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Der Israelit · 1907-06-27 · Heft 26 (27.6.1907) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 26 (27.6.1907)
Date
1907-06-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 20. No. 58. Reisebilder vom Eand*. „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen." , Er hält natürlich am liebsten in seinen geistigen Amateurphotographien schöne Landschaftsbilder fest, die ihn erfreuen und ihn noch lange die genußreichen Tage seiner Ausflüge im Gedächtnis aufs neue durchleben lassen. Aber wenn er nicht nur Interesse für die Natur, sondern auch für Land und Leute hat, dann wird er auch die Menschen kennen lernen wollen, die in den Gegenden wohnen, in welchen er sich gerade aufhält, und wenn der Reisende ein Jude ist, auch die jüdische Gemeinde des Ortes und ihre Institutionen. In ein Skizzenbuch eines munteren Wanderers wurde uns ein Einblick gewährt, und wir hielten die flüchtigen Pinselstriche für wertvoll genug, sie einem weiteren Kreise zugänglich zu machen. I. Mittlere Stadt. Ziemlich lebhafte Industrie. Luftkurort. Juden in guten Verhältnissen, teilweise reich. Nur wenige Familien leben gesetzestreu. Neuer Schochet hat mehrere Tiere für trefa erklärt. Dieserhalb große Aufregung, da so etwas bisher unerhört. Heute Stiftungsfest des Frauenvereins bei Kaffee und Kuchen. Erneute Aufregung. Soeben läßt die Oberin eines Krankenhauses wissen, daß eine achtzigjährige Patientin gestorben sei. Sie bäte die jüdischen Frauen, oie rituelle Waschung und Bekleidung der Leiche vorzunehmen. Keine einzige Dame des Frauenvereins findet sich dazu bereit. Was mußte sich die nichtjüdische Oberin von dieser Antwort denken? Ich sagte nur, das nennt sich „liberal!" Biel Vergnügen zum Stiftungsfest! II. Eine große Stadt, huldigt der äußersten Reform. Religiöse Minderheit. Es tauchen Zweifel an der rituellen Tauglichkeit der Mikwah auf. Sie werden dem Vorstand unterbreitet. Der droht: Noch eine Klage darüber, und das Mikwah wird ganz geschlossen. Ich sagte mir, das nennt sich „liberal!" Viel Vergnügen zum Orgelkonzert! III. Landgemeinde. Heute war der Rabbiner da, prüfte die Schule und die Schächter und predigte. Hat schön gesprochen, hat gut gesprochen. Jeder hat was mitbekommen. Wenn sie es sich nur merken! Beim Vorstand Kaffee-Einladung für die auswärtigen Gäste. Halten alle Schabbos. Alles setzt sich um den Tisch, ohne Kopfbedeckung, keiner macht Berochoh, keiner spricht das Tischgebet. Alles eilt zum Kartenspiel. Ich sagte mir, das nennt sich „fromm!" Biel Vergnügen zum Kartenspiel! IV. Landgemeinde. Jom Kippur Koton 12% Uhr mittags. „Man hat ja immer um halb eins Minchah geort. Der neue Lehrer ist ein Schautedenn was hat Minchoh mit der mitteleuropäischen Zeit zu tun! Ein Baal Boß steht am Vorbeterpult. Die Tefillin liegen auf der Nase. So klein sind sie, daß man sie kaum sieht. Farbe abgesprungen. Die Riemen hellbraun. Jemand sieht mir den Städter an. Kommt zu mir. Ob die Tefillin nicht koscher seien? Er sei jetzt sechzig Jahre und sein Vater war ein sehr „gelernter" Mann. Der hat ihm die Tefillin zur Bar Mizwah gekauft. Da habe gestern ein Sofer gesagt, die seien possul. Der hatte nämlich neue ru verkaufen. Aber so schnell ist man nicht