Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1907)
- Date
- 1907-07-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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11. Jan iso?. __ zuhalten. Was galt dem Oderrat, wenn es sich um die Macht und den Sieg der Reformpartei handelte, das sonst so von ihm verhimmelte Prinzip des Durchunddurch-Badensertums, das w i r — wie gesagt — nicht kennen! Die allerbadischste Behörde hat das badische Landeskind, den im b a d i s ch e n Staatsdienst ergrauten Dr. Löwenstein, den Sohn und Nachfolger eines badischen Rabbiners hintangesetzt und statt seiner Sprösslinge Hessen-Nassaus, Preußisch- Polens, ja sogar des Magyarentums an die Spitze der badischen Religionsgemeinschaft gestellt. Dr. Löwenstein war eben kein Reformer und konnte deshalb kein neues Gebetbuch allerradikalster Observanz verfassen helfen und deshalb schon mußte man ihn sich vom Halse halten. Offen verkünden allerwegs wollte und konnte der Oberrat diesen für jeden halbwegs Sehenden offenkundigen Zusammenhang der Dinge nicht, und deswegen hat er durch seinen sx ritus rector, Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer, der erstaunten badischen Welt das Dunkel der Rätselfrage, warum dem unstreitig so verdienten Dr. Löwenstein eine Aschenbrödelrolle unter seinen Amtsgenoffen zugewiesen wurde, in seiner Weise erhellt. Da der Wille und die Verordnungen des göttlichen Gesetzes und der Wille und die Verordnungen der oberrätlichen Machthaber sich vielfach widersprechen, so war es ja ein leichtes, was Gehorsam gegen die einigen Satzungen desJudentums war,alsVerstoßaegen die Landessynaaoae zu brandmarken. Man brauchte ja nur Absicht und unwillkürliche Folge, Ursache und ungewollte Wirkung zu vertauschen und das dialekttsche Meisterstück war gelungen und konnte auf Kostender Steuerzahler in hunderten voll Exemplaren vervielfältigt, im Lande die Mär von der Schlechtigkeit des Dr. Löwenstein und der engelreinen Güte des badischen Oberrats erzählen. (Fortsetzung folgt.) Die Anfänge des Kapitalismus bei den abendländischen Duden. In dem Wirtschaftsleben des Mittelalters haben fast in ganz Europa die Juden eine wichtige Rolle gespielt. Da erhebt sich von selbst die Frage: „Woher stammen die Kapitalien, deren Besitz den Juden diese Rolle ermöglicht?" Diese Frage hat bisher eine genügende Antwort nicht gefunden. S o m b a r t, der modernste unter den bürgerlichen Nationalökonomen, stellt folgende Hypothese auf: „Wahrscheinlich ist, daß von den wohlhabenden Juden, denen wir überall im späterenRömer- ■_D« JSraütt._ reich begegnen, ein beträchtlicher Teil den Besitz an Gold, Schmucksachen und kostbaren Geräten aus der versinkenden Alten Welt herüberrettete in das Mittelalter."*) In einer jüngst erschienen Schrift „Anfänge des Kapitalismus bei den abendländischeu Juden" (Verlag von Wilhelm Braumüller, Wien) setzt sich Ignaz Schipper mit dieser Frage eingehend auseinander. Er unterzieht die Sombart'sche Theorie einer genauen Prüfung und kommt zu wesentlich anderen Ergebnissen. Sie liegen im Schlußkapitel der Broschüre vor und find interessant genug, um ihre unverkürzte Wiedergabe zu rechtfertigen. „Nachdem wir die Wirtschaftsweise der Juden im ftÄheren Mittelalter betrachtet haben, wollen wir uns zuletzt noch einige Bemerkungen über die jüdischen Wirtschastssubjekte selbst erlauben. Me ist es zu erklären, daß die abendländischen Juden in der ersten Hälfte des Mittelalters einen kräftigen Handelsstand gebildet und sich als Mrtschaftsgruppe scharf von ihrer Umgebung unterschieden haben? Denjenigen Raffencheoretikern, für welche die Rasse nicht am Ende, sondern am Anfang der Entwicklung steht, fällt es leicht, eine Antwort darauf zu geben. Es genügt ihnen, auf die Veranlagungen der jüdischen Raffe hinzuweisen und bald findet sich für den „spezifisch Wischen Handelsgeist" eine Erklärung in dem „zähen, durch nichts von seinem Ziele abzübringenden Willen der Juden", in ihrem „Eigennutz", in der Abstrakten Denkart" usw. Begnügt man sich mit einer ähnlichen Ansicht^ so erscheint uns die jüdische Leidensgeschichte, die ja in einem mehr oder weniger starken Maße die- Folge der wirtschaftlichen Absonderung der Juden ist, als eine eigentümliche Schicksalstragödie. In dem Augenblick aber, wo man das raffentheoretische Dogma von der Vorherbestimmung ablehnt