Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1907)
- Date
- 1907-06-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 Nr. S6. 27. Juni 1907. Der JSraeltt. es diese Herren darzustellen liebten. Frankel erklärt, es habe ihm jede Absicht gefehlt, die Tradition zn leugnen. Glaubt man denn, es habe erst einer Entgegnung von seiten Hirschs bedurft, um Frankel darauf aufmerksam zu machen, daß es sich bei diesem ganzen Streite um Leugnung oder Nichtleugnung der Tradition gar nicht gehandelt habe, als hätte Frankel nicht gewußt/ daß noch kein vernünftiger Mensch das Bestehen einer Tradition geleugnet habe, der Streit sich vielmehr nur um die Frage drehe, wo diese Tradition ihren Ausgang nimmt, ob sie blos die Geschlechter der Menschen umspannt, oder ob auch das 'rDö mm ntV12 in Frankels Schriften seine Anerkennung finde! - Glaubt man denn, es habe für Frankel erst im Jeschurun ausgesprochen werden müssen, daß der Nachweis eines „hohen Alters der Halacha im Allgemeinen" gleichbedeutend sei mit der Leugnung des in Frage stehenden Grundsatzes, wonach eine *a'Dö n2*?n so alt ist wie die Bibel, und wer einer Halacha das Alter eines Jirmija, eines Esra nsw. zuerkennt, damit nicht ein hohes Alter beweist, sondern das Alter der Tradition um nicht weniger als ein Jahrtausend verkürzt! Glaubt man denn wirklich, es habe erst eine Widerlegung darauf hinzuweisen gehabt, wie unwahr es sei, wenn Frankel erklärt, er habe über dogmatisches nur geschwiegen, als ob in seinen Schriften das '2'vv min ntPJD nur verschwiegen und nicht — wie Hirsch unwiderleglich nachwies — unzweiteutig geleugnet sei- und welch fadenscheinige Ausrede e£ sei, wenn sich Frankel hinter die Vieldeutigkeit der hebräischen Sprache flüchtet, als ob Hirschs Nachweise nicht auch auf deutsch geschriebene Schriften Frankels sich gestützt und, abgesehen davon, Maimonides, der gleichfalls hebräisch schrieb, seine Hodegetik nicht mit den unzweideutigen Worten beginnen lasse: b- '2 yn ntyrran i1? nina nwzh 'nnn jmtp ni2v! Glaubt man denn wirklich, Frankel habe dies alles erst von Hirsch erfahren müsien — Frankel, diese ,-reine, lautere, fleckenlose Persönlichkeit", dieser ,-edle, musterhafte Charakter" habe dies alles nicht mH ohne Hirsch gewußt! Wenn Frankel in seinem Privatleben die Normen des Religionsgesetzes nicht unbeachtet ' ließ, und darum der Oeffentlichkeit als konservativer Jude galt, das war für die Angelegenheit, die damals in Frage stand, vollkommen irrelevant. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Begründer eines neuen Systems religiöser Betrachtung in seinem eigenen Leben nicht alle Konsequenzen seiner Denkweise zieht und es seinen Nachfolgern und Schülern überläßt, dort pietätvoll weiterzuschreiten, wo er selber zagend stehen geblieben ist. Es lag ihm fern „die Tradition" zu untergraben, sagte Frankel. Dieses balancierende Wort „Tradition", um nur mit keinem halben Worte diese Tradition an den Sinai zu knüpfen, hat Frankel hingeschrieben, ohne die nächste Konsequenz klar zu schauen, daß, wenn der Meister mit Worten spielt, die Schulet' bald mit ihrem sachlichen Gehalt und ihrer praktischen Verwirk lichung spielen werden. Nach wie vor, trotz der badischen Protestrufe, stehe ich nicht an, diese. Frankelsche Beteuerung, die „Tradition" nicht untergraben zu wollen, für ein bedeutsames Charakteristikon des modernen Rabbinismus zu halten, der, vor die Frage gestellt, ob Koscher oder Trefa, am liebsten ein neues Wort erfinden möchte, das beiden Begriffen gerecht wird. Wenn in jener denkwürdigen Sitzung Konferenzrabbiner Dr. Lew in unter dem Beifall der Zuhörer seine Abwehrrede mit den Worten schloß: Möge es bei uns in Baden in unserer auf hem einträchtigen Zusammenwirken aller beruhenden Gemeinschaft