Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1907)
- Date
- 1907-07-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449272--63605-2506159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ivwv, wo die VKden, sich angeblich im Gegensatz zu einander befindenden Bildungselemente nur in einseitiger Beschränktheit begriffen, nicht in chrer wahren Bedeutung gewürdigt zu werden vermögen. Unklarheit ist überall die Mutter des Vorurteils. - Als im Ansange des Jahrhunderts die Söhne des jüdischen Volkes aus ihrer gezwungeneil Ab geschiedenheit zuerst nach jahrhundertlanger Entfremdung wieder in Berührung mit den Elementen der allgemeinen Bildung traten — wir sagen: „wieder", denn es war diese Entfremdung durchaus keine ursprüngliche, etwa aus dem Wesen des Judentums notwendig resultierende, wie die glänzenden Blätter der jüdischen Kultur- und Literargeschichte glücklicherer Zeiten bezeugen — da fanden sie diese allgemeinen Bildungselemente selbst in einem mit Bewußtsein ausgesprochenen Gegensatz zu den konfessionellen Institutionen, durch welche lind in welchen die religiösen Anschauungen von der Vergangenheit der Gegenwart ttberuefert loorden, ja, es galt zum Teil dieser Gegensatz den Anschauungen überhaupt ... Dürfen wir uns wundern, daß, dem gegenüber, das ältere Geschlecht, daß vor Allem die als Hort des väterlichen religiösen Heiligtums bestellten Männer mit Schrecken dieses Heranftürmen der Zeit gegen alles gewahrten, was Jahrtausende herab den Geistern ihres Volkes eine Erleuchtung, den Gemütern eine Begeisterung und dem Leben eine sinnliche Kraft verliehen, die es lebenskräftig und edel in Mitte aller Bedrückung und Herabwürdigung erhalten, und es den Prüfungsweg der Geschichte siegreich hatten vollenden lassen? ... Dürfen wir uns nach allem diesem wundern, daß somit diese beiden Richtungen immer mehr bis zur völligen Verkennung sich entfremdeten, die „Gebildeten" die Wissenschaft und das Leben des Judentums ignorierten, die der jüdischen Wissenschaft und dem jüdischen Leben Treugebliebenen den jwahren Geist der echten Bildung verkannten, und sich der Riß im jüdischen Kreise erzeugte, an welchem noch unserer heutige Zeitgenoffenschaft blutet?" iHirsch, Ges. Schriften, II. Bd.' S. 451 u. f.) In Deutschland hat sich — hauptsächlich durch die segensreiche Wirksamkeit Hirschs — dieses Verhältnis längst geändert. Die ungarländische Orthodoxie aber laboriert leider noch imnier all dieser Krankheit, an der Furcht vor der modernen Bildung. Nnd als hätte der unsterbliche Meister sein Grab verlassen und eine wahrheitstreue Charakteristik unserer heutigen ungarischen orthodoxen Verhältnisse entwerfen wollen, so muten uns seine Worte an: „Hier wohnt der Schmerz und die Trauer, das Gefühl der Vereinsamung und der Ohnmacht - Wr AasigÄt die Erkenntnis und die Einsicht, und der frische, fröhliche. Mut und das lebendige Vertrauen auf die weltberwingende Kraft der alten Urim und Thumim. Auf den Fels der Vergangenheit haben sich die Reinsten geflüchtet, zu dem hinan die brandenden Wogen der Gegenwart nicht reichen. Aber sich mutig in die Brandungen der Zeit zu stürzen, unter der alten Flagge in die junge Flut des Tages zu steuerll, den alten Urim und Thumim auch als sicheren Kompaß für die frische Lebensfahrt in alle Zukunft zu vertrauen, mit der Gotteskraft der alten Urim und Thumim die Wogen der Zeit zu bezwingen, daran verzweifeln sie selbst und drücken mit ihrer Isolierung selb st den letzten Stempel auf den Freipaß des Geschlechts des Tages, das sich für seine Fahrt durchs Leben nach einem andern Logbuch umschaut. Wie eiil Riese-ssteht ihnen und ihrem Heiligtunle die überwältigende, weil llnbegriffene, Gegenwart gegenüber und jeden Augenblick fürchten sie seinen Tod von den vermeintlichen gigantischen Umarmungell der Wissenschaft und des sozialen Lebens." (Hirsch, Ges. Schriften, I. Bd. S. 465 u. f.) Wir aber glauben, es wäre bereits hohe Zeit mit diesem Vorurteil aufzuräumen. Haben wir doch auch in Ungarn Beispiele für die Vereinbarkeit .von min mit ipK th sodaß man von einer auf strengorthodoxer Basis errichteten und von strengorthodoxen Kräften geleiteten und kontrollierten Lehrerpräparandie die Heranbildung von Lehrern erwarten darf, derell Lebensführung und Wirksamkeit den Satz