Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1907)
- Date
- 1907-06-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite S. No . 2S. 37. Juni 1907 das Haus Israel durch bewußte Auflehnung gegen das Thoragebot völlig zu entwurzeln, sondern von euch, den einzigen Treugebliebenen, auch noch verlangen, daß ihr auf Grund des Gesetzes eure Zustimmung dazu erteilt, daß ste die Säulen der Religion niederstürzen und uns rauben, was unser Ruhm und unsere Zierde ist auch in den Augen der Völker, die Sittenretnheit deS Hauses Israel gewährleistet durch die jüdischen Ehegesetze, die auch die ideale Innigkeit unseres Familienlebens begründet haben. — Sehr verwundert aber war ich darüber, daß Sie sich in eine religionsgesetzltche Erörterung eingelassen haben mit Männern, denen der Makel übermütiger Gesetzesverleugnung anhaftet ober die von den Vorschriften über püJ und ptcmp keine blasse Ahnung haben. Sonst müßten fie sich nämlich sagen, daß, wenn jemand bei der Eheschließung die Bedingung macht, die Gattin solle als geschieden gelten ohne einen gehörig geschriebenen und unterschriebenen und ihr vor geeigneten Zeugen überlieferten vz, diese Bedingung nichtig ist und die Frau keineswegs daraufhin als geschieden gelten kann und letzteres auch gilt bei einer Trennung der Ehe durch das nicht jüdische Gericht. — Darum bitte ich Sie die Gesetzesverächter zu warnen und ihnen zu sagen, daß die ftanzöstschen Juden, wenn ste ihnen folgen und sich von den Vorschriften der Thora über pgmp und lossagen sollten, verloren sein würden für die Gemeinde Israels, da alle in ihrem Lande Geborenen als O'NMV zu betrachten wären — ein Unglück, vor dem 'i uns bewahren möge. Ich sende Ihnen hierbei die Abschrift eines Briefes, den 'ich im Jahre V'cnn an den seeligen Großrabbiner von Frankreich Elieser Isidor in dieser Angelegenheit geschrieben habe: P"b^ V'Din nfw mcb 'i Glaubwürdige Männer haben mir erzählt, daß infolge der Neuordnung der Ehegesetzgebung durch die Regierung Ihres Landes unsre ftanzöstschen Glaubensgenossen bedrückt seien durch die Befürchtung, daß die Männer, deren Ehe durch die bürgerlichen Gerichte getrennt worden ist, sich weigern könnten, den Frauen den von unserem Gesetz vorgeschrtebenen zu geben und diese so in unglücklicher Weise für immer gefesselt bleiben würden. Da sei dann in der Person eines früheren Rabbiners ein Retter erstanden und habe aus der Thora den Nackweis geführt, daß eine von den bürgerlichen Gerichten gegebene Trennungsurkunde als religionsgesetzlich gültiger Scheidebrief anzusehen set und also eine Ehefrau, die vom bürgerlichen Gericht die Trennungsurkunde empfangen habe, einen anderen Mann heiraten dürfe. Sie, geehrter Herr, ersuchen nun in einem Schreiben, das die geschichtliche Entwicklung der Dinge mitteilt, die Rabbiner der Länder, in denen jene Gesetzgebung schon längst eingeführt ist, um Auskunft, wie man sich gegenüber dem Rat jeues Mannes Verhalten solle. — Wenn diese mir gewordenen Angaben richtig sind, so habe ich in dieser Sache Folgendes mitzuteilen. Jener Rat widerspricht allen O'pvIO, deren Entscheidungen für uns maßgebend find. Auch zur Zeit des Talmud, da man noch nicht die Erschwerungen dieser für uns maßgebenden D'pDIB übte, war die Befreiung einer Frau vom Eheband durch einen vom nichtjüdischen Gericht ausgefertigten Scheidebrief in jedem Fall ausgeschlossen. Wer wüßte nicht von den vielfachen Vorschriften, die bezüglich p|D«^ Bin mTO/ bezüglich der Zeugen, des Schreibens des 121 selbst, der Ueberlieferung und Unterzeichnung desselben usw. gelten! Wie kann