mit dem Geld. Ich denke mir das meinige. Landgemeinde. Schabbos. Es geht alles beim Gottesdienst in althergebrachter Weise vor sich. Als Fremder werde ich zur Thora aufgerufen. Ich spreche Berochoh und — welcher Schrecken: die Buchstaben abgesprungen, mit Bleifeder die Tonzeichen angedeutet. Das Sefer sieht aus wie Papier und hat viele Risse. Ich äußerte meine Bedenken und traf auf Verständnis. Es wurde sofortige Abhilfe versprochen. VI. Mittlere Gemeinde. Unftomm. Von früher gute Institutionen. Ich lasse mir die Mikwah zeigen. Sehr hübsch und sauber in weißen Der Israelit. Platten und Marmor gehalten. Ich fragte nach der Einrichtung, nach dem Regenwasseroehälter. Nirgends etwas zu finden. Alles Wasserleitungswaffer. „Wer hat das gebaut?" „Der Vorstand war mit dem Installateur in X A und darnach ist der Plan entworfen." „Habt Ihr denn keinen gesetzestreuen Rabbiner bei der Anlage zu Rate gezogen?" „Versteht denn ein Rabbiner was vom Bauen?" „Aber Sie samt Ihrem Vorstand und Installateur nichts von einer Mikwah." _ Ich reiste heim, sonst wäre meine ganze Erholung zum Teufel gewesen. Ich hatte immer über unsere Kehilloh geschimpft, ich war froh, wieder in meiner Kehilloh zu sein. Updottsmen. Aus Kellner: Zur Pädagogik der Schule und des Hauses. Der Arme, welcher nur für den morgenden Tag und oft nicht einmal für diesen seinen Unterhalt gesichert sieht, dem die Sorge für des Leibes Nahrung jeden freien Aufschwung des Geistes niederdrückter bejammert oft den Tod eines Haustieres mehr, als den Tod eines Kindes, und wenn er den Sarg schließt, in dem das kleine Geschöpf zur ewigen Ruhe gebettet werden soll, so spricht er getröstet: Ihm ist wohl! Dieser Tod nimmt, der Tod des Haustieres gibt eine Sorge. Diejenigen aber, welche auf der sonnigen Höhe des Lebens stehen, und zu denen nur der heftigste Notschrei des Unglücks hinaufdringt, mögen sich über die Ruhe, womit jener Arme den Sarg schließt, wundern und darin Rohheit und Stumpfheit erblicken. Sie wenden sich von ihm ab mit empfindsamem Schauer und sind sich mit erhöhter Befriedigung der Kluft bewußt, welche zwischen ihnen und jenem, befestigt ist. Aber während der Arme den Tod seines Kindes mit Ruhe erträgt, weil er dadurch um eine schwere Bürde und Lebenssorge leichter geworden,, die nunmehr der Himmel übernommen hat, möchten die Begüterten und Hochstehenden oft ihre Kinder von sich fern halten, bloß um nicht in ihrer Bequemlichkeit oder Vergnügungssucht gestört zu werden. Der Tod ihrer Kleinen würde sie freilich schmerzenaber die Entfernung mit Entftemdung von ihrer: Kindern ist eine Wohltat und Erhöhung ihres selbstischen Lebensgenusses. Während jener Arme den Tod seines Kindes mit stiller Ergebung erträgt, töten diese Egoisten ihre Kinder oft genug, zwar nicht leiblich, aber doch geistig durch Hingabe in verzerrende Pensionate oder an feiles Gesinde. Während jener Arme sich mit dem Himmel beruhigt, beruhigen sich diese vornehm kalten Herzen mit dem Gedanken, daß sie dem Kinde, welches sie von sich fern halten, bezahlte Wärter und Aufseher gegeben haben. Wer ist bester, und wer darf den ersten Stein aufheben? Jene Mutter vielleicht, die ihre Kleinen des Tages nur einmal sieht und beruhigt jedem Vergnügen nachjagt, weil sie denkt, daß ihre