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Der Israelit · 1907-07-04 · Heft 27 (4.7.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 27 (4.7.1907)
Date
1907-07-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Ranges, vielleicht sogar nur taWscher Art gar nicht ins Gewicht fallen. Diese prinzipielle Grundlose des überlieferten Judentums ist neuerdmgs von dem Rektor des Berliner Rabbinerseminars, Dr. D. Hoffmann, in seiner Einleitung zum „Leviticus" mit der gleichen Schärfe betont worden, wie sie der Gründer der „Freien Bereinigung" in zahlreichen Schriften, insbesondere in seinen Kämpfen mit Grätz und Frankel, ins Licht gestellt hat. Hält man sich die Tatsache vor Augen, daß alle anderen sogenannten „Richtungen" der modernen Judenheit diese Grundwahrheit des gesetzestreuen Judentums negieren, und daß sich nur mit ibrer Bejahung die Forterhaltung des Judentums vorstellen läßt, während ihre Verneinung mit Notwendigkeit seinen Auflösungsprozeß einleitet — so kann und darf es kein Bedenken geben, das die Bekenner jener Grundwahrheit von einem straffen, wohlorganisierten Zusammenschluß zurückhalten sollte. Sie üben Verrat an ihrer historischen Aufgabe in einem Zeitmomente voll höchster Gefahren, wenn sie nicht unter Hintansetzung aller aus der Vergangenheit herauswirkenden Gegenmotive, unter Zurückstellung aller weitausschauenden Bedenken den Zusammenschluß vollziehen, den die Gegenwart fordert und den ihre gemeinsamen Wünsche und Interessen gestatten. Man wird der „Freien Vereinigung" das Zeugnis nicht versagen können, daß sie gerade den prinzipiellen Grundcharakter des überlieferten Judentums gegenüber anderen geistigen Gebilden mit Energie klar zu erhalten und zu vertreten bemüht war, und es kann auch keine Rede davon sein, daß irgend eine Gruppe innerhalb der gesetzestreuen Judenheit ihr diese unbeugsame Prinzipienfestigkeit verdacht haben sollte. Wird ja gerade derjenige, der aus politischen und tattischen Erwägungen heraus sich zur Lösung bestimmter Aufgaben in eine dauernde Gemeinschaft mit Gegnern seiner religiösen Ueberzeugung hineinbegibt, es erst recht mit Befriedigung begrüßen können, wenn den dadurch etwa entstehenden Gefahren durch eine selbständige, besser zu entschiedene als zu entgegenkommende Haltung der korporativen Vertretung seines religiösen Standpunkts wirksam vorgebeugt wird. Wir glauben in der Tat, daß die unheilvolle Kluft, die sich durch die Frage der „Verbände" innerhalb der gesetzestreuen Judenheit geöffnet hat, niemals jene beklagenswerte Tiefe erlangt hätte, wenn von Anfang an sämtliche maßgebenden gesetzestreuen Kreise in der „Freien Vereinigung" zusammengefaßt gewesen wären. Nicht nur, daß die Einzelnen aller Wahrscheinlichkeit nach auch die ersten Schritte nicht ohne gegenseitige Aussprache und Beeinflussung getan hätten, nicht nur, daß man bei Vorhandensein einer starken gesetzestreuen Organisation weder das prattische noch das moralische Bedürfnis eines Anschlusses an die Gesamtverbände empfunden haben würde, nein, auch nach vollzogenem Anschluß wäre die gesetzestreue Judenheit auf beiden Seiten vor einem Weitergreifen der Gegensätze iiber den eigentlichen Differenzpunkt hinaus geschützt gewesen. Man hätte vielleicht auch auf verbandsfreundlicher Seite selbst manches bittere Wort der Freunde gern hingenommen, in dem Bewußtsein, daß durch deren Haltung die eigene Verantwortung gemindert und die erstrebte segensreiche Wirttmg für das gemeinsame Ideal umso sicherer erreicht würde. Man sage nicht, daß diese retrospettiven Betrachtungen über das, was war und hätte sein können, wertlos seien. Die Geschichte ist die beste Lehrmeisterin, und was die Vergangenheit versäumt hat, kann die Zukunft nachholen, indem sie an die Gegenwart anknüpft. Es wird also gelten, die „Freie Vereinigung" auf Grund der bisherigen Erfahrungen zu einer Organisation auszubauen, die auf dem goldenen Grunde D'öirn fv mm alle diejenigen umfaßt, die sich zu diesem Prinzipe in dem oben dargelegten Sinne bekennen und die es durch ihre Lebensarbeit in die Zukunft hinüberzuretten wünschen. Für die Reorganisatton dürften demnach folgende Leitsätze aufzustellen sein: 1. Die „Freie Vereinigung" hat eine repr äsentative und eine praktische Aufgabe Sie soll einerseits in ihrem politischen Verhalten die bekenntnismäßige Einheit des gesetzestreuen Judentums vertreten, andrerseits die geistigen und materiellen Kräfte sammeln, um die prattische Verwirklichung aller Aufgaben des gesetzestreuen Judentums zu sichern. 