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Der Israelit · 1907-07-11 · Heft 28 (11.7.1907) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 28 (11.7.1907)
Date
1907-07-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 28. Der Israelit. 11. Juli 1907. er nicht verrohen? Krümmt sich nicht auch der Wurm, wenn er getreten wird, und was anders kann in dem Herzen des gedrückten und gequälten Juden leben, als der Durst nach Rache? So hat Shakespeare gedacht, und ich wiederhole es, es hat folgerichtig gedacht. Daß er bei allerlogischen Schärseeare seines Denkens und bei aller Sehergabe des Dichters, uns Juden, die er ja gar nicht kannte, grundfalsch geschildert hat, das kommt daher, weil er eines in Rechnung zu ziehen vergaß: Gott, der seine Hand über uns breitete, und seine Lehre, die ihren veredelnden Einfluß aus uns ausübte. Man betrachtet es mit Recht als eines der größten Wunder der Weltgeschichte, daß wir Juden, so gering an Zahl, verfolgt und bedrängt uns erhalten haben, im Sturm der Zeiten. Ein noch viel größeres Wunder aber ist es, daß wir nicht moralisch verkommen sind. Daß wir Juden blieben, mit weichem, gefühlvollem Herzen, daß uns nicht, wie der Dichter meint, der heiße Wunsch nach Rache sondern innige Liebe zu unseren Mitmenschen, weß Glaubens und weß Volkes sie seien, erfüllt, daß wir nach allem, was christliche Liebe uns in den Jahrhunderten der Verfolgung angetan, uns das edle warmfühlende j ü d i s ch e Herz bewahrt haben, das ist das Werk Gottes, der uns gehütet, der Einfluß seiner Thora, die ihre veredelnde Kraft an uns bewährt hat. Shakespeare, der uns nicht gekannt hat, konnte all das nicht wissen, und wir können ihm keinen Vorwurf daraus machen. Er hat uns Juden geschildert, wie wir hätten sein müssen, Gott Lob! nicht w i ew i r sind. Die Dichtung soll uns ein Spiegelbild des Lebens geben. Shylock zeigt den christlichen Völkern, was sie aus den Juden hätten machen können, und der Anblick dieses jüdischen Zerrbildes erfüllt uns mit Dank gegen die Vorsehung, daß sie uns trotz aller Qualen und Leiden, die wir ausgestanden haben, nicht hat entarten, nicht hat zu Shylocks, sondern zu wahren Juden hat werden lassen, von denen ein Wort unserer Weisen sagt: daß wenn ein Jude nicht gefühlvoll und barmherzig ist, sicherlich seine Ahnen nicht an Sinai gestanden haben! — Und ist Shakespeare nicht auch darin der geschichtlichen Wahrheit treu geblieben, daß im Stücke ebenso wie im Leben es schließlich der I u d e ist, der benachteiligt und um Hab und Gut gebracht wird? Nicht nur wird er um die 3000 Dukaten, die er Antonio geliehen, geprellt, Antonio nimmt auch keinen Anstand, sich die Hälfte von Shylocks Vermögen zuzueignen und diese Uebervorteilung erscheint um so widerlicher, weil sie in heuchlerische Rechtsformen gekleidet ist. Wir sind in der Lage, über Shylocks Angelegenheit das Gutachten eines der ersten Juristen unserer Zeit, des Heidelberger Professors I Hering vorzulegen. „Shylock", sagte er, „wird um sein Volk betrogen. So wenigstens muß der Jurist die Sache ansehen. Der Schein an sich war allerdings nichtig, da er etwas Unsittliches enthielt. Ließ der Richter ihn aber gelten, so war es ein elender Winkelzug, ein kläglicher Rabulistenkniff, dem Manne, dem er einmal das Recht zugestanden hatte, vom lebenden Körper ein Pfund Fleisch auszuschneiden, das hier mit notwendig verbundene Vergießen des Blutes zu versagen." An einer anderen Stelle verherrlicht derselbe Rechtslehrer geradezu Shylock, weil er sein Recht verlangt mit den Worten: „ich fordere das Gesetz, ich stehe hier auf mejnem Schein." „Wie mächtig," sagt er, „wie riesig dehnt sich die Gestalt des schwachen Mannes aus, wenn er diese Worte spricht. Es ist nicht mehr der Jude, der sein Pfund Fleisch verlangt, es ist das Gesetz Venedigs selber, das an die Schranken des Gerichtes pocht, denn sein Recht und das Recht Venedigs sind eins, mit seinem Rechte bricht letzteres zusammen. Und wenn er dann selbst zusammenbricht unter der Wucht des Richterspruches, der durch