Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1907)
- Date
- 1907-07-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr, 28 des „Fsraelit" eutüeton. moosröschen. 2 Erzählung von Babette Fried in Prag.. (Fortsetzung.» Der Brief lautete: „Liebstes Moosrösel! Du siehst, ich halte Wort und schreibe Dir von hier aus, so knapp meine Zeit auch ist, so sehr ich auch von Vergnügen zu Vergnügen renne, nein vielmehr gedrängt werde. Ich bin mit Papa im Courierzuge 2. Klasse gefahren, und im Wiener Franz Josefsbahnhofe wartete die Equipage des Herrn von Helmstädten auf uns. Ich sage Dir, das war großartig! Prachtvolle Pferde, ein neuer Wagen mit blauem Atlas ausgeschtagen, Kutscher und Lakei in Uniform, dunkelblau und mit Silber, ich sage Dir, einfach wunderbar. Nach dieser Beschreibung kannst Du Dir den Zuschnitt des ganzen Haushaltes, dessen Gast ich jetzt bin, vorstellen. Zu Hause war ich glücklich, wenn die Leute so viel Lebensart besaßen, um mich Fräulein Else zu nennen, wenn sie nicht bloß Elschen ohne „Fräulein" zu mir sagten. Hier heiße ich: Gnädiges Fräulein. Gleich andern, Tags wollte ich in die Ausstellung fahren. Ich hätte mich schon wieder gerne in der blauen Kutsche gesehen und gut ausgelugt, ob wir nicht Bekannten von daheim begegneten, die mir nachblicken und sich zweifelnd fragen könnten: Ist das die Else Reichmann, oder ist sie es nicht? Das wäre ein Göttergenuß für mich gewesen. Aber vorher mußte ich ausruhen, mich durch ein Bad erfrischen! Erst dann kam die Hauptsache: Meine Garderobe vervollständigen. Mußte da aber Papa tief in die Tasche greifen. Gut, daß ich bei unserem Schneider nichts arbeiten ließ, der hätte mir die Toiletten so hergerichtet, daß ich sie in Wien nicht hätte anziehen können. Die Kleider solltest Du sehen, die mir Papa gekauft hat/ in denen sehe ich wie eine chike Wienerin aus. Als ich dann in Begleitung von Papa und dem jungen Herrn von Helmstädten — der alte hatte im Bureau zu tun — in die Ausstellung gefahren bin, hat uns alles nachgeschaut. Die schöne Equipage! Und einen Hut habe ich Dir, reizend. Weißer Bast, ganz in Rosen garniert, dazwischen breites, schwarzes Sammtband. Der Hut hat 25 Gulden gekostet und Frau von Helmstädten sagt, daß dies halb geschenkt sei, es ist ein Pariser Modellhut. Na, dachte ich mir, wenn Dich so Moosrösel sehen könnt', die hätt' eine Freude! Ich fang' schon an etwas Dialekt zu reden, damit man nicht gleich merkt, daß ich a Böhmin bin. Weißt, die Böhmen sind hier sehr schlecht angeschrieben. Und in der Weltausstellung ist es schön, wunderbar. Am längsten hielten wir uns in der Damenkleiderausstellung auf. So etwas hat man sogar in Wien noch nicht gesehen. Am allerbesten gefiel mir ein hochrotes Sammtkleid mit schwarzen Spitzen und ein hellblaues Atlask.eid mit echten Brüssler Spitzen. Aber eine Brauttoilette war ausgestellt, so eine wünschte ich mir. Das muß eine glückliche Braut sein, die solche Herrlichkeit anlegen kann. Und Schmuck ist ausgestellt, wie wir uns keinen Begriff davon machen können, Tante Fini meint wer weiß was, wenn sie sich eine fünffache Perlenschnur um ihren dicken Hals umlegt/ sie glaubt, daß so etwas noch nicht dagewesen ist, aber das sollte sie sehen. Ein Kasten aus Glas enthält den ganzen Schmuck der Gräfin D u d l e y / der besteht aus Ohrgehängen, Brosche, Diadem, Fächer