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Der Israelit · 1907-07-04 · Heft 27 (4.7.1907) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 27 (4.7.1907)
Date
1907-07-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Nr. 27. Der JSraeltt. mmmm. 4. Juli 1807. Väterlichen Rat für Erhaltung der Gesundheit ' und Kräftigung derselben und werden nicht müde, eine Schwächung des Organismus für das gröste Verbrechen hinzustellen. Sie werden darin von /keinem staatlichen Gesundheitsamt so leicht übertroffen werden können. Ist es denkbar, daß sie einer Maßnahme wie der des gemeinsamen Fastens je ihre Zustimmung gegeben, wenn sie nicht eine Schädigung der Volkskraft und Lebensenergie für ausgeschlossen hielten? In der Tat beweist die moderne Wissenschaft, wie hoch die Diät im Heilverfahren anzuschlagen ist. Gar viele Krankheiten sind gar nicht anders zu bekämpfen als durch intensive Diät. Vollends ist das bei Erkrankungen des Magens der Fall! Nicht voll dem wird der Magen krank, was man ihm entzieht, sondern zumeist von dem, was man ihm bietet. So hat unsere Zeit die Abstinenzler und Temperenzlervereine geschaffen, die an Zahl und Bedeutung immer mehr zunehmen. Wird man da ernstlich behaupten wollen, ein eintägiges Fasten, fünfmal im ganzen Jahre, könnte gesundheitsschädliche Folgen zeitigen? Freilich, nicht alle Menschen sind gleich stark und gleich kräftig, und nicht zu allen Zeiten erfreut man man sich des gleichen Wohlbefindens. Aber es sind auch im jüdischen Reliionskodex die Modalitäten genau estimmt, unter denen eine Dispens vom Fasten stattfindet, ja ein freiwilliges Fasten verwerflich erscheint. Wer zur geeigneten Zeit von diesen Bestimmungen Gebrauch macht, wem es innerlich leid tut, in der Notlage nicht anders handeln zu können, der darf sicher sein, daß ihm der gute Wille wie vollendete Tat angerechnet werden denn 'yn Gott null nur das gute Herz! Und das ist doch etwas ganz anderes, als wie wenn jemand sich seines Nichtfastens öffentlich rühmt, sich brüstet mit der „Kunst", die Anordnungen der Weisen geflissentlich zu umgehen. Trauriger Mut! Solche Leute begreifen freilich nicht, wie man außer den P fil i ch t - Fasttagen noch Prival-ll'N^yn halten könne, daß es noch Fromme gibt, die jeden tsnn twn yty fasten, ja ofmals wöchentlich, wie am Montag und Donnerstag! Fasten ist eben Mittel zum Zweck, bußfertige Gedanken sind Beweggrund, Besserung des Lebenswandels das Endziel. Dascheint das Opfer, welches man mit einem Fasttage bringt, in der Tat gering. Das freudige Bewußtsein einer wahrhaft mit der ganzen Persönlichkeit vollbrachten guten Handlung überwiegt alle vermeintlichen Beschwerlichkeiten. Für das, was uns lieb und teuer ist, bringt man gerne Opfer. Es gibt daher vielleicht keinen besseren Gradmesser für die Treue gegen daß Gottesgesetz als die tqs rvnyri, die Gemeindefasttage. Ihre Mißachtung dokumentiert am schlagendsten, wie wenig man zu Opfern für die heilige Sache bereit ist. Man begeistert sich ja heute so sehr für Zion, man berauscht* sich am süßen Klang dieses Namens! Nun, ihr Ritter, ist eure Lieb' so heiß, so haltet die DTPjyn, die seit Jahrtausenden der schmerzlichen Erinnerung an Zions Fall gewidmet sind. Vielleicht vollzieht sich noch dieses Wunder vor unfern Augen. Wer P'X wahrhaft liebt, der trauert um seinen Fall am Taanis-Zibbur. Wer an der öffentlichen Trauer innigen Anteil nimmt, der trägt in sich die Gewähr, auch die Freude der Wiederersteh un'g in sich zu fühlen. Die Vorträge de$ Patm Erleb Wasmann in Berlin. Bon Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. (Schluß.) Aber es ist ja der Jesuit Wasmann! Selbst in diesem rein wissenschaftlichen Artikel heißt es: „Mit Wasmann und seiner fadenscheinigen Logik, die er ebenso wie seine unzweifelhaft solidere Ameisen- und Termitenforschung so selbstlos in den Dienst des Jesuitismus stellt, philosophisch fertig zu werden, ist gar nicht so schwer." Und da kommen wir nun auf den zweiten Punkt, auf die Versuche