Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1907)
- Date
- 1907-06-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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WWWW Seite 18. Rr 36. WMWWWWW WMMW.MMUNMWWAMSW.MW^WWWM»^ Der Israelit. WW 27. Junt 1967 teute kann sie aber gewiß nicht als Entigung dienen. Dank der schier unmenschlichen Arbeitskraft von Rabbiner Hirsch — gesegneten Angedenkens — und seiner mit- und nachstrebenden Kämpen ist der ganze Pflichtenkreis des jüdischen Lebens, der ganze Anschauungskreis jüdischen Denkens in deutscher Sprache jedem zugänglich. Leider wird ja die Anschaffung der einfachsten Werke jüdischen ^Inhaltes durch die unverantwortlich hohen Preise sehr' erschwert. Es ist nicht der Fall, daß keine Nachfrage nach Büchern des Thorawissens ist. Die Nachfrage wird z urückgeschreckt durch das — mißverstandene — Interesse der jüdischen Verleger und Buchhändler. Je billiger ein Artikel ist, desto mehr wird er gekauft. Auch hier muß die Masse es bringen. Wir haben auch im gesetzestreuen Kreis Autoren genug, die mit vollen Händen Thaurohsaaten unter das Volk streuen wnnten und möchten. Sie finden aber keinen gleich ihnen ideal denkenden Verleger, der bereit wäre, seinen Beruf in den Dienst der Tauroh zu stellen. Die Zeit schreit nach einem Verlag für jüdische Volksbücherei im Sinne des gesetzestreuen Judentums. Unsere Zeit hat chre Pflicht nicht getan, wenn sie die Masten der Gebildeten und Ungebildeten, der Armen und der Reichen, der Jungen und der Alten nicht aufklärt über wahres Judentum. Zu allen Zeit hat die Thora fürstliche, edeldenkende Mäeene gefunden, die das Wort min TiD^n “imd gekannt und anerkannt haben. Wir wollen auch heute an der Hoffnung, solche zu finden, nicht verzweifeln. Immerhin darf die Geldfrage auch heute den schlichten Mann nicht davor zittern lassen, auch diesbezüglich Opfer zu bringen, um gute, vom wahren Geist des echten Judentums durchwehte Bücher für seine Kinder anzuschaffen, wenn er sie als Juden erziehen will. Nur mit Wissen ausgerüstet besteht der Jüngling den Kampf im Leben. Und Wissen rann man sich heute auch auf dem Lande verschaffen. Israels £eid and Hoffnung. Zu den Trauerwochen-l Jesajas 63, 9. — 65, 18. Die Leiden, die Israel zu tragen hat, vermindern auch die Anerkennung, die seinem Schöpfer werden sollte. Ist doch Er nicht Seines Volkes Feind? Wollte doch der Engel Seiner Vorsehung zum heiteren Ziele Israel helfen. In Seiner Liebe und Seinem Erbarmen erlöste Er selbst sie, Er hob sie empor und trug sie hindurch durch alle Tage der Vorzeit.- Da aber waren sie widerspenstig und erzürnten den Geist, der in Seinem Heiligtum waltet, da erst wandelte Er sich ihnen zum Feinde, Er, Er kämpfte wider sie! Er gedachte der Tage der Vorzeit, des Moses, Seines Volkes. Ach, wo ist jemand, der sie wieder emporführte aus dem meerestiefen Abgrund, als Hirten Seiner Völker Heerde, wo gibt es jemand, der wieder aufs neue in s e i n e Mitte pflanzet den Geist Seines Heiligtums?