und darin übereinstimmt, daß die Handlungen der Menschen mehr von den Vorgängen, in deren Mitte sie sich befinden, als von den Eigenheiten jedes einzelnen abhängen, müssen in erster Reche jene äußeren Erscheinungen ins Auge gefaßt werden, welche auf den jüdischen Geist eingewirkt haben. Auf diesem Wege kann eine genügende Erklärung für die rasche Entfaltung des Erwerbsbetriebes bei den Juden, auch ohne Heranziehung eines Raffenprinzips erlangt werden. In Folgendem wollen wir kurz unsere Ansicht zusammenfaffen. Im Römer reiche bildeten die Juden — wie wir an anderer Stelle bewiesen zu haben glauben — keine von der übrigen Bevölkerung wirtschaftlich geschiedene Klaffe. Eine besondere Hin- *) W. Sombart, Der moderne Kapitalismus!, p. 270- _ Seite B. Ar. 28 neigung der Juden zum Geldgeschäft ist nirgends im Attertum wahrzunehmen. Der „spezifisch jüdische Handelsgeist" war durchaus nicht das alleinige Eigentum der Juden. In noch stärkerem Maße entfaltete er sich unzweifelhaft auch bei den Griechen und den angeblich nur für Kriegskunst begabten Römern. Die Zerstörung Karthagos und Korinths war wohl nur die Folge des Konkurrenzneides römischer Kaufleute. Mochten auch die Juden in der in den letzten eahrhunderten des Bestehens des römischen mperiums entwickelten Geldwirtschaft großgezogen worden sein, so kann dennoch diese ihre Kenntnis der antiken Wirtschaftsweise als das wichtigste Moment, welches die Juden für die Funktton eines höheren Wirtschaftstyvus inmitten der primitiven Naturalwirtschaft des früheren Mittelalters prädestinierte, schwerlich angeführt werden. Im Gegenteil, die wirtschaftliche Betätigung der Juden in dem frühesten Mittelalter ist als keine von der Beschäftigung der übrigen Bevölkerung wesentlich verschiedene aufzufassen. Allem Anscheine nach . verbreiteten die abendländischen Juden in der begonnenen neuen Aera die Errungenschaften der römischen Kultur vielmehr auf dem Gebiete des Ackerbaues als des Verkehres, der ja nach der Völkerwanderung für lange Zeit versandet war. - Wir werden wohl nicht zu weit gehen, wenn wir den angesehenen jüdischen Grundbesitzern in Südspanien, deren Einfluß auf die Bevölkerung so groß war, daß sich dieselbe von ihnen ihre Felo fruchte einsegnen zu lassen pflegte (vgl. Grätz V3, 57), oder den im VI. Jahrhundert vorhandenen jüdischen Großgrundbesitzern in der Lombardei, die auf ihren Aeckern viele Sklaven und christliche Hörige beschäftigten, einen gewichtigen Anteil an der Bereinigung jener disparaten Elemente zusprechen, wie sie die primitive wirtschaftliche Kultur der Kelten und Germanen einerseits und die Ueberlieferung der hohen wirtschaftlichen Kultur des ausgehenden römischen Reiches anderseits gewesen. Neben den weltlichen und geistlichen Großen dürften in ersterer Zeit auch die keineswegs seltenen jüdischen Großgrundbesitzer an der Bildung der Fronhofwirtschaft, die eine zum Teil veränderte Form der römischen Oikenwirtschaft war, mitgewirkt haben. Infolge des vollzogenen Assimilierungsprozeffes zwischen den christlichen Römern und den christlich gewordenen Germanen aus der Stellung der ehemaligen oivvs Romani tu die Lage der Volksfremden herabgedrückt, wurden die von Grund und Boden losgetrennten Juden zu einem fluktuierenden Element inmitten von festanaeseffenen, agrikolen Völkerschaften. Es war also eirte natürliche Folge der Umstände, daß sich die das ihm zukommt, für sein Glück, und endlich stellt fich heraus, daß es sein Unheil warumgekehrt widerfährt ist dem Menschen ein Leid, wenn auch noch so groß, und doch kann Gott es ihm zu seinem Besten so gefügt haben. Zwar ist eS gerade die Lehre des Judentums by todw md njnn by yyhb dih iw (T"3 rVDTD) „der Mensch ist verpflichtet, für die unangenehmen Ereignisse ebenso Gott zu preisen, wie für die angenehmen; aber ohne unseren Glaubensgenossen im jl ccioent zu nahe zu treten zu wollen, wie gering ist die Zahl derer, die mit ganzem Herzen diese Pflicht erfüllen. In der ersten r)3tWD des vierten der so vielgelesenen rVDN p"ID steht der schöne Satz: nDWn?TttW INftt p^PD „wer ist reich zu nennen? der zufrieden ist mit seinem Anteil"- aber wie gering ist dennoch leider die Zahl unserer Glaubensgenossen, die mit ihrem Anteil zufrieden find?! Es ist eine Charaktereigenschaft der meisten stets zu klagen und auf das i ermetntlich bessere Los anderer