oy n"n ns' glänzend bestätigen. Was aber den Einwand betrifft, daß durch Errichtung einer besonderen orthodoxen Prä - p a r a ll d i e zahlreiche Schüler der rVD'W in dieselbe ein treten und das Studium der Thora aufgeben würden, so verrät dieser Einwand die denkbar größte Oberflächlichkeit und völlige Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse. Verlassen denn nicht auch schon jetzt und seit etwa 30 Jahren alljährlich in großer Zahl Talmudjünger die Lehrhäuser um in die beiden Anstalten der Neologie in Budapest einzutreten?! Aus Sorge uni eine künftige Existenz tun sie dies, und gar viele mit schweren Herzens und großer Eewiffenspein. Manche beschwichtigen ihr Gewissen mit dem Gedanken, daß sie auch weiterhin fromm bleiben wollen und können. Manche nehmen es auch ernst mit diesem Vorsatz. Aber er zerschellt an der Klippe der schädlichen Einflüsse, denen sie in der nenen Umgebung ausgesetzt sind. Das aber ist kein Zweifel: Hunderte und aber Hunderte ZüngÜnge, die ttnb Mangel und aus Sorge um eine künftige Existenz die N12'V verlassen und in neologe Anstalten sich geflüchtet haben, hätten sich glücklich gefühlt, in einer orthodoxen Präparandie zu Lehrern ausgebildet zu werden. Und sie wäre,! heute die begeistertsten Verbreiter von min. Man befürchtet, daß eine orthodoxe Präparandie viele Jünger dem ausschließlichen Studium der Thora entziehen wird. Wohlan denn, bleiben denn jetzt alle Talmudjünger beini alleinigen Betrieb des Thorastudiums? Treten denn nicht auch jetzt viele Talmudjünger 511 18, 19, 20 Jahren in geschäftliche und andere Berufe ein?! Oder ist denn etwa der Beruf eines frommen Elementarlehrers, der zugleich *j"an in der Schule unterrichtet, minder wertvoll als der eines Kleinkrämers oder Trödlers?! Sind denn nicht eben echtjüdische Kinderlehrer die besten Wächter der Stadt? Denkt man denn ganz und gar nicht an den heilsamen Einfluß, den ein gesetzestreuer jüdisch und weltlich gebildeter Lehrer sowohl im Kreise der Kleinen als auch in dem der Großen auszuüben vermag?! Oder glaubt man etwa, daß den präparandiefreundlichen Rabbinern und DTQ ^y2 in der ungarischen Orthodoxie in Bezug auf jüdisches Wissen und Wesen die neologe Präparandie in Budapest als Muster vorschwebt?! Dann ist man eben auf dem Holzwege! Nein, ntm rmnn tin *?y soll das Institut gegründet sein, das wir fordern. Damit die Jugend erst recht zum Besuche einer 7>2'V' ange eifert werde, würden wir es zur unumgäng l i che n Vorbedingung der Aufnahme in die orthodoxe Präparandie machen, daß der betr. junge Mann bereits weit genug fortgeschritten sei, um selbständig ein Blatt mit D'öHfib zu lernen. Die zum Präparandiebesuch notwendigen 4 Mittelschulklassen soll er auf privaten! Wege absolviert haben. Wie denn auch die meisten Zöglinge der Präparandie in Pest in dieser Weise die erforderliche Mittelschulbildung erwerben. Ferner würde der Unterricht in unserer Anstatt derart zu ordnen sein, daß 'Sn ddS 'Xm gewidmet ist. Der ganze Vormittag wäre etwa für iOtt:i2 ppy TJTtP Tö1? pHpT ,"p"n , m"K ,y"!rk, dazu in den höheren Klassen m22*?n N121N und bergt., der Nachmittag zum Unterricht in den pädagogischen Disziplinen zu bestimmen. Diese Erörterung über den Unterrichtsstoff gehört nach unserer Disposition eigentlich an eine spätere Stellewir hielten es jedoch für nötig, bereits hier in dieser Beziehung einige Andeutungen zu machen, um dem etwaigen Einivir in absehbarer Zeit daran denken dürfen, ein eigenes Geschäft zu begründen. Jedenfalls soll keine Sorge um die Zukunst uns in unserer Lebenspflicht für die Gegenwart schwankend machen. Wir gehören zusammen. Wen Gott so wunderbar führt wie uns, der wäre kleinmütig, wenn er an dem Beistand Gottes für eine Zukunft zweifeln wollte. Wir vertrauen auf Gott, auf das Verdienst unserer Eltern, auf den Segen des Sabbath und aus die Hilfe, die der Aümächttge von Zijon sendet. In diesem Sinne reichen wir uns die Hand und bestätigen unsere Zusammengehörigkeit durch unsere Unterschrift. — — — Als Martha aus ihrem traumartigen Zustand erwachte, hatte fle ihr Bräutigam Verlagen. Erst am folgenden Tage trafen sie sich wieder und besiegelten durch einen stummen Händedruck ihre Unterschrift. Wir haben nur noch beizusügcn, daß die Glücklichen sich wenige Wochen nachher