- Einst ließ Er zur Rechten Moses den Arm Seiner Herrlichkeit einherziehen, spaltete Gewässer vor ihnen, um Sich einen ewigen Namen za machen. Ec führte sie in die Tiefen, wie das Roß in der Wüste sollten sie nicht straucheln. Ja, wie das Tier ins Tal friedlich hinabsteigt, von Gottes Huld geführt, so hast Du auch Dein Volk geleitet und Dir einen Namen der Machtfülle bereitet. Aber heute! Schaue doch hernieder vom Himmel und blick' herab von der Slätte Deines Heillgtums und Deiner Herrlichkeit! Wo ist die Forderung Deiner Gerechtigkeit, wo Deine Allmachtstaren? Die ganze Fülle Deiner innigen Baterliebe zu Deinen Geschöpfen — bei uns verstummt sie?? Denn Du bist doch unser Vater! Hätte uns selbst Awrohom nicht gekannt und würde Israel uns nicht an; erkennen - Du Gott bist unser Vaterunser Erlöser lautet von jeher Dein Name. Warum, o Gott, läsiest Du uns abirren von Deinen Wegen, läsiest hart sein unser Herz, daß wir Dich nicht ehrfurchten? Kehre zurück um Deiner Knechte willen, der Stämme Deines Erbteils. Nur auf kurze Zeit hurte einen Besitz errungen das Volk Deiner heiligen Bestimmung. Unsere gemeinsamen Feinde l'aben Dein Heiligtum zerstört! Wir sind geworden, als hattest Du nie über uns geherrscht, als wäre Dein Na ne nie ausgesprochen worden über uns. O, möchtest Du doch die Himmel öffnen und herabsteigen, Bergeshöhen würden vor Dir zerfließen. So widerstandslos, wie Feuer Schmelzbares zum Sieden und Feuer das Wasser zum Kochen bringt, also würden, wenn Du Deinen Namen den Widersachern Deines Prinzipes zur Erkenntnis bringen würdest, Völker vor Dir erbeben. Wenn Du Wundertaten au führtest, sollten wir da nicht hoffen dürfen? Du bist ja schon einmal herabgcstiegenvor Dir sind Bergeshöhen zerflossen. Und hätte von der Vorzeit her man es nicht gehört und vernommen und hätte kein Auge noch solches erschaut, Gott, außer Dir- Er wird die Zukunft gestalten dem, der auf Ihn vertraut. Dich H it stets gefunden, der freudig Gerechtigkeit übte, die Deiner stets gedachten, Deine Pfade der Sittlichkeit wandelnd. Du hast uns nur gezürnt, wenn wir Deine Wege verließen, wären wir ewig auf ihnen geblieben, wir wären läng st gerettet. So aber sind wir alle wie unrein und einem befleckten Gewände gleicht unsere Tugend, wir alle welken dahin wie Laub und wie ein Wirbelwind reißen uns ia.mer weiter fort unsere Sünden. Denn keiner, der Deinen Namen mit dem Munde wohl kündet, hat d e.n Mut, durch Dich allein im Leben erstarken zu wollendenn Du hast Dem Antlitz ve.borgen vor uns, haltlos läsiest Du uns zerfließen in der Hand unserer Sünden. Und doch, o Gott, bist Du unser Vater, wir sind der Ton und Du unser Bildner, und von Deiner Hand geschaffen sind wir alle. Zürne doch nicht, o Gott, allzu sehr, und gedenke nicht für immer unserer Schuld, schau' doch herab. Dein Volk sind wir ja alle. Die Städte Deines Heiligtums wurden zur Wüste, Zion ward zur Wüste, Jerusalem zur Einöde. Das Haus unserer heiligen Bestimmung und unserer Pracht, wo Dich unsere Väter gepriesen, ward ein Raub der Feuerflammen und alles, woran wir Lust gefunden, siel der Zerstörung anheim.