schnöden Witz sein Recht vereitelt, wer kann sich des Gefühles erwehren, daß mit ihm selbst das Recht Venedigs gebeugt worden ist, daß es nicht der Jude Shylock ist, der von dannen schleicht, sondern die typische Figur der Juden im Mittelalter, jener Paria der Gesellschaft, der vergebens um Recht schreit? Die gewaltige Tragik seines Schicksals beruht nicht darauf, daß ihm einfach das Recht versagt wird, sondern daß er ein Jude des Mittelalters, den Glauben an das Recht bat, — man möchte sagen, daß er sich für ebenso gut hielt, wie ein Christ — und daß dann wie ein Donnerschlag die Katastrophe über ihn hereinbricht, die ihn aus seinem Wahn reißt, und ihn belehrt,daß er nichts ist, als der Jude des Mittelalters, dem man sein Recht gibt, indem man ihn darum betrügt." Soweit die Autorität dieses christlichen Rechtsgelehrten. Wir zeigten, daß es einen jüdisch-historischen Shylock nicht gibt, wohl aber einen christlichen, und daß aus dem christlichen Gläubiger mit Absicht ein jüdischer gemacht worden ist. Wir sahen, was an Shylock jüdisch und was unjüdisch ist, wiesen die Jrrtümer des Dichters nach und erklärten, wie er zu seinen Jrrtümern kam. Möge das Licht der Aufklärung wachsen und die Vorurteile wie Nebel vor der Sonne sich verflüchtigen. Auf daß man endlich erkenne, daß es nicht nur keine Shylocks unter uns gegeben hat, sondern daß es gerade die vom jüdischen Volk aetragene Lehre ist, die die Grundsätze der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit tlnd der Nächstenliebe im Leben betätigt sehen will. Korrespondenzen ei v und Nachrichten. Deutsches Uetrh. Coburg, 3. Juli. Die hiesige Stadtverordneten-Versammlung hat in ihrer jüngsten Sitzung einemMagistratsbeschlusse,das Schächten im städtischen Schlachthofe zu verbieten mit zwölf gegen zwei Stimmen ihre Zustimmung erteilt. Schon vor einem Jahr hatte der Magistrat einen solchen Beschluß gefaßt. Die jüdische Gemeinde wandte sich jedoch damals alsbald an die Regierung und bat um Aufhebung der Maßnahme des Magistrats. Der Minister entsprach diesem Gesuch, indem er in seiner Anweisung für den Magistrat ausführte, „daß abgesehen von der für die Regierung gebotenen Rücksichtnahme auf den israelitischen Kultus und den Bedenken staatsrechtlicher Natur nach dem Gutachten des Landestierarztes das Schächten, wie es im hiesigen Schlachthause geübt wird, als Tierquälerei nicht qualifiziert werden kann und ein polizeiliches Schächtungsverbot deshalb der wesentlichen Rechtsgrundlage ermangeln würde." Ein dem Minister im November 1906 vorgelegter Magiftratsbeschluß, der wiederum auf ein Schächtverbot hinzielte, hatte den gleichen Erfolg. Man darf daher annehmen, daß die neuerliche Aktion der beharrlichen Coburger Schächtgegner ebenfalls ein Fiasko erleben werde. Holland, ömsleiöanier Brief. (Bon unserem Korrespondenten.) Am ft er dam, 3. Juli, kumor in 6a8a. . . Die ganze holländische Judenheit ist in Aufregung, in sofern sie nämlich noch nicht das Phlegma der Holländer angenommen hat und — abgesehen von allem anderen — auch in dieser Hinsicht mehr Holländer, die sich Religion ihrer alten votzuziehen. Und eine nicht ganz kleine Zahl trat auch offen zum Judentume über. Um den jüdischen Satzungen am besten Nachkommen zrl können, bekannt sowohl mit der Messiastdee als auch mit den zionistischen Zielen, entschlossen sich allmählich bis zu 100 Familien dieser Renegaten — sie hatten den bezeichneten jüdischen Beinamen die „Gerim" (— die Fremden) erhalten — nach Palästina abzuwandern. Die jüdische Othodoxie und die Zionisten, so schreibt Felix Theilhaber-München in der „Welt", mag die Tatsache, daß hier einfache Menschen, die sich zum Judenmme schlugen, bald hcrausfanden, daß sie ihr Judentum am besten in Palästina ausleben könnten, intereffieren. Zwei weit wichtigere Punkte aber sind hier zu erörtern, die wissenschaftliches Interesse erheischen. Der erste lautet: Wie eignen sich diese einfachen Bauern zur Besiedelung Palästinas V Der zweite: Werden . und können diese Gerim in der übrigen jüdischen