Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1907)
- Date
- 1907-06-27
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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zu Nr. 26 des „Israelit". Im Feuilleton der nächsten Nummer unseres Blattes beginnen wir mit der Veröffentlichung -er bereits angekündigten Erzählung Moosröschen von Aa-ette Arie-. Die bewährte Erzählerin bietet mit dieser neuen Gabe ein Stück jüdisches Leben der Gegenwart, -effen Darstellung den Lesern eine feffelnde Unterhaltung sichert. r.r».-c. euilleton. Zwischen Turebt und Hoffnung. Erzählung aus dem rusfisch-japanischen Krieg 14j von S. Schachnowitz in Endinge«. (Schluß.) „Die Türen nicht schließen," schrie er dann zum Flur hinaus, „aber strenge bewachen. Alle Mann am Platze! Es wird keiner Hereingelaffen außer den Verwundeten,- es wird alles ausgenommen." Es war höchste Zeit. Denn jetzt kamen sie in Droschken und Tragbahren. Verstümmelte und tötlich verwundete mit zertrümmerten Schädeln und zerbrochenen Gliedern. Wehegefchrei und Gestöhne erfüllte den Raum. Rosa, über die all diese Schreckensbilder so ganz wie von ungefähr, unerwartet und ungeahnt einstürmten, drohte umzusinken. Aber „gesunden Mut und klaren Kopf!" klangen die Worte des Doktors in ihren Ohren und mit weinendem Hvczen, aber trocknen Augen und sicherer Hand war sie mit dem Doktor an der Arbeit. Auch der Soldat schloß sich dem Personale an, das bald alle Hände voll zu tun hatte. Eine Droschke kam angefahren. Der Kutscher fluchte und mußte alle Kraft anstrengen, um die rasend trabenden Pferde zum Halten zu bringen. Die schwere Türe ging von innen auf und die Wärter nahmen einen Verwundeten in Empfang. Während die einen sich um denStöhnenden bemühten, wollten die anderen die Türe eilig schließen. Aber in dem Momente zog unter wildem Lärm eine Bande vorbei, von der sich einige rohe Gesellen loslösten und in die halbgeöffnete Türe einzudringen suchten. Der Kutscher jagte mit leerem, blutbeflecktem Wagen davon. Die Türhüter versperrten den Banditen energisch den Eingang nnd es entspann sich zwischen den beiden Parteien ein verzweifelter Kampf. Auf den tobenden Lärm kamen auch alle nur gangfähigen Insassen, sowie das Personal, teils kampfbereit, teils in panischer Bestürzung in den Hof. „Nun meine Hilfe!" murmelte Chaijmöw, indem sich seine eisernen Fäuste in der Luft bewegten. Wo sie mit Wucht niederfielen, gab es einen Schmerzensschrei und ein heftiges Zurückprallen oder Niedersinken. „Wo waren nur die feigen Juden oder die hilflosen Kranken, die sie, wie man ihnen vorschwatzte, bald überwunoen haben würden?" „Nur hurtig, Kinder! . Brechet ein. Ist ein verdammtes Judennest. Der Leiter, der Judendoktor, ist auch einer von denen, die in Versammlungen auf den Zaren schimpften. Vorwärts Kinder, vorwärts!" Man sah nicht, woher die aufreizenden Worte kamen. Der Doktor glaubte, die Stimme eines stadtbekannten Apothekers, der zur schwarzen Bande gehörte, zu erkennen. Dort stand auch der große, gutgekleidete Mann, den Schlapphut tief ins Gesicht gezogen und hinter einem Trupp, auf den er immer noch eifrig einsprach, gedeckt. Noch war es keinem der Banditen gelungen, über die Schwelle des Krankenhauses zu treten. Die Besatzung, anaefeuert durch Chaijmöw, kämpfte mit wahrem Heldenmute und schlug jeden Angriff zurück. Sie wollten nun gerade, als der letzte Mann zurückgedrängt war, die Türe verbarrikadieren, als die Brandworte des Hetzers, der unterdessen näher gerückt war, wieder durch die Mauer drangen. „Noch nicht!" schrie Chaijmöw in steigender Wut. Bevor es die anderen verwehren konnten, riß er das Tor wieder weit auf und packte den halbvermummten Apotheker so, daß ihm die Worte im Halse stecken blieben. „Du sollst die feigen Juden kennen!" schrie Chaijmöw, während seine Rechte auf sein Opfer niedersauste. Als der Apotheker wieder befreit war, stolperte er einige Schritte und fiel halbbewußtlos zu Boden. Im Ringen wurde Chaijmöw auf die Straße gezerrt. Etwas zaghaft hatte sich das Gesindel um ihn gruppiert. Es wagte keiner recht, den Anfang zu machen. Da wurde von der anderen Ecke eine Bande Reservisten sichtbar. Die nahende Verstärkung hatte den Mob ermutigt. „Geschwind herein. Wir müssen die Türe schließen," schrien die Verteidiger von innen. Dieses war aber nicht mehr möglich, denn der Kampf hatte wieder begonnen, der Weg war Chaijmöw versperrt. „Schließt die Türe und beschützt das Haus, nur nicht zagen! Ich werde mich verteidigen," gab er zur Antwort. „Ihr müßt ihm zu Hilfe!" befahl Dr. Minkowski. „Geht hinaus, rettet .. am ganzen Körper zitternd, folgten dieser Aufforderung, war zu groß. Er schien einen Augenblick unrettbar verloren. Er hatte sich wohl einer Eisenftange bemächtigt, mit der er die Vordringenden