- Und bei alledem hältst Du an Dich, o Gott? Schweigst Du, demütigst uns so sehr? . . . * * * Ich ließ Mich erfragen, ohne daß sie fragten, Ich ließ mich finden, ohne daß sie Mich ftrchten. Gesprochen habe Ich: „Hier bin Ich, hier bin Ich" zu Meinem Volke, das sich nicht mehr mit Meinem Namen nannte. Ich öffnete Meine Arme jeden Tag einem widerspenstigen Volke, das einen Weg wandelt, der nicht gut ist, stets nur seinen Ideen nach. Das Volk, das Mich beständig erzürnt vor Meinem Angesicht, das den Naturkrästen opfert in den Gärten und den Gestirnen räuchert auf den Dächern. Das, am Stoffe haftend, auf den Gräbern weilt und in Höhlen übernachtet, das das Fleisch des Schweines ißt und in desien Geräten die Brühe ist von Opfern, die Gott verworfen. Gerade sie, die sprechen: ,,Bleibe für Dich, rühre nicht an mich, denn ich bin heiliger als Du," gerade sie sind der Rauch Meines Zornes, ein Feuer, das fortbrennt den ganzen Tag. Siehe, geschrieben steht es vor Mir, nicht ruhen werde Ich, bis Ich es heimgezahlt in ihren Schoß. Eure Sünden und die Sünden eurer Väter zusammen, spricht Gott, die da Räucherwerk gebracht haben auf den Bergen und Mich gehöhnt haben auf den Hüg ln, Ich werde ihnen in dem Maße ihres früheren Tuns Vergeltung üben, die lasten wttd auf ihrem Schoß. So hat Gott gesprochen: Wie, wenn sich noch Saft in der Traube findet, man spricht: „vernichtet'sie nicht, denn noch ist Segen darin, so werde ich um derer willen, die Mir treue Diener geblieben sind, tun, nicht alles zu vernichten. Ich werde aus Jakob eine Saat aufsprosien lasien und aus Jehudoh den, der Meine Berge in Besitz nehmen wird, es werden sie in Besitz nehmen Meine Erwählten und die Mir treue Diener geblieben, werden sich dort niederlasien. Die gefürchtete Saron-Ebene wird zur Stätte für die Schafe werden und das Tal der Betrübnis zum Lagerplatz der Rinder — für Meinen Volkskreis, der Mich stets gesucht har. Ihr aber, die ihr Gott verlaffet, die ihr vergesset, die Erhabenheit Meines Heiligtums, die ihr dem „Glück" den Tisch des Genusies decket und der unfteien Bestimmung Gußopfer füllet, euch zähle Ich dem Schwerte zu, ihr alle werdet zur Schlachtbank niederknien, weil Ich gerufen und ihr nicht geantwortet habet, Ich geredet habe und ihr nicht gehört, und ihr tatet, was böse ist in Meinen Augen und ihr das erwähltet, woran ich kein Wohlgefallen habe. Darum, so hat gesprochen der Herr, der in liebender Erziehung richtend straft — siehe, dann werden die Mir treu gebliebenen Diener esien und ihr werdet darben, siehe, Meine Diener werden trinken und ihr werdet dürsten, siehe, Meine Diener werden sich freuen und ihr werdet beschämt sein. Siehe, Meine Diener werden jauchzen aus Herzens l u st und ihr werbet klagen vor Herze leid, und ihr werdet jammern, da eure Hochmut gebrochen sein wird. Ihr werdet euren Namen als Eidesformel Meinen Erwählten hinterlasien: „so wahr der Herr, der lohnet und strafet, dich töten I ihres Erwerbes fortgeben, obgleich sie keinen Ileberfluß haben, das hätte er nicht für möglich gehalten. Diese einfache Tatsache wirkte mehr bei ihm als eine lange Auseinandersetzung über das Wesen des Judentums. Eines Tages kam Markus Bär etwas zu ät zu Ernas Stundener hatte mit Josephs ehrer Rücksprache genommen und dort lange warten müssen. Er entschuldigte sich bei seiner Schülerin und erzählte ihr dabei seine Beziehungen zur Familie Basch Erna hörte aufmerksam zu. Markus sprach von der frommen verstorbenen Mutter, die ihm, dessen selbst unbewußt, eine Lehrerin geworden sei, deren Verdienst hoffentlich auch ihren Kindern zu gute konlmen würde. Das reiche Kind der Großstadt hatte solche Schilderung aus dem Leben noch nie gehört. Wohl wußte sie, daß es arme Leute gibt, ihr Vater gehörte ja allen möglichen Wohltätigke