Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1907)
- Date
- 1907-07-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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) L aae zum 300518 * Zur Lage der jüdischen Relialonslebrer in Bayern. n. Wenn wir nun die Gründe untersuchen, wieso es kommt, daß dem Landesverein bisher nur so spärliche Mittel zugewendet wurden, so müssen wir als die wichtigste Ursache sür diese auffallende Erscheinung die Nichtzuziehung der Lehrer zur Verwaltung bezeichnen. Dieser, wie es schien, prinzipielle Ausschluß eines im jüdischen Gemeindeleben so wichtigen Faktors war für die Lehrer nicht nur in hohem Grade kränkend, sondern er war auch unklug, denn man kann den Lehrern nicht zumuten, sich für die Ziele einer Vereinigung zu begeistern, die sie von der Verwaltung fernhält. Zu unserer großen Genugtuung ist dieser Stein des Anstoßes beseitigt, denn die Delegierten des Lehrervereins werden künftig dem Ausschuß des Landesvereins angehören und wir hegen die sichere Erwartung, daß diese enge Verknüpfung der zwei Bereinigungen, die ja in der Hauptsache ein gemeinsames Ziel verfolgen, beiden zum Segen gereichen wird und daß insbesondere unsere Kollegen in Stadt und Land alles aufbieten werden, um dem Landesverein genügende Mittel zuzusühren. Ein Blick in den jüngsten Rechenschaftsbericht zeigt zur Genüge, wieviel noch auf diesem Gebiete zu tun übrig bleibt. So floffsn beispielsweise aus einer großen und reichen Gemeinde, die s. Zt. sür den Bau ihrer Synagoge mehr als eine halbe Million aufgewendet, der Kasse des Landesvereins ganze 10 Mark zu und die Beiträge der Privaten aus anderen notorisch reichen Gemeinden halten sich auch auf dieser Höhe. ('?!) Wenn für Zwecke der Lehrerbildung nach einer geringen Schätzung in Bayern jährlich ca. 36 000 Mk. aufgebracht werden, sollte es da nicht möglich sein, für die. würdige Besoldung der Lehrer das Doppelte, also etwa 60—70000 Mk. aufzubringen? Erreicht kann dieses Ziel allerdings nur dann werden, wenn alle beteiligten Faktoren, Rabbiner, Lehrer und Kultusvorsteher ihre volle Schuldigkeit tun. Die obengenannte Summe würde hinreichen, die Lehrergehälter auf eine angemessene Höhe zu bringen.*) Wenn aber seitens der größeren Gemeinden der ernsthafte Wille gezeigt wird, ihren moralischen Verpflichtungen den kleinen Gemeinden gegenüber zn erfüllen, werden sich Regierung und Volksvertreter bereit finden lassen, ihrerseits einen angemessenen Beitrag zuzusteue^n. Dieser würde dann zur Gewährung von Alters- *) Genaue statistische Unterlagen feblen uns allerdings: die Enquete, die der bayrische Lehrerverein veranstaltet hat, wird fie uns hoffentlich bringen; unsere Annahme dürfte aber das Richtige treffen. zulagen verwendet werden können. Aus diese Weise hätte man in Bayern auf dem Wege der Freiwilligkeit alles erreicht, was eine Zwangsorganisation den Lehrern bieten kann. Wie wenig Neigung übrigens z. Zt. in Bayern besteht, eine solche einzuführen, das hat uns der Aufsehen erregende Artikel im 6. Morgenblatt der „Frankfurter Zeitung" vom 30. Juni d. Js. „Revision des bayerischen Judenedikts von 1813" gezeigt. Im günstigsten Falle aber würden Jahre verstreichen, bis an eine Hilfe gedacht werden könnte, denn die Gesetzgebungsmaschine arbeitet sehr langsam, während die Beseitigung der schlimmen Schäden keine Verzögerung duldet. Unser Vorschlag, Konsolidierung des Landesvereins, zeigt einen Weg, auf dem sofort geholfen werden könnte nach Maßgabe der dafür aufgebrachten Geldsummen. Indem wir nun zur Erörterung der sogenannten kleinen Mittel schreiten, möchten wir vor allem auf eine Einrichtung Hinweisen, die in einer hessischen Gemeinde besteht und die in Bayern überall da eingeführt werden sollte, wo die Errichtung einer Elementarschule aus äußeren oder inneren Gründen nicht möglich ist. In der erwähnten Gemeinde erteilt der Lehrer allen Kindern ohne Unterschied täglich zwei Stunden Privatunterricht in den profanen Fächern gegen eine angemessene Remuneration, die er aus der Gemeindekasse erhält. Es