Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1907)
- Date
- 1907-07-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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WMWW euilleton. Erzählung von Babettc Fried in Prag. „Hör' Mädel, ich fahr, nach Wien zur Weltausstellung." So rief ein junges, etwa achtzehnjähriges sehr hübsches Mädchen ihrer gleichaltrigen Genossin zu, welche mit einer Handarbeit beschäftigt auf einer aus Rasen errichteten Bank vor ihrer Haustüre saß. „Ich fahre nach Wien, fahr'mit, Moosrösel!" Die Angeredete rief freudig aus: „Wie, Du fährst wirklich, Else? Wie glücklich Du bist und wie ich mich Deines Glückes freue." „Ohne mich zu beneiden?" warf Else ein. „Neid ist ein mir gänzlich fremdes Gefühl, das ich niemals kennen gelernt habe; am allerwenigsten aber würde ich Neid Dir gegenüber, meiner besten Freundin, empfinden. Aber sprich, wie ist dies so plötzlich gekommen, gestern war noch keine Rede davon?" „Die Rede davon war schon die ganze Zeit, aber glaubst Du denn, ich würde ein bevorstehendes Ereignis in die Welt hinausposaunen, noch ehe die Sache klipp und klar geordnet ist, damit ich dann unsterblich blamiert oastehe, wenn nichts daraus würde?" „Das nennst Du in die Welt Hinausposaunen, wenn Du es mir anvertraut hättest. Du Falsche? Ich habe vor Dir kein Geheimnis,- nicht nur meine Erlebnisse, sondern auch meine innersten Gedanken, ja sogar meine Träume vertraue ich Dir an, und Du hast so wenig Vertrauen in meine Verschwiegenheit und Teilnahme? Das schmerzt mich mehr als ich es Dir sagen kann-" „Aber sei doch nicht immer so sentimental, Moosrösel. Wenn es Dich auch ganz gut kleidet, so ist es doch fürs praktische Leben unverwendbar. Schau mich an! Ich habe ganz meines Papas Natur, darum bin ich auch sein Liebling und fahre mit ihm zur Eröffnung der Ausstellung nach Wien " „Also nur zur Eröffnung?" rief Rosa enttäuscht aus, „ich glaubte zu längerem Aufenthalte." „Jetzt hätte i ch Grund, beleidigt zu sein," sagte ElA „da Du Dich augenscheinlich auf meine längere Abwesenheit freust, mich offenbarlos sein wolltest,- doch tröste Dich, Kind, diese Freude bleibt Dir unbenommen, denn nach, den Vorbereitungen, die wir zu dieser Reise machen, dürfte ich einige Wochen, vielleicht Monate, ausbteiben, und übermorgen fahre ich schon." „So bald? Hast Du denn Deine Toilette schon in Ordnung?" „Der Reiseanzug ist schon längst vorbereitet," antwortete Else, „und was die anderen Toiletten betrifft, werden diese teils in Wien ferttg gekauft, teils dort in Arbeit gegeben, denn in Kleidern, wie sie unsere Schneider hier verfertigen, kann ich doch in einem so seinen Hause und in den großen Gesellschaften, wo ich jetzt verkehren werde, nicht auftreten." „Ei, zu wem fährst Du eigentlich, hast Du denn so noble Verwandte in Wien? Daß Du niemals von ihnen gesprochen hast? Das wundert mich." „Du hast mir vorhin Mangel an Vertrauen vorgeworsen, doch mit Unrecht, wie ich Dich gleich überzeugen werde. Papa wünscht zwar nicht, daß davon gesprochen wird, doch ich erzähle es Dir trotzdem. Ich fahre nämlich nicht zu Verwandten von uns, wie man es hier glauben wird, sondern Papas Bankier, der seine Geldgeschäfte besorgt, hat uns eingeladen, einige Sommermonate in seinem Hause zu verbringen, um das Leben in der Großstadt und in der vornehmen Gesellschaft so recht kennen zu lernen und gleichzeitig die Wunder der Weltausstellung zu