der „Voss. Ztg.", ihr . Vorgehen nachträglich damit zu rechtfertigen, daß es der Jesuiten pater Wasmann gewesen, der diese Vorträge gehalten. „Wenn ein Priester der römischen Kirche und ein Jesuit dazu nach Berlin kommt, um Aufklärung zu verbreiten, das ist etwas Ungewöhnliches und muß die Gemüter erregen. Denn was man von Jesuiten gewohnt ist und zunächst erwartet, das ist das Gegenreil von Aufklärung." Auf diesen Ton sind alle die Artikel gestimmt. Nun bin ich weder befähigt, noch ist es meines Amtes, über das Wesen oder gar über „die Gefährlichkeit" des Jesuitismus ein Urteil abzugeben. Doch möchte ich nur einiges bemerken. Alles, was in den Büchern darüber steht, erscheint mir verdächtig. Der Haß gegen den Jesuitismus wird von den Protestanten mit der Muttermilch eingesogen. Der Jesuit ist eine Spukgestalt, mit der man die großen Kinder schreckt. Graf Hoensbroech ist parteiisch und scheidet daher als Zeuge aus. Der gute Glaube soll ihm nicht abgesprochen werden, aber man weiß ja, wie der Haß den Apostaten verblendet, daß er nur die Schatten sieht und kein Auge für die Lichtseiten hat, die die von ihm verfolgte Institution bietet. Und derartiger Lichtseiten gibt es eine ganze Menge. Um nur eines hervorzuheben : Die Krankenschwestern aus den Orden, die den Jesuiten nahe stehen, sind vielleicht die selbstlosesten, opferfreudigsten und edelsten Pflegerinnen, die irgend eine Genossenschaft aufzuweisen hat. Wenn den Jesuiten aus der Geschichte und aus ihrer Literatur eine Reihe schlimmer Dinge vorgehalten werden, so mögen die Herren Jesuitenfresser vor der eigenen Türe fegen. Man denke nur an die Hexenprozeffe. Karl Adolf Menzel, ein gewissenhafter besonnener und kritischer Forscher, der noch dazu ein gläubiger evangelischer Christ und preußischer Schulrat gewesen, gesteht offen, daß die Gräuel der spanischen Inquisition hinter denen der deutschen Hexenprozeffe Zurückbleiben. „Es muß daran erinnert werden," sagt Karl Jentsch/) „daß nicht bloß die Mordlust und die Grausamkeit bei den Hexenprozessen alles Dagewesene übertraf, sondern daß auch kein heidnisches Volk etwas aufzuweisen hat, das sich an frecher Schamlosigkeit mit der Prozedur des Suchens nach dem Hexenzeichen vergleichen läßt." Und wenn ich nun einmal — wie freilich auch fast alle erbitterten Gegner der Jesuiten — auf ein fremdes Urteil mich stützen muß, dann höre ich doch lieber auf den erwähnten Karl Jentsch, der, trotzdem er Katholik ist, in einer Reihe von Werken als unparteiischer, dogmenfeindlicher, klarer Beurteiler der mannigfachsten Zeit- und Streitfragen sich bewährt. Er schätzt den Protestantismus, nennt Luther „den herrlichen Jüngling, der den Sermon von dör Freiheit eines Christenmenschen in die Welt gesandt hat", aber er tritt den Verunglimpfungen, die die Jesuiten erfahren, trotzdem er kein Freund des Ordens ist, wiederholt und mit aller Energie entgegen.^) Im Uebrigen: Ich befrage auch den gesunden Menschenverstand, und der findet die Vorstellung von der wissenschaftlichen Betätigung der Jesuiten, wie sie sich in den Köpfen der Artikelschreiber malt, lächerlich. Da sitzt eine Verschwörerbande und verteilt die Rollen: Du wirst ein bedeutender Naturforscher, Du ein Historiker, Du ein Apologet usw. Man lese die Jahrgänge der „Stimmen von Maria Laach", da werden ganz wie innerhalb der evangelischen Kirche die theologischen Probleme und ihre Beziehung zu der modernen Weltanschauung in aller Offenheit erörtert, nur freilich entsprechend dem orthodoxen Charakter der katholischen Kirche von einem streng gewahrten Standpunkte einer einheitlichen Auffaffung. Ein anderes ist es um den Einwand, der in den Vorträgen des Grafen Hoensbroech und in ) «Die Zukunft / Band 31, S. 469 ff. Vergl. auch seine „Geschichtsphilofophischen Gedanken" Kap. 18. 