Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1907)
- Date
- 1907-07-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449273--63626-2506181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
11. Juli 1907 Seite 8. gung einer Anzahl gewordener Thora-Rollen vorgenommen. In der Synagoge der Gemeinde nvn min waren bei einem Brande sämtliche Thorarollen von den Flammen entweder vollkommen vernichtet oder gänzlich unbrauchbar gemacht worden. Der Gemeinde, einer russischpolnischen, ist der unglückliche Vorfall sehr zu Herzen gegangen und sie hat ihre Trauer in wahrhaft rührender Weise zum Ausdruck gebracht. Alle Neberreste der wurden sorgfältig auf der Brandstätte zusammengelesen und in neue Hüllen eingewickelt. Ein Trauergottesdienst fand statt, bei welchem mehrere polnische Rabbiner Trauerreden hielten, und nachher ging es in feierlichem Zug, dem sich eine große Anzahl Männer und Frauen anschloß, nach dem Friedhof, wo die Rollen unter Trauerreden und -Gesängen dem Schoße der Erde übergeben wurden. Sämtliche Zeitungen der Stadt berichteten ausführlich über diesen Vorgang, wobei allerdings die meisten die Bedeutung desselben zu begreifen sich unfähig zeigten. Wenn die Errichtung neuer Synagogen ein Zeichen der Religiosität ist, so muß Amerika ein sehr frommes Land sein. Ueberall hört und liest man von der Grundsteinlegung oder Einweihung neuer jüdischer Gotteshäuser. Aus der Umgegend von New-Aork sind allein in der jüngsten Zeit drei solcher Feiern zu verzeichnen. In Broux ist eine neue Synagoge eingeweiht und in Borough Park und Staten Island sind die Grundsteine zu zwei anderen gelegt worden. Jedenfalls ist dies ein Zeichen, daß das jüdische Herz mich in der neuen Welt noch immer kräftig für den angestammten Glauben schlägt und mit Liebe an dem äußeren Mittelpunkt desselben, dem Gotteshause hängt. Erfreulicher allerdings wäre es, wenn unsere Brüder ihre Anhänglichkeit fürs Judentum durch praktische religiöse Pstichtcrfüllung im Leben betätigen wollten. — Am 30. d. Mts. findet der Jahreskonvent der Föderation der amerikanischen Zionisten in der Ortschaft Tannersville in den Catskill Gebirgen statt. Darüber wollen wir später berichten. Utrmi$cbte$. Berlin» 1. Juli. Eine ebenso treffende wie entschiedene Absage hat der Kardinal-Fürstbischof Kopp dem evangelischen Theologen Professor Adolf Harnack erteilt, . der vor kurzem in einer akademischen Rede die Notwendigkeit des konfessionellen Friedens im Jntereffe der nationalen Wohlfahrt des gemeinsamen Baterlandes betont hatte. In dieser Rede war ausschließlich von den beiden Konfessionen die Rede Die Tatsache der Existenz noch anderer Konfessionen im Baterlande wird einfach ignoriert. Kardinal Kopv hat bei der Einweihung einer hiesigen Kirche dem Prof. Harnack gründlich heimgeleuchtet. Für unS Juden kommt dabei hauptsächlich ein Moment in Betracht. Während der protestantische Theologe ausschließlich von den beiden Konfessionen im Vaterlande spricht und alle anderen ignoriert, umfaßt der katbolische Kirchenfürst in seiner Rede alle Bekenntniffe, alle Mitbürger, alle Menschen mit gleicher Liebe. Er sagt u. a.: „Nichts hindert uns, zu gemeinsamer Arbeit uns mit allen unseren Mitbürgern zu vereinigen, um die irdische Herberge für das Erdenleben aufs beste und vollkommenste einzurickten. Nicht hindert uns unsere religiöse Einheit mit ihnen zu wetteifern in der Entfaltung aller bürgerlichen Tugenden. Nein, das ewi.e Ziel, zu dem die Religion hinieden vorbereitet, kann nicht im Widerspruch stehen mit den Aufgaben des bürgerlich-irdischen Lebens,' denn diese sind der Weg zu jenem, beide greifen ineinander und treffen sich an einem Ziele. Die bürgerliche Einheit ist dem Christen auch lein aufgedrungcnes, erzwungenes Verhältnis, sie ist ihm göttliche Anordnung, verankert