nicht dazu kommen, daß Haß und Niedrigkeit das Wort führen, sondern die alte, echte jüdische Art bestehen bleiben, die in dem Frieden eines der höchsten Güter gesehen hatjede Richtung anerkenne von der andern, -aß sie gleichfalls zum Wohl des Ganzen strebe, damit auch im Judentum der Jetztzeit erhalten Äeibe, was von den Schulen Hillels und , Schammais berichtet wird: Trotz aller Verschiedenheiten — sowohl der Lehre als der Betätigung — haben sie einander hochgehalten - denn dieser wie jener Lehren — „beide sind Worte des lebendigen Gottes" — s o beweist dieser, eine Schlußpassus mit greller Deutlichkeit, wie verheerend die Fernwirkungen des Darke Hamischna-Kampfes in die Gegenwart hin üb erspielen. Lewins Schlußworte sind blos eine andere Fassung der Unaufrichtigkeit, mit der sich Frankel aus der Klemme ziehen wollte. Wer mitten in einem Kampfe um die prinzipiellen Grundlagen seiner Schrift, angesichts einer unzweideutigen Frage ob Ja oder Nein, weder ein ehrliches Ja noch ein ehrliches Nein zu antworten sich getraut, sondern in sichtlicher Verlegenheit ein aus Ja und Nein diplomatisch zusammengewobenes Mittelding als Krücke gebraucht, stillschweigend der Frage aus dem Weg zu gehen, der braucht sich nicht zu wundern, wenn ein halbes Jahrhundert später in einer badischen Synodalsitzung ein nächgeborener Jünger sich erhebt und über die Sabbathut des orthodoxen Juden und über die Sabbatentweihung des neologen Juden segnend die Priefterhände breitet: Beides sind Worte des lebendigen Gottes. Wie recht jener „unduldsame" Angreifer vor 46 Jahren gehabt, als er die Larve von Frankels Angesicht herunterriß, beweist nicht nur der Breslauer Seminarist Güdemann, wenn er in seiner kürzlich erschienenen Apologetik von der religiösen Hervorbringungskraft des jüdischen Volkes spricht, sondern noch viel eklatanter Lewin, wenn er im März 1907 den Geist der Darke Hamischna in seine Sprache übersetzt. Ist die mündliche Lehre nicht unmittelbar von Gott gegeben, sondern das Produkt einer menschlichen Hervocbringungskraft und nur insofern göttlich, als der göttliche Geist in den jeweiligen Religionerzengern wirksam ist, dann hat nicht nur Moses Recht, dann hat auch Geiger Recht, dann hat auch Holdheim Recht, und Konferenzrabbiner Lew in ist ein küssenswerter Friedensengel, wenn er unter dem Einfluß des auch in ihm wirkenden, zur religiösen Eigenproduktion drängenden Gottesgeiftes stehend, der Meinung ist, daß beide Anschauungen — Thoraerfüllung und Thoraverletzung — zum Wohl des Ganzen streben. So hat die Giftsaat, die Frankel ausgestreut, nicht verfehlt, in üppig er Fülle aufzu schießen. Was will man denn übrigens von mir? Kein Geringerer als Herr Dr. M. B r a n n in Breslau hat in seiner Geschichte der Juden Frankel, nicht nie Herr Dr. R awi cz als „durchaus konservativen", sondern mit bündigen Worten als balanzierenden Kompromißrabbiner gefeiert. Dort heißt es nach einer Charakteristik von Hirsch und Geiger auf S. 452 f.: „Allein keine der beiden Anschauungen vermochte einen entscheidenden Einfluß auf die Masse der Gläubigen auszuüben. Religiöse Wandlungen der Gesamtheit vollziehen sich eben nicht nach den strengen Grundsätzen noch so wohlbegründeter Schulmeinungen. Den Anhängern des rücksichtslosen Fortschritts standen die Freunde des Herkommens mit unbesiegbarem Mißtrauen gegenüber, und die durch die Zeitrichtung dem religiösen Leben Entfremdeten mochten sich nicht willig von neuem unter das einmal abgeworfene Joch des Gesetzes beugen. Es versuchte darum eine dritte Richtung, sich Gehör zu verschaffen, die besonders von Zacharias Frankel vertreten wurde. Die Umgestaltung des religiösen Lebens dürfe nach dieser Meinung nur das eine Ziel im Auge haben, die Gegensätze zu versöhnen. Da