2. Als Repräsentativorgan der gesetzestreuen Judenheit soll die „Freie Bereinigung" überall für die Einheit und für die Selbständigkeit der Orthodoxie als solcher mit Ruhe und Würde eintreten. Sie legt aber ihren einzelnen Mitgliedern keine Verpflichtung irr betreff der Frage auf, wie sie ihr p e r s ö n l i ch e 's Verhalten zu den Organisationen religiös Andersdenkender einzurichten ftir gut finden, und sie soll auch keineswegs der Gemeinsamkeit derjenigen Interessen vergessen, welche die Orthodoxie mit der Gesamtjudenheit verbindet. Grade die Schaffung einer starken gesetzestreuen Organisation wäre der erste Schritt, um später ohne Gefahr ein korporatives Zusammenwirken mit neologen, natioualen oder farblosen Verbänden zur Lösung praktischer Einzelzwecke im Innern auch nach der Meinung derjenigen zu ermöglichen, die sich heute ablehnend verhalten müssen. 3. Wie die „Freie Vereinigung" es sich naturgemäß angelegen sein toffen muß, materielle Mittel zur Verwirklichung ihrer mannigfaltigen praktischen Zwecke zu sammeln, so soll sie insbesondere alle in der gesetzestreuen Judenheit nur ' irgendwie zu findenden oder zu weckenden geistigen Kräfte zu fruchtbarer gemeinsamer Arbeit sammeln und dadurch immer enger aneinander schließen. 4. Soll die „Freie Vereinigung" aktionsfähig sein, so muß ihre Verfassung eine Zentralisation gewährleisten, andererseits mehr als bisher allen Kreisen ihrer Mitglieder ein gebührender Einfluß auf die Kontrolle der Geschäftsführung gesichert werden. 5. Wenn die „Freie Vereinigung", alle Kräfte der Orthodoxie zur praktischen Mitarbeit heranziehen will, so müssen möglichst vielfältige Organe zur Bearbeitung der Einzehebiete geschaffen werden, die ohne Gefährdung der Zentralisation, jedem Einzelnen gestatten, sich in einem seiner Begabung und seinem Beruf entsprechenden Weise im Dienste der Vereinigung zu betätigen. Es darf dann auch keineswegs durch den prinzipiellen Ausschluß bestimmter Kategorien von Mitgliedern aus einem offiziellen Organe der Vereinigung die Arbeitsfreudigkeit und das Zusammengehörigkeitsgefühl gelahmt werden. 6. Wer durch seinen Beitritt zur „Freien Vereinigung" die Grundsätze, die sie vertritt,' als fördernswert erachtet, muß wie bisher ohne hochnotpeinliche Prüfung willkommen sein. Demgegenüber aber gilt es, Sicherung zu treffen, daß nicht die Leitung der Bereinigung in der Zukunft unter dem Einfluß zweifelhafter Elemente die Grundsätze verläßt, die ihre Existenzberechtigung bedingen. 7. Soll die „Freie Vereinigung" die wahrhafte Vertretung „ der gesetzestreuen Judenheit sein, so muß sie in enger k Kleines Feuilleton. I Ueber'r 3abr in Jerusalem.; Bon Therese Tölz in Jerusalem. |/ (Schluß.) I „Sind denn ihre Eltern beide an einem und demp el ben Tage gestorben?" fragte Martha, k ■ „Ja, Fraulein," erwiderte der Gefragte, sie find einer i Typhus-Epidemie erlegen. „Wenn fie noch lebten, so § ginge ich jetzt nicht neben Ihnen her, denn fie hätten | nicht zugegeben, daß chr einziger Sohn die Sabbathe und | Feiertage entweiht. Lieber hätten fie gebettelt und gehungert, als fie die Gebote GotteS übertreten hätten." ■ „Wie kommt es aber, daß Sie es jetzt trotzdem tun, Sie, der Sie an ihren Eltern auch nach dem Tode noch in so liebender Verehrung hängen?" - „Ich könnte Ihnen diese Frage vielleicht zurückgeben, j da ich vermute, baß auch Sie in Ihrer frühesten Jugend I anders als jetzt in religiöser Hinsicht gelebt haben. — I Als meine Eltern starbm, blieb ich mittellos in einer [ kleinen Garnisonstadt als zehnjähriger Knabe zurück. Der | Wert unserer geringen Habseligkeiten wurde