Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1907)
- Date
- 1907-06-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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*>. t Bie v-rttä-e des Paters EricD Äasmaa« in Berlin. Bon Dr. I. Wohlgemutin Berlin. (Fortsetzung). Greifen wir nur einiges heraus. Also Plate vergleicht die von Wasmann angenommene „immanente Zweckniäßigkeit, Zielstrebigkeit genannt" damit, „als wenn ein Ingenieur Maschinen £ bauen wollte, indem er die einzelnen Teile auf gut Glück zusammensetzt, darauf bauend, daß von ' ein paar hundert Exemplaren schon einige gut ' werden." Dieser Vergleich ist nicht nur falsch, ■ sondern geradezu unverständlich. Plate versucht da. den Spieß umzudrehen. Den strengen Darwinisten, die sich zum Monismus in Form des Materialismus bekennen und das ganze Leben I . auf rein mechanische Ursachen zurückführen, macht - man zum Vorwurf, daß sie die Welt sich ungefähr so entstanden denken, wie wenn ein Setzer 'Buchstaben ausgeschüttet hätte und eine gedruckte Ilias wäre daraus entstanden. Also Plate hätte von seinem Standpunkte am wenigsten ein Recht ' dazu, mit derartigen Gleichnissen den theistischen Gegner zu bedenken. Vor allem aber wollen diejenigen, oie eine „immanente Zweckmäßigkeit, eine Zielstrebigkeit" annahmen, damit nichts endgültig erklären. Sie setzen ein X ein, es ist gewissermaßen ein Postulat, damit den rein mechanischen H Ursachen nichts anzufangen ist. Sie rechnen da-! mit, wie der Chemiker mit Atomen rechnet, ob- | wohl der Atombegriff durchaus nicht widerspruchst los erklärt werden kann. Weiß aber Plate nicht, b daß diese,/Zielstrebigkeit" oder verwandte Begriffe, |, kurz der Neovitalismus bald offen, bald in ver- I hüllter Form von einer großen Anzahl von Gelehrten neuerdings vertreten wird.l) Er muß i' es wissen, denn er ist ja nicht nur ein Spezial- * forscher, sondern er steht unter den Kämpfern, f.. die für die verlorene Sache des eigentlichen Darjc winismus, der ausschließlichen Geltung der Selekf tionstheorie streiten, ganz vorne in der Schlachtreihe. Weiß er es aber, wie kommt er dazu, gerade Waßmann die Annahme einer „immanenten Zweckmäßigkeit" zum Borwurf machen und so den Anschein erwecken, als wäre diese Annahme ein Ergebnis der „theistischen Befangenheit" des Geistlichen?" Weiter! Plate sagt: „Hinter Gesetzen steht rin Gesetzgeber." Damit hat er ja das Hauptprinzip'des Theismus zugegeben.') Warum in aller Welt soll da der Gesetzgeber nicht auch die Gesetze ändern können? Wo steckt da die Logik, ty ') Bergl. darüker R. Otto a. a. O. S. 145—215. 2) Darauf hatte auch Wasmann in seinem Schlußr. wort aufmerksam gemacht. L P- &: V. wo die Konsequenz des Denkens? Er fragt „Kommt eine Äen.derung der Naturgesetze vor? Kann man sie irgendwie und irgendwo beobachten?" Ich antworte mit einer Gegenfrage: Hat, Plate die Form der gesamten Entwickelung, wieder sie behauptet, beobachtet? Ferner: „Die Kopernikuswoge hat ein kolossales Loch in den Fels der Kirche gestoßen, sie hat die Autorität der Bibei erheblich erschüttert, sie hat gezeigt, daß die Bibel einen Irrtum enthält, ein Irrtum aber kann nicht göttlich sein." Wir haben oben gezeigt, wie die kopernikanische Weltauffaffung weit davon ' entfernt, die religiöse Anschauung zu untergraben, sie vielmehr für einen großen Teil der Gläubigen vertieft hat. Aber Plate