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Der Israelit · 1907-07-04 · Heft 27 (4.7.1907) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 27 (4.7.1907)
Date
1907-07-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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4. IM 19Ö7. WWWWWWWWWWMN ffWWWWWW Der JSraelit. WWWWWW Nr. °37 ■P'f'Wf'T’Wi Seite 11. ' ) der , an;ehen. ufen? t von jalten wohl x ein cheint sein, t des lanch-; vor-! der , und i Be- Perek Lonlkauer i, daß lt ist schna. r auf PV1L stland wegen >aß er Solonzelne ryielt, ute? Ver- Ber Kr ihn as gu getan, ib, ist tion wird ver- K. Sasel. :n der ilichen Achter jierbei ht, ob kes ist, r die konnst für ichteil, Klardes Kaufmanns von Venedig sei /„den Wert" der Freundschaft zu verherrlichenja, ein Schriftsteller nennt das Stück geradezu das Hohelied der Freundschaft. Allein diese Ansicht ist sicherlich verfehlt. Denn als Antonio seinem Freunde das Geld leiht, und ihm zu Liebe den verhängnisvollen Schein unterschreibt, hatte er keine Ahnung davon, daß er sich wirklich einer Gefahr aussetzte. Denn in welchem Lichte müßte uns Bafsanio erscheinen, wenn er leichtsinnig ohne zwingenden Grund seinen Freund in die höchste Not gebacht hätte. Der berühmte Shakespeare-Erklärer Gervinus sucht mit großem Scharfsinn darzutun, daß der Dichter in diesem Stücke das Verhältnis des Menschen zum Gelde habe schildern wollen, auf der einen Seite Männer, die dem Mammon gleichgültig gegenüberstehen, auf der andern Seite in Shylock den Mann, der das Geld zu seinem Götzen macht und dadurch zu Grunde geht. Allein diese Tendenz kann man dem Dichter schon darum nicht unterschieben, weil er gar nicht so übertrieben ideal war, den schnöden Mammon völlig zu. verachten, sondern im Gegenteil ziemlich praktisch in Geldangelegenheiten dachte. So wissen wir, daß er in den Jahren 1603 oder 1604 einen armen Teufel, der in kleinen Quantäten Malz bei ihm gekauft hatte, im Ganzen für 1 Pfund 19 sh 10 p gerichtlich belangen und sogar pfänden ließ. Es bleibt daher am wahrscheinlichsten/ daß die Ansicht derjenigen Erklärer richtig ist, die meinen, Shakespeare habe in seinem Stücke die Wahrheit des Satzes beweisen wollen: „summnm jus summa iniuria" d. h. das strenge Recht führt zu völligem Unrecht. Der Vater der Porzia hat von seinem väterlichen Recht einen allzu strengen Gebrauch gemacht - wie leicht hätte diese Ausübung seines Rechtes der Tochter verhängnisvoll werden können. Andrerseits entzieht^ sich Jessica ihrem Vater. Das Unrecht, das sie tut, meint der Dichter, ist einem solchen Vater gegenüber Recht. Vor allem aber tritt die Tendenz des Stückes in der Gerichtsszene hervor. Formell hat Shylock Recht, doch die Vollziehung des Rechtes, wäre in Wahrheit das höchste Unrecht. Der Dichter stellt demnach dem Prinzip der Gerechtigkeit dasjenige der Billigkeit gegenüber, und der Kern seiner Ausführungen gipfelt in Porzias Lobpreis der Gnade als des Höchsten und Edelsten, das Menschenherzen bewegt. Er will, wie die Erklärer sich kurz ausdrücken, der „Formenstrenge und Buchstabentreue des Judentums", das „christliche Prinzip der Milde und der Barmherzigkeit" gegenüberstellen. Wie bitter Unrecht uns der Dichter mit dieser Tendenz, wenn sie ihm wirklich vor Augen schwebte, tut, brauche ich wohl nicht zu sagen. Woher stammt denn das Prinzip der Gnade und der Barmherzigkeit, wenn nicht aus den Schriften unserer Lehre, die Gott anrufen als barmherzig imb gnädig, reich an Huld und Treue, die von Gott sagen, daß er nicht will den Tod, sondern die Besserung und Veredelung des Sünders? Endlich tat uns der Dichter Unrecht, indem er Shylock als Wucherer hinstellte und den wichtigen Umstand anzuführen vergaß, der ihm selbst vielleicht unbekannt war, daß man die Juden im Mittelalter zum Wuchern gezwungen hat. Man nahm ihnen das Recht, den Erdboden zu bearbeiten, sie durften Häuser und Ländereien nicht besitzen, man machte ihnen die Ausübung des Handwerks unmöglich} denn die Zünfte nahmen sie nicht auf, und so blieb ihnen nur der Kleinhandel, das Hausieren und der Wucher. Im ganzen Orient hört man nichts von jüdischem Wucher, im Abendland jedoch war