Kinder unter guter Aufsicht sind, unter einer Aufsicht, die umso besser sein muß, je teurer sie bezahlt wird? — Jener Vater etwa, dessen Seele Mißmut erfüllen würde, wenn er nur einen stillen Abend der Woche im Familienkreise verleben sollte? — Ist ein so großer Unterschied zwischen der Trennung durch den Tod und der Entfernung, welche durch Selbstsucht und Vergnügungstaumel herbeigeführt wird? — Und welche Art der Trennung trenntauch die Herzen mehr? vir praktische €tbik _ des Judentums und ihre Zukunft ^(Fragmente aus den Sprüchen Salomos)^ ' (Fortsetzung.) Z .. „Unter Dreien erzittert die Erbe, Unter Vieren kann fie sich nicht erheben. Unter einem Knecht, wenn er zur Herrschaft gelangt, Einem sittlich Welken, wenn er an Brot gesättigt ist, Unter einer Gehaßten, wenn der Gatte sich ihr zuwendet, 1 Einer Magd, wenn fie ihre Gebieterin beerbt." 27. Juni 1907. Wie der Körper Diener des Geistes ist, so find naturgemäß diejenigen Völker, welche nur für die materielle Existenz sorgen, die Staaten, die nur die äußere Machtglücksstellung ins Auge fasten, notwendig Diener dem Volke, das, aller Machtmittel bar, die anderen Nattonen zu politischen Größen machen, trotz der Trennung ein einheitliches Volk geblieben ist und dadurch bewies, daß es ein anderes dauernderes, weil unverwüstbares Einigungsbanö gibt — die Gruppierung um ein g ei st ig e s Gut. Als Träger des Geistes ist dies Volk drum in seiner Gesamtheitsbestimmung ewig, unsterblich, wie der Geist, den es lehrt, bleibt in und durch seinen Beruf alle andern Völker überlebend: der Sieger, der Herr, wie es vor der Geburt seiner Ahnen Gott aussprach l, 25,23: „Der Mächttge wird dem Geringern dienen." Doch die Jahrtausende der abgelaufemn und die Jahrhunderte der noch zu erwartenden- Ceschichtsentwicklung war der zum Diener bestimmte Obsieger, mit allem Hochmut und aller Ueberhebung, mit aller Verkennung der Herrschafts- Pflichten und aller Rücksichtslosigkeit den „Untertanen" gegenüber, mit allen Fehlern des „Emporkömmlings". Die Völker sind welk, sittlich entartet, die Begriffe von gut und wahr find umgeprägt, das Gute entwertet, das Wahre geschwächt, die Freiheit unterdrückt, die Lüge gefürstet, das Schlechte geadelt, Ne Knechtung gerühmt und diesen Fälschern der Ordnung, den Gesetzgebern des Unrechts, noch Macht und Reichtum und Ehre verliehendie vollendete Entsittlichung! Und wenn nun gar diesem von Gott gehaßten Prinzip die Zukunft erhalten bleibt, wenn mit dem getrübten Gottesbegriff es sich vermählt und nun gar in Seinem heiligen Namen die Gesetze Seiner Schmähung verkündet, die Kriege Seiner Verhöhnung geführt werden und wenn nun drm Gottesbewußtsein, dem entlehnten, zu nachdrücklicherem Gelingen der Täuschung, — die „Tochter" sich als „fortgeschrittenere" Erbin der veralteten und verstoßenen „Mutter" ankündigt, — dieser grausige Tanz um die winkende Erbschaft bei lebendigem Leibe und sehendem Auge und hörendem Ohre der gefesielt daliegenden Mutter — — — dann wird uns klar, daß diese „Tochter" doch nicht die legitime Tbronfolgerin, diese Gehaßte („Ich liebte Jaakauw und Esau haßte ich" Maleschi I. 3.) nicht die plötzlich von Gott geliebte sein kann. Der Entsittlichte kann im Vollgefühl gesättigter Kraft nicht der Wahrer der