in den Tiefen seines Gewiffens. Die Anschauung prägt dem gläubigen Christen die Religion ein, und von ihr erhalten die gemeinsamen bürgerlichen Aufgaben Schutz und Pflege und tätige Förderung. Aufrichtige Achtung vor fremder Ueberzeugung, gegenseitige Duldung. Liebe und Eintracht in allen gesellschaftlichen und bürgerlichen Verhältnissen sind die unerläßlichsten Voraussetzungen tiefer bürgerlichen Einheit." Eydtkuhnen, 8. Juli. Im russischen Grenzstädtchen Kaliwarh sind amMitwoch 46 Gebäude niedergebrannt, darunter auch eine alte Klaussynagoge. Der Schaden wird auf ca. 200,000 Rubel taxiert. Mehrere hundert jüdische Familien sind brotlos. Der Gouverneur von Suwalki,Ostroumoff, erschien auch auf der Brandstätte und übermittelte dem Hülfskomite, das sich alsbald gebildet hatte, 100 Rubel zur Linderung der augenblicklichen Not. Das teuer soll durch das unvorsichtige Hantieren eines Akziseeamten mit Feuerzeug bei der Spiritus-Revision verur- Der JSraelit. Rr. 88 facht worden sein. Wie es heißt, wird das ruffische Finanzministerium zum Schadenersatz herangezogen werden, wahrscheinlich jedoch mitsehr geringem Erfolge. Der Inhaber des betreffenden Lagers, Essigfabrikant Chaskel Matlew itz ist, wie mir heute ein von Kalwary zurückgekommener Händler erzählte, an den erlittenen schweren Brandwunden gestern Abend verstorben. Dasselbe schreckliche Los teilen noch drei Kinder. Durch Versicherung sollen nur im Ganzen achttausend Rubel gedeckt sein, alles übrige ist verloren, die Not und das Elend der Abgebrannten also schrecklich. Wie«, 1. Juli. Eine eigenartige Klage des Privatiers Grafen Pompeo C o r o n i n i gegen den Erben der Baronin Klara Hirsch-Gereuth, Herrn Raphael Bischofsheim, lag dem Oberlandesgerichte in Wien vor. Der Kläger bezog von Baron Hirsch eine jährliche Rente von 4000 Kronen, die ihm auch nach dem Tode des Barons von der Baronin Hirsch gewährt wurde. Nun hatte die am 1. April 1899 verstorbene Baronin meinem zwei Monate nach ihrem Testamente errichteten Kodizile dem Grafen Coronini ein Legat von 100 000 Francs vermacht, das die Erben der Baronin auch ausbezahlten. Vor einigen Monaten begehrte Graf Coronini beim Landgerichte in einer Ziviklage die Feststellung, daß Herr Raphael Bischofsheim als Erbe der Baronin Hirsch verpflichtet sei, ihm eine lebenslängliche jährliche Rente von 4000 Kronen zu entrichten, und ihm die seit dem Tode der Baronin fälligen Renten im Gesamtbeträge von 27 000 Kronen zu bezahlen. Der Beklagte wendete ein, daß der Kläger in einer von der Baronin angefertigten Liste von Personen, die eine jährliche Rente erhalten sollen, nicht angeführt erscheine, daß er ja ohnehin von der Baronin in liberalster Weise mit einem Legat von 100 000 Francs bedacht worden sei, und baß die Rente von 4000 Kronen, die er vom Baron Hirsch und nach dessen Tode von der Baronin erhalten habe, nicht den Charakter einer Unterstützung getragen habe. Das Landgericht wies die Klage des Grafen ab, von der Anschauung ausgehend, daß die Baronin Hirsch in der vom Kläger angeführten testantentarischen Bestimmung keiue positiven kategorischen Verfügungen getroffen, sondern, wie der Ausdruck „ich empfehle" besage, nur einen rechtsunverbindlichen Wunsch geäußert habe. Das Oberlandesgericht hat dieses Urteil bestätigt. Ungvar, 5. Juli. Am vergangenen Montag wurden die hiesige 110 Jahre alte Synagoge sowie die Nachbargebäude durch Feuer zerstört. Eine Anzahl sehr wertvoller hebräischer Manuskripte sind mit knapper Not aus den Flammen gerettet worden. Umin$wc$cn. Berlin, 4. Juli. Gestern abend fand die diosmonatliche Versammlung der hiesigen Misrachi-Gruppe statt. Der Vorsitzende, Herr Hermann Struck, berichtete zuerst über die Erfolge der Enquete über „Zionismus und gesetzestreues Judentum". Es lagen bereits 26 