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Der Israelit · 1907-06-27 · Heft 26 (27.6.1907) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 26 (27.6.1907)
Date
1907-06-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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3m Jahrgang. üdiecber Volkefromd Monats-Veilage zum „Israelit Verantwortliche Redaktion: Rabbiner Dl*, o. CCiolf in Köln „Heber alles und noch manches andere.“ Von jeher scheint die Bildung auf dem Lande auch auf dem Gebiete des jüdischen Wissens sehr mangelhaft gewesen zu sein. Es erzählt uns die Mischnah Megillah U, daß die Bewohner der Dörfer keinen unter sich hatten, der die Megillah hätte vorlesen können. Es ist das wohl zumeist daraus erklärlich, daß die kleinen Gemeinden die Mittel nicht haben aufbringen können, um geeignete Lehrkräfte zu halten. Aber das jüdische Leben in seiner Betätigung war doch gerade im schlichten Volk zu Hause. Hören wir doch in Pesachim, daß gelegentlich einer Meinungsverschiedenheit über die gestatteten Vorbereitungen zum Pesachopfer, wenn der 14. Nissan auf einen Sabbat fiel, man abwarten wollte, wie das Volk die Sache handhabte, weil daraus die von großen Männern eingeführte Lebenspraxis mit Sicherheit zu erkennen sei. Heute ist das auch anders geworden. Der Fremde vermißt so das ganze jüdische Gepräge des Lebens, das ihn sonst sofort empfinden läßt, daß er in ein jüdisches Haus gekommen ist. Man sitzt ohne Kopfbedeckung zu Tisch, man kennt kein Waschen der Hände, keine Brochoh, kein Tischgebetso die Alten, so die Jungen gewiß. Es gehört selten zum Bestände des „Religionsunterrichtes" die Kinder die Segenssprüche zu lehren, noch weit seltener denken die selbst für sich nicht darauf achtenden Eltern daran, die Kinder an das Sprechen der Segenssprüche zu gewöhnen. Viefach macht es den ganzen Unterschied des jüdischen Lebens aus, daß man statt zur Kirche in die Synagoge, geht. In dieser sieht es nun manchmal recht traurig aus. Wir wollen direkte Reformen, wie Damenchor übergehen. Darüber Haber haben wir schon eine halachische Abhandlung in Nr. 2 dieses Jahrganges veröffentlicht. Was wir heute hervorheben wollen ist die Einrichtung, die immer mehr beliebt wird, daß Männer und Frauen in einem Raum vereinigt sind. Man baut gar keine Gallerien mehr. Wo aber solche vorhanden sind, werden sie oftmals, sei es aus Bequemlichkeit, sei es darum nicht benutzt, weil, wenn die Frauen oben Platz nehmen würden, die Männersynagoge so leer aussehen würde. Wir haben an der angeführten Stelle schon auf den Umstand hingewiesen, daß, abgesehen von dem religionsgesetzlichen Verbot der gemeinsamen Plazierung, die Trennung der Geschlechter in den Synagogen auch nach außen hin ein recht wirksames Mittel zur Erweisung der sittenreinen Lebensführung im jüdischen Kreise darstellt. Allerdings darf man dann auch nicht während der Gebetszeit mit den Schönen auf der Gallerie kokettieren. Daß manchmal auf Stunden im Umkreis kein Mikwoh anzutreffen ist, bleibt bei alledem die betrüben dste Tatsache. Mit der Unkenntnis und der Mißachtung dieses wichtigen Gebotes hatte man dem lebendigen Strom jüdischer Lebensführung ganz buchstäblich die Quelle abgegraben. Daß es zur Pflicht der jüdischen Frau gehört, ihr Haupthaar bedeckt zu tragen, davon weiß man nichts mehr. maasser. (Fortsetzung.) „Sie sind mit Ihrer Stellung zufrieden?" redete Markus auf der Straße seinen Begleiter an. „Gewiß, sehr,- die Chefs placken einen zwar, aber es sind soviel junge Leute, daß trotzdem ein fideles Leben ist. Was ich da schon alles gehört habe. Das habe ich doch nicht gedacht, was es in der Großstadt alles gibt," und der grüne Junge blickte ganz frech einem vorbeieilenden Mädchen unter den Hut. Bär erschraksollte dieser kaum 16jährige Junge schon verdorben sein? Er beschloß, ihn vorsichtig auszufragen. „Ja, ja, die Großstadt bietet manches Schöneman muß nur vorsichtig sein," fing er an. Das Thema schien den jungen Basch zu interessieren. „Natürlich ein Mann wie mein Vater, der immer auf einem Nest gewohnt hat, kennt das nicht. Und ich muß ja abends so pünktlich zu Hause sein, daß ich alles eigentlich mehr durch die Kollegen kenne. Natürlich, wenn wir am Sonntag ausgehen, dann bringt jeder eine Dame mit, solche feinen Fräuleins. Aber wenn ich erst mehr verdiene, dann gehe ich vom Vater weg, und dann kann ich machen was ich will. Ach, und wie fein die Damens immer sind, alles in Samt und Seide." Bär mußte