durch das kanonische Recht den Christen das Zinsnehmen gänzlich verboten, utb nur den Juden wurde es gestattet, lieber liefen Punkt läßt sich manches sagen. Nicht nur Juden haben gewuchert, sondern auch Christen, elbst Bischöfe, Presbyter, Diakonen wurden von len Kirchenvätern, von den ersten Concilien und Synoden des Wuchers bezichtigt. Auf dem Loncil von Nicaea wurde der Wucher gerügt und 100 Jahre später verhängte Papst Leo über -geistliche Wucherer die härteste Strafen. Zu Karls des Großen Zeiten tadelte der Papst die französische Geistlichkeit wegen des Wuchers, und als Bernhard von Clairvaux während des 2 ten Kreuzzugs von beit Verfolgungen der Juden abmahnte, begründete er es damit, daß, wenn die Juden nicht da wären, die christlichen Wucherer es noch übler als die Juden machen würden. Ja, man kann noch weiter gehen und sagen, nicht die Juden haben die Chttflen ausgesogen, sondern das Umgekehrte ist geschehen, die Juden waren der Gegenstand der Ausplünderung, der Beraubung, sie sind in Folge ihrer Rechtlosigkeit von den hohen und niederen Behörden ausgebeutet worden. Ein bedeutender objektiver Geschichtsschreiber sagt hierüber: Wie haben der Kaiser und die niederen Machthaber rücksichtslos und in empörender Weise die Juden bedrückt und ausgenutzt. Nicht nur bezogen sie die Judensteuern, die sie nach Belieben erhöhten, sondern sie betrachteten sich auch durchaus als Eigentümer des baren Vermögens der Juden und ihrer ausstehenden Forderungen, als wäre die Juden vermögensrechtlich völlig ihre Sklaven und ohne den Beitritt jener vertragsunsähig. Ja, sie ließen sich von . den Darlehen der Juden entsprechend der Größe derselben bestimmte Abgaben entrichten. Bon 100 Beispielen die man anführen könnte, will ich nur eines herausgreifen. Kaiser Wenzel erläßt im Jahre 1385—90 in mehreren Urkunden JMrMästniglich im Lande Franken und im Lande Schwaben alle Judenschulden - in einem besonderen Erlasse werden dann speziell die Städte Rotenburg, Windsheim, Schweinsurt, Weißenburg, natürlich gegen erkleckliche Zahlungen an die kaiserliche Kasse ihrer Judenschulden ledig gesprochen. Also dafür, daß man dem Kaiser eine gewisse Summe gab, erhielt man das Recht, seine jüdischen Gläubiger um ihr Geld zu prellen, um Zinsen und Kapital, das man von ihnen geliehen hatte. Wer war da der Ausbeuter und wer der Bewucherte? Wahrlich, jener Schriftsteller hat Recht, der sagt, die Fürsten betrachteten im Mittelalter die Juden wie einen Schwamm, den man sich vollfaugen läßt, um ihn gelegentlich nach Belieben auszupressen. Jedoch abgesehen von diesen Jrrtümern, behaupte ich nochmals, daß Shakespeare die Juden nicht richtig, aber folgerichtig geschildert hat. Shakesp kannte uns Inden nicht, wohl aber wußte er von dem Druck und dem Elend, das wir litten, wie man uns hetzte und jagte von Stadt zu Stadt, von Land zu Landwie man uns verhöhnte und verspottetewie man uns beleidigte und beschimpfte und gegen die Tiere barmherziger war als gegen uns Juden. Nienrand hat wie er — und hierin liegt für uns Juden der Wert des Stückes — das namenlose Leid geschildert, das wir Juden erduldet haben. Denken wir an die ergreifenden Worte Shylocks, als Antonio ihn um das Darlehen angeht. „Signor Antonio, viel und oftmals habt Ihr auf dem Rialto mich geschmäht, um meine Gelder und um meine Zinsen. — Stets trug ich's mit einem geduldigen Achselzucken, denn dulden ist das Erbteil unseres Stammes. Ihr scheltet mich ungläubig, einen Bluthund, und speit auf meinen jüdischen Rockelor, bloß weil ich nutze, was mein eigen ist. Gut denn, nun zeigt es sich, daß Ihr mich braucht. Da habt Jhr's- Jhr kommt zu mir und sprecht: „Shylock, wir wünschen Gelder." So sprecht Ihr, die mir den Auswurf auf den Bart geleert und mich getreten, wie Ihr von der Schwelle den fremden Hund stoßt- Geld ist Euer Begehren. Wie sollt' ich sprechen nun? Sollt' ich nicht sprechen: „Hat ein Hund Geld? Jst's möglich, daß ein Spitz dreitausend Dukaten lechen kann?" oder soll ich mich bücken und in eines Knechtes Ton, demütig wispernd, mit verhaltnem Odem, so sprechen: „Schöner Herr, am letzten Mittwoch spiet Ihr mich an- Ihr tratet mich den Tag, ein