und Operngms in sechserlei Ausführung: in Brillanten, Perlen, Smaragden, Korallen, Saphiren und Amethysten. Dieser Schmuck hat einen unermeßlichen Wert, und dann gibt es noch massenhaft anderen Schmuck, man glaubt in einem Feenlande zu sein. Und diese Spitzen und Fächer. Von den Wäschefirmen hat sich Papa die Adresse geben laffen, um eventuell dort meine Ausstattung kaufen zu können. Papa hat auch in der Ausstellung große Einkäufe gemacht, hat sehr viel Geld ausgegeben, denn es ist alles entsetzlich teuer. Herr von Helmftädten hat mir ein Geschenk gemacht, eine kunstvolle Schmuckkassette, echt japanische Arbeit. Ich habe für Dich auch ein kleines Geschenk gekauft, einen japanischen Palmfächer.*) ' Gestern waren wir in der Oper. Aber es ist Nicht gesungen worden, sondern es wurde ein Ballet gespielt: Ellinor, oder Träumen und Erwachen. Wir waren 4 Personen in der Loge. Vorn ich mit Frau von Helmstädten, rückwärts Papa mit dem alten Herrn. lieber den Inhalt und die Aufführung des Stückes ein andermal, ich bin schon heute recht schläfrig. Bemerke noch, daß Frau von Helmstädten ein schwarzes Spitzenkleid anhatte und ihren Brillantenschmuck wie zu einem Balle. Ich hatte ein neues weißes Ballkleid mit schottisch karrierten Schleifen und im Haare frische Theerofen. Biele Herren haben ihre Operngläser auf unsere Loge gerichtet, und die gnädige Frau machte mich darauf aufmerksam, was für Aufsehen wir im Theater machen. Wenn aber der junge Herr- Robert mitgewesen wäre, hätte es mich noch mehr gefreut. Also lebe wohl, Moosröschen, schreibe mir bald, schlafe wohl und träume von dem Glücke Deiner treuen Freundin Else Reichmann." Dieses eitle, oberflächliche Schreiben ihrer Freundin hatte auf Rosa erkältend, ernüchternd gewirkt. Wie hätte sie die Zeit ausgenützt, was hätte sie nicht alles sehen und lernen wollen, wenn es ihr bestimmt gewesen wäre, an Elses Stelle zu sein. Und Diese hatte nur Sinn für Schmuck und Kleider! Während sie so sinnend dasaß, trat ihre Mutter in ihr Stübchen hinein. „Eine Neuigkeit, Rosa," rief sie, „wir haben eben einen Brief aus Wien erhalten." „So l" sagte Rosa fast teilnahmslos. „Bist Du denn gar nicht neugierig, zu erfahren, von wem dieser Brief ist und was er enthält?" „O doch, Mutterl, bitte sage es mir." „Du wirst den Brief lesen, wenn »vir zum Vater hineingehen. Vorher aber eine Frage: Möchtest Du nach Wien zur Weltausstellung fahren, Rosa?" Rosas Augen flammten auf. „Ob ich möchte, Mutterl, aber da es nicht sein kann, so will ich lieber nicht daran denken, und Du sollst mich auch nicht daran erinnern.", „So ganz unmöglich ist es nicht. Bitte den' Vater uyr die Erlaubnis, vielleicht gestattet er es." Traurig schüttelte Rosa das schöne Köpfchen. „Nein!" sagte sie, „ich kann nicht um etwas bitten, was ein solch großes Geldopfer erheischt. Es wäre schon darum nicht recht, weil dem guten Vater das Versagen meiner Bitte großen Schmerz bereiten müßte." „Nein, Kind," erwiderte die Mutter, „bitte *) Solche Fächer wurden damals m Wien unl 25 Kreuzer gekauft und vielfach benützt. den Vater darum, und mache ihm die Freude Deiner Bitte willfahren zu können. Kann eres nicht, nun er ist ja der Vater, von dem Du es dann eben annehmen mußt." Rosa war nicht eigensinnig, darunr entschloß sie sich mehr der Mutter zu Gefallen als in der