abzuwehrcn suchte. Aber schon hatten sich die Reservisten genähert, die ihn im Rücken anzugreisen drohten. Ein harter Gegenstand hatte ihn bereits am Kopfe getroffen. Es flimmerte ihm vor den Augen. Mußte er, der von den Gefahren des Krieges verschont geblieben, nun, da er sich am Ziele seiner Hoffnung glaubte, durch ruchlose Hand fallen? Gerade heute war neue Lebenslust wie eine strahlende Sonne in chn eingekehrt. War das der Glanz vor dem jähen Untergange? Es mußte ein Wunder geschehen, wenn er seinem tragischen Geschicke entgehen sollte! Nun war er von allen Seiten umzingelt. Er wehrte sich noch von vorn, während von hinten sich bereits eiserne Hände seiner bemächtigt hatten. Da fühlte er plötzlich einen kräftigen Händedruck. Es konnte kein Angriff sein, er war vielmehr warm, wie der eines schützenden Freundes. Chaijmöw vermochte in der Verwirrung, die seine Augen und Sinne umgaben, den Mann nicht zu erkennen. WrrWßWp „Kreuzsakräment! Der Infanterist vom 5. Regimente, Salam Chaijmöw!" rief eine bekannte Stimme. Wer war das nur? Dann donnerte dieselbe Stimme in die Menge: „Ihr laßt ihn unversehrt, sage ich Euch! Nicht ein Haar wird ihm gekrümmt. Hier der Revolver) ich knalle jeden danieder, der ihm nur nahe kommt! Kameraden!" wendet sich die Stimme plötzlich zu den Reservisten, „Ihr höret auf mich und macht nicht mit. Es ist ein Kamerad, ihn!". bat Rosa Aber nur wenige Die Uebermacht sage ich Euch, Reservist wie wir, wir müssen ihn schützen." Die Meute wich bei diesen Worten, namentlich angesichts des Revolvers, etwas zurück. Die Reservisten schienen ungeteilter Meinung. Da erschien plötzlich die von Dr. Minkowski bereits wiederholt telephonisch angerufene Polizeiabteilung. „Schämt ihr euch doch vor einem Krankenhause!" sagte der Polizeihauptmann vorwurfsvoll. „Könnt ihr nicht wo anders eueren Vergnügungen nachgehen?" Der Wink wurde verstanden und die Bande, der sich die Reservisten angeschloffen, zog in geschlossener Maste ab. Noch wußte Chaijmöw nicht, wie ihm geschehen war. Er war Befreit, es war ein Wunder geschehen und vor ihm stand Wanuschka. „Wanuschka," sagte er, als er wieder zur klaren Besinnung gelangte. „Dich hat die Vorsehung zum zweiten Mal geschickt, um mich vordem silhern Tode zu retten. Du bist einmal mein Schicksal und dieses hat sich günstig für mich gewendet. Sage, Freund, wie kommst Du hierher?" Er hatte ihn im Sprechen in den wieder geöffneten Hofflur mit sich gezogen. Alles gruppierte sich schweigend um sie. „Wie ich herkam? Ganz einfach!" berichtete Wanuschka. „Seit einigen Wochen befinde ich mich in meinem Heimatsdorfe. Weißt Du, damals, als ich von Dir morgens Abschied nahm? Ich bin dann abends in ein anderes Lazaret mit abgeschossener Hand verbracht worden. Siehst Du hier? Gottloo die Linke. Mit der rechten habe heute den feigen Schuften, wie Du gesehen, noch ordentlich Angst eingejagt. Nun bin ich als Invalide entlasten. Aber woher essen? Die alte Mutterl hat nichts. So hungere und lungere ich seit Wochen im Dorfe umher. „Es gibt Staatsgelder\n hieß es, da^sagte^der Priftav, der Staat braucht seine Gelder, um sich vor den Juden und Sozialisten zu verteidigen. Der Teufel hole ihn, was er damit meint. Da kommt letzten Sonntag nach der Kirche ein Mann im großen Kaisermantel mit breitrandigem Schlapphut. „Ein großer Herr, Apotheker aus der Stadt", sagten die Leute und zogen den Hut. Er gab uns Schnaps und sagte: „Kinder, ihr habt nichts und hungert. Kommt übermorgen zu uns in die Stadt, da gibt es viel. Drei Tage lang dürft ihr nehmen, was Euer Herz gelüstet. Also wollt ihr?" Natürlich wollten wir und wir kamen. So kam auch ich . . . Nun, das weitere weißt Du. . . . Nun komm, lieber Freund, wir wollen das Wiedersehen feiern. „Herr Chaijmöw," bat der Doktor, „Sie tun gut wenn Sie sich jetzt nach den Strapazen und den Aufregungen etwas Ruhe gönnen." „Nein," sagte Chaijmöw fest und entschlossen. „Noch ist die Zeit der Ruhe nicht gekommen. Das Haus ist jetzt gesichert und polizeilich geschützt. Aber in der Vorstadt wütet der Kampf. Die tapfere Selbstwehr wird meiner brauchen. Adieu! Adieu Wanuschka! Habe Dank!" „Nein," sagte Wanuschka, „ich gehe mit Dir. in den Kampf." Rosa holte tief Atem als sie die vier Seiten des Briefes fertig hatte. Es war nichts leichtes, all das Erlebte der letzten Tage in ihrer kurzen bestimmten Schreibart aufs Papier zu bringen. Nun war. die Arbeit vollendet, sie durchflog den Brief noch einmal mit Befriedigung. Es fehlte nichts darin von allem, was fthr Herz bewegte. Das wunderbare Zusammentreffen mit dem Freunde, dem Helden ihrer — der Freundin — Träume, der nun zu ihr kommt, um die Träume zu verwirklichen. Die Schilderung der Schreckenstage war nur durch die damit verknüpften Ruhmes- und Heldentaten des Men Mannes-