andermal hießt Ihr mich einen Hund. Für diese Höflichkeiten, will ich Euch die und die Gelder leihen?" Und hat jemals ein Dichter gewaltiger und erschütternder das Weh geschildert, das das Herz des Juden wegen seiner Paria- Stellung erfüllt, als es Shakespeare getan, indem er Shylock auf die Frage: was willst Du mit dem Fleifche? antworten läßt: ^Fische angeln. Sättigt es sonst Niemanden, so sättigt es doch meine Rache. Er hat mich beschimpft, meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein- Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Gründe gehabt. Ich bin ein Jude. Hat ein Jude nicht Augen? Hat ein Jude nicht Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet, von eben dem Winter und Sommer, wie ein Christ? Wenn Ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn Ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn Ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? und wenn Ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, i was ist seine Nächstenliebe? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nun, Rache. Die Bosheit, die Ihr mich lehrt, die will ich ausüben, und es muß schlimm hergehen, oder ich will es meinen Meistern zuvortun."(Schluß folgt.) üchrrscha« Die moderne Entmichlungsfheorie in 9er jü9ischen HJiflenldiafi.*) Bon Dr. Julius Möller in Altona. So unangenehm es auch manchen unserer modernen Juden sein mag, denen das Judentum ein lästiges Anhängsel ist und die es deshalb sehr gern als ein quantite negligeable eingeschätzt sehen möchten, so kann es doch niemandem, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, verborgen bleiben, daß dieses alte ,antiquierte" Judentum immer wieder nach einer kurzen Stille das Interesse der Intelligenz drr Menschheit leidenschaftlich erregt, meistens zu feindlicher Reaktion, oft auch zu ungewollter Anerkennung seiner Kulturwerte. Erinnern wir uns kurz des Hasses, mit dem Schopenhauer uns beehrte! Noch haben wir uns nicht erholt von dem Staunen, mit dem der Rassenfanatiker Chamberlain uns erfüllte ob seiner Unkenntnis jüdischen Wesens, das doch einen so gewaltigen Einfluß auf die Gestaltung des 19. Jahrhunderts gehabt. Noch klingen in unseren Ohren die Tiraden eines Friedrich Delitzsch, der den Nimbus des auserwählten Volkes gründlich "zerstört zu haben glaubte, und immer und immer wieder erinnern uns' die rot schimmernden „Welträtsel", die die Läden der Buchhändler zieren, an den Bernichtungskampf, den Häckel und sein Adepten gegen unsere Weltauffassung unermüdlich führen. Nun, die rote Farbe schreckt den bewußten Juden nicht und die Lebenswunder find uns keine blauen Wunder. Sit venia verbo! Aber wie groß ist die Zahl der Bewußten? Wie viele scheuen nicht vor der roten Farbe und halten die Schanze der Pofitiven für einen verlorenen Posten! Und fiehe, da tritt ein christlicher Gelehrter auf den Plan und schwingt die Waffen scharf und schneidig für unser heiliges Gut. Wieder horcht die Welt: Wer siegt? Wieder unentschieden. Aber wer dem Klang der Waffen genauer horchte, merkte den Rost an der Klinge. Es war eben keine jüdische Waffe, die geschwungen wurde, sondern eine schlecht nachgeahmte, schon angerostet im Laufe der Zeit. Tauroh, wirtlich tiefstes Eindringen in den göttlichen Geist unserer Ueberlieferung hat man noch nie bei Nichtjuden gefunden. Herr Dr. Josef Wohlgemuth hat schon in längerer Artikelserie unsere prinzipielle Stellungnahme zu diesen Fragen beleuchtet und mit vielem Geschick zeigen können, wie viel schärfer unsere Waffen find. Aber nur einen flüchtigen Blick hat er in unser Arsenal werfen lassen — vielleicht aus derselben Scheu heraus, die unsere Ahnen die tiefen Gedanken der Kabalah Über Schöpfung und Weltführung stets vor der großen Menge verbergen ließ. Heute aber, meine ich, dürfen wir und müssen wir etwas weiter gehen. Heute, wo die Fragen der Ewigkeit auf der Gaffe verhandelt werden, heute, wo jeder Labenjüngling über die Schöpfungsgeschichte und die Welträtsel philosophiert und seinen seichten Spott über Märchen dex *) Bortrag von Abron Marcus. Verlag S. Marcus» Hamburg, Grindelaller. ndenz

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