sehen. Weißt Du, die Familie verbringt einen Teil des Sommers gewöhnlich auf Reisen, nur dieses Jahr bleiben sie in Wien, weil es der Ausstellung wegen daselbst so viel zu sehen und u genießen gibt. So viele fremde Fürftlicheiten haben ihren Besuch angesagt, daß sich Frau von Helmstädten bewogen fühlte, auch dazubleiben. Es ist diese Einladung eine hohe Ehre für mich und freue mich außerordentlich darauf." „Wie konntest Du mich einladen, mit Dir nach Wien zu fahren, wenn Du selber der Einladung in ein fremdes Haus folgst?" „Wer wird denn alles so wörtlich nehmen, Moosrösel? Du mußt schon Deinen Idealismus ablegen, Kind, und die Welt mit minder erwartungsvollen Augen betrachten," sagte Else mit überlegener Miene, sonst erlebst Du Enttäuschung über Enttäuschung. Aber korrespondieren werden wir fleißig, nicht wahr? Ich beschreibe Dir alle meine Erlebnisse in Wien, den Eindruck, den alles aus mich macht, und den ich selbst in meiner neuen Umgebung hervorbringe. Du wieder schreibst mir alle hiesigen Neuigkeiten und alles, was man hier über mich und meine Reise spricht. Das ist, glaube ich, Stoff genug zu ausführlichen, umfangreichen Briefenwillst Du?" „Gewiß, gewiß," antwortete Rosa zerstreut. „Also leb' wohl, gute Nacht, laß Dir was schönes träumen, ich komme morgen noch auf einen Sprung hierher, um Abschied zu nehmen." Und fort, wie vom Winde entführt, flatterte sie davon. Rosa war zurückgeblieben, ohne wie sonst der Freundin das Geleite zu geben. Das soeben mit dieser geführte Gespräch hatte einen Sturm der widersprechendsten Gefühle in der Seele des jungen Mädchens entfesselt. Eine unsagbare Bitterkeit war in ihr aufgesttegen. Sollte es der Neid sein, der sich trotz ihrer gegenteiligen Versicherung der Seele des jungen Mädchens bemächtigt hatte? Neid wohl nicht, aber das stürmische Verlangen, auch des Glückes teilhaftig zu werden, Wien und die Weltausstellung, von der so viel gesprochen und geschrieben wurde, mit eigenen Augen anzusehen. Jedoch sagte sie sich selbst, daß sie auf dieses Glück verzichten müsse. Ihre Eltern lebten wohl in geordneten Verhältnissen, aber ihnen zuzumuten, daß sie die für diese Verhältnisse enormen Auslagen wie sie eine Reise nach Wien erfordern würde, aufbringen sollten, das war diich undenkbar. Und sie hätte kein solches Opfer von ihnen angenommen, selbst wenn sie es zu bringen gewillt gewesen wären, dazu war sie ja zu bescheiden. Umsonst hieß man sie in der Gemeinde nicht „Das Moosrösel". Wer sie zuerst so benannt, wußte man nicht, von ihrer Kindheit an hieß man sie so, und wirklich paßte dieser Name ganz gut auf sie Jung und frisch und anmutig wie eine Rose, und dabei so bescheiden und anspruchlos, so war sie als Kind gewesen, so war sie ausgewachsen und so geblieben. — Nur leise Seufzer entschlüpften ihr als sie den Unterschied ihres Lebens mit dem ihrer Freundin bedachte. Dann aber schalt sie sich selbst: „Warum soll ich mit dem Geschicke hadern, wenn es mir etwas vorenthält, auf das ich nicht einmal richtigen Anspruch erheben kann? Ex, der gelehrte, im Dienste Gottes ergraute Mann, muß in einer fast untergeordneten Stellung leben, während sich Elses Vater, ein fast unwissender Mensch, als Vorsteher ihm gegenüber, ausbläht, stolz auf seine Würde, die ihm nicht geistiges Uebergewicht verschafft, sondern der Umstand, daß er der reichste Mann der Gemeinde ist und die meisten Gemeindemitglieder seine