es jemandem in den Sinn kommen, daß das bürgerliche Gericht etwa diese Bedingungen beobachten könne, ohne derm Erfüllung doch die Frau weiter als IP'N nttW zu gelten hat! Wer will nun das Heiligtum zerstören, flnd's doch die jüdischen Ehegesetze, die die jüdischen Häuser mit dem Geist erhabenster Sittenreinheit erfüllen. Ich würde es, geehrter Herr, nicht unternommen haben, Ihnen dies zu sagen, wenn ich nicht gehört hätte,- daß Sie in einem offenen Schreiben um die Gutachten der Rabbiner der Länder ersuchten, in denen die bürgerlichen Behörden Eheschließungen und -Trennungen vornehmen. In Holland ist das nämlich schon seit langer Zeit der Fall. Türkei. Konstantinopel, 21. Juni. Die Gemeinde von S a l o n i ch i, deren Rabbinat erledigt war, hat R. Jakob Merr in Jerusalem Mn Chacham gewählt. Bekanntlich war Jakob Mett ursprünglich in Jerusalem zum Chacham- Baschi gewählt, die Wahl aber für ungültig erklärt worden. Es ist nun sehr erfreulich, daß Jakob Meir einen anderen Wirkungskreis erhält, weil damit die Streitigkeiten, die sich in der heiligen Stadt zwischen seinen Parteigängern und seinen. Gegnern entsponnen hatten, wohl von selbst entfallen werden. . - A vemlrchter. Frankfurt a M., 21. Juni. Gegenwärtig weilt hier der Vertreter der Jeschiwa von Nowogrudock und oer mit ihr verbundenen Schwesteranstalten in Russisch- .Polen, um in gewohnter Weise die Spenden für diese Institute zu sammeln. Bei der gegenwärttgen großen Notlage der jüdischen Bevölkerung ist es doppelt notwendig, dazu beizutragen, daß den Stätten, die unter unseren Brüdern im Osten die Kenntnis der Thora verbreiten und erhalten, die zu ihrem Fortbestehen notwendigen Mittel gesichert werden. Es sei darum allen, denen die Interessen des gesetzestreuen Judentums am Herzen liegen, die Unterstützung der genannten Jeschiwoth wärmstens anempfohlen. Frankfurt a. M., 24. Juni. Wir werben um Veröffentlichung folgender Mitteilung ersucht: Josef. Go löste in, Sohn des Moritz Goldstein, Frankfurt a. M., Allerheiligenstraße 20, geb. in Wien, 15 Jahre alt, war bis zum 1. Januar in der Kleiderfabrik Thlle & Co. in Aschafsenburg als Lehrling beschäftigt und hat dann Äschaffenburg verlassen, ohne seitdem wieder ein Lebenszeichen von sich zu geben. Er ist von großer Statur. Besondere Kennzeichen find eine kleine Narbe an der Lippe und auffällig große Hände. Der Vater bittet jeden, der über den Verbleib des jungen Mannes etwas weiß, um alsbaldige Benachrichtigung. Mannheim, 20. Juni. Am vergangenen Samstag hielt Herr Stadt- und Konferenzrabbiner Dr. Steckelmacher, das hervorragendste theologische Mitglied des Großh. Oberrats der Israeliten Badens, in der hiesigen großen Synagoge eine flammende Predigt zu Ehren des neuen oberrätlichen Gebetbuchs, in der er die Gegner dieses radikalen Werkes der Reform mit Korach und seiner Rotte in Parallele stellte. Die hiesigen Gemeindemitglieder find iLer diese Unduldsamkeit und Gehässigkeit empört. Höchberg, 16. Juni. Vorstand und Kuratorium der JSr. Präparanden-(Talmuld-Thora-)Schule Höchberg veröffentlichen folgen en Aufruf: „Die Räume unserer israelitischen Präparandenschule entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen. Eine höchste Entschließung vom 13. Janue d. I. stellt Anforderungen, denen unsere Schule nur durch einen Neubau entsprechen kann. Dazu find Tausende von Rark notwendig. Die laufenden Beiträge können und dürfen aber hierfür nicht verwendet werden, wenn die Schule nicht in ihren Hauptaufgaben — Unterricht und Schüleruntcrstüvung — verkümmern soll. Für den Baufond sind uns bereits