unwillkürlich lächeln. Der Junge nahm das als Zustimmung auf und schüttete dem Studenten weiter sein Herz aus. Dieser hörte ruhig zuer atmete auf, bisher war der Knabe noch rein, er niußte nur aus der schlechten Atmosphäre herausgerissen werden, ehe es zu spät war. Nur nicht gleich mit Moralpredigten den jungen Menschen abstoßen. Es war Bär leid, die Unterhaltung abbrechen zu müssen. „Kommen Sie doch manchmal abends zu mir, Josephdagegen wird Ihr Vater nichts haben, dann gehen wir ein bischen ins Freie. Holen Sie mich mal nach 8 Uhr ab, Sie schließen doch im Sommer früh." Hocherfreut sagte der Junge zu. „Holen Sie mich vielleicht ab, Herr Doktor, dann erlaubts der Vater eher?" „Auch rechtgut Schabbos!" „Gut Schabbos, Herr Doktor!" Für Markus Bär begann jetzt eine aufregende Zeit. Er betrachtete es als seine Aufgabe, den jungen Basch wieder zum Juden zu erziehen. Mit dem Kaufmann Cohn, dem Neffen des Rektor Stein, hatte er wegen einer anderen Stellung seines Schutzbefohlenen Rücksprache genommen, doch hielt es schwer, etwas zu finden für einen jungen Mann ohne höhere Schulbildung, ohne die geringste Kenntnis von ftemden Sprachen. Noch fühlte sich Joseph Basch geehrt, daß ein Student, ein Gelehrter, seinen Verkehr suchte, aber wie lange mochte es dauern, bis die Abenteuer der Geschäftskollegen wieder verlockender sein würden? Es steckte entschieden ein guter Der Schabbos wird auf dem Lande fast ebensoviel entweiht wie in der Stadt. Aber auch dort, wo er offiziell noch gehalten wird, da ist der Geist zumeist gewichen, sonst würden die jüngeren Geschlechter nicht so leicht die Treue brechen. Er wird als Ruhetag, nicht als Tag der Erholung und geistigen Erhebung empfunden. Man ist durch den schrecklichen Mangel an jedem jüdischen Wiffen sich auch gar uicht klar darüber, welche Arbeiten am Schabbos erlaubt und welche verboten sind. Warum bildet die bis ins Kleinste auszudehnende Ausführung des Sch ab bosgesetzes nicht einen Hauptbestandteil des Religionsunterrichtes? Auf die Aufzählung der jüdischen Monate und dergleichen äußeren Dekorationsstücke, die ohne irgendwelche Gefahr für das jüdischrLeben, wenn man wirklich unbedingt vor die Alternative gestellt wäre, unterbleiben könnten, kann man wahrlich leichten Herzens Verzicht leisten. Aber daß man am Schabbos nicht kochen und waschen, nicht backen und nähen darf, das müffen unsere zukünftigen jüdischen Mütter mit der Muttermilch einsaugen. Sie müssen wissen, daß es im Sommer nicht einfach gestattet ist, den Herd anzünden zu lassen, um das Essen zu wärmen. Ein jüdischer Haushalt hat für Schabbos einen Schabbos- Ofen. In diesen wird das Effen Freitag vor Eintritt des Schabbos gesetzt, ohne daß von Anbeginn des Schabbos noch has Feuer geschürt wird, oder Kohlen neu aufgeschüttet werden. Wo Gasleitung ist, kann man ja einen Gaskocher zu dem Zweck benutzen. Unwissenheit hat ja nie vor Strafe geschützt. Kern in dem Jungen, gern ließ er sich von Bär von seiner frühverstorbenen Mutter erzählen. Es war Markus' Bestreben, durch die Schilderung dieser frommen Frau den jüdischen Sinn des Sohnes wieder zu wecken, der verbitterte Vater war wirklich nicht der geeignete Erzieher gewesen, ihm schien auch die harmlose Freude des Naturgenusses schon unrecht- und so hatte Joseph bis zum Eintritt ins Geschäft nichts Frohes gesehen. Mirjam war von einer freundlichen Nachbarin manchmal spazieren geführt worden, aber der Knabe sollte jede fteie Zeit zum Lernen benützen. Es gelang Markus Bär Josephs Ehrgeiz zur Weiterbildung zu wecken. Sofort bot er ihm dann an, auf seine Kosten Französisch und Englisch zu lernen, er könne ihm das Geld später wiedergeben. Der Student hatte sich schon ein nettes Sümmchen von dem Gehalt bei Löwenbergs zurückgelegtseine Eltern hatten die Annahme desselben mit Hinweis auf chre eigenen auskömmlichen Verhältniffe abgewiesen - bis auf ganz geringe Summen war auch das Maassergeld vorhanden. Markus erklärte das dem alten Basch und setzte dem Knaben besonders das Vorhandensein von Maasser auseinander. Joseph kannte diese Einrichtung zwar dem Namen nach, aber wußte nicht, daß sie wirklich noch gehalten werde. Er hatte im Geschäft schon manche sozialdemokratische Jd.ee unverstanden aufaeschnappt, auch vom „Teilen"- aber daß es wirklich Menschen gibt, die auf Gottes Gesetz auch ohne Sozialdemokraten zu sein, den zehnten Teil riiiiirilrrlYiiMlmrii Inf n i ir>',! »»>>' ■i 3 * * ]

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