich^d darüber bef Len wir nun diefe^MKüettag, Wnd ach, wir wen uns auch daran fast schon gewöhnt, es ni’K elegischer Ton erklingt in unseren Synagogen und wie ein Trauerflor legt es sich leise um unsere Seelen. Wer aber vermag den Ginn Noch zu erfassen? Jeremias Klagruf ertönt in der Häftoroh, und Jesajas donnerndes Wort wird am Schaboos ptn vernommen. Wer aber erhebt sich zur klaren Erkenntnis dessen, was die Propheten ihrem Volke sagen wollen? Laute sind es, die uns fremd geworden, eine Sprache, die uns alle ergreift/ aber die wenigsten zu Entschlüßen und eigenen Lebensvorsätzen begeistert. Wie unsagbar schmerzlich, an einem Krankenbett zu stehen und nicht helfen zu können! »Da lösen sich in Tränen meine Augen ob des Bruches meines Volkes, wenn in Erwartung des sicheren Endes Kind und Säugling sich ihr Haupt verhüllen in den Straßen der Stadt." O, unsere Jugend, unsere Kftider, weh' unsere Jünglinge und Jungfrauen! Sehet sie an, wie sie am neunten Aw die Synagoge betreten, wie sie sie verlassen. Ahnen sie nur, welche ernsten Mahnungen an ihr Ohr gedrungen, wissen sie, welche unentbehrlichen. Lebensgedanken die Propheten ihnen geben wollten, die Schlüffel zum Rätsel der Geschicke ihnen reichend? ,',DaS . 'ist, me. •btt' uns am meisten trifft, das der Schmelz der am wehesten tut. „Drum ist wie das alles verschlingende Meer so groß Dein Bruch, wer kann Dir Heilung bringen?" Es ist das Meer der Vergessenheit, in das Deine Lehre getaucht ist. Deine Lehre, Deine Sprache, Deine Geschichte. „O über Deine falschen Propheten, in welcher Form, mit welchen Titeln sie auch die Abwechselung liebende Zeitgeschichte auf den Plan gerufen; nichtig und der Würze bar war, was sie als Gott Geschautes Dir brachten und betreffs Deiner Sünden offenbarten sie Dir die Forderungen des Gesetzes nicht, zurückzuführen, tue sich gern zürückführen ließenwas sie als Dein Geschick Dich sehen ließen, war eitel Schmeichelei." Blutenden Herzens stehen wir an des Propheten Grab und glauben ahnen zu können, von welchem Schmerz „der Mann, der Elend sah" ergriffen war, wenn er das Vergessen als Israels größte Schuld und Israels größte Strafe beweint. Schon das große Warnungsgedicht, das als treuester Freund, auf unserm Lebenswege jeden Tag sein wnm uns Mmftschon es mahnt „des.Hortes, der Dich aÄdren nW zu vergessen und den Gott nicht, M Dich ertrugt." Nur was füt uns tot ist, gottgefügte von dem erren, von olk ewiger können wir vergessen- und erklären wir für tot, was uns' das Leben einhaucht, wehe, dann haben wir den Tod uns selbst gegeben. „Derweil Gott vergessen ließ Festzeit und Schabbos, drum verwarf er im grimmen Zorn König und Priester." Staat und Tempel zerstört, König und Priester verworfen, weil Staat und König nicht im Dienste der Tauroh gestanden, weil sie „alt geworden", nicht des Ursprungs gedachten, weil die Könige nicht sagten : „Sein Priester will ich sein, doch König ist allein der Herr", weil sie zum Muster sich nahmen „die Bökttr ringsum" mit dem überschäumenden Hochmut und dem Machtstolz der Selbstherrlichkeit, weil sie Gesetzgeber nnd nicht bescheiden Gesetzvollstrecker waren. So machten sie zu Schanden jene Zeitstiftungeil, die in des Volkes Gedächtnis festhalten wollten seine und von Ihm geführte Entwickelun dienenden Sklaven zum gefürchteten « dem greisen Vater zum' zahlreichen Jugendfrische, vom Fersehalter zum Gottesstreiter, jene herrlichen D'nyiB, die die Gottesleitung in der Weltgeschichte uns erkennen lassen von der körperlichen Freiheit rur geistig-sittlichen Selbstbestimmung und von dort zum ungestörten, von Gott geschützten und gewahrten Genuß heiterer Lebensfreude im Dienste der