von einem Gönner der Anstalt zweitausend Mark zur Verfügung gestellt. Da der Bau nach der höchsten Verordnung vorgeschrieben und deshalb unumgänglich notwendig ist, darum versaget die Mittel nicht, Ihr edlen Brüder und Schwestern- Ihr entsprechet dadurch auch gleichzeitig den Intentionen des großen Gründers unserer Schule, des seligen Rabbi Elosor Ottensoser." Wie«, 21. Juni. An eine Anzahl galizischer Abgeordneter ist gestern aus Podwoloczhska eine Depesche folgenden Inhaltes eingelangt: „Gestern Nachts wurde mein Mann, österreichischer Untertan, Israelit, von russischen Grenzsoldaten ermordet, worauf dann dessen Leiche, um die Sache zu verschleiern, zerschossen wurde. Ich habe bereits an das Ministerium telegraphiert, fürchte aber ein nicht energisches Vorgehen der hiesigen Behörde. Ich bitte untertänigst, sich unser anzunehmen. Ich bin eine arme Witwe und Mutter von acht Kindern. Gittel Birnbaum aus Podwoloczhska." Wie es heißt, wird die Angelegenheit schon in einer der nächsten Sitzungen in einer Interpellation im Abgeordnetenhause zur Sprache gebracht werden. Safed lPalästina), im Juni. In S a f e d ereignete sich, wie der „Welt" berichtet wird, ein Hagelschlag von ungeheurer Stärke, der sich im Laufe einer Woche daselbst zweimal wiederholte. Die Hagelschloßen erreichten die Größe eines Hühnereies. Das Unwetter dauerte jedesmal eine halbe Stunde und war mit Gewitter und Sturnr verbunden. — Im Dorfe A p d e ch a am Genesarethsee wütete ein noch heftigerer Hagelschlag, der l1/* Stunden dauerte. Es fielen Eisstücke im Gewichte von zwei Pfund! Der Hagel hat einen gewaltigen Schaden angerichtet. Sehr viel Vieh wurde auf dem Felde getötet, Bäume wurden entwurzelt, Häuser zerstört. vrreinsvesen. Ems, 26. Juni. Der Hilfsverein für unbemittelte jüdische Geisteskranke in Ems versendet seinen Jahresbericht für 1906. Der Verein ist vor vier Jahren begründet worden. Die No: Wendigkeit der Institution ist durch die gewaltige Zahl der im Laus der Jahre eingegangenen Aufnahmegesuch , die bei fast 4000 jüdischen Geisteskranken in Deutschland nicht verwundern kann, über j eden Zweifel erhoben worden. Der erhebliche Prozentsatz der Heilungen und Besserungen, die erzielt wurden, erhellt unwiderleglich die Vorzüge einer Behandlung in besonderen jüdischen Anstalten. Es ist von vornherein klar und durch Erfahrung hundertfach bewiesen, daß eme günstige Beeinflu,sung des Zustandes von Nerven- und Gemütskranken nur in einer Umgebung zu erreichen ist, die den Lebensanschauungen und Lebensgewohnheiten der Pattenten angemessen ist, die speziell den religiösen Bedürfnissen des Kranken mitempfmdendeS Interesse mck liebevolles Verständnis entgegenbringt. DaS aber könne» Juden nur in einer jüdischen Anstalt finde«. Während des Berichtsjahres wurden in der Anstalt zu Sayn für Rechnung des Hilfsvereins 16 Männer und 12 Frauen verpflegt. Abgegangen find im Lauft des Jahres 6 Männer und 2 Frauen, sodaß am 1. Januar 1907 ein Bestand von 20 Kranken verblieb. Bon den Abgegangenen waren geheilt 3 Männer und 1 Frau, gebessert 1 Mann und 1 Frau, es find gestorben 2 Männer. — Der so überaus segensreich wirkende Verein verdient die eifrige Unterstützug aller jüdischen Kreise. Personalien. Kolberg, 21. Juni. Der Rabbiner der hiesige« Gemeinde, Herr Dr. Goldschmidt, beging heute seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar hat sich besondere Verdienste um das Segen stiftende jüdische Kurhospital erworben, das zum großen Teil als seine Schöpfung angesehen werden kann. Oftrowo, 18. Juni. Die Regierung zu Posen ha die