durch die f Ausgaben für Krankheit und Beerdigung fast vollständig jk verschlungen. Der kleine Rest wurde von Seiten des | Gerichts sicher gestellt. Mich brachte man in ein Waisen- I haus, dessen Verwaltung, was die finanzielle Seite betrifft, tadellos war. Aber die religiöse Seite wurde dort nicht gepflegt, wenigstens nicht so, wie ich es bis jetzt | im elterlichen Hause vor mir gesehen hatte. Nach meiner Konfirmatton — von Bar Mizwo wußte man dort schon nichts mehr — verschaffte mir der Direktor eine Lehrlingsstelle in einem größeren Geschäft. Eine kleine monatliche Vergütung erhielt ich sofort mit meinem Eintritt, sowie die Zuficherung, daß ich an Sabbathen und Feiertagen vom Geschäfte dispensiert sei." Hier hielt der Erzähler bewegt einen Augenblick inne und sirhr erst nach einem ermunternden Blick seiner Begleiterin fort. „Schon am ersten Sabbath sah ich, wie zwar die Türen des Geschäfts geschloffen waren, wie aber hinter ihnen wie am Werktag von allen Angestellten sowie vom Chef gearbeitet wurde. Einige Wochen lang ließ man mich unbehelligt die Synagoge besuchen und verlangte auch keine geschäftliche Tätigkeit am Sabbath von mir. Bald aber wurde mir diese Vergünstigung entzogen und der Prinzipal drohte mir mich wieder ins Waisenhaus zurück zu schicken, wenn ich mich zu arbeiten weigern sollte. Umsonst bat und flehte ich, mich wenigstens so lange zu behalten bis ich mit Hilfe meines Boi munds eine andere Stelle gefunden hätte. Endlich erklärte er fich damit einverstandenaber so lange ich in seinem Hause sei, müffe ich wie jeder andere arbetten. So gewöhnte ich mich zuerst widerwillig,' bann mechanisch an die verbotene Arbeit. Aber ich erinnere mich noch heute des Gelübdes, daß ich mir in jener Stunde gelobt, baß ich wieder als Jude im Sinne meiner entschlafenen Eltern leben wollte, sobald es mir einmal vergönnt sei, auf eigenen Füßen zu stehen." Wieder stockte Herr Meier in seiner Erzählung, blieb einen Augenblick stehen und fuhr dann fort: „Sie halten mich gewiß für einen recht wortbrüchtgm Feigling, weil Sie mich auch jetzt noch den Sabbath entweihen sehen?" „Sie ahnen nicht", entgegmle Fräulein, Matthä „wie nahe mir Ihre Geschichte geht. Ich brauche Ihnen nur in aller Kürze die meintge zu enählen und Sie werden sofort finden, daß ich die letzte bin, die ein Recht hätte, den Stab über Sie brechen." Sie teilte ihm darauf ihre eigenen Erlebniffe mit und beide waren inzwischen an das Haus gelangt, in welchem das Minian des Herrn Meter warfie mußten fich deshalb verabschieden. Am andern Morgen trafen fie fich im Geschäfte und ihre erste Arbeit war die für Jerusalem bestimmte Ware postfettig zu machen und zur Post geben zu laffen. „Darf ich Sie bitten, Herr Meier, der Sendung diese Bifitenkatte betzulegen?" fragte Fräulein Martha. ..Es ist eine Bitte an den Adreffaten, mir eine Anfichtskarte von der heiligen Stadt zu schicken." „Merkwürdig, merkwürdig!" rief der Angeredete aus. „In diesem Augenblick habe ichdieselbe Bitte auf meiner Karte dem Paket beigegeben! Wie wir beide doch auf einen und denselben Gedanken kommen!" „Das ist nach unserer gestrigen Aussprache und nach dem ungewöhnlichen Auftrag, den wir zu effektuieren haben, eigentlich nichts Auffallendes-" entgegnete Fräulein Martha. „Ich habe diese Nacht sogar geträumt, wir seien beide auf einem Schiffe nach dem heiligen Lande gefahren, ohne es jedoch zu erreichen." „Dm Traum müffen Sie mir einmal erzählen, Fräulein, denn es ist für mich überaus schmeichelhaft, daß Sie meiner im Traume gedenken." „Die Erzählung des Traumes bitte ich mir zu erlösen. Er war so ernst und so wüst, daß ich laut aufschrie und mir fast vornahm, meine hiefige Stelle zu kündigen und irgend ein anders Engagement etnzuaehen und wäre es auch als einfaches Dienstmädchen. Unser Schiff drohte nämlich unterzugehen und der Kapitän meinte, eS müffe ein Unwürdiger unter unS sein, denn wir hätten gerade die Stelle pafftett, an welcher Prophet Jona ins Meer geworfen wur.e. Diese Stelle lasse noch

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