5) Vergl. unter vielen den Artikel „Jesuiteymoral", „Die Zukunft", B. 37, S. 87-92. den Artikeln der „Voss. Zig." erhoben wird- Kann dort von einer Freiheit der Wissenschaft die Rede sein, wo der Forscher sich durch die päbftliche Autorität, durch die Bestimmungen einer Anzahl von Bullen, durch die Oberautachten der Provinzialoberen gebunden fühlt? Aber auch hier sieht man wiederum, wie die Gegner sich immer nur an der Oberfläche halten. Die ultramontane Weltanschauung, behauptet Graf Hoensbroech mit Emphase, ist nicht mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen, wohl aber die christliche Weltanschauung. Und er weiß nicht, daß die Frage, wie die Religion gegen die Wissenschaft abzugrenzen ist, eine Grundfrage ist, die alle Religionen berührt, daß nach der Meinung Mancher von wissenschaftlicher Forschung nicht mehr die Rede sein kann, wo der Forscher irgend eine, und sei es die allerallgemeinste Voraussetzung, für unantastbar hält, daß infolgedessen eine Schule innerhalb der evangelischen Kirche Religion und Wissenschaft völlig von einander scheiden wollte. Es ist hier nicht der Ort, dem Problem auf den Grund zu gehen. Nur das sei betont, daß der Unterschied zwischen der protestantisch- und der katholisch-theologischen Forschung nur ein gradueller ist, daß Wasmann das Recht hatte, jedes Eingehen auf die Worte des Grafen Hoensbroech abzulehnen, da er nur Konfessionelles vorgebracht habe, und daß es ebenfalls richtig ist, wenn er in der „Umschau" (a. a. O ) bemerkt: Die Gegner hätten den Nachweis führen müssen, daß er infolge seiner theologischen Gebundenheit zu falschen Resultaten gekommen sei, dieser Nachweis sei aber gar nicht versucht worden. Und nun endlich die letzte „Periode". Der Artikel: „Ein letztes Wort über P. Wasmann" (Nr. 177). Das ist scheinbar der schwerste Schlag: Prof. Hansemann erzählt uns: Er und auch wohl die Mehrzahl der Diskussionsredner haben nicht gewußt, was ihm inzwischen bekannt geworden, nämlich daß derselbe Herr Wasmann im Jahre 1800, also zu einer Zeit, in der er mitten in seinen Ameisenforschungen stand, in den „Stimmen von Maria-Lach" einen Fall plötzlicher Wunderheilung berichtet habe. Er schließt seine heftige Philippika mit den Worten: „Ich erkläre hiermit öffentlich, daß wenn mir diese Tatsache bekannt gewesen wäre, ich nicht mit Herrn Wasmann dikutiert hätte. Ein solcher Mann ist nicht eine wissenschaftliche Diskussion wert, und ich werde mich auch nicht wieder mit ihm in Zukunft auf eine Diskussion einlassen." Wiederum ist es nicht unseres Amtes, zu den von katholischer Seite berichteten Wunderheiluugen Stellung zu nehmen. Wir, die Vertreter des gesetzestreuen Judentums, glauben nur an die in der Bibel berichteten Wunder. Wir sind der Meinung, daß Gott nur in Zeiten und bei Gelegenheiten, wo es sich um Sein oder Nichtsein der Grundlagen der jüdischen Religion, um die Beglaubigung der gottgesandten Führer und Propheten unseres Volkes handelte, daß Gott nur dort das vor Aller Augen sichtbare Wunder vollzog. Aber wir fühlen uns nicht berufen, den Stab über Männer zu brechen, die in dem Glauben aufgewachsen sind, daß Wunder, vor aller Augen sichtbare Wunderheilungen, noch heute sich ereignen?) Doch wir fragen wieder: Was hat das mit den Vorträgen des P. Wasmann und mit der Richtigkeit oder Unrichtigkeit seiner Ausführungen zu tun? Es ist das immer dieselbe Oberflächlichkeit, die wir so oft haben tadeln müffen. Keine positive Religion kann den Glauben an die göttliche Vorsehung entbehren. Die Vorsehung ist aber nichts anderes als eine Reihe von Wundern. Wie diese übernatürliche Ordnung mit der natürlichen Ordnung, der Kette des kausalen Zusammenhanges in Uevereinstimmung zu bringen ist, das ist ein religionsphilosophisches Problem. Aber darum hat es sich ja gar nicht, , wie Wasmann übrigens ausdrücklich bemerkte, in den Vorträgen gehandelt. Sondern um ganz festumgrenzte bestimmte Leitsätze, die bewiesen werden sollten. Doch selbst angenommen — aber keineswegs l) Man vergl. die toleranten Worte über die christlichen Dogmen, die Jehuda Halevy seinem Kusari in den Mund legt (Kusari 15). r. jC —

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