Wahl des Rabbiners Dr. Freimann in Hvlleschau in Mähren zum Rabbiner der hiesigen Gememde nicht bestättgt, weil der Gewählte, nicht deutscher Reichs-' ungehöriger ist und keine Aussicht auf dessen Naturimsation besteht. Prcstburg, 20. Juni. Am mp 'o N2V hielt auf Berufung des Gemeint evorstandes Bezirksrabbi' er S. Austerlitz von Somorja einen Probevortrag. ES handelt sich um die Anstellung eines -pjD der orthodoxen Gemeinde. Zprecdraal. Frankfurt a. M., 21. Juni 1907. Sehr geehrter Herr Redatteur! Sie haben in Nr. 25 Ihres geschätzten Blattes in Ihrem „Sprechsaal" einer Einsendung Raum gegeben, die sich mit den in Aussicht gestellten Satzungs-Veränderungen der hiefigen Reltgionsgesellschaft befaßt Gestatten Sie mir, mit einigen Worten zu dieser Einsendung Stellung zu nehmen. Ich bin überzeugt, daß der Einsender jenes Artikbs es recht gut gemeint und sich im Uebereifer nur vergriffen hathätte ich diese Meinung nicht, so müßte ich glauben, daß ein erbitterter Gegner der Religionsgesellschaft die Hoffnung hegt, für eine Anschauung Propaganda zu machen, die, wenn sie durchdränge, den Anfang vom Ende der Religionsgesellschaft bedeuten würde. Der Eisender hat Rabbiner Hirsch, der wohl alS der Verfasser der alten Statuten gelten darf, ungewollt ein trauriges Armutszeugnis ausgestellt. Mit Rücksicht auf die vor 50 Jahren vorgekommenen, noch in ftischem Andenken . stehenden empörenden Fälle von rn"D mDH und rrny lim# ' seien nur diejenigen, die diese Gesetze über reten, von dem Eintritt in die Religionsgesellschaft 'ausgeschlossen worden, de« rQlP aber habe man Nicht Mit einbezogen, wett es nicht deükbar gewesen, daß ein ra# um den Eintritt in die Religionsgesellschaft sich bewerben werde. Nun aber fei die Zeit in ersterer Beziehung besser, in - letzterer schlimmer geworden, an die Stelle der jetzigen Ausschließungsgründe müsse der treten. Ja, ja, es ist Methode darin. — Skun, es diene zur Beruhi- " gung des Einsenders, daß man wohl an rotf auch damals gedacht hat, denn ein Paragraph der Satzungen sieht vor, daß ein H'iDmsn rDtf nicht in die Verwaltung gewählt werden darf. Nichtsdestoweniger kann ein solcher Mitglied der Religionsgeschaft werden, und, was Rabbiner Hirsch recht war, das kann es auch unS ein. Rabbiner Hirsch war nicht der weltfremde und kurzsichtige Mann, wie er sich Wohl in dem Kopfe jenes Einsenders malt. Ich will hier nicht ausführen, warum man von einem solchen Ausschluß abgesehen hatfür den Denkenden liegt es auf der Hand. Bor einem gefährlichen Einfluß an leitender Stelle muß man die Gemeinde schützenden Anschluß wehren, hieße jedoch für alle Zeiten auch von einem Gesinnungswandel zurückhalten. Man mache nur einen solchen Paragraphenich weiß manchen, der sich inS Fäustchen lachen würde. Ich gehöre der Gemeinde fast 45 Jahre an, habe fie manchen Sturm durchkämpfcn, und dabei wachsen und gedeihen sehen, ohne daß man den rQtf Vl!?n als AuSchließungsgrund in die Satzungen ausgenommen hat, und es wird auch weiter gut geben. Uebrigens glaube ich, daß die Verwaltung, die mit aller Hingebung und kluger Vorsicht die Angrlegenhetten der Gemeinde keilet, nur die vorgeschlaaene Erweiterung des Ausschusses und die formelle Aettderung der Wahl zur Diskussion stellen, fich aber auf eine Aenderung der übrigen Satzungen nicht einlassen wirdvor allem schon deshalb nicht, weil die Satzungen nicht gefährdet werden, dürfen, aus Grund deren die Religionsgesellschaft alS Gemeinde mit besonders schätzbaren Privilegien, deren sich keine andere jüdische Gemeinde in Preußen erfreut, anerkannt worden ist. 8.