Antwortschreiben vor. Man beschloß, mit der Veröffentlichung der Antworten - im September zu beginnen. Im zweiten Teil der Sitzung wurden Anträge für den Kongreß besprochen. Paris, 5. Juli. Die General-Versammlung der Jewish Colonisation Association findet am nächsten Sonntag in ihren Räumen (Rue Pasquier2) statt. Die Tagesordnung umfaßt: Verlesung und Besprechung des Finanz - und des Jahres-Berichts pro 1906 und verschiedene Angelegenheiten. Personalien. dorö Samuel Montagu. London, 4. Juli. Der König hat Sir Samuel Montagu zum Mitglied des Oberhauses ernannt. In der jüdischen Bevölkerung Londons, namentlich der des East-End-Viertels, erweckte diese Nachricht allgemeine. Freude. Sir Samuel ist nämlich einer der populärsten Männer der englischen Judenheit, ist ein Mann, der sich uni die Jntereffen der jüdischen Gemeinschaft die höchsten Verdienste erworben hat. Vor allem ist von ihm zu sagen, daß er auf den Höhen der Gesellschaft stehend, ein musterhafter Bekenner zum überlieferten Thoragesetz, ein echter -qu-P geblieben ist. Er hat allezeit ein streng nach der Vorschrift des Religionsoesetzcs geregeltes Leben geführt und ist auch in der Oeffentlichkeit stets mit unerschütterlicher Festigkeit für die Forderungen der Thora aufgetreten. Während seiner Zugehörigkeit zum Unterhaus konnte man ihn öfter, wenn eine Nachtsitzung sich in den Morgen hineinzog. in einem Zimmer des Parlamentcebäudes mit Talis und Tefilin bekleidet, sein Gebet verrichten sehen. Und wenn es galt, Angriffe aus das gesetzestreue Judentum zurückzuweisen und deffen Interessen vor schädlichen Einflüssen zu bewahren, da stand Montagu immer in der vordersten Reihe oder an der Spitze. Die Leser des „Israelit" wiffen, mit welcher Beharrlichkeit er erst jüngst in dem Streit um die jüdische Religionsschulverwaltung in London sich dagegen gewehrt hat, daß Leugner der Thora sich zu Leitern religiöser Institutionen aufwerfen. Außerordentlich vielverdantt ihm die Bereinigung der rufftsch polnischen Gemeinden im Londoner East-End, als deren Präsident er in allen Zweigen des öffentlichen jüdischen Lebens eine seltene Arbeitskraft entfaltet. Bor allem muß seine hingebungsvolle Tätigkeit als Leiter der Schechitahkommisston und für die Förderung der Sabbathheiligung mit Dankbarkeit verzeichnet werden. Der neue Lord ist im Jahre 1832 in Liverpool als Sohn eines Uhrmachersund Silberschmieds geboren. Im Alter von 15 Jahren kam er mit seinen Eltern nach London, wo er 1853 zusammen mit seinem Bruder die seinen Namen führende Bankfirma begründete und später eine Großnichte Sir Moses Montefiore's als Gattin heimführte. Seit 1862 ist er — bis auf den heutigen Tag — Mitglied des Jewish Board of Deputies, und er gehört noch einer Reihe anderer gemeinnütziger jüdischer Körperschaften als eifriger Mitarbeiter an. Im Jahre 1886 machte er mit seinem Freunde Dr. Ascher eine Reise nach Rußland, um das Leben und die Lage der russischen Juden zu studieren und er hat diesen seinen ausländischen Brüdern auch später immer besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Als liberaler Politiker war er von 1885—1900 Vertreter für Whitechapel im Unterhause. 1894 ernannte ihn die Königin zum Baronet. Die Berufung Montagus zu der hohen Würde eines Oberhausmitgliedes kann die Judenheit um so freudiger begrüßen, als dieser Mann nicht wie so viele andere Juden seiner gesellschaftlichen Stellung jüdisch nur der Abstami, ung und dem Namen nach, sondern in seinem Denken und Fühlen und seinem Leben ist. Preußisch Stargard, l. Juli. Die „Neue Westpreußische Zeitung" schreibt aus Preußisch Stargard: „Herr Rabbiner Dr. Rosenthal folgt zum 1. September einer ehrenvollen Berufung als Rabbiner und Schuldirigent der Gemeinde „Berlin - Oranienburger Vorstadt". Das Scheiden Dr. Rosenthals wird nicht