Pflicht. Weit entfernt ein Vorbild der Staaten zu sein, in dem das „Rechtsideal" und seine Handhabung «seinen Sitz aufschlage in der Umnachtung der Zeiten" und ein Pol der Ruhendes Friedens und des Glückes zu bedeuten im Gewogt der Völkerschlachten, pries der jüdische Staat den Rückschritt, der darin bestand „an den Wahngeburten der Fremden Genüge zu Haben", als Fortschritt, verband Juda sich mit Israel, der treue mit dem abgefallenen Teil der Stämme, zum Kampfe gegen Aram, vermählten seine Könige sich mit fremdländischen Fürstentöchtern, galt es als Bildungszeichen, am römischen Hof erzogen zu sein, fand ein antikes Muskel iuden tum in seiner entsittlichten Nacktheit seine Stätte neben dem Altar, stand die Schmeichelei dem Throne näher als die Wahrheit, die Lüge der staatsmännischen Klugheit höher als die Gradheit: Geld, Weiber und Ehrsucht beherrschten das Volk. Die Fesselten waren ihrer Bedeutung entkleidet, der Staat hatte seinen Zweck eingebüßt und der König das Recht auf Dasein verloren. Doch das war nur der äußere Ausdruck des Perfalls. Mit dem Judentum war das reine Menschentum zu Grunde gegangen.. Der Mensch fiihlte sich als Schöpfer, nicht als Geschöpf. Es sprach der Kulturmensch von damals: „Meine Kruft und die Stärke Mesner Hand haben mir Macht geschaffen." Und. un umge kehrten Hillelschen Spruche meirrteW«: „Wenn ich nicht für^ mich sorge, wer dann." So wurden die Herten ernst.. Der, Wettbewerb steigerte die Anstrengung, die Produttion de« Verbrauch, der Verbrauch die Produktion. Jf:de Minute würde kostbar Und die Materialien sagten: „Zeit ist Geld." Da gab es im Erwerbsleben keinen Ruhetag - und Ruhejahre stattete nun erst recht die Konkurrenz nicht Man dachte nicht daran, daß im Dienste der schaffenden Menschheit vor allem der Mensch stehe — und vergesse er des Menschlichen im Menschen, so gestalte sich sein Leben so tieristhkörperlich und so. roh-verderbt, daß der Uppergang Erlösung bedeuten werde. Das afles beachtete mau..picht. „Als schon jeder Sapm überall, die Unreinheit hintrug, dachte man-immer noch nicht an die Zukunft." In der GegMw art zu gelten, bildete das^ einzige Streben. Und noch eins: sich selbst inHieser^GMUstg M erhalten. Ohne GottesbewpKtsein^ivoller Aberglaube, ohne Menschenvertrauen, voller Menschenfurcht, erblickte man in der ,-Religion" eine geeignete Handhabe zur eignen Rettung und Erhaltung. „Dem Volke müßte die Religion erhalten ' bleiben," und der politische Priester selbst erweckte frömmelnd vielleicht Vertrauen, — wer weiß — auch die Gottheit s. v. v. läßt vielleicht sich täuschen. Man erbaute Tempel in Pracht und Prunk wie nie zuvor, ließ „Gottesdienst" ab halten, so würdig und so feierlich, wie in den „besten Zeiten" nie geschaut, undUßört worden der Besuch mehrt^sich, sod?:ß'Jrsajahuber Zertrampeln des Vorhofes klagt, und mair-HÄst^ ' damit einen Popanz von Religion b^ründ«k, det in allem Schein das Sein vorgaukelte mch .in allem Gebet und Tempelbesuch, allem Opfer und - jeder Feierlichkeit die Summe aller religiösen Verpstichtungen erfüllt erscheinen ließ. Gott war aus dem Empfinden, aus dem Erkenrien getilgt, sein Schabbos zeugte nicht Mr Ihn, er wurde auch im Leben vergeffen. Der Tempel, der so sein Volk beirrt, war entweiht, der Priester, der also gelehrt, gerichtet — und §ion — — eine Oede, sein Volk ein Spott, die; auroh ein Hohn.-Gäbe es Schlimmeres, als — Vergessen? Der Propheten zu - vergessen, die uns die Geschichte dieser Verirrungen ausgezeichnet, der Sprache, in der sie uns überliefert, der Lehre selbst vor allem, «m? deretwillen allein Israel zum Volke, um deret* willen uns allen Dasein und Lebenskraft ward? j Wi