Schuldner" sind. „Also fort mit den trüben Gedanken," sprach sie zu sich selber, „ich will glücklich sein in der bescheidenen Stellung, die mir Gott der Herr in seiner Weisheit angewiesen, will glücklich sein im Bewußtsein treuer Pflichterfüllung, im Besitze so zärtlicher Eltern, will auf die mir versagten Genüffe der großen Welt gerne verzichten, indem ich eine kleine Welt voll unschuldiger Freuden um mich her errichte, meine Bücher, meine Handarbeiten und Spaziergänge in Gottes freier Natur. Der Wonnemonat bricht an, da ziemt es nicht, traurig zu fein." Der Wille Rosas war gut. Die Ausführung aber nicht gar so leicht. Das durch die zärtlichste Liebe geschärfte Auge von Rosas Mutter fand alsbald die Veränderung heraus, welche im Benehmen und der Stimmung ihres einzigen Kindes eingetreten war. Auf ihre besorgte Frage antwortete Rosa, daß ihr nach ihrer Freundin bange sei, und sie sich seit Elsas Abreise recht vereinsamt fühle. Die Mutter erwiderte nichts darauf, sie erriet aber den wahren Grund von Rosas Verstimmung, denn es war ja allzubegreifiich, daß sich Rosa auch darnach sehnte, das Wunderbare kennen zu lernen, das den einzigen Gesprächsstoff in dem kleinen Städtchen, woselbst sie lebten, bildete — die Wiener Weltausstellung. Als Rosas Eltern in der Abendstunde allein den gewohnten Spaziergang durch die mit jungem Grün bedeckten Gärten und Wiesen machten, erwähnte die Rabbinerin vor ihrem Gatten die Veränderung Rosas und deren Antwort auf ihre Frage. Der Rabbiner entgegnete: „Ich bettachte es für kein Unglück, daß Rosa durch Elses Abreise vereinsamt wurde. Vorstehers Else ist keine paffende Gesellschaft für das Kind, sie ist sehr hochmütig und es bedarf der ganzen Herzensgüte Röschens, daß sie sich nicht oftmals verletzt von ihrer sogenannten Freundin zurückzieht." Die Rabbinerin meinte, schließlich wäre es gut, wenn auch Rose einmal auf einige Zeit in die Welt hinauskäme, aber es wurde weiter nicht davon gesprochen. Das Leben des jungen Mädchens verlies seit Elses Abreise aus die eintönigste Weise. Bon Tag zu Tag harrte sie sehnsüchtig des versprochenen Brieses, doch verging eine geraume Zeit, und derselbe war noch immer nicht gekommen. Der kleine Ort, in welchen! Rabbiner- Hauser wirkte, besaß wohl auch ein Postamt. Da es aber nur mit einer ziemlich entlegenen Bahnstation in Verbindung stand, wurden die angelangten Briefe nur einmal des Tages ausgetragen. Nie zuvor hatte Rosa so erwartungsvoll nach dem Stefansboten ausgelugt wie während dieser Zeit. Sie stand täglich um die vierte Nachmittagsstunde vor dem einzigen Fenster ihres Stübchens, welches die Aussicht bis zu dem Wirtshaus gewährte, woselbst das k. k. Postamt untergebracht war. Da sah sie auch heute das mit braunem Ledertnche bedachte Wägelchen anfahren, welches die Verbindung mit dem Bahnhofe und der Außenwelt vermittelte, sie sah den Postbediensteten aussteigen und die lederne Tasche mit den Brieftn hinein ins Postamt tragen. Es dauerte eine hübsche Weile, bevor der einzige Beamte mit dem Sortieren der Briese fertig wurde. Dann schritt der Briefträger in dem stolzen Bewußtsein seiner Unentbehrlichkeit langsam und gravitätisch von Haus zu Haus, überall Briefe abgebend. Rosas Herz klopfte fest hierbei, als er in das Gäßchen einbog, das zu ihrer Hausttire führte. Eilends lief sie dem Willkommenen entgegen und entriß ihm stürmisch die beiden Briefe, die er für sie in der Hand hatte.