nur die hiesige jüdische Gemeinde schmerzhaft empfinden, sondern auch in weiteren Kreisen unserer Stadt wird man seinen Weggang lebhaft bedauern. Gelegentlich des im vergangenen Monat von Herrn Rabbiner Dr. Rosenthal gefeilten Jubiläums und seiner Silberhochzeit traten die Beweise der Hochachtung und Wertschätzung, die der Scheidende in unserer Stadt genießt, offen zu Tage und seine Verdienste, die er sich um den konfessionellen Frieden erworben, sowie seine jederzeit bekundete patriotische Gesinnung fanden die verdiente Würdigung. Wenn der Weggang des verdienten Rabbiners demnach auch Bedauern Hervorrufen muß, so wird doch gewiß jeder ihn zu der Berufung von Herzen beglückwünschen Daß Herr Dr. Rosenthal aber nach wie vor gerne an seine hiesige Tätigkeit und die Stargarder Bürger zurückdenken wird, I des sind wir gewiß." Preßburg, 3. Juli. Als zweiter in der Reihe der Kandidaten für den Posten eines Maggid der hiesigen orthodoxen Gemeinde wurde Bezirksrabbiner Moritz Herzog in Stampfen zum Probevortrag berufen. " Chicago, 14. Juni. Der 15 Jahre hier wirkende Rabbiner der Chicagoer orthodoxen Gemeinde, R. Abraham S. Br aude, ist im Alter von 62Jahren gestorben. An seinem Leichenbegängnisse nahmen viele Tausende teil. vrlenrasten. B. Sie wundern sich über die lächerlich kleinliche Art, wie uns die Berliner „Jüdische Rundschau" in ihrer letzten Nummer wiederum am Zeug zu flicken sucht. Damit haben Sie recht. Man kann die Unwahrheit mit einem größeren Aufwand an geistigrn Kosten sagen, als es die Rundschau anscheinend vermag. Mit größerer Kühnheit kann man's allerdings nicht. Denn in all den Artikeln und Berichten, die wir zu den Jerusalemer Wahlstrettigkeiten veröffentlichten, ist auch nicht ein einziges ungünstiges Wort über die Persönlichkeit R. Jakob Meirs zu finden. Es ist rein aus den Fingern gesogen, wenn die Rundschau behauptet, wir hätten diesen Mann gehässig angegriffen und seine religiöse Unantastbarkeit bezweifelt. Wir haben immer nur verlangt, daß der Jerusalemer Gemeinde nicht auf ungesetzlichem Wege und mit Gewaltmitteln ein Chachambaschi von Antöbis Gnaden aufgedrängt, vielmehr in einem rechtmäßigen Wahlakt durch die Majorität entschieden werde, wer das oberste Rabbineramt im heiligen Land verwalten soll. Welchen Zweck verfolgt übrigens die Rundschau mit ihrer Attacke? Billigt sie denn das auch von einem Dr. Gaster scharf getadelte Treiben des Herrn Antebi? Wir haben gegen einen Meinungsstreit um Prinzipien wahrhaftig nichts einzuwenden und waren immer bereit, da Rede und Antwort zu stehen. Die Gewohnheit der „Jüdischen Rundschau" aber, Dinge an den Haaren herbeizuziehen und, was es auch koste, bissig sein sollende Bemerkungen gegen den „Israelit" daran/ zu knüpfen, diese zu einer Art Manie sich auswachsende Gewohnheit wird uns — und hoffentlich auch den Leitern der Rundschau — doch mit der Zeit zu kindisch und zu dumm. Ein Bielgereister. Geben Sie uns ihren Namen an. Anonyme Zuschriften können wir nicht berücksichttgen. lainMennacßrichten. (Unseren Abonnenten steht diese Rubrik kostenlos zur Verfügung. Nichtabonnenten haben für die Aufnahme jeder Notiz eine Gebühr von 1 Mk., die gleichzeitig einzusenden ist, zu entrichten. Die Sendungen müssen rmmer spätestens am Mittwoch, Vormittag vor dem Erscheinen der jeweiligen Nummer in unseren Händen sein.) Verlob t: Emilie L oew mit Heinrich Levy, Haßloch- Homburg (Pfalz). — Johanna Mayer mit TheodorMayer, Oberlustadt-Frankfurt a. M. — Lischen Mansbach mit Cohen, Cöln-Duisburg-Ruhrort. Geburten: Ein Sohn: Belgrad (Springut), Frankfurt a. M. Eine Tochter: Landau (Löb), Frankfurt a. M. Barmlcwohfeiern: Jsaac, Sohn des Herrn M. Silbermann, Frankfurt a. M. (Ostendstraße 31). Verstorben: Ehrmann, 76 I., Frankfurt a. M. — Nathan Offenbacher, 43 I., Fürth u B.