sehnsüchtige Blicke zu werfen. Charatteristisch ist, daß man gar zu sagen pflegt: „Man kann dem Juden keinen größeren Aerger bereiten, als indem man ihm seinm Gefallen tat" Zufriedenheit, Zufriedenheit, die ist es, die so häufig mangelt. Man ficht nur die Lichtseiten des anderen Berufes und nur die Schattenseiten des eigenm. Der Kmifmann will seinm Sohn nicht gern Kauft ann werden lassm, denn dieser Beruf sei zu sehr dem Zufall auSgesetzt: vielmehr sollte sein Sohn Handwerker werden, denn Handwerk habe immer einm goldmen Boden. Der Handwerker wiederum klagt, daß allevon dm Fabrikm produziert werde und wünscht deshalb, daß sein Schn im Handel oder in einem anderen Berufssän Mück versuche. Der Arzt empfindet es als WM MWM WS dem Bett «UpMt Mwvkdm und hmtzutage der an genießt, und empfiehlt feinem Sohn, dm är.Lichen Beruf. So ist niemand recht zufrieden jeder wünscht fich etwas anderes, und hätte er diesen anderen Beruf eingetauscht, so würde er bald erkennen, daß er auch darin nicht ganz glücklich sein könne. Hiermit im Zusammenhang steht, daß die meisten unserer Glaubensgenossen, wenn man nach ihrem Ergehen stagt, über schlechte Zeiten klagm. Bei einiger Untersuchung würde man merken, daß auch die Bäter und Großväter schon dieselbe Klage hattm. Haben wir gar Anlaß zur Freude, bann vollends könnm wir uns oft nicht fassen, nicht beherrschen, werben stolz, übermütig oder leichtsinnig. Da ist der Orientale ganz anders. Er steht der Freude wie dem Schmerz mit Gleichmut mtgegm. Wir lassen uns. vom Unglück niederbeugm und von einem Schme z das Leben verbittem, werdm durch Ungemach zu Pessimistm, dort wo der Orientale sagt „Mcchlisch" =_ „es schadet nichts". Und mag hundertmal Fortuna rufen „Mahfisch" - „es gibt nichts", lächelndm Antlitzes übertvnt der Genügsame des Schicksals „Mahfisch" mtt einem „Mahlisch, Mahlisch", „es schabet nichts, es schadet nichts". Und bestimmt der Himmel, daß er, der Reiche, fein ganzes Vermögen verliere, so verliert er deshalb doch noch nicht seinen Frohmnt, und so wie wir Juden selbst bei schmerzlichen Ereignissen sagen sollen und zum Teil wohl auch sagen ri318^ IT DJ, so sagt stets in solchen Fällen der Mann des Orients: „So mußte es kommen", „so war es geschrieben", „allah akbar": „Gott ist groß!" Selbst der Sterbende verrichtet noch ruhig sein Gebet und seine Waschungm, spricht „allah kertm" — „Gott ist barmherzig", und geht dahin in Frohmut und Frieden, ähnlich wie der fromme Jude mtt TOM aus dm Ltptzm rmd Freude und Friede im Herzen H«zm Palmen und Sykomorm, kleine Dörfer, schlanke Mirmret^ einer Moschee, eine -einsame Pyramide zeigen fich unft«u Blicken, Störche und FlamingcS beleben die Ufer drS Stromes. Doch was wäre dies alles, wem» nicht auch Menschen dort zu finden wärm, Menschen, so herzensgitt und lieb, daß wir mit Freudm fie Brüder nennen. Wem in fremdem Lande, in fremdem Erdteil aus wilbftemüer Mmschm Mund der Ruf „Salem Aleikum", ..Friede sei mtt mch", an unser Ohr dringt, kann da dieser Ruf etwas anderes auslöfm als Freude und Liebe?! Läßt dieser Ruf „Salem Aleikum" nicht in uns das Gefühl auflommm, daß wir hier in fremdem Lande nicht fremd find, daß wir hier vielmehr daheim find, daß dieser Mann da, der uns Friedm bietet, unser Bruder ist, daß alle Mmschm Kinder Gottes find?! ES bereitet hohm Geruch, diese Mmschm zu sehm und fie sprechen zu hörmsie lachen nicht io viel, sondern find ernster und ihr Sttevm nach Gold ist nicht so groß wie man eS in Europa findet. Im Innern des HerzenS jedch find fie ftohm Sinnes, denn sie verbringen ihre Tage in trautem Glück und inniger Zufriedenheit. O, könnten doch auch wir jmm Reichtum erringen, der in dem p^pn nDW/ in dem „Zusriedmsein mtt seinem Anteil" liegt! Wozu auf das Glück anderer eifersüchtig sein? Wahrlich, jeder hat seine Last zu tragen, mancher sein Päckchm und mancher seinen Packen. Möge jeder dem Orientalen gleich mit dem Stand zufrieden sein, den ihm Gott gegebm. Freilich müffm wir alle vorwärts streben, doch in dem uns angewiesenen Kreise sollm wir unS dann auch glücklich fühlen. Der Himmel gab jedem Mmschm besondere Neigungen und Anlagm, sodaß mancher mit Freude gar das Schwierigste erwählt und so seinm Mitmmschm zum Helle gereicht. In seiner Art «der Bäcker soviel wert am d« Astremm», und eS gibt Wille, -aß er noch weit wichtiaer ist. Nicht der Loko-