kommt ja auch anderwärts vor, daß der Lehrer Privatunterricht erteilt und wir halten dies für die ehrenvollste und gemeinnützigste Art, sein Einkommen zu erhöhen, aber meistens partizipieren nur die Kinder wohlhabender Eltern daran und die Einnahmen aus dieser Tätigkeit sind unsicher und schwankend) hier dagegen bilden sie einen integrierenden Bestandteil seines Fixums und auch das ärmste Kind in der Gemeinde erhält eine über die Ziele der Volksschule nicht unwesentlich hinausgehende Bildung. Für Bayern wäre diese Einrichtung von besonderem Segen. Man hat dort bekanntlich nur sieben Schuljahre, die Volksschulen auf dem Lande sind sehr häufig einklassig, überfüllt, teilweise noch sogen. Halbtagsschulen — mit nur 3 Stunden täglicher Unterrichtszeit — im Sommer fällt der Unterricht am Nachmittag ganz aus, Umstände, die die Leistungsfähigkeit dieser Schulen sehr stark herabdrücken, sodaß sich manche Eltern gezwungen sehen, ihre Kinder unter schweren Opfern und in zartem Alter irgend einem Pensionat anzuvertrauen. Wie nahe liegt es da, durch den selten voll beschäftigten Religionslehrer die Lücken aussüllen zu lassen, welche die Volksschule hinterlassen muß. Daß dieser Letztere bei nur einigermaßeu guten Leistungen in Ansehen und Wertschätzung ganz bedeutend steigt, ist eine Nebenwirkung, die gar nicht zu unterschätzen ist. Seitens der Rabbinate sollte ferner auf Bildung leistungsfähiger Religionsschulsprengel gedrungen werden, sodaß einer wenig leistungsfähigen Hauptgemeinde die entsprechende Anzahl von Filialgemeinden zugewiesen wird. Wir sehen ein festes Gesamt-Einkommen von 1500 Mark aus Haupt- und Filialgemeinden als das Minimum dessen an, was man einem seminaristisch gebildeten Lehrer bieten darf. Freilich wird es immer eine gewisse Anzahl von Gemeinden geben, die das angegebene Mindesteinkommen nicht aufbringen können, deren isolierte Lage aber die Anstellung eines Lehrers zur unbedingten Notwendigkeit macht. Für diese böte vielleicht der Hinweis unseres Kollegen Sulzbacher-Groß-Biberau — siehe Nr. 43, Jahrgang 1906 des „Israelit" — auf den Garten- und Obstbau als auf ein Mittel, das Einkommen des Lehrers in ehrenvoller, einträglicher und gesundheitsfördernder Weise zu erhöhen, einen Ausweg. Wir haben bisher die Frage: „Wen trifft die Schuld, daß es so weit gekommen?" ganz außer Betracht gelassen; „j’accuse“ das sagt sich leicht, verbittert nur, bessert aber nicht. Die Verwaltung des bayrischen Lehrervereins hat es bis jetzt als ihre vornehmste Aufgabe angesehen, ihre Hilfskasse auf eine angemessene Höhe zu bringen und sie hat dabei schöne Erfolge erzielt. Durch die Veranstaltung einer Enquete hat sie die Grundlage geschaffen, um zielbewußt die Verbesserung der Stellung ihrer Mitglieder nach der materiellen und gesetzlichen Seite hin in die Wege zu leiten. Sie begnügt sich hoffentlich nicht damit, eine Petition an die Regierung einzureichen und den Erfolg ruhig abzuwarten, sondern entfaltet nach allen Seiten hin eine rege Tätigkeit. Dabei wäre folgendes hinsichtlich der Propaganda besonders im Auge zu halten: Der Einzelne setzt sich mit seinen Bitten und Wünschen fast stets dem Schein von Begehrlichkeit und Unbescheidenheit aus und dringt selten mit seinem Petitum durch. Anders eine korporative Vereinigung) sie arbeitet mit größerer Energie und autorativem Ansehen. Wir schlagen deshalb die Einsetzung einer besonderen Kommiffion vor, deren Aufgabe der Besuch der Gemeinden wäre behufs 1. Gründung jüdischer Elementarschulen) 2. Erhöhung des Gehalts der Lehrer in größeren Gemeinden und überall da, wo die Verhältnisse es gestatten, insbesondere Festsetzung einer Gehaltsskala) ferner die Inanspruchnahme der Behörden behufs Herbeiführung einer gesetzlichen Regelung der Anstellungsverhältnisse nach den Forderungen der Lehrer. Es muß dahin kommen, daß in dem kleinsten Nest der jüdische Lehrer wenigstens ein sicheres Nest findet. Wir hoffen zuversichtlich, daß die bevorstehende Tagung in Aschaffenburg die Angelegenheit unserer bayerischen Kollegen ein erkleckliches Stück