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Der Israelit · 1907-06-27 · Heft 26 (27.6.1907) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 26 (27.6.1907)
Date
1907-06-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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87. Juni 1907 Sette 8. Der Israelit. Rr.26 Sabbatfreunde" in richtiger Erkenntnis der ' Dinge Folge gegeben worden. Der Vorstand soll die Statuten demgemäß umgestalten und in ihrer endgültigen Form der Behörde zur Genehmigung unterbreiten. Bei der Vorstandswahl wurde Herr Moritz Frey zum Präsidenten/ die Herren Hermann Steiner und Rabbiner - A. Herzl zu Vizepräsidenten bestimmt. England. 3wei Interviews über Palästina. London, 23. Juni. Ein Vertreter der „Jewish Chronicle" hat dieser Tage den Chacham Dr. Gaster, der von seiner Palästinareise zurückgekehrt ist, und Miß Annie Landau, VorstÄerin der Evelina de Rothschild School in Jerusalem, die sich einige Zeit in London aufhielt, über die gegenwärtige Lage des heiligen Landes interviewt. Aus Dr. G ast er s Erzählung sind die Mitteilungen hervorzuheben, die er über die günstige Haltung der türkischen Behörden gegenüber jüdischen Ansiedlungen machteferner was er über seine Intervention in dem Streit um die Jerusalemer Chachambaschiwahl berichtete. Dr. Gaster war durch die beiden Streitparteien um seine Vermittlung angegangen worden. Er hatte lange Konferenzen über die Angelegenheit mit dem Kaimakam in Konstantinopel und Rabbi Eliahu Chasan in Alexandrien gepflogen. Demnächst wird er ein kurzes Protokoll erscheinen lassen, in welchem der gegenwärtige Stand der Sache klargelegt wird. Das Haupthindernis für eine Lösung der Verwicklungen war die Einmischung von Leuten, die mit der inneren Angelegenheiten der Jerusalemer Gemeinde gar nichts zu thun hatten, und durch ihr Treiben die religiösen Gefühle der Bevölkerung schwer verletzten. Dr. Gaster weist damit aus Herrn Antabi, den Vertrauensmann der Jca und der Alliance Jsraelite, der durch seinen verderblichen Einfluß in unheilvoller Weise auf den Gang der Dinge gewirkt habe. Diese Meinung hat auch der Bali von Jaffa gegenüber Dr. Gaster zum Ausdruck gebracht. Der Gouverneur von Jerusalem und die anderen Beamten sprachen den Wunsch ans, daß der Friede in der Bevölkerung bald wieder hergestellt werden möchte. Fräulein Landau bestätigte, was in dem jüngst veröffentlichten Berichte des britischen Konsuls über den kommerziellen Aufschwung des heiligen Landes berichtet worden war. Besonders deutsche Kaufleute haben es nach den Mittellungen Fräulein Landaus bisher verstanden, die Konjunktur in Palästina auszunützen. Von dem Stand der Kolonien im allgemeinen entwarf sie kein günstiges Bild. Rechoboth und Petach Tikwah blühen zwar, aber in den übrigen Ansiedlungen dauert die Auswanderung fort und das ist kein gutes Zeichen. Die russischen Neuankömmlinge vermochten nur zu einem kleinen Teil eine Existenz zu begründen. Auch von den besser situierten Einwanderern haben viele Mangels eines Erwerbs das heilige Land wieder verlassen. Die ärmeren Elemente, die unter dem Druck der Verhältnisse in Rußland gekommen waren, befinden sich größtenteils in sehr bedauernswerter Lage. Die russische Einwanderung, sagt Fräulein Landau, war ein Fehler.—Die in Aussicht stehende Chaluka-Reform bezeichnet sie als einen höchst erfreulichen Fortschritt. Vor Jahren würden die Jerusalemer Rabbiner nicht darauf eingegangen sein. Jetzt haben diese auch den Bann, der bisher auf die schulmäßige Ausbildung der Jugend belegt war, aufgehoben.