Erwartung einer Gewährung, den Vater um die Erlaubnis zu bitten. Der gütige Mann fühlte sich ganz glücklich, den Herzenswunsch seines Lieblings erfüllen zu können. Und das sagte er auch der vor Aufregung bebenden Rosa, die dieser Bitte noch die hinzufügte, ihr ob ihres Verlangens nicht zu zürnen. „Warum zürnen?" antwortete Hauser, „es ist dies ein recht billiger Wunsch, ich meine nicht billig, was Geld betrifft, den ich Dir herzlich gerne erfülle, umsomehr als Du Deine Reise schon nächste Woche antreten kannst, und zwar als Gast einer hochansehnlichen braven Familie, die strenge nach den Prinzipien des Judentums lebt. Es hat Dich nämlich mein alter Studienfreund, der Dir gut bekannte Doktor Grünfeld, zu sich nach Wien geladen." Wer war glücklicher als Moosröschen? Siewurde nicht müde, den zärtlichen Eltern Hände Mund und Augen zu küffen und versprach, durch ihre Liebe und durch Fleiß und Gehorsam sich dieses ihr gebrachte»» Opfers würdig zu beweisen. Nun ging es ans Waschen und Plätten und Nähen und Borbereiten, sodaß die Zeit bis zum 18. Juni wie im Fluge dahinrauschte. Die welterfahrene Mutter gab dem Töchterlein, welches das erstemal in ihrem Leben allein in die Welt hinausfahren sollte, weise Ratschläge mit auf den Weg, die alle dahin zielten, daß sich das Mädchen bald in der Großstadt zurechtfinde und daselbst keine lächerliche Rolle spiele. Der Refrain aller dieser Erfahrungssätze war der. „Wundere Dich über gar nichts allzusehr, es möge Dir noch so wunderbar und herrlich erscheinen. Nichts macht in den Augen von Großstädtern lächerlicher als diese Entzückungsäußerungen, die Menschen aus der Provinz nur selten unterdriicken können." „Und darf »ich denn niemals meine Meinung frei und offen bekennen, wie ich es gewöhnt bin?' Ich gestehe es offen, daß ich nur sehr sch»ver eine Freude zurückhalten kann." „Du wirst im Lebe»» vieles lerne»», »vas Du vorher nicht konntest, mache damit den Anfang." Doktor Moritz Grünfeld war einer jener Spezies vo»» Aerzten, »vie sie »»nter den Juden öfters vorzukommen pflegen — ein Original. Streng gegen sich selbst, »var er es auch geger» feine Patienten. Mit scharfem Auge »»nd einer auf langer Erfahrung basierenden Menschenkenntnis wußte er sofort wahres Leiden von eingebildetem zu unterscheiden, und so wie er den wirklich Kranken und Leide»»den ein menschenfreundlicher Helfer »var, »»nd keine Mühe oder Opfer scheute, ihnen Genesung oder auch nur Linderung zu verschaffen, so unerbittlich streng war er gegen eingebildete oder auch nur verzärtelte Kranke. Noch aus der Zeit her, bevor Wien mit einer Hochquellenwasserleitung versehen war, stammte eine sprichwörtlich gewordene Redensart von ihm. Wenn ein solcher Kranker ihm über heftiger» Durst klagte, in der Erwartung, daß er ihm ein angenehmes Getränk anraten werde, dann sagte er achselzuckend: „Nun, die Donau ist groß genug." So »var es gekommen, daß ihm von feiner ehemals großen Praxis nur die Armen blieben, denen er ein Freund und Berater geworden war. Der alte Doktor kränkte sich nicht im geringsten darüber, daß seine Praxis derart abgenomn»en hatte. Sei»» Vermögen reichte hin, um seine und seiner Frau bescheidene Bedärfniffe - zu bestreite»», sein einziger Sohn Arthur war Ingenieur und ebe»» im Süden des Reiches bei einem Eisenbahnba»» beschäftigt, und so konnte * ■