tsvereinen an, sie war von klein auf gewöhnt, jedem Bittenden Geld zu gebenaber den wirklichen Begriff der Armut kannte sie nichtdie Wohnung solcher Leute zu betreten, hätte man dem angehenden Fräulein nicht gestattet, selbst wenn sie es gewünscht hätte. Aber daß es auch Leute gibt, die nicht betteln und die jedes Geschenk zurückweisen, und die doch arm, bitter, bitter arm sind, das hatte sie nie gehört. Fortgeriffen durch das Interesse seiner Zuhörerin sprach Bär weiter, er erzählte von seinem Elternhause, in deck trotz der Knappheit stets -er Frohsinn zu Hause gewesen, von seinem Leben während der Schulzeit und seinem teuren Rabbiner, dem er alles verdanke. Es war sonst nicht seine Art von sich zu sprechen, aber Ernas Teilnahme ermunterte ihn. Und dem jungen Mädchen ging eine neue Welt aus. Sie wußte wohl, daß ihr junger Lehrer nicht in so glänzenden Verhältnissen lebte wie sie, aber wie schwer oft schon Kinder kämpfen müssen, um den Besuch des Gymnasiums zu ermöglichen, batte sie nicht geahnt. Und wie Markus eigentlich das als selbstverständlich hingenommen, noch dankbar, daß man ihm diese Möglichkeit gewährt hatte! Als er nun zufällig auch noch erwähnte, wie er doch durch das Maaßergeld noch Bedürftigere weiter unterstützen konnte, brach sie in Tränen aus. Markus sah bestürzt auf. „Frl. Erna, was ist Ihnen denn?" „Herr Doktor, lieber, lieber Herr Doktor, Sie sind ja viel zu gut für mich. Verlassen Sie mich nicht, Helsen Sie mir nun auch so gut zu werden." Bär war tief erschrocken bei diesem plötzlichen Ausbruche, er bemühte sich, das Mädchen zu beruhigen, er wies sie darauf hin, daß er ja diesen herrlichen Maaßergedanken dem Gottesgesetz verdanke. „Fräulein Erna, wie würde denn ein Mensch darauf kommen, von seinem so knappea Einkommen ein Zehntel fortzngeben, wenn es nicht « Vorschrift wäre- Lenken Sie doch, hätte cbe, der sich fein Brot sauer genug verdient hat, überhaupt die Möglichkeit in Betracht gezogen, einen bestimmten Teil abzugeben, wenn nicht der Rabbiner es ihn als Gottes Gesetz gelehrt hätte?" Endlich legte sich ihre Erregung. „Lassen Sie mich wieder jüdische Schriften lesen wie im Anfang," bat sie. Bär war hocherfreut über den ungeahnten Erfolg seiner Schilderung. Wie die Ethik der einzelnen Gesetze auf einen Menschen wirkt! Gerade bei Maaffer hatte er das in seiner Kindheit an sich und nun sowohl an Joseph Basch wie an Erna Löwenberg erfahren. War es bei dem Lehrling die Ueverraschung, daß sozialistische Zukunftsbilder durch ein göttliches Gebot längst teilweise Praxis geworden, so war es bei der reichen Bankierstochter der hohe Wert eines Gesetzes, der die Armen wie die Reichen verpflichtet und berechttgt nach Vermögen noch Bedürftigere zu unterstützen. Bär erzählte seiner Schülerin die bekannte Geschichte von zwei Männern, die mit großer Mühe das tägliche Auskommen für chre Familie erworben und von denen -er eine durch einen Zufall plötzlich 30 Mk. bekommt. Sofort schickt er anonym dem Freunde 3 Mk. Maaßer, und dieser, der den Geber nicht ahnt, will auch das unverhoffte Geschenk verzehnten und kaust dafür Brot für die Kinder des ersten Spenders. Es war eine fruchtbare Stunde für Erna, wie auch für den Lehrer, obgleich das mitgebrachte Geschichtsbuch nicht aufgeschlagen war. . tkn&r. 1 "ag'k.- Üü