Bevölkerung aufgehen, wmit ein mehr oder minder beachtenswerter Faktor in der Beurteilung des palästinensischen jüdischen Bauernstandes sein? Diese Gerim hätten doch einen festen Stamm einfacher und gesunder Bauern abgeben müssen. Die Juden in den Kolonien ivaren Neulinge in allen ökonomischen Fragen und sind es noch teilweise. Besonders gehen auch den Frauen die einfachsten Erfahrungen ab, die Bauernfrauen von Kind auf besitzen. Die Gerim hätten also den festen Kern abgeben sollen, an dem die Juden Rückhalt bekämen, Erfahrungen hätten absehen können. Trotz dieser rustikanischen Fähigkeiten erlebte man an ihnen das ärgste Fiasko. Selbständig vermochten sie sich im Lande nirgends ansässig zu machen. Die jüdischen Pi Miere hatten das doch wenigstens teilweise bewerkstelligen können. Statt der Eroberung eines neuen Fleckens Erde begnügten fie sich, von der Jca auf jüdischem Gebiete angefiedelt zu werden. In und um Jemma, in Galilaea, zwei Stunden von Liberias und vom Berg Tabor ebenso weit entfernt, gab man ihnen Land. Der Gesundheitszustand der dort angefiedelten Juden ist ein recht günstiger, wenn auch die Malaria in ihren leichten Formen häufig auftritt. Die russischen Bauern aber wiesen bald eine Reihe tödlich verlaufener Malariafälle auf. Dadurch wurden fast alle derartig entmutigt, daß sie das Land verließen. Diese Tatsache ist so intereffant, daß man an ihr nicht ohne den Versuch, sie sich zu erklären, vorübergehen kann. Bekannt ist von den Tropen, daß sich hier die Nordländer nicht recht akklimatifieren können und nach dem dritten Geschlecht aussterben Auch betreff der Deutschen in Palästina stand schon ein ähnlicher Hinweis in „Alt-Neuland". Allerdings können noch andere Gründe mit gespielt haben, wie der Alkoholmißbrauch, dem sich jeder russische Muschik hingtbt und der sicher mit der Zeit die Widerstandfähigkeit gegen jegliche Infektion bedeutend reduziert. Ob mit der Zeit eine stärkere Anpassung hätte erfolgen können, läßt fich an der kleinen Zahl der Zurückgeblieben rückschließend wohl kaum sagen. Die Zähigkeit* der Gerim war jedenfalls nicht so groß wie die der Juden von Chederah, der bekannten jüdischen Sumpfkolonie. Bei dem Dutzend der noch in Palästina weilenden Gerim erübrigt sich die Frage, ob durch sie eine rasche physische Regeneration der Juden und die Vermählung mit dem mütterlichen Grunde erfolgen würde. Im allgemeinen sonderten sich schon auf den Auswanderern-Schiffen die Palästiuafahrer, die Juden aus Nord- und Südrußland, aus Galizien, der Bukowina wie Rumänien — sie bildeten ein Ganzes. Und auch in Palästina lebten und leben die Gerim für sich. Heute allerdings besucht ihre Jugend die jüdischen Dorfschulen und lernt Hebräisch und beherrscht den Jargon. Die erwachsenen Töchter werden meist Dienstmädchen. Alle sind fromm und leben nach den jüdischen Satzungen. Wenn auch ihre Kolonisationstätigkeit Schiffbruch erlitt und ihre Bedeutung für das große Ganze geschwunden ist, so kann vielleicht doch ihr eigener Entwicklungsgang uns noch die eine oder andere Ueberaschung bringen und die Wissenschaft um einige interessante Daten bereichern. (Antike Münzen.) Eine anscheinend der Zeit König Salomons entstammende Silbermünze wurde von einem Eingeborenen in den großen Zimbabje-Ruinen im Maschonaland gefunden und befindet sich nunmehr im Besitze des Herrn Dr. Robinson in Humansdorp in der Kapkolonie. Die hebräische Inschrift lautet auf der einen Seite „Das heilige Jerusalem" und zeigt darunter den Zweig eines Feigenbaumes. Auf der Reversseite steht „Schekel Israels" und darunter ein Weihrauchfaß. Dieser Fund scheint die Behauptung einiger Forschungsreisender zu bestätigen, daß diese geheimnisvollen, meist in Ruinen liegenden Bauten (Zimbabjes) von den Phöniziern und Juden errichtet wurden und daß dieser Teil Rhodesiens das Goldland Ophir des alten Testamentes ist. Wieder zu haben -Sarnrneirnappen znm Aufbewahren der Israelit-Nummer» gegen Einfendnng von Mark 1.—, zuzüglich Porto. »MM

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