verheirateten und daß ihre Lebenswünsche noch heute die schönste Verwirklichung in dem Familienglück finden, das ihnen in ihrer gottgesegneten Häuslichkeit erblüht. ßfetorisdx Remini$cenz«n Unterfranketts. Von A. Mannheimer in Deitelbach. Anläßlich der bereits gemeldeten Einverleibung der Gemeinde Bibergau in die zu Dettelbach möchte ich auf eine historische Tatsache zurückkommen, deren Erinnerung bis heute noch in der Gegend lebendig blieb. Es handelt stch um ein Blutmärchen aus dem Jahre 1691, bas auch dm Judm zu Bibergau viel Leib verursachen sollte. Die Chronik weiß darüber folgendes zu erzählen: Am ersten Ostertage des Jahres 1691 nach dem Pfarraottesdienste vermißte Jakob Essenfelder zu Euerfeld sein dreijähriges Knäblein, und am folgenden Mittwoch wurde dasselbe, mit vielen Wunden bedeckt, ermordet in einem Kornfelde aufgefunden. Der Verdacht des Mordes wandte sich gegen die Juden zu Schernau und Biberg au, welche das Blut des unschuldigen Kindes zu ihren religiösen Zeremonien gebraucht hätten. Fürstbischof Johann Gottfried, von Guttenberg zu Würzburg ließ alsbald die'strengste Untersuchung einleiten, und warnte zugleich ernstlich die Untertanen vor eigenmächtiger Bestrafung der Juden. Es tat dies not, denn die Mordtat hatte aller Herzen empört. Man begann das Grab des 'Kindes in der Kirche zu Euerfeld wie das eines Märtyrers zu besuchen und dort zu beten. Ein Bild des Kindes wurde verbreitet mit Reimen, worin ausgesprochen war, es sei „von den blutdürstigen Juden mit einundzwanzig Wunden gemartert und hingerichtet worden." Da nach Verlauf von zwei Monaten die Untersuchung ohne Erfolg geblieben war, setzte der Fürstbischof einen Preis von hundert Dukaten aus für denjenigen, der zur Entdeckung der Mörder verhelfen werde. Zugleich aber erließ er die erneute Mahnung an das Volk, die Bestrafung der Uebeltäter der rechtmäßigen Obrigkeit zu überlassen. Die Täter blieben unentdeckt und die allgemeine Aufregung legte sich erst nach langer Zeit, während der die Juden zu Schema» und Bibergau gerade genug seelisches und physisches Leid zü ertragen hatten.*) — Die Tradition dieses „Vilbul" ist in der jüngsten Generation noch lebendig geblieben - man spricht von dem Grab und Denkmal in der Kirche zu Euerfeld, und obwohl im allgemeinen nichts von Anti- *) Siehe,,Dr. Fr. Frank, kathol. Pfarrer und Reichstags-, ebenso bayerischer Landtagsabgeordneter, der Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit Md Gerechtigkeit". Regensbürg. 1901, G. I. Mauz. semttismus zu merken ist, kann man doch die Empfindung haben, baß es manchen gibt, der trotzdem heute noch glaubt, es sei „etwas dran gewesen." In Schema» wohnen seit langer Zeit keine Juden mehr. Ein gewisser Jakob Schernau" wird in jüdischen Dokumenten öfters erwähnt. Noch so manche Orte in der Nachbarschaft hatten einzelne Juden oder Gemeinden, die mit der Zeit sich auflösten, so Sommerach, wo vor mehreren Jahrzehnten die letzten Juden fortzogen. Ein „Schuldt-Ab töotungs Briefs an Herrn Bischoffen Rudolph zu Wirtzburg und an Friedrichen und Sigismunden Marggraffen zu Brandenburg von oer Judenschafft zu Kitzingen, ausgestellet 1490, 4. Januar," erwähnt u. a. mit Namen die Juden Herman Jsaac und Masse zu Abts Win dt, Aaron Johel, Ansshelm der Klein Natban, Jakob, Fischlein, Eberlein, Ganssmann, Secklin und Samuel der Alt, Juden zu Schwartzach, Gerst, Plumlein, Senderkein und Samuel der Klein, Judten zu Hurblach (jetzt Hörblach). In all diesen Orten wohnen seit Menschen gedenken keine Juden mehr. (S. „Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstentum Ansbachs von H. Haenle, Urkunden und Regesten.) — Daß man beim Räumen des Inventars alter Syna- Ben ein wachsames Auge auf ältere Urkunden haben , diese Mahnung kam dem Schreiber dieses auch bei »ernahme der Synagoge zu Bibergau wieder ins Bewußtsein. Unter alten zerrissenen DHBD lag ein Memor buch, fast nur lose Blätter, doch mit tadellos schöner und gut erhaltener Schrift. Es scheint — eben wegen der sauberen Schrift — eine Kopie des Memorbuchs zu Heibingsfeld zu sein. Denn auf dem Titelblatt nennt sich der Schreiber p"p& mV) -QH TYlHD 8"t^2 .na mb nanon und gibt an, daß er das Buch „ □''pns jyoj" in ■fcyDJPYl (Heibingsfeld) schreibe ynyOl ttnpn frilp Snpn 1122^1 DipDD 1122^ (Bivergau).