Sittlichkeit und der Knecht nicht zum Träger der Krone bestimmt sein. — T ie Kraft l rscheint so zersetzt und innerlich zerfallen, daß die Erde ihre Herrschaft nicht auf die Dauer ertragen kann, sie erbebt dereinst. Das Alte muß in Trümmer stürzen und „von Hügeln und Höhen der Zeiten getragen, ragt der Gottesberg — festgegründet: zu ihm die Völker strömen." Dieser Schwäche der Starken gegenüber bietet die Stärke ter Schwächen die Gewähr, daß das Ziel erreicht wird. Ein Bild aus dem Tierleben zur Illustrierung: „Vier sind die Kleinsten der Erde, Doch sie find weise gewordene Weisen. Die Ameisen — ein nicht starkes Volk Bereiten im Sommer ihr Brot. Klippdachse — ein nicht starkes Volk — Gründen auf dem Felsen ihr Heim. Keinen König hat die Heuschrecke Und zieht ganz zur Gemeinschaft geschieden auS. Die Spinne*) greift man mit den Händen Und fie ist in Königspalästen."» War es auf der einen Seite die „Entwicklung" der Mächtigen, welche die Welt davor schützte, in deren Krallen erstickt zu werden, so ist es auf der anderen die Erstarkung der Schwäche, die Gewähr dafür bietet, daß das heute Unterdrückte als das Freie und Befteier morgen wird gefeiert werden können. Dazu reicht freilich die menschliche Vernunft nicht aus. Es heißt nickt CFEUn, sondern ODBNQ □'«EDn Weise, die weise gemacht wurden, weise geworden find. Wohl lebt im Menschen das Gefühl für Sittliches und Schönes^ Wahres und Gutes. Ajas ab r wahr und gut und sittlich für ihn ist, empfangt er als Gesetz aus der Hand seines Gottes, der ihn geformt und gebildet hat, das Verhältnis der Seele zum Körper, des Geistes zur Materie in ihm kennt. Da gibt denn dieses Gottesgesetz zur dauernden Erhaltung dieses materiell schwachen Volkskörpers einen bedeutsamen Fingerzeig gleich bei der Erwählung. Das Trauungswort, mit dem Gott sein Volk sich angeeignet hat, lautet: „Es sei mir zum Volke." Zu einer sozialen Gemeinschaft wird das Volk berufen und dadurch allein kann es ein Volk bleiben. Wie der sterbende Ahn die Söhne an sein Lager ruft nnt den Worten UQpm 1BDKH mit dem Ruf des einigen Augenmerks auf ein gemeinschaftliches Ziel, besten Erhaltung Bedingung und einziges Mittel ihrer Einigkeit ist, also ist dieser Begriff die Lösung für das Rätsel unseres Lebens für alle Zeit geblieben. Die Emsigkeit und die weise Voraussicht in die Zukunft, die nur eine Wiederholung der Vergangenheit in nur zum Teil neuen Formen bildet, machen uns es möglich, uns im „Sommer", der Zeit der lachenden Sonne des Glückes, zu rüsten für die eisigen Stürme des Winters, in denen die kalten Winde und der grimme Frost das Blut des pulsierenden Lebens in den Adern erstarren zu lasten drohen. Doch zum nüchternen Fleiß und der klugen Kenntnis der Geschichte, als Schutzmittel gegen die Leiden der Zukunft, gesellt sich ein Gottvertrauen, das auf unerschütterlich festem Granitfels gegründet, die sicherste Heimstätte für wehrlos Gehetzte aogibt. Das bilden die geistig-sittlichen Bindemittel, die uns einen und stärken und die uns alle mit dem gleichen Streben beseelen, wiewohl der polittsche Mittelpuntt, ein königliches Oberhaupt, als Leitung uns fehlt. (Fortsetzung folgt.) ü : ' i v vkxiX. ä. rf* J^ä.% *) Nach anderen Eidechse.

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