*) Fräulein Landau macht schließlich noch auf das Treiben der Missionäre aufmerksam, die die Wirren in Jerusalem benutzten, um in ihrer gewohnten Weise im Trüben zu fischen. L o n d o n, 23. Juni. Im Auftrag der „Liga für die nationale Wohlfahrt" veröffentlicht T. *) Diese Mitteilung über die Aufhebung des O1N ist nicht richtig. Die Chalukareorganisation hat damtt 1 ebenfalls nichts zu tun. D. R«». Bowick eine Schrift „Siebentäge Arbeit. Der Notschrei eines Sonntaglosen", die den von der Liga ausgearbeiteten Gesetzesvorschlag betr. die Sonntagsruhe bespricht und dabei auch' die Stellung der Juden zu der Sonntagsruhe-Frage erörtert. Der genannte Entwurf, der von dem Abgeordneten Mr. Goddard Clark im Parlament eingebracht wurde, enthält bekanntlich die Bestimmung, daß Personen, die am Sabbath ihre Gewerbe nicht betreiben, dazu am Sonntag befugt sein sollen. Bowick führt in seiner Schrift aus, daß durch diese Ausnahmebestimmung nur die berechtigten Forderungen der jüdischen Glaubensgemeinschaft erfüllt würden, und zählt die Organisationen auf, die sich mit der Klausel einverstanden erklärt und den Gesetzentwurf zu unterstützen versprochen haben. Es sind dies Organisationerl aus 38 verschiedenen Gewerbszweigen, darunter die Verbände der Eisenbahner, der Bäcker, der Schuhmacher in London und der Provinz, der Maschinenarbeiter, der Setzer, der Handlungsgehilfen, Buchbinder usw. London, 21. Juni. Der „Jewish Chronicle" wird aus St. Petersburg telegraphiert: „Die Auflösung der Duma und die Aenderung des Wahlrechts werden für die Juden wahrscheinlich von Vorteil sein. Unter den neuen Wahlbestimmungen werden die Juden mehr Vertreter durchsetzen, wenn nicht neue Beschränkungen erfolgen." Ob diese Hoffnung nicht allzu optimistisch ist'? Frankreich. 6in flffenfaf auf das jQöifdie Religlonsgejefc. Paris, den 23. Juni. Am 11. Juni und an den beiden folgenden Tage hat der französische Rabbinerverband seine Generalversammlung abgehalten. Es waren 37 Rabbiner anrvesend. Gernäß dem Beschluß der vorjährigen Generalversammlung war die Beschlußfassung über £33 und auf bie Tagesordnung gesetzt worden. Das Resultat war nichts mehr und nichts weniger als die Abschaffung dieser beiden grundlegenden Institutionen der Thora. Nach allem, was man über die Naturgeschichte der französischen Rabbiner im Laufe der Jahre erfahren hat, war dieses Resultat nicht eben erstaunlich. Verwunderung muß nur die heuchlerische Art erregen, wie die geistlichen Würdenträger unserer Glaubensgenossen im Westen ihre Verhöhnung des göttlichen Sittengesetzes mit allerlei wissenschaftlichen Läppchen zu bemänteln suchten. Der von dem Verband ausgegebene Verhandlungsbericht enthält tatsächlich eine halachische Auseinandersetzung, auf Grund deren jene Beschlüsse gefaßt wurden und die sogar in hebräischer Sprache veröffentlicht werden soll. Man hat auch nicht, wie es einige Heißsporne verlangten, einfach gesagt: Get und Chaliza werden von heute ab abgeschafft, sondern es wurde bestimmt, daß bei allen Trauungen eine Clausel in die rairo eingefügt werden muß, durch welche der Ehemann erklärt, für den Fall einer gerichtlichen Scheidung solle auch die religiöse Eheschließung aufgehoben und für den Fall seines kinderlosen Todes eine rfirtn nicht notwendig sein. Die Ehe wird eben nur unter diesen vi und ausschließendendenBedingungen geschlossen. Damit, so erklären die französischen Rabbiner, sei ohne eine Verletzung des Religionsgesetzes jeder Frau die Freiheit gegeben, nach einer Scheidung durch die bürgerlichen Gerichte oder nach dem kinderlosen Tode ihres Mannes ohne weiteres eine neue Ehe einzugehen. So hätten also diese Schlauköpfe das Gesetz selbst überlistet. Wen freilich solches Bemühen, die flagranteste Schändung der Thora mit einem Schein der Gesetzlichkeit zu umhüllen täuschen soll, das ist. unerfindlich. Denn soviel sieht auch der Ungelehrteste, daß die Thora Gesetze, aus deren Verletzung sie Todesstrafe oder rro setzt, nicht den beliebigen Bedingungen der beteiligten Personen überläßt. Nicht jeder weiß den Begriff des nv?i? mnv rmra □inst* wissenschaftlich zu handhaben; daß hier aber ein grober Betrugsversuch der Seelenhirten der französischen Juden vorliegt, das ist doch auch dem blödesten Auge offenbar. Hier soll, was nach jüdischer Lebensanschaung todeswürdiger Ehebruch, mit Ausrottung bedrohtes Verbrechen gegen die Sittlichkeit des Familienlebens heißt, mit zum Himmel emporgehobenem Heuchlerbltck als Recht und Gesetz sanktioniert werden. Die französische Judenheit ist gegenüber den Reformen ihrer Rabbiner im allgemeinen wenig bedenkliches ist darum bezeichnend, wenn diese alle früheren Angriffe auf unsre heiligsten Güter mit herostratischer Kraft übertreffende Tat auch auch bei der sonst so gefügigen Herde aus Widerstand stößt. Die „^rollivss Israeliles", ein nichts weniger als gesetzestreues Blatt, bezichtigen die Rabbinerverfammlung des „Verrats an der moralischen und religiösen Zukunft des Hauses Israel." Das Blatt macht darauf aufmerksam, wie abgesehen von allen religionsgesetzlichen Erwägungen mit der bedingungsweise geschloffenen Ehe der Akt der Kiduschin, durch welchen dör Mann sich die Gattin heiligt, zu einem bloßen Vertrag, der jederzeit durch die bürgerlichen Gerichte aufgehoben werden kann, erniedrigt wird. Es weist ferner auf die ungeheure Kluft hin, die die Rabbiner in der Mitte der Judenheit zu schaffen wagenzwischen denen, die ihnen Gefolgschaft leisten und denen, welche die Reinheit ihrer Familien wahren wollen und daher die Kinderder durch ihre eigenen Führer Irregeleiteten von ihrem Kreise fernhalten müssen. Es wurde noch von einer Seite in der Versammlung angeregt, dem Beschluß rückwirkende Kraft zu geben, das heißt, auch die bisher geschloffenen Ehen, bei denen keine Klausel Vorbehalten wurde, von der Notwendigkeit eines V3 oder der im gegebenen Falle, ledig zusprechen. Diese Anregung wird in Erwägung gezogen werden. Wozu ist dann aber fortan die Klausel notwendig? Hier, fällt die dürftige Bemäntelung des verräterischen Akts. Die Rabbinerversammlung hat noch einen zweiten fl pDB ausgegeben. Sie entschied, daß die Benutzung mechanischer Verkehrsmittel, wie Eisenbahn, Trambahn und dergl., am Sabbath erlaubt sei, vorausgesetzt, daß es sich nicht um eine Ueberschreitung des Dinn handelt. Nach der Abschaffung des vl und der nX'7n macht eine solche Einschränkung der Gesetzesübertretung auf ein bestimmtes Maß wirklich einen komischen Eindruck. Für wen war übrigens diese Entscheidung not wendig? Das jüdische Publikum hat nicht aus die Erlaubnis der Rabbiner gewartet, um sich das Fahren am Sabbath zu gestatten. * *. * Wir lassen im Anschluß an Obiges hier einen Brief folgen, dessen Abschrift uns von dem Verfasser, Herrn Oberrabbiner Dr. Dünner in Amsterdam in dankenswerter Weise zur Veröffentlichung überlassen wurde. Der Brief ist eine vor etwa drei Wochen geschriebene Antwort an die Pariser Rabbiner Lubetzki und Weißkopf, die als Gegner der oben geschilderten Reform der jüdischen Ehegesetze Herrn Dr. Dünner um sein Gutachten darüber ersucht hatten. Zum besseren Verständnis dieser Antwort sei bemerkt, daß die Herren Lubetzki und Weißkopf es für nötig befunden hatten, ihrem Ersuchen in einer weit läufigen halachischen Erörterung die Gründe, die zur Verurteilung jener Reform zwingen, voraus zuschicken. Der Brief des Herrn Dr. Dünner lautet in der Übersetzung aus dem Hebräischen wie folgt: T"D->n nbv -nob n"2. Ihr geehrtes Schreiben vom 15. d. Mts. habe ich teils mit Freude teils mit Betrübnis empfangen. Sehr gefreut habe ich mich zu sehen, daß auch in Frankreich Israel nicht verwaist ist, in diesem Lande, wo die Judenheit schon seit langem, vom Gesetz gewichen und bis zu fast völligem Abfall fortgeschritten ist, in diesem Lande, wo frevlerische Gesetzesverachter sich nicht damit begnügen,

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