es sich keineswegs darum handle, den Gegner von vornherein durch einen Handstreich zu bezwingen oder zu entwaffnen, sondern vielmehr nur darum, einen für beide Teile ehrenvollen Frieden herbeizuführen, so könne nicht in der Entschiedenheit nach der Seite des Fortschritts oder nach der des Rückschritts hin, sondern nur in einer gemäßigten Reform das Ziel der Bestrebungen gefunden werden." Mehr habe ich auch nicht gesagt. Die Fortsetzung des Artikels „Eia offenes Wort über die Notwendigkeit der Errichtung einer besonderen orthodox-jüdischen Lehrerpräparandie in Ungarn", mußte wegen Raummangels für die nächste Nummer zurückgestellt werden. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsches Uetch. Berlin, 24. Juni. In einer Denkschrift, die der Vorstand des Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums in Berlin an den Vorstand und die Repräsentantenversammlung der Israelitischen Gemeinde gerichtet hat, findet sich folgender bemerkenswerte Passus: Außer Stande gesetzt, ihre berechtigten, von ter Not des Gewissens einge ebenen Forderungen auf dem Wege eines nach Maßgabe der Bedürfntpe geordneten Gemeindelebens zum Durchbruche zu bringen, sehen die dem überliefert n Judentums uManen Gemeindemitglieder keine andere Möglichkeit, als auf dem Wege des Wahlkampfes zu ihrem Rechte zu gelangen. Sehen wir auch von den schweren Erschütterungen, denen das Gemeindete: en hierdurch ausgesetzt wäre, von der heftigen Erbitterung, die infolged.ssen tn die Wahlkämpfe getragen würde, ganz ab, — so kann es doch von keiner Sei.e als ein erwünschter, oder erstrebenswerter Zustand betrachtet werden, daß bei jed.-m Wahlgange regelmäßig zwei Weltanschauungen vor eine Entscheidung zwischen Sein und Nichtsein gestellt werden. Unser Judentum, das auf eine fast viertausendjährige Geschichte zurückblickt, sollte doch ichon in Rücksicht am sein Ansehen der Außenwelt gegenüber von allen Parteien als auf eine Basis gestellt angesehen werden, an welche Wahlparolen niemals heranreichen können. Auf dem Wege derartiger friedlicher Verständigung haben andere Gemeinden es erreicht, daß ihr inneres Leben in einem gewissen Veharrungszustand, die unvermeidlichen Reibungen auf diese Weise auf ein Mindestmaß gebracht und beiden Richtungen der nötige Raum zur Entfaltung freigelegt worden ist. Wenn wir auch das von anderer Seite gegebene Beispiel einer Trennung von der Gemeinde aus prinzipiellen Gründen ablehnen, indem wir der Ansicht sind, öcn dasjenige, was das gemeinsame Blut, eine viertausendjährige Geschichte und L iden ohne Gleichen zusammengeschweißt, einer verschieden gearteten Auffassung von durch die Zeit und ihre Strömungen geborenen und von ihnen auch jedenfalls wieder zu überwindenden Problemen nicht zum Opfer gebracht werden solle, so wäre denn auch von unserem Standpunkte aus, die um die Preisgabe des Heiligü e n, das wir unser nennen, erkaufte Zusammengehörigkeit als zu teuer bezahlt zu betrachten" Die „Coleran?“ in der IHQndiener öemeinflesfube. München, 22. Juni. Die Verwaltung des „V er ein s zurFörderung jüdischer Wissenschaft OhelJakob" (diesen loyalen Namen führt die innerhalb der Münchener Kultusgemeinde organisierte Orthodoxie) hat unterm 23. Mai an die Verwaltung der neologen Großgemeinde eine Eingabe gerichtet, die ein grelles Schlaglicht auf die Gesinnungen der neologen Machthaber wirft, die aber andererseits auch beweist, daß die hiesigen Gesetzestreuen allmählich beginnen, sich ihrer bisher systematisch mißachteten Rechte und Ansprüche bewußt zu werden. Die Eingabe lautet: An die verebrliche Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde MSnche». Ein Vorgang der jüngsten Zeit, der in unseren Kreisen lÄjäfte Erregmrg bervorgernfen hat, gibt uns Beranlaffung,