hat sowenig Kenntnis von der religiösen Weltanschauung, daß er mit dem uralten, abgebrauchten Mittel operiert, mit den Angriffen, die man aus der Stelle in Josua: „Sonne stehe still in Gibeon" gegen die Bibel geschleudert hat. Jedes Kind könnte ihm die Antwort sagen, daß nämlich auch Herr Prof. Plate noch heute von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang spricht und nicht davon, daß die Erde eine Drehung um 180" vollendet hat. Endlich: „ein neues Loch (hat in den Fels der Kirche gestoßen) die Entwicklungslehre durch die Zertrümmerung des Wunders, die Zertrümmerung des Glaubens ani Dogma." Wirklich?! Damit hat man bis auf Darwin gewartet? Man greift sich an den Kopf. „Die Zertrümmerung des Wunders, die Zertümmerung des Glaubens am Dogma" ist erst von den Vertretern der Entwickelungslehre unternommen worden? Hat denn der Herr Proseffor nicht Lange's Geschichte des Materialismus gelesen, hat er nie etwas von Democrit, Aristoteles, Epicur, von den Deisten und den Encyklopädisten, von den Materialisten De la Mettrie, Holbein u. s. w. gehört? Wahrlich, man weiß nicht, worüber man mehr staunen soll: über den Mut, den der Hauptredner des Diskussionsabends bewies, als er mit diesem geringen Maß zuständigen Wissens in die Arena trat oder über die Selbstbeherrschung Wasmanns, den diesen Gegnern und diesen Angriffen gegenüber keinen Augenblick die vornehme Ruhe verließ. Die nächsten beiden „Perioden" lassen sich eitlich nicht streng von einander scheiden. Im!aufe der folgenden zwei Monate erschienen eine Reihe von Artikeln: „Ein Nachwort zu den Vorträgen von Pater Wasmann" (Nr. 93) „Quidquid id est timeo Danaoa et dona ferentes* (Nr. 95), „Monismus und Dualismus in erkenntnistheoretischer Beleuchtung" (Sonntagsbeilage Nr. 11 und Nr. 12 zu Nr. 129 und Nr. 141), „Ultramontanismus und Wissenschaft," zwei sehr ausführliche Berichte über die Borträge, die Graf Hoensbroech über „Christliche Weltanschauung und Wissenschaft" gehalten (Nr. 162 und Nr. 164). Der Bericht über den Bortrag von Wilhelm Bölsche: „Neue Forschungen über die Entwickelungsgeschichte der Erde" (Nr. 166). „Die Wissenschaft mit der Reservatio" (Nr. 169). Für die Berichte über die gehaltenen Vorträge ist die „Voss. Ztg." freilich nicht verantwortlich zu machen, obwohl sie der Pflicht der Berichterstattung sonst in diesem Umfang nicht nachzukommen pflegt. Doch das soll nicht ins Gewicht fallen, Auch aus den anderen Artikeln geht es hervor, daß es sich für die „Boss. Ztg." um zweierlei handelte. Einerseits die oberflächliche Form der Erörterung, die sie sich Wasmanns Vorträgen gegenüber zu Schulden kommen ließ, wieder gut zu machen durch eine ernste Behandlung des in Frage stehenden Problems. Diesem Zwecke dienen vor allem die beiden Artikel in der Sonntagsbeilage: „Monismus nnd Dualismus in evkenntnistheoretischer Beleuchtung." Andrerseits die so einseitige und parteiische Behandlung, die vor allem durch das Erscheinen des Alarmartikels noch vor den Vorträgen Wasmanns so sichtbar zu Tage getreten war, nachträglich zu rechtfertigen. Was nun die beiden wissenschaftlichen Artikel (von Dr. R.-Salinger) betrifft, so muß zugegeben werden, daß sie eine be onnene und ernste Auseinandersetzung über die philosophischen Grundlagen des Monismus und Dualismus sind. Hackel wird dort so scharf vorgenommen, wie es Wasmann nie in den Sinn gekommen. So heißt es: „Für Häckel und seine Gefolgschaft ist das Wort Monismus ein Schibboleth und zugleich ein Panier geworden, eine Art Zauberformel, geeignet, alle Gebrechen und Unvollkommenheiten der kranken Menschheit zu heilen. Aller Fortschritt im Geistigen und Sittlichen, alle gesunde Entwickelung in Wissenschaft und Leben, in Staat und Gesellschaft ist für ihn an eine monistisd)e Weltansicht, oder was er dafür ausgibt, gebunden. Und ebenso ist ihm „Dualismus" das Kennwort für alles Unvernünftige, Verkehrte, Rückständige auf den gleichen Gebieten, der große Hemmschuh in der fortschreitenden Kulturentwickelung der Menschheit. Dabei macht sich Häckel die Sache insofern leicht, als er nach dem Grundsatz: „Wer nicht für mich ist, der ist wider mich," einfach alle Nichtanhänger seines Monismus in das große Sammelbecken des Dualismus wirft,' wer nicht Monist im Häckelschen Sinn ist, der ist Dualist. Schade, daß Häckel das geistvolle Werk seines ihm an Berühmtheit nachstehendenaber an philosophischer Schulung und namentlich au Selbstkritik weit überlegenen Zeitgenossen Fritz Mauthner „Beiträge zu einer Kritik der Sprache" nicht zu kennen scheint. Hätte er es gelesen oder besser noch studiert, so würde er vermutlich selbst über seinen Wortaberglauben, über sein teils nur zu teurem Preis haben kann. Die Gegenstände find alle aus dem Zettel verzeichnet, kann ich fie alle hier habm?" Die Dtrekttice las öaS Verzeichnis aufmerksam durch und entaegnete, daß er alleS sofort iu Empfang nehmen könne. Der Fremde war erstaunt, nicht so sehr über die Möglichkeit, daß alle seine Wünsche sofort erfüllt werden konnten, sondern mehr noch darüber, daß man fie ohne jede Erklärung seinerseits verstanden habe. Er ließ sich seinen Zettel noch einmal zurückgeben, flog ihn durch und zeigte auf Nr. 7 mit den Worten: „DaS habm Sie auch, und wissen was das ist?" ' „Warum sollten wir keine Behälter für Charoses habm? Sie können bei uns alles, was für den Seberttsch erforderlich ist, habm, sogar Mazzos." Der Fremde machte große Augm und sein Erstaunen wuchs, als die Direktrice rief: „Herr Meier, führen Sie doch gefälligst dm Herrn in die Gold- und Stlberabteilung. Er wünscht einm Behälter für Charoses. Legm Sie ihm die anttken silbernen Schiebkarren in Filigranarbeit vor. Sie leisten der symbolischen Bedeutung des Charoses wie nichts anderes Vorschub, indem fie die Karre repräsentterm, in welchen der Lehm gefahrm wurde." Ter Fremde traute seinen Ohren nicht. Herr Direktor Meter führte dm Fremden in sein fRcffort und während er dort hantierte und cuswählte, Häm die Direktrice die anderen Kaufgeamstünde zusammmgestellt und verpackt. Der Herr bezahlte die Warm und «pichte, fie direkt an die Adresse seines Freundes in Jerusalem mit der detaillierten Quittung zu smden, worauf er fich zu gehm anschickte. . Sinnend betrachtete die Dtrekttice die Karte, und wie Karmt blieb d« Blick an dem Namen Jerusalem heftm. Üe Gedanken und Empfindungen, die ihr dies« Name weckte, ließm fie alle Müdigkeit und Abspanmmg ver- Auf dm Schwingen der Erinnerungen, Ne ihr ei dem bloßen Gedächtnis dieses Namens kamen, fühlte fie fich zurück in die Tage der frühesten Kindheit versetzt, in die Stunde, in welcher fie zum letzten male von Jerusalem gehört hatte. Es war das letzte Pesachfest, das fie im Elternhause verlebte, denn nach den Feiertagen sollte fie in die Hauptstadt, um in einem dortigm Pensionat ihre Ausbildung zu vervollkommnen. Noch nie hatte fie mit solcher Andacht den Worten ihres geliebten Vaters gelauscht wie damals, als gegen Schluß des Seder- Abmbs der freudig, «nste - sehnsüchtige Wunsch fich aus dem bewegten Herzen über die Lippm rang: Nä chstes Jahr in Jerusalem! D« arme Tischgast — ohne einen solchen wurde kein Sabbat und Feiertag im elterlichen Hause gefeiert — war selbst schon in Jerusalem gewesen, erzählte von der Schönheit und Herrlichkett der heiligen Stadt selbst in ihrer Zerstörung, und wie man dort auf Schritt und Tritt an unsere große Vergangenheit und an die B«heißungm unserer noch größeren Zukunf erinn«t werdet. „In der heiligen Stadt sagt man von dem Sederabenoen doch nichts: Nächstes Jahr in Jerusalem?" hatte fie mit kindlicher Wißbegierde damals den fremden Gast gefragt. „Allerdings, auch dort sagt man es," hatte der. Fremde erwidert, „aber man verbindet dort mit diesen Worten den Wunsch, nach dem Jerusalem der uns verheißenen Zukunft, in der alles soziale Leid und jeder politische Druck geschwunden, wenn Gott die Tränen von jedem Antlitz getrocknet und die Schmach seinem Volke avgenommen haben wird." „Davon versteht mein Töchterchen noch nichts", hatte der Bat« bemerkt, „und wenn eS in meiner Macht steht, soll mein Kind nie den ernsten Sinn der Worte verstühm." Aber es stand nicht in seiner Macht. Kurze Zeit nachher fuhren schwere geschäftliche B«luste den Ruin des väterlichen Geschäftes heroei. Ter Kummer über die Unmöglichkeit seinen kaufmännischen Verpflichtungen nachzukommen, warf den Vater auf 5krankenlag«. Er starb an gebrochenem H«zen und die Mutter folgte dem Vater bald im Tobe nach, sodaß sie ats mittelose Weise allein in der Welt dastand. Was fie seitdem erfahren und gelitten, ging ihr lebhaft« als sonst durch die Seele bei der plötzlichen Erinnerung an Jerusalem, die so unvermittelt an sie herangetreten war. Ein Bekannter ihres Vaters hatte ihr in der Restbenz bei einer jüdischen Familie eine Stelle als Gesellschafterin vermtttelt. Das Haus galt für religiös, ab« es war es nurch dem Scheine nach. Die Religivsität, d. h. ihre Form und hohle Larve beschränkte sich, auf das Haus, das Geschäft wahrte noch nicht einmal diesen Sche n, es wurde am Sabbat und an Wochentagen betrieben. Die Söhne des Hauses belächelten und bespöttelten die junge Grsellschafterin mit den altmodischen religiösen Anschauungen. Dieser fortgesetzte Spott und Hohn verfehlten ihren Eindruck nicht. Man hatte ihr nahe felegt sich kaufmännische Ausbildung anzueignen, einen Lehrkurses zu besuchen um Fertigkeit in Buchhaltung und kaufmännischer Korrespondenz zu gewinnen nno die Dame des Hauses hatte sich sogar berett «klärt die. Kosten d« Ausbildung zu bestreiten Sie absolvierte auch den Kursus mit besonder« Auszeichnung, was bei ihrem Fleiß u. ihrer leichten Fasiungs gäbe l eicht voraus zusehen war. Jett stellte man an fie das Verlangen ihre erlangten Kenntnisse in dem Geschäfte des Hauses zu verwerten und bot ihr eine gut bezahlte Stelle als Buchhalterin an und fie lehnte ab, da fie die Erhaltung ihres Levens nicht der Todessünde d« Sabbatentweihung verdanken wollte. Sie suchte anderwärts eine Stelle auf Grund ihrer Uten Zeugnisse zu finden. AVer